StartseiteMagazinKolumnenNur mit Bargeld bleibt der ÖV für alle öffentlich

Nur mit Bargeld bleibt der ÖV für alle öffentlich

Die meisten Schweizerinnen und Schweizer akzeptieren fast alles: Coloured People in allen Schattierungen, LGBTQ mit allen Präferenzen, Flüchlinge aus allen Ländern. Doch mit dem Plan, für Billette kein Bargeld mehr zu akzeptieren, schliesst der Öffentliche Verkehr ganze Menschengruppen aus − besonders Alte.

Nur noch Twint, Karte, Handy. Der Branchenverband Alliance Swisspass plant, dass die Passagiere bis 2030 die Bahn, den Bus und das Tram nur noch digital bezahlen können. Die Kundschaft soll Twint, Debitkarten, das Handy oder die neue Prepaid-Karte benützen. Die Pläne sind happig und erschrecken. Betroffen wären Menschen ohne digitalen Zugang, zum Beispiel Kinder, Eingeschränkte, vor allem aber ältere Frauen und Männer, die Mühe mit der Technik haben.

Pläne für Einsparungen sind beliebt. Alliance Swisspass räumt denn auch ein, dass auf dem Weg zum volldigitalen ÖV einige vor allem politische Hürden zu überwinden wären. Die Branche beteuert denn auch, dass noch keine Beschlüsse gefasst seien. Doch Pläne, die reale oder vermeintliche Einsparungen verheissen, geniessen Schub. Deshalb glaubt man den Distanzierungen der ÖV-Planer nicht so recht.

Bereits 400 Automaten ohne Münz und Nötli. Wacklig sind die Beteurungen weil die ersten Schritte bereits nächstes Jahr erfolgen. Gemass dem Magazin K-Tipp werden in Basel und in der Zentralschweiz die dortigen Billettautomaten durch 400 neue Verkaufsgeräte ersetzt. Sie drucken die Tickets nicht mehr auf Papier aus, sondern laden sie direkt auf den Swisspass oder auf eine vorher aufgeladene Prepaid-Karte. Die altbekannten Schlitze für Münzen und Noten sucht man vergebens. Zurzeit erzielt der Öffentliche Verkehr 5 bis 10 Prozent seines Umsatz’ durch Bargeld.

Selbsterfahrung… Am Automaten kann man bereits heute papierlose Tickets beziehen. Das wollte ich ausprobieren. Am Anfang gehts nach alter Sitte: Start-, Zielort und Datum wählen. Dann entscheide ich mich für die Option, das Billett auf den Swisspass zu laden. Der blaue Blechkumpan befiehlt nun, dass ich meine Swisspasskarte scanne.

… Wo ist der Scanner? Doch wo ist das elektronische Auge: Ist es auf dem grosssen oder auf dem kleinen Bildschirm? Der Ausweg: Ich darf die Swisspass-Karten-Nummer eingeben. Solche Ziffern hats auf dem Plastikding zwei: eine zwölf- und eine zehnstellige. Wie das Schicksal so will, ich töggele die falsche ein. Oje, hinter mir wartet bereits ein Reisender.

… Wo ist die Bestätigung? Uff, geschafft. Aber wo ist nun die Bestätigung fürs Ticket? Wird der Zugbegleiter mich als bösen Schwarzfahrer massregeln? «Jetzt versuchen sogar schon die Senioren zu bescheissen.» Nein, die Kummerfalten waren nicht nötig. Als ich den Swisspass präsentiere, wünscht mir der Bähnler gute Fahrt.

Lähtöpaikka, määränpää. Zurück zum Anfang. Das Münz- und Nötliverbot träfe Kinder: Hänu. Sollen sich doch die Eltern drum kümmern. Betroffen wären Touristen: Sollen die sich doch selber drum kümmern. Für die U-Bahn in Helsinki musste ich die skandinavisch applizierte Software bedienen. Sie korrespondiert mit mir nur zum Teil auf englisch. Sondern auf Finnisch. «Lähtöpaikka, määränpää», aha.

Wir gehören zu unserer Gesellschaft. Bleiben die Alten. Niemand von uns ist vor körperlichem oder kognitivem Abbau geschützt. Deshalb müssen wir unverschuldet reduzierten Menschen ermöglichen, weiter voll zu unserer Gesellschaft zu gehören. Das ist uns unser Staat schuldig.

Szenen von zwei Bahnfahrten. Bitte: Real würde die Zugbegleiterin, der Zugbegleiter niemals so reagieren.



Zurück in die Sechziger. Damals war nur bar wahr.
Oder: So ein flotter Kondukteur verkürzt den attraktiven Damen die Reisezeit.
Gleichstellerinnen bitte wegschauen.

In den Sechzigern montierten die Verkehrsunternehmen die ersten Billettautomaten. Bis in die Nullerjahre verschwanden fast alle bedienten Ticketschalter.

Vor einem halben Jahrhundert stand die Familie Steiger am Ticketschalter, dahinter ein würdig uniformierter Bähnler. Aus dem reich gegliederten Billettschrank holt der Beamte die kleinen hellbrauen Kartontickets mit denen die Familie nach Gelterkinden BL fahren kann. Später, im Zug, knipst der Kondukteur die Dokumentchen. Wenn er guter Laune ist, erhalten wir Kinder die kleinen Kartons und tauschen sie gerne miteinander aus. Einmal Bellinzona für dreimal Hinwil. Dass die spendablen Kondi Kinderfreunde waren, erfuhr der Autor erst kürzlich. Wenn sie die entwerteten Tickets in der Zentrale abgaben, erhielten sie einen Rappen pro Kartönli.


Mit dieser Illustration warben die SBB in den Sechzigern für
Nachwuchs-Kondukteure. Durchaus verlockende Berufswahl.

Bilder: KI, Peter Steiger, SBB Historic, Illustrator unbekannt.

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5 Kommentare

  1. Wir hoffen, dass Prosenectute, Konsumentenschutz, Behindertenolrganisationen Druck machen. BLS hat bereits diese neuen Automaten installiert zwischen Bern und Thun. in Münsingen wir das BLS Reisebüro nächstens geschlossen. Wo kaufen Jugendliche, Senioren, Behinderte dann die Prepaidkarte?!!

  2. Ich verstehe das Problem nicht.
    Ich war in Mailand mit der Metro unterwegs. Beim Einsteigen Karte (bzw. Handy mit Wallet) auf den Scanner halten, beim Aussteigen dasselbe. Das wars.
    Ich war in Sydney mit dem ÖV unterwegs. Dasselbe Prozedere.
    Bin bald 75. Kein Problem, das kann auch ein 100-jähriger oder ein Schulkind mit einer Abo-Karte.
    Und in der Schweiz mit der SBB-App. Diese kann Ihnen auch Ihre Enkelin einrichten.
    Verabschieden wir uns doch von den alten Gewohnheiten und machen etwas für die jüngere Generation. Diese hat uns schliesslich auch die 13.AHV spendiert.

  3. Was mich allerdings interessiert: woher beziehen diese Bargeld-Fans eigentlich ihr Bargeld? Am Bank- oder Postschalter vielleicht? Und was müssen sie dort zu diesem Zwecke vorweisen? Naja, die entsprechende (Debit-)Karte natürlich. Aber genau diese kann man ja auch am Automaten einsetzen. Deshalb klingt das Ganze für mich so, als ob die immer wieder genannten Gruppen (Ältere, Behinderte, Kinder…) einfach als Vorwand dienen, um eine für mich nicht nachvollziehbare Bevorzugung des Bargeldes durchzusetzen.

  4. Sorry, aber es ist wirklich schwierig ohne Bargeldmöglichkeit ein Ticket zu beziehen. Z. B. für Kinder, eingeschränkte Menschen, Touristen etc.

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