Die diesjährige Kunstbiennale in Venedig (9. Mai – 22. November 2026) verspricht keine laute, spektakuläre Kunstschau – sondern eine feinsinnige, emotionale und reflektierte Ausstellung, die sich mit den „leisen Tönen“ unserer Zeit beschäftigt.
Die Biennale di Venezia gilt als eine der bedeutendsten und einflussreichsten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst weltweit. Seit ihrer Gründung im Jahr 1895 verwandelt sie die Lagunenstadt Venedig alle zwei Jahre in ein pulsierendes Zentrum für künstlerischen Austausch, Innovation und kritische Reflexion. Für Kunstliebhaber ist der Besuch der Biennale ein Muss.
Die Hauptschauplätze der Biennale sind die historischen Giardini und das weitläufige Arsenale. Während die Giardini mit ihren nationalen Pavillons eine Art „künstlerische Weltkarte“ darstellen, bietet das Arsenale Raum für gross angelegte Installationen und experimentelle Werke. Zusätzlich erstreckt sich die Ausstellung über die gesamte Stadt – Palazzi, Kirchen und versteckte Innenhöfe werden zu temporären Kunstorten.
Konzept von Kuratorin Koyo Kouoh
Jede Ausgabe der Biennale steht unter einem kuratorischen Leitmotiv, das aktuelle gesellschaftliche, politische und kulturelle Fragen aufgreift. Die künstlerische Leitung liegt jeweils bei einer international renommierten Persönlichkeit aus der Kunstwelt, die eine zentrale Ausstellung (Mostra Internazionale) konzipiert. Für die diesjährige zentrale Ausstellung sind 111 Künstlerinnen und Künstler, Kollektive und Projekte angesagt. Auffällig ist dabei die starke Präsenz von Stimmen aus Afrika, Lateinamerika und dem Nahen Osten.
Kuratorin Koyo Kouoh: Ihre Vision der Biennale 2026 wird umgesetzt.
In diesem Jahr basiert die künstlerische Leitung auf dem Konzept der aus Kamerun stammende und in der Schweiz aufgewachsene Kuratorin Koyo Kouoh, die als erste Schwarze Frau die Biennale verantworten sollte. Ihr unerwarteter Tod im Mai 2025 hat die Kunstwelt tief erschüttert. Dennoch wird ihre Vision umgesetzt – gemeinsam mit einem kuratorischen Team, das ihre Ideen weiterführt.
Kouoh, die in Kapstadt, Dakar und Basel lebte, galt als eine hoch geschätzte Vermittlerin zwischen den Kulturen Afrikas und Europas und eine der wichtigsten kuratorischen Stimmen des afrikanischen Kontinents. Als Spezialistin für Fotografie, Video und öffentliche Installationen kuratierte die Direktorin des Zeitz Museum of Contemporary Art Africa in Kapstadt Ausstellungen in Brasilien, der Schweiz, Österreich, Deutschland, im Senegal und in den Vereinigten Staaten und veröffentlichte zahlreiche Beiträge über zeitgenössische Kunst in Afrika. 2020 ehrte sie das Bundesamt für Kultur mit dem Prix Meret Oppenheim. Von sich sagte sie, sie sei von ganzem Herzen Schweizerin. Sie wohnte jahrelang in der Schweiz.
Eine Kunstschau der leisen Register
Die 61. Biennale, die vom 9. Mai bis 22. November 2026 stattfindet, läuft unter dem Titel „In Minor Keys“. Damit will die diesjährige Kunstschau jene leisen Register in den Vordergrund rücken, die im globalen Diskurs oft überhört werden. Gemeint sind damit nicht nur persönliche Geschichten und fragile Identitäten, sondern auch gesellschaftliche Spannungen, die sich nicht in einfachen Bildern oder klaren Botschaften ausdrücken lassen. «Statt lauter politischer Statements dominieren Werke, die sich langsam erschliessen – Installationen, die mit Licht, Klang und Raum arbeiten, Filme, die mit Brüchen und Leerstellen spielen, sowie Skulpturen, deren Bedeutung sich erst im Nachdenken entfaltet.»
Die diesjährige Biennale verspricht eine Kunstschau der leisen Töne.
Auch die nationalen Pavillons greifen das Leitmotiv auf ihre eigene Weise auf. Viele setzen weniger auf repräsentative Selbstdarstellung als auf kritische Reflexion: Fragen von Identität, Migration, Umwelt und Erinnerung ziehen sich wie ein roter Faden durch die Beiträge. Dabei entstehen stille, oft eindringliche Arbeiten, die weniger Antworten liefern als vielmehr Fragen offenhalten.
Für den Schweizer Pavillon (die Schweiz nimmt seit 1920 an der Biennale teil) hat die Kulturstiftung Pro Helvetia eine Gruppe, zusammengesetzt aus den Kunstschaffenden Gianmaria Andreetta, Luca Beeler, Nina Wakeford, Miriam Laura Leonardi, Lithic Alliance und Yul Tomatala, nominiert. Die Gruppe untersucht im Projekt «The Unfinished Business of Living Together» heutige Formen des Zusammenlebens. Inspiriert von einer «Telearena»-Sendung des Schweizer Fernsehens aus dem Jahre 1978, wo Fragen der sexuellen Orientierung kontrovers diskutiert wurden, möchte «The Unfinished Business of Living Together» die Bedingungen und Möglichkeiten von Toleranz und Zugehörigkeit sowie Formen gesellschaftlicher Spaltung verhandeln.
Angekündigt wird eine Biennale, die sich dem schnellen Konsum entzieht. Sie verlangt Zeit, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf Unsicherheiten einzulassen. Gerade darin liegt ihre besondere Qualität: „In Minor Keys“ versteht sich als Gegenentwurf zu einer Welt, die von Lautstärke und Eindeutigkeit geprägt ist. Wer sich auf diese ruhigere, aber tiefgründige Perspektive einlässt, dürfte eine Biennale erleben, die lange nachwirkt.
Tipps für den Besuch der Biennale
- Es wird empfohlen, mindestens drei Tage für den Besuch der Biennale einzuplanen, um die verschiedenen Pavillons und Ausstellungen in Ruhe zu erleben. Jeder Hauptort sollte idealerweise an einem separaten Tag besucht werden.
- Die Pavillons öffnen normalerweise um 10 Uhr. Um lange Schlangen und Menschenmengen zu vermeiden, lohnt sich ein frühzeitiger Besuch.
- Ein Einzel-Ticket berechtigt zum einmaligen Eintritt in Giardini und Arsenale und ist bis zum Ende der Biennale gültig. Es gibt auch Optionen für Mehrtagestickets.
- Über die ganze Stadt verteilt gibt es viele weitere spannende Pavillons. In den meisten Fällen ist der Eintritt frei, d.h. Sie brauchen nicht einmal eine Eintrittskarte.
Einzelne Passagen KI generiert
