Mannomann: Seis bei der aktuellen Halbierungsinitiative am 8. März, aber auch bei Mode-Artikeln: In den Online-Kommentaren erklären fast nur Männer die Welt. Wir beziffern den Gender-Absacker und ergänzen mit einer Typologie des Kommentators.
Zur SRG-Halbierunginitiative gibt es viel zu hören (Radio), viel zu schauen (TV) und viel zu kommentieren (Online-Meinungen).
Männer jagen, Frauen sammeln. So ein Quatsch. Seit wir aus unseren zugigen Neandertaler-Höhlen herausgekrochen sind und eine 3.5-Zi.-Whg., Pkt., Balk. bezogen haben, hat sich alles verändert. Parität. Mann und Frau machen alles zu gleichen Teilen. Nochmals Quatsch. Richtig ist hier und jetzt: Männer kommentieren, Frauen schweigen.
Zu diesem Ergebnis komme ich, wenn ich Online-Kommentare ansehe. Zum Beispiel jene zur 200-Franken-Initiative. Ich habe 100 Zusendungen zu diesem Thema in den Tamedia-Publikationen untersucht. Herrjemine. 95 Männer wollten mich von ihrer Meinung überzeugen, bloss 5 Frauen versuchten, mich auf ihre Seite zu ziehen, 5 Prozent also.
Die Tamedia-Produkte habe ich gewählt, weil diese Leserschaft die politische Realität der Schweiz widerspiegelt. Bisschen links von der Mitte, bisschen rechts von der Mitte, wenig linksaussen, wenig rechtsaussen. Ich beschränkte mich auf Stellungnahmen, bei denen ich per Vornamen das Geschlecht des Verfassers bestimmen konnte. Ja oder nein war für mich kein Thema
Jetzt kommt ein methodischer Einwand. Untersuchungen belegen, dass lineares Dampfradio und Farbfernsehen (Redifusion) nur noch was für Senioren sind. Die Alt-Feministinnen kämpfen zwar seit Jahrzehnten dagegen an. Doch bei den Älteren meist vergeblich: Bei vielen altgedienten Senioren haben die Männer sowohl die Hosen an wie auch die Finger auf der Tastatur. Die Kommentarhoheit beim Thema SRG hat deshalb zum Teil gesellschaftlich-demografische Gründe. Oder kurz: Alte weisshaarige Männer vermelden beim SRG-Thema, was zu vermelden ist.
Zeitgleiches Radio und Fernsehen sind was für Grauhaarige. Immer? Bei allen Themen? Wie sieht es bei einem Rundum-Gebiet aus, das alle gleichermassen angeht? Am 8. März stimmen wir auch über die Individualbesteuerung ab, über die Heiratsstrafe. Und siehe da. Bei diesem Thema vermindert sich die Männerschwemme. Immerhin 20 Prozent Frauen äussern sich nach einen Tamedia-Interview mit Bundesrätin Karin Keller-Sutter.
Männer schreiben, Frauen schweigen. Der Stresstest für diese These.wollte ich mit einem Artikel über Mode machen. Der Beitrag über Prada, Chanel & Co. erschien im Herbst 2024. Auch die engagiertesten Gleichstellungsbeauftragten werden einräumen, dass mehr Frauen als Männer einen Shopping-Artikel anklicken. Meine Untersuchung ergab: Klicken ja, kommentieren nein. Bloss 16 Prozent Frauen. Damit erklären 84 Prozent Männer der wohl überwiegend weiblichen Leserschaft die Modewelt.
Warum ist die Männerschwemme so gross? Ist dies so, weil die Frauen weniger Bock haben, alles besser zu wissen? Weil die Frauen weniger Bock haben, andere klein zu machen? Weil die Frauen weniger Bock haben, aufzutrumpfen? Ich ducke mich hinter die dicke Mauer des Nichtwissens. Sollen doch die Anthropologinnen, die Verhaltensforscher, die Pädagoginnen und von mir aus die Theologen entscheiden.
Typologie der Kommentarschreiber: Der Senfdazugeber hat zu allem was zu sagen, der Oberstlehrer weiss alles. Der Wahrsager weiss alles im Voraus.
Wir sind dabei die Kommentarschreiber zu zerlegen. Hier versorgen wir sie in sechs Schubladen.Weils nur Männer sind, verzichten wir auf Doppelpünktli, Sternli und Unterlineli.
Besserwisser. Sind Kommentierende ein Durch-Schnitt durch die Bevölkerung? Nein. Sie sind besser. YB wechselt in der zweiten Matchhälfte einen Spieler aus. Nei-aber-nei. Der Besserwisser hätte ganz gewiss nicht diesen, sondern jenen aufs Feld geschickt.
Bestwisser. Für einen Strassenausbau liegen drei Varianten vor. Oberirdisch, unterirdisch, ausserirdisch. Der Bestwisser verweist im Kommentar auf die absolut einzig mögliche Version hin.
Hocherhabene. Da gibt es einen Kommentierer, der sich jedes Mal als Biologe, Diplombiologe, bezeichnet. Ein anderer erwähnt stets, dass er Jurist sei. Er schliesst seinen Beitrag immer mit den Abkürzungen seiner akademischen Titel. Hochwürden ist leider schon katholisch besetzt. So müssen sich die beiden und die anderen ihres Genres mit der Bezeichnung Hocherhabene begnügen. Der dipl. Biol. nützt sein Wissen nicht nur für Käfer und Eichhörnchen sondern beurteilt auch die Weltlage.
Senfdazugeber. Manche Kommentierende haben ein Spezialgebiet. Zum Beispiel Justiz oder die Verhältnisse auf Mallorca. Besonders erfrischend aber selten sind die Verschwörungskreativen. Weitaus häufiger als diese Spezialisten sind jene, die über alles Bescheid wissen. Sei’s der Regenwald, die Wohnungsnot, oder Marco Odermatts Wachsprobleme: Die Senfdazugeber sind dabei, im Bild und kulinarisch nahe bei denen, welche die Weisheit mit den Löffeln gefressen haben. Weisheit mit Senf. Aen Guete.
Wahrsager. Ob ja oder nein, die Halbierungsinitiative wird die Medienlandschaft verändern. Der Wahrsager prognostiziert, nein, er weiss ganz genau, wie, wo, was passieren wird. Dass Prognosen schwierig sind, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen, weiss der Wahrsager zwar, aber wozu hat er seine unfehlbare Kristallkugel?
Oberstlehrer. Er ist der Onkel des Besserwisser, übertrifft diesen aber durch Hintergrundwissen und seinen pädagogischen Dampfhammer. Der Oberstlehrer ist die letzte Instanz vor Gott und kontrolliert orthografisch dessen Hausaufgaben (die Schrifttafeln von Moses).
Klar, es gibt auch die 0815-Kommentierer. Sie sind höflich, schreiben ausgewogen. Aber sie sind so selten wie ein Zwiebelfisch. Alte Setzersprache, falsch abgelegte Bleiletter im Setzkasten der Zeitungsdruckerei.
Bild: Köpfe der sechs Männer durch KI generiert.

Danke für diesen Artikel. Sie stellen da bemerkenswerte Fragen. Interessant aber wäre auch, weshalb sich die Frauen weniger äussern. Kennen Sie den Ausdruck «mansplaining», der von Rebecca Solit ins Leben gerufen wurde? Sie ist eine bekannte Amerikanische Schriftstellerin und Querdenkerin, originell und, wie könnte es anders sein, Feministin. Wer will sich denn die Welt erklären lassen? Wir Frauen sicher nicht, deshalb tun wir es auch nicht. Das heisst nicht, dass wir stumm sind. Wir lassen uns auf anregende, fruchtbare Gespräche ein, wir lassen uns anregen und lassen uns inspirieren voneinander. Haben Sie den Film https://trop-chaud.ch/de/, ein Film über die Klimaseniorinnen und über ihren Erfolg in Strassburg? Hier wird wunderbar sichtbar, wie die wortgewandten Frauen sich verhalten und ihre Ziele verfolgen. Im Kontrast zu den Männern, die von der offiziellen Schweiz an den Gerichtsfall gesandt wurden. In der ganzen Welt wurde das Urteil von Strassburg gefeiert, nur in der Schweiz nicht. Ich würde sagen: typisch.
Danke für diesen Artikel. Dann will ich mit einem Kommentar gern die Männer zu 50% vertreten. Ich bin von der Sorte Senfdazugeber. Ich möchte mich nur über die Verwendung von KI für die Darstellung der Kommentierer-Typen beklagen. Da gibt es vier Mannen mit Brille, drei mit Kappe und zwei mit Bart. Drei haben ein unifarbiges Hemd, drei ein geschecktes. Aber alle sehen gleich aus. Man könnte den Oberstlehrer nicht vom Hocherhabenen unterscheiden. Das haben Sie sicher extra gemacht. Sie haben der KI gewiss ganz fiese Anweisungen gegeben. Ich fühle mich von den sechs faden Helgen ganz definitiv nicht vertreten. Und die halbe Frau, die da stehen müsste, steht ja auch nicht da. Ich grüsse Sie (;-))
Wie schön, dass Sie meine Nachlässigkeit als Stilmittel einschätzen. Aber: Ich habe den sechs Männern per Prompt eine Mütze, ein Hemd und einen Bart geben lassen. Dann gemerkt, dass sie alle gleich aussehen. Und bisher hat mir der Elan gefehlt, dies zu ändern. Vielleicht wächst mit den Frühlingsgefühlen auch meine Energie. Halbe Frau? Rechnerisch müsste ich dann ja auch noch ein paar Prozentchen Mann abbilden.