Das Projekt SWISS 100 ist die erste landesweite, interdisziplinäre Studie über Hundertjährige in der Schweiz. Ziel war es, die Lebensweise und Lebensumstände von Hundertjährigen genauer kennenzulernen.
Die Studie dauerte von 1. 1. 2020 bis 28.2. 2025. Daran beteiligt waren Forschende aus verschiedenen Disziplinen (Medizin, Biologie, Psychiatrie, Psychologie, Soziologie) der Universitäten Lausanne, Genf, Zürich und der Fachhochschule der italienischen Schweiz (SUPSI). Finanziert wurde die Studie vom Schweizerischen Nationalfonds, den vier Hochschulen, den Universitätsspitälern Genf und Lausanne, der Age-Stiftung und der Minerva-Stiftung. Auch Pro Senectute unterstützte die Studie.
Gesamthaft wurden 446 Personen im Alter von 100 Jahren und älter sowie deren Angehörige befragt. Die Studienteilnehmer stammten aus allen Landesteilen und wurden telefonisch oder mündlich vor Ort befragt. Bisher wurden 10 Publikationen zum Thema SWISS 100 oder mit Erwähnung der Studie verfasst, 78 Präsentationen an Konferenzen gehalten und über 80 Medienberichte geschrieben.
Seniorweb stellte der Leitenden Projektverantwortlichen der Studie, Daniela Jopp von der Universität Lausanne, einige Fragen:

Daniela Jopp ist Professorin für Psychologie an der Universität Lausanne; Mitglied des Nationalen Forschungsschwerpunktes « LIVES -Overcoming vulnerability: Life course perspectives »; Mitglied des Research Center for Psychology of Health, Aging and Sport Examination (PHASE). Ihre Forschungsschwerpunkte sind Resilienz im Erwachsenenalter und im hohen Alter; persönliche, soziale und kulturelle Faktoren im Zusammenhang mit gutem Altern. (Foto zVg.)
Daniela Jopp, entsprechen die Studienergebnisse Ihren Erwartungen oder gab es Überraschungen ?
Daniela Jopp : Beides. Zum einen haben wir in der Studie in der Schweiz Übereinstimmungen gefunden zu anderen internationalen Studien (z.B. aus Japan, Frankreich, Deutschland). Bestätigt hat sich, dass die meisten Hundertjährigen gesundheitliche Einschränkungen haben und dass die gesundheitlichen Beeinträchtigungen in der Schweiz stärker waren als international. Erfreulich ist, dass 54% der befragten Personen keine oder kaum kognitive Beeinträchtigungen hatten. Das ist eine gute Nachricht, weil damit das Vorurteil, hundertjährige Personen seien tendenziell dement, widerlegt ist. Bestätigt hat sich auch in Übereinstimmung mit internationalen Studien, dass die Varianz sehr gross ist. Es gibt Hundertjährige, die topfit sind, andere sind sehr eingeschränkt.
Ein anderes Thema ist der oft beklagte Verlust von liebgewonnenen Menschen aus der Familie und dem Freundeskreis. So sagen ca. 30%, dass sie keine Freunde mehr haben. Viel besser ist es bei den Angehörigen und da sind Hundertjährige in der Schweiz im internationalen Vergleich relativ gut dran. So sagen 28%, sie hätten guten Kontakt zu drei bis fünf Angehörigen, 23% sogar mit fünf bis acht. Das lässt uns vermuten, dass Hundertjährige in der Schweiz besser in der Verwandtschaft eingebettet sind als in anderen Ländern. Trotzdem sagen 22%, dass sie sich oft einsam fühlen. Woran das liegt, müssen wir noch vertieft analysieren.
Zum 100. Geburtstag von Vreni Derendinger kommen vier Generationen zusammen und feiern. Alle wohnen in ihrer Nähe.
Gefreut hat uns auch das hohe Niveau an Lebenszufriedenheit: 92% geben an, zufrieden zu sein – und das finden wir sehr beachtlich; in früheren Studien waren es um die 80%. Und wir hatten nicht den Eindruck, dass sie sich einfach mit ihrem Schicksal abfinden und nicht jammern wollen, sondern eher, dass sich im hohen Alter eine Art Grundzufriedenheit einstellt, vielleicht weil man doch merkt, dass man etwas erreicht hat oder wie eine Kollegin in einer Studie vermutet, dass sich eine Stimmung ausbreitet, die sie als « happy to be 100 » bezeichnet. Wir haben herausgefunden, dass Zufriedenheit eher mit subjektiven Faktoren zusammenhängt als mit objektiven medizinischen Befunden. Wichtig ist, ob eine Person eher optimistisch ist und Lebenssinn empfindet. Das Zufriedenheitsparadox ist auch bei Hundertjährigen festzustellen, nämlich dass trotz zunehmender Gebrechlichkeit und zunehmenden Einschränkungen die Zufriedenheit wider Erwarten stabil bleibt. Dabei gibt es die einen, die aktiv nach aussen hin verändern wollen, was sie unzufrieden macht, andere sich nach innen arrangieren mit den zunehmenden Einschränkungen und sich die Laune nicht verderben lassen wollen. Die Resilientesten benutzen beide Strategien.
Überrascht hat uns das Phänomen, dass auch Hundertjährige mit Exit aus dem Leben gehen – unseren Beobachtungen zufolge aus verschiedenen Gründen: Die einen, weil sie nicht abhängig sein wollen. Dann gibt es andere, die sind einfach müde, sie haben genug. Aber die Hintergründe müssen wir noch genauer analysieren. Wir haben auch mit Angehörigen von Hundertjährigen, die Exit gewählt haben, Interviews geführt. Aber sie sind noch nicht ausgewertet.
Was können Hochbetagte aus der Studie lernen, damit sie im hohen Alter trotz altersbedingten Einschränkungen eine möglichst gute Lebensqualität erhalten können?
Sie können lernen, was auch für Jüngere gilt, nämlich sich um seine Gesundheit zu kümmern. Dazu gehören: Beweglichkeit und Mobilität erhalten; kognitive Leistungsfähigkeit entwickeln und hochhalten, etwa durch Weiterbildung, Interesse und Offenheit.
Gerhart Wagner, seit Februar 2025 105-jährig, setzt sich nach 153 Stiegentritten öfters auf eine Bank und beobachtet Vögel.
Auf sozialer Ebene ist es wertvoll, sich einen funktionierenden Freundeskreis zu erhalten, sich mit der Familie gut zu stellen und Schwierigkeiten wenn möglich durch Gespräche auszuräumen, zur Not auch mit professioneller Hilfe. Wichtig ist, Beziehungen zu klären, allenfalls sogar einseitig und damit klarkommen, dass die andere Person so ist, wie sie ist. Aber der Versuch im Gespräch zu bleiben oder wieder ins Gespräch zu kommen, ist meistens lohnend.
Bei Hundertjährigen fällt mir auf, dass sie früher sehr aktiv und mit Begeisterung unterwegs waren, jetzt vielleicht aufgrund der Einschränkungen weniger, aber Aktivität und Begeisterung beim Tun ist förderlich für ein gutes Altern. Es tut gut, sich schon in jüngeren Jahren zu fragen: Was ist es denn, was mich begeistert und erfüllt? Das muss nicht immer der Beruf sein. Aber diese Einstellung zu kultivieren tut gut. Zudem ist eine optimistische Perspektive gesünder als eine pessimistische, auch bei Krankheiten, nach Operationen usw. Wer optimistisch ist, erholt sich oft schneller.
Gerhart Wagner hat keine Erklärung für sein hohes Alter. Aber Masshalten findet er gut: «Ned zvel suuffe, ned zvel schlafe, aber au ned zwenig schlafe.» Eine Zigarillo nach dem Mittagessen passt.
Inwiefern ist ein hohes Alter Schicksal, inwiefern durch die Gene, inwiefern durch die Lebensführung mitbeeinflusst?
Da gibt es verschiedene Perspektiven, aber der Einfluss der Gene auf die Lebensspanne ist weniger stark, als man lange geglaubt hat. Heute geht man davon aus, dass der Alterungsprozess nur zu 20 bis 30% genetisch bedingt ist und damit zu grossen Teilen von der Lebensführung abhängt, also von guter Ernährung, genügend Bewegung, erfreulichen sozialen Kontakten und sinnvollen Aktivitäten.
Viele haben Angst vor Demenz im hohen Alter. Kann man dagegen etwas tun?
Nun, das kommt auf die Art der Demenz ab. Aber generell kann man sagen, dass durch körperliche Bewegung, Bildung und soziale Interaktionen demenzielle Prozesse hinausgezögert werden können. Auch eine gute Schlafhygiene scheint wichtig, da im Schlaf Prozesse stattfinden, die helfen, das Gehirn gesund zu halten. Aber das ist noch zu wenig erforscht. Ein oft übersehener Risikofaktor ist auch schlechtes Hören – möglicherweise weil dann sozialer Austausch schwerer wird und die Menschen sich zurückziehen. Sich ein Hörgerät zulegen kann da sehr helfen.
Ungefähr die Hälfte der befragten über Hundertjährigen leben zuhause, die Hälfte in Pflege- oder Altersheimen. Gibt es diesbezüglich wichtige Erkenntnisse?
In Pflegeheimen sind Einsamkeit und Depressionen häufiger. Aber daraus kann nicht geschlossen werden, dass diese Institutionen Einsamkeit und Depressionen erzeugen. Heute sind es vor allem Menschen mit starken körperlichen Einschränkungen, die in Pflegeeinrichtungen leben und nicht mehr zu Hause betreut werden können; eventuell sind die ebenfalls alten Kinder dazu nicht in der Lage. Aber sicher ist es wünschenswert, wenn Aktivitäten und soziale Interaktion in Pflegeheimen erhöht werden. Aber was Pflegende zu leisten haben ist enorm und da bleibt der persönliche Austausch manchmal auf der Strecke. Da wäre es wichtig, dass wir mehr Leute von aussen reinholen. Da müssen wir uns was einfallen lassen.
Haben Sie den Einfluss von Religion oder Spiritualität auf die Lebensqualität im hohen Alter untersucht?
Wir haben Daten, aber wir haben sie noch nicht untersucht. Da bin ich gespannt.
Der Sohn von Vreni Derendinger, der im gleichen Haus wohnt, bringt seiner Mutter ein feines Mittagessen.
Mitte 2024 gab es in der Schweiz 2177 über Hundertjährige, von denen 446 in Ihrem Projekt berücksichtigt wurden. Wie haben Sie die 446 ausgewählt?
Unsere Studie hatte den Vorteil, dass wir vom Bundesamt für Statistik Adressen von Hundertjährigen bekamen, weil unsere Studie als wertvoll für die Schweiz erachtet wurde. Eine Zufallsauswahl dieser Personen schrieben wir in den Studienregionen an und motivierten sie zur Teilnahme. Aber es gab natürlich einige, die keine Lust hatten oder meinten, sie könnten nichts zur Studie beitragen. Die Repräsentativität ist deswegen nicht perfekt, aber wir konnten ja niemanden zwingen, mitzumachen. Wichtig ist, dass durch unser Vorgehen nicht nur Fitte, Zufriedene und Aktive teilgenommen haben. Hundertjährige mit stark eingeschränkter Gesundheit wurden ebenfalls berücksichtigt und wurden durch ein Familienmitglied vertreten. Zudem haben wir versucht, eine möglichst hohe Repräsentativität zu erlangen unter Berücksichtigung aller Regionen der Schweiz, der unterschiedlichen Grade der Beeinträchtigung, des Bildungsgrades, der Wohnsituation, des Geschlechts, der finanziellen Verhältnisse usw.
Haben Sie Tipps für Angehörige von Hochbetagten?
Mir ist aufgefallen, dass Hundertjährige oft gerne über Sterben und Tod reden würden, aber Angehörige sich oft scheuen, diese Themen anzusprechen. Wichtig ist, im Gespräch zu bleiben und dabei herauszufinden, worüber die Hundertjährigen gerne reden, auch wenn man selber allenfalls Hemmungen hat. Also im Gespräch bleiben, aber nichts erzwingen.
Wichtig ist auch, dass Angehörige da sind, wenn nötig, aber nicht überbehüten oder bevormunden. Und sich bei Bedarf Unterstützung holen, damit die gemeinsame Zeit nicht nur aus Unterstützung besteht, sondern ein schönes Beisammensein – Quality Time – möglich ist.
Haben sich aus der SWISS 100 Studie Fragen ergeben, denen sich Forschende in naher Zukunft widmen sollten?
Wir sind erst am Anfang unserer Auswertung, weil wir durch COVID bei der Datenerhebung viel Zeit verloren haben. Im Vordergrund sind etwa folgende Fragen: Wie kann die Lebensqualität im hohen Alter verbessert werden? Durch welche Faktoren kann dies in Pflegeheimen erreicht werden? Was können wir tun, damit Hochbetagte aktiv bleiben? Wie können wir den Austausch zwischen den Generationen intensivieren? Wie können negative Altersstereotype gegen das hohe Alter abgebaut werden?
Wir sind gerade dabei, eine Ausstellung über Hundertjährige aus den drei Sprachregionen zu erstellen, in welcher auch die Ergebnisse unserer Arbeit präsentiert werden. Wir hoffen, dass wir damit die bestehenden Altersstereotype in Frage stellen und idealerweise verbessern können.
Zum Titelbild: Marcelle Bucher, 103, wohnt in einem Pflegeheim und wird ein- bis zweimal pro Woche von ihrer über 70-jährigen Tochter besucht. (Alle Screenshots von bs aus dem Rundschau-Beitrag.)
NZZ Format im SRF: Langes Leben um jeden Preis? Was wirklich zählt, um gesund alt zu werden.
Rundschau-Beitrag (SRF): Langes Leben: Das Geheimnis der 100-Jährigen.


guten tag
gerne kann ich im projekt 100plus mitarbeiten
freundliche grüsse
dr. jacques rene kuhn-sigg