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Bodega bleibt und bleibt!

Über die Bodega Española in der Zürcher Altstadt gibt es viele Geschichten. Nun ist das Geschichtsbuch dazu erschienen.

Nächstes Jahr wird das spanische Speise- und Trinklokal Bodega Española 150jährig. 1874 gründete ein Einwanderer aus Nordspanien die Casa Gorgot. Pedro Gorgot brachte Wein mit und machte sein Glück in der Stadt am Zürichsee. Mit viel Fleiss, Arbeit und einer guten Portion abenteuerlichem Unternehmergeist. Die Autorin Denise Marquardt und die Fotografin Doris Fanconi haben untersucht, «wie Zürich ein bisschen spanischer wurde», so der Untertitel des Buchs zur Bodega.

Autorin Denise Marquard und Fotografin Doris Fanconi geniessen ihren Buchabschluss in der Bodega – wo sonst? Foto: © AyseYavas 2023

In der Weinhalle mit der Tapas-Vitrine scheint die Zeit still zu stehen, der Raum in warmen Rottönen mit den massiven Holztischen und den leicht zu bewegenden Bugholzstühlen empfängt alle, die über die Schwelle treten, seit ewig mit der gleich gastfreundlichen Stimmung. Dass die Patina erst vor kurzem runderneuert wurde, fällt nicht auf. Die spanisch sprechenden Kellner sind alte Bekannte, die Gäste teilweise auch. Und das Speiselokal im ersten Stock, die Sala Morisca mit den wunderbaren Dekorationen scheint so antik wie je.

Die Bodega in der Münstergasse – wie seit je, aber mit regelmässig und sorgfältig restaurierter Patina.

Wie oft hat man eine lieb gewordene Gastwirtschaft, eine Art ausgelagerter Wohnstube, wo man Freunde traf und über Politik, das Studium oder den Wein diskutierte, in den letzten Jahren nicht verloren, weil die Grundrente eine andere Art Gastronomie mit kleinen Tischen und standardisierter Speisekarte forderte oder das Restaurant durch einen Barbershop oder eine Edelboutique ersetzt wurde. Aber die Bodega bleibt. Was wie ein Wunder erscheint, ist dem Fleiss, der Leidenschaft und dem Unternehmergeist von mehreren Generationen von Wirtsleuten zu verdanken.

Stammgast oder Passant – hier ist immer ein Stuhl frei und ein Gespräch möglich.

Seit Jahrzehnten ist die spanische Weinhalle übrigens in Schweizer Hand. Das herauszufinden war nicht schwierig, aber die ganze Geschichte von Pedro aus der Korkproduzentenfamilie und seiner Frau aus einer Weinbaudynastie im spanischen Dorf bis zum täglich geöffneten Lokal Ecke Münstergasse-Schöffelgasse zu erarbeiten, hat Denise Marquard mit einer Reise nach Nordkatalonien und vielen Interviews hierzulande sowie aufwendiger Recherchearbeit in Archiven und Büchern in einen spannenden Text umgesetzt.

Wer es kann, spricht mit dem Kellner spanisch.

Entstanden ist ein Buch, das wohl allen ehemaligen und heutigen Gästen der Bodega Freude macht, aber auch ein Buch, das ein breites Stück Wirtschafts- und Kulturgeschichte Zürichs im Allgemeinen und der Altstadt ums Grossmünster im Speziellen darstellt und vor allem erzählt, wie Unternehmer es im Gastgewerbe schaffen, ein beliebtes Traditionslokal auch in schwierigen Zeiten so weiterzuführen, dass die Stammgäste nicht wegbleiben und eine neue Klientel den Weiterbestand sichern kann.

Die Emigration von Spanien ins gelobte Land Schweiz beginnt mit einer Reblaus-Plage im benachbarten Frankreich und den bilateralen Verträgen Schweiz-Spanien von 1869, welche die Niederlassung gegenseitig ermöglicht. Der Weinexport aus Frankreich ist zusammengebrochen, da die Ernte im Languedoc-Roussillon vernichtet wurde, also gute Voraussetzungen für das Ehepaar Gorgot, es mit einer spanischen Weinhandlung im aufstrebenden Zürich der Belle Epoque zu versuchen. Die Casa Gorgot war keineswegs die erste spanische Weinhalle.

Die spanische Weinhalle in Zürich war um 1900 auch ein Postkartenmotiv.

Bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs sind allein in der Deutschschweiz mehrere entstanden: Wein trinken und gegen eine Gebühr fürs Gedeck mitgebrachtes Essen konsumieren ist das Erfolgsrezept. Angestellte hat der Patron jeweils in seiner Heimat rekrutiert, gleich wie die ausgewanderten Bündner Zuckerbäcker, die ihre Gesellen ebenfalls im Dorf ihrer Herkunft suchten. Spanisch ist noch heute die Standardsprache beim Bodega-Personal.

Der 1. Weltkrieg, die spanische Grippe und die Depression hat der Wirtschaft im Allgemeinen und den Gastwirtschaften im Besonderen zugesetzt. Aber dank der Emigranten um Hugo Ball und Emmy Hennings wird die Gegend auch zum Mekka der Künste. Dennoch bekommen die Spanier die Xenophobie bis in die 50er Jahre zu spüren. Vor allem der letzte Gorgot, für den spanisch eine Fremdsprache war, litt darunter. Erst 1980 bekommt er die Schweizer Staatsbürgerschaft.

Hochzeit von Pedro Gorgot (vordere Reihe 4. v. links) und Dora Babst am 6. Juni 1951. © Archiv Winistörfer

Pedro Vater, Pedro Sohn und Pedro Enkel – eine ganze Dynastie wirten nacheinander in der Bodega. Aber Pedro III. will nicht Wirt sein, er verpachtet den Laden 1956 an den Kollegen Erich Winistörfer, den er in der Wädenswiler Obst- und Weinbauschule kennengelernt hat. Ein Glücksfall für Gorgot, ein Glücksfall auch für die Bodega. Denn Erich Winistörfer, bereits in jungen Jahren im Gastgewerbe erfolgreich, will die Trinkhalle nun zu einem Lokal machen, das spanische Kultur mit authentischer spanischer Küche zelebriert.

1966 kann er das Haus von Pedro Gorgot kaufen. Die neu ausgerichtete Bodega Española prosperiert als beliebtes Restaurant mit der besten Paella, wie viele Gäste sagen, und mit dem Tapaslokal im Erdgeschoss, wo sich seit je Handwerker, die Bohème, Studierende und Touristen unter die teils immer älteren Stammgäste mischen mit der Absicht, dereinst auch solche zu werden.

Auf Erich Winistörfer folgt Eric Winistörfer, der Sohn und dessen Frau Brigitte. Sie haben nun übergeben an Daniela und Markus Segmüller, ebenfalls erfolgreich im Gastgewerbe. Die beiden Gastroprofis wollen die Bodega nach einer kleinen Schönheitskur weiterführen wie immer: «Gekocht wird von derselben Crew wie bisher. Die Chancen stehen also gut, dass auch die neue Bodega die alte bleiben wird,» ist Denise Marquards letzter Satz in dem wunderbar bebilderten Geschichts- und Geschichtenbuch. Denn nebst den Protagonisten haben die Autorin und die Fotografin einige Stammgäste, darunter La Lupa zu Wort kommen lassen.

Titelbild: In der Küche mit den bunten Kacheln werden Pouletschenkel flambiert
Fotos: ©  Doris Fanconi

Denise Marquard, Doris Fanconi: Bodega Española. Wie Zürich ein bisschen spanischer wurde. Mit historischen Bildern und zahlreichen Fotos von Doris Fanconi. Rotpunktverlag Zürich, 2023. 42 Franken. ISBN 978-3-03973-005-6

Für Seniorweb User aus der Schweiz gibt es das Buch «Bodega Española» vom Rotpunktverlag für 35 Franken inkl. Porto und Verpackung. Bei der untenstehenden Mailadresse können Sie bestellen. Bitte vergessen Sie nicht, Ihren Namen und Ihre Schweizer Postadresse anzugeben. Das Buch wird mit Rechnung zugestellt.  buecher@seniorweb.ch

 

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