Der Garten, der auch ein bepflanzter Balkon sein kann, erlebt momentan seinen zweiten Frühling. Nicht mehr ganz so frisch wie im März, April, manchmal etwas müde und melancholisch, dann aber wieder hell leuchtend und voller Zauber. Statt weisser Haare streifen Morgennebel durch die Beete und Rabatten und hie und da taucht die bange Frage auf: Wie lange wird das so weitergehen?
Es ist ein ganz besonderer Monat, dieser September. Zum einen kann geerntet werden, was während der Saison gesät, gepflanzt und gepflegt wurde. Der ganze Reichtum eines Sommers: Üppige Blumensträusse, süsse Früchte und Beeren, dicke Kartoffeln und duftende Kräuter, sonnenwarme Tomaten und noch vieles mehr bieten sich jetzt an und kann genossen werden.
Bange Frage: Und was jetzt?
Dieser Gartenzauber, diese Fülle an Farben, Gerüchen und Aromen, wird allerdings ein bisschen überlagert von Melancholie. Wenn ein Gartenbeet abgeerntet ist, die Bohnen und Kartoffeln zum Beispiel in der Küche verwertet oder im Keller eingelagert wurden, die Bartnelken, der Phlox und die Cosmeen in der Rabatte zurückgeschnitten sind, dann stellt sich die Frage: Und was jetzt? Neu ansäen oder pflanzen lohnt sich nicht mehr, die Nächte sind bereits so kühl, dass nichts mehr so richtig gedeihen will.
Hornveilchen und ihre grösseren Verwandten, die Stiefmütterchen, blühen bereits im Herbst langsm auf, halten Schnee und Kälte aus, nur um im Frühling dann so richtig Gas zu geben.
Anders als in menschlichen Beziehungen weist die Zeit der Ernte, des letzten Farbenrausches, aber nicht auf ein nahendes Ende hin, sondern auf einen Neuanfang. Wer jetzt in einer Gärtnerei vor den Tischen mit den zum Teil noch winzigen Setzlingen steht, erlebt einen zweiten Frühling. Da sind die Hornveilchen und die knospenden Stiefmütterchen. Alle Violen sind hart im Nehmen, blühen in den letzten Herbstwochen noch anmutig auf und geben auch bei starkem Frost oder einer dicken Schneedecke nicht auf. Sie machen im Frühling einfach dort weiter, wo sie im Herbst ausgebremst wurden. Nein, mehr noch, sie werden dann ganz neu und strahlend die neue Gartensaison begrüssen.
Der grüne Kindergarten
Auch Vergissmeinnicht, Rittersporn, Malven, Fingerhut und Akelei können in den kommenden Wochen ausgesät oder als Setzlinge gekauft werden. Jetzt ausgepflanzt, machen sie zwar nicht viel her, aber sie sammeln Kräfte, um den «richtigen» Frühling nach den Wintermonaten mit ihren ersten Blüten zu begrüssen. Wenn ihnen dann der Boden und das Wetter passt, entscheiden sie sich vielleicht, ganz zu bleiben. Dann fällt sogar die herbstliche Pflanzaktion weg.
Jetzt kann die ganze Fülle des Sommers genossen werden. Sonnenwarme Tomaten direkt vom Strauch sind zum Verlieben gut. (alle Bilder pixabay)
Wer aktuell zu wenig freie Gartenfläche hat, der macht einfach irgendwo eine geschützte Ecke frei und richtet einen «Kindergarten» ein. Das heisst, er pflanzt dort die ganze Jungmannschaft recht eng nebeneinander, schützt sie im Winter mit dem einen oder anderen Tannast und versetzt sie erst im Frühling an ihren endgültigen Platz. Den Vorsprung zu einer Saat im Frühjahr und eine gewisse Robustheit gegenüber Kälteeinbrüchen werden sie auch so haben.
Jetzt ist auch Zeit, die Zwiebeln und Knollen der Frühblüher in die Erde zu bringen. Wer sich im nächsten Jahr an Schneeglöckchen, Krokus, Bluebells und Tulpen erfreuen will, der muss sich jetzt bücken. Doppelt so tief, wie sie dick sind, sollen sie gepflanzt werden. Wer Mäuse im Garten hat, gibt in jedes Pflanzloch eine Handvoll Sand und setzt die Zwiebeln drauf. Auch Mäuse lieben es nicht, wenn es zwischen den Zähnen knirscht.
Auch hier gilt: Gefällt dem Kleinzeug der Standort, werden sie sich in jedem Frühling wieder melden. Sie tauchen dann zwar manchmal an den unmöglichsten Stellen wieder auf, was ich aber lustig finde: Ist wie Ostereier suchen. Im Frühling. Im richtigen!


Wie immer bei Bernadette Reichlin: wunderbar beobachtet, beschrieben und kommentiert! Danke! Ich liebe ihre
Texte…