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„Die Gesundheit ist nicht das Wichtigste“

Dieser eine Satz geht mir immer wieder durch den Kopf, lässt mich nicht mehr los. Ich versuche immer wieder zu ergründen, stimmt er, oder ist es nicht doch so, wie es immer war und ist: Wenn wir uns untereinander mit den Worten verabschieden, sagen wir meist: „Blib gsund, das isch doch s’Wichtigschte“.

Es war am letzten Dienstag an der ersten Veranstaltung des neu gegründeten Sozialliberalen Forums zum Thema „Gesundheit anders“. Markus Arnold, der Ethiker, der  ehemalige Parteipräsident der CVP des Kantons Zürich, der emeritierte Professor der Universität Luzern, der 66 Jährige sprach ihn gelassenen, doch beherzt und voller Überzeugung aus. Es gäbe so viel anderes, das wichtig, das Wichtigste sei: die Leidenschaft für einen Beruf, für eine Berufung, die Leidenschaft, um ein Buch zu schreiben, ein engagiertes Leben zu führen, leidenschaftlich zu lieben, oder die Leidenschaft für einen Sport, den unbändigen Willen, den höchsten Berg im Land, in der Welt, den Mont Everest zu besteigen, auch und gerade angesichts der Todesgefahren.

Und ist es denn erstrebenswert, als todkranker Mensch alles zu unternehmen, um ein paar Monate länger zu leben? Jede Sekunde könne eine Sekunde vor dem Tod sein. „Gesund anders“ beinhalte auch eine Auseinandersetzung mit dem Tod.

Felix Schneuwly, einer der renommiertesten Experten der Schweiz in der Gesundheitspolitik, warnte von einer Hektik, wie sie jetzt in der Politik an den Tag gelegt werde. Mehr Gelassenheit tut Not. Eine sinnvolle und umfassende Koordination der Leistungen aller sei unerlässlich.

Und die Wissenschaftlerin Dominique Vogt, die zurzeit am Bildungszentrum Careum für Gesundheitsberufe den Bereich Gesundheitskompetenz aufbaut, hofft, mit Studien belegen zu können, was wir schon alle wissen: Die Leute setzen sich zu wenig mit Gesundheitsfragen auseinander und vergessen zu schnell, was ihnen von Ärzten vermittelt worden sei: Die Erkenntnis, dass wir nicht nur Gesundheitskompetenz brauchen, sondern die Kompetenz, in der sich stetig wandelnden Welt uns selbstbewusst behaupten zu können, eben auch gegenüber den Leitungserbringern im Gesundheitswesen, aber nicht nur.

Und Lorenz Schmid, Apotheker, CVP-Kantonsrat und Mit-Initiant des Sozialliberalen Forum, brachte es auf den Punkt: Wir brauchen in der von Interessen geprägten und damit blockierten Gesundheitspolitik eine unabhängige Instanz, die den Patienten aus dem Geflecht der Interessen befreit und berät.

Das Sozialliberale Forum erfüllte bereits an seiner ersten Veranstaltung seinen sich selbst gestellten Anspruch: Das Forum lieferte Ideen, Anregungen, neue Erkenntnisse und Einsichten. Und ich wurde in den letzten Tagen eine Frage nicht los: Ist die Gesundheit nun unser höchstes Gut oder doch nicht? Markus Arnold sei Dank.

Die nächsten Veranstaltungen des Sozialliberalen Forums finden am 4. September zum Thema „Europa“ und am 22. Oktober 2019 zum Thema „Demokratie und Rechtsstaat“statt, jeweils um 19.30 Uhr im Schulhaus Hirschengraben 47 in Zürich.

Wenn Alter hilflos macht

Wer nicht mehr voll bei Kräften ist – geistig oder körperlich –, wer sich im Alter isoliert fühlt, verdient Rücksicht und alle notwendige Unterstützung. Das gilt gleichermassen für alle, die alte Menschen beruflich oder privat betreuen.

„Sich ausgeliefert zu fühlen, ist eine der menschlichen Grundängste – eine zu Recht bestehende Angst, denn jeder Mensch hat das Recht, selbstbestimmt zu handeln. Durch Krankheit und Alter fällt es uns schwerer, dieses Recht einzufordern.“ Mit diesen Worten leitete Monika Stocker kürzlich eine Veranstaltung ein, in der die schweizweite Plattform „Alter ohne Gewalt“ vorgestellt wurde. Entstanden ist dieses Projekt aus der Zusammenarbeit von drei Hilfsorganisationen aus den drei grossen Sprachregionen der Schweiz. Monika Stocker ist Präsidentin der Deutschschweizer Gruppe UBA.

Es geht in jedem Fall darum, der erwähnten Angst die Gewissheit entgegenzusetzen, dass dem Menschen in seiner Hilflosigkeit die notwendige Unterstützung zuteil wird. Das können scheinbar banale Fälle sein: Eine Frau von über 90 wendet sich selbst an „Alter ohne Gewalt“: Sie hat eine psychisch belastete Tochter, die sie mit ihrem Schäferhund besuchen kommt. Dieser macht der Mutter Angst. Zudem bleibt die Tochter stets mehrere Tage und tyrannisiert ihre Mutter, die zwar noch fit und geistig rege ist, sich aber gegen die Ausfälle ihrer Tochter nicht wehren kann. Hier sucht die Fachperson zuerst das Gespräch mit der Tochter, muss aber einsehen, dass dies nicht genügt. Die Tochter darf ihre Mutter für eine gewisse Zeit gar nicht mehr besuchen. Nach einer Kontaktpause kommen die beiden von Zeit zu Zeit wieder zusammen – ohne Beschwerden, worüber die alte Frau sehr erleichtert ist.

In Zeiten des Jugendkults, führt Monika Stocker aus, geht der Respekt gegenüber hochaltrigen Menschen verloren. – Junge Menschen können sich gar nicht vorstellen, aus Gebrechlichkeit selbst von Hilfe abhängig zu sein. – Man redet, wenn es um alte Menschen geht, schnell nur von den Kosten, die das Alter mit sich bringt. Für diejenigen, die das Alter der Hilfsbedürftigkeit vor sich sehen, ein beängstigender Gedanke.

„Wir müssen darüber reden“

Eine Intervention von „Alter ohne Gewalt“ ist kein juristischer Schritt. Es geht darum, Möglichkeiten von Hilfe zu suchen, Beratung anzubieten und die beste Lösung für die gegebene Situation bzw. Person zu finden.

Auch die Angehörigen eines alten Menschen brauchen in gewissen Fällen Rat und Unterstützung: Die Tochter eines dement gewordenen 90-jährigen Mannes sucht die Hilfe der Organisation „Alter ohne Gewalt“, weil der Umgang mit den finanziellen Ressourcen unübersichtlich geworden ist. Vier der fünf Geschwister unterstützen den Vater unentgeltlich, eine Schwester möchte entschädigt werden. Zudem fürchtet die Tochter, dass das Vermögen ihres Vaters nicht ausreiche, um die immer notwendigere Pflege zu finanzieren. Hier kann die Fachperson von „Alter ohne Gewalt“ in mehreren Aussprachen eine Einigung erreichen – und der Vater muss betrübt anerkennen, dass er seine Fähigkeiten überschätzt und seine Hilflosigkeit unterschätzt hat.

Kosten als entscheidender Faktor

Betreuung im Alter findet zunehmend zu Hause statt und wird von Frauen geleistet – denn es soll so wenig wie möglich kosten. Daraus können sich aber kostenintensive Folgen ergeben, und das erfordert eine neue Aufrechnung der Rentabilität.

Kostenfragen spielen nicht nur bei der Betreuung, sondern auch in Krankheitsfällen eine entscheidende Rolle: Einerseits werden alte Menschen aus Kostengründen zuweilen nicht operiert – andererseits steht immer die Frage im Raum, ob die Operation benötigt wird, d.h. das Leben der Person verbessert, erleichtert wird oder nicht. Nicht zuletzt versuchen Krankenkassen immer wieder, auf Kosten alter Menschen zu sparen. – „Alter ohne Gewalt“ hat ein Netz von Fachpersonen aufgebaut, die auch in solchen Fällen beraten können.

Ein anderes Problem ist die Übermedikation: Es kommt vor, dass alte Menschen mit Medikamenten „ruhiggestellt“ werden. Der Grund kann darin liegen, dass Pflegende und Betreuende in ihrer Arbeit überfordert sind. Es sind, wie Statistiken belegen, vorwiegend Frauen involviert, die bis an ihre äussersten Grenzen belastet werden. – Auch hier kann eine Beratung Wege aufzeigen, wie der Alltag von Betreuenden erleichtert werden kann. Ganz wichtig ist es, dass die betreuenden Personen in solchen Situationen spüren, dass ihnen Vertrauen entgegengebracht wird.

Hinschauen, nicht lockerlassen, Empathie zeigen

Vertrauen steht bei „Alter ohne Gewalt“ an erster Stelle. Im Zentrum steht das Wohl des alten Menschen. Alle Anfragen werden vertraulich, rasch und unabhängig von Behörden behandelt. Wie gesagt, es geht nicht um Rechtshilfe, sondern darum, Hilfe und Beratung anzubieten und für die entstandenen Probleme eine für alle gute Lösung zu finden. Oft ist es nicht leicht, an Betroffene heranzukommen. Wenn Aussenstehende sich nicht angemessen und empathisch verhalten, reagieren alte Menschen mit Schweigen – sie fühlen sich als die Schwächeren.

Das Telefon ist die erste Anlaufstelle. Wer Telefondienst hat, hört zu und legt schriftlich nieder, was gesagt worden ist. Dann wird diese Notiz an Fachpersonen weitergeleitet – für „Alter ohne Gewalt“ sind mehr als 100 Fachpersonen tätig. Nachher erfolgt eventuell ein Hausbesuch, eventuell ein Treffen mit allen Betroffenen. Wichtige Bezugspersonen sind Hausärztinnen und -ärzte, Spitex-Pflegerinnen. Die Organisation veranstaltet für alle professionell Involvierten Weiterbildungen mit Expertinnen /Experten. Dabei ist es von Vorteil, dass „Alter ohne Gewalt“ als überkantonale Organisation tätig ist.

Eine Telefonnummer für die gesamte Schweiz: 0848 00 13 13.
Die Antwort erfolgt in der entsprechenden Sprache der Region.

Eine Internetseite in drei Sprachen: www.alterohnegewalt.ch
E-Mail: info@alterohnegewalt.ch

„Alter ohne Gewalt“ ist das Dach für Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter (Deutschschweiz), alter ego (Westschweiz) und Pro Senectute Ticino e Moesano (Tessin und Misox)

Titelbild:   © Schwester Klara  / pixelio.de: „alte und junge Hand“

Preis für Valie Export zum Frauenstreik

Ausgerechnet am Tag des Schweizer Frauenstreiks 2019, am 14. Juni, gibt die Roswitha Haftmann-Stiftung bekannt, dass der Preis 2019 an VALIE EXPORT, an eine Künstlerin, die in ihren Filmen, Aktionen und Performances immer auch Feministin war, verliehen wird.

Der Stiftungsrat der Roswitha Haftmann-Stiftung hat beschlossen, dass der mit 150’000 Schweizer Franken dotierte Roswitha Haftmann-Preis 2019 der österreichischen Künstlerin VALIE EXPORT (*1940) verliehen wird. Die Filmemacherin, Medien- und Performancekünstlerin, die seit 1967 ihren Künstlernamen in Versalien als Konzept und Logo führt, wird für ihr Lebenswerk ausgezeichnet.

Sie gehört nach Ansicht des Stiftungsrats zu den wichtigsten internationalen Pionierinnen dieser Kunstgattungen. Ihre Körper-Aktion Tapp und Tastkino löste einen Skandal aus, der, gemäss der Jury, zum Gründungsmythos des sogenannten Aktionismus gehört und bis heute nachwirkt. Allerdings will Valie Export nicht mit den Wiener Aktionisten gleichgesetzt werden.

VALIE EXPORT: Syntagma, 1983. Avantgarde-Film Courtesy the artist, © 2019 ProLitteris, Zurich

Erstmals realisierte sie das Tapp- und Tastkino im Rahmen des 1. Europäischen Treffens der Unabhängigen Filmemacher in München. Bei dieser Performance auf öffentlichen Plätzen trug Export eine lockige Perücke, war geschminkt und trug über ihren nackten Brüsten einen Kasten mit zwei Öffnungen. Der restliche Oberkörper war mit einer Strickjacke bedeckt. Peter Weibel warb durch ein Megafon und lud die Schaulustigen zum Besuch ein. Diese hatten 33 Sekunden lang Zeit, mit beiden Händen durch die Öffnungen die nackten Brüste der Künstlerin zu berühren.

Valie Export sagte später zu dieser Aktion: „Das Tapp- und Tastkino – das war Straßenaktion, es war Feminismus, es war Expanded Cinema, es war Film.“ Sie sah diese Aktion als „erweitertes Kino, das Filmzuschauer mit dem konfrontiert, was im abgedunkelten Saal als normal angesehen wird: der voyeuristische Blick auf Frauenkörper.“

Valie Export: Die Doppelgängerin, 2010. Belvedere-Park, Wien. Foto: Filip Maljković

Valie Export nahm 1977 an der documenta 6 und 2007 an der documenta 12 in Kassel teil und repräsentierte 1980 Österreich zusammen mit Maria Lassnig (ebenfalls Haftmann-Preisträgerin) an der Biennale in Venedig. Sie hatte Professuren an den Kunsthochschulen in Wisconsin-Milwaukee, Berlin und Köln inne und war und ist bis heute in zahlreichen internationalen Ausstellungen vertreten. Sie lebt und arbeitet in Wien. Während der Art Basel ist zurzeit in der Art Unlimited-Halle der Avantgardefilm Syntagma von 1983 zu sehen.
VALIE EXPORT ist die neunzehnte Künstlerin, der Europas höchstdotierter Kunstpreis zuteil wird. Der Haftmann-Preis wird ihr am 27. September 2019 im Kunsthaus Zürich verliehen.

Ausflug zu Berliner Kunstereignissen

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Nolde – ein «entarteter Entarteter», Mantegna und Bellini – Konkurrenten und Freunde, das Jenseits und der Tod – aktuelle Kunst referiert Goyas Kriegsgreuel und ein Blick auf das pulsierende Pergamon während dionysischer Festlichkeiten.

Nein, diese Auswahl von Kunstereignissen im Berliner Frühsommer ist alles andere als ausgewogen. Und subjektiv ist sie erst recht. Aber immerhin zieht sie sich durch zwei Jahrtausende, beginnend mit Pergamon, jener griechischen Stadt nahe Izmir, deren weltberühmter Fries den Bau eines Museums drumherum rechtfertigte. Dieses Museum ist seit Jahren in Renovation und geschlossen. Erst 2024 wird es seine Pforten wieder öffnen.

360°-Panorama von Yadegar Asisi. Panorama von Yadegar Asisi mit Blick auf Burgberg, Visualisierung 2018 © asisi

Aber gleich gegenüber gibt es nun einen Pavillon, wo 80 pergamenische Objekte, darunter Teile des berühmten Frieses ausgestellt sind, und als Attraktion der Sonderklasse, das 30 Meter hohe 360-Grad-Panoramabild, geschaffen von Yadegar Asisi (*1955) in Zusammenarbeit mit Experten, zu erleben ist. Der Architekt und Kunstmaler Asisi entdeckte 1998 den Charme der Panoramen, Rundbilder von Stadtansichten oder Kampfgeschehen, die im 19. Jahrhundert wie später das Kino faszinierten. Er entwickelte in der Folge eine neue, zeitgenössische Form des Panoramas, ein ziemlich verrücktes Son-et-lumière-Spektakel, das sich an alle Sinne wendet.

In der feiernden Masse entdecken Aufmerksame den Autor des Panoramas als antiken Verkäufer von Pastinaken. 

Pergamon mit seiner Festung für den Herrscher, dem Athene-Heiligtum, dem Tieropferplatz, mit den über den Kadavern kreisenden Geiern und dem Theater, das wegen der viertägigen Dionysos-Feier – einem Riesenbesäufnis mit Unterhaltung und Ritualen – ständig gut besetzt ist, erlebt dank raffinierter Licht- und Tonsteuerung Tage und Nächte. Hunderte Szenen mit unzähligen Figuren hat der Künstler auf der gigantischen Panoramawand aufleben lassen – Steinhauer, die Baupläne studieren und sich mit einer Statue abmühen, lockeres Volk bei Wein, Weib und Gesang, interessierte Theaterbesucher und die Schlachter, die auf dem blutbesudelten Vorplatz zum Verbrennungsaltar Tiere töten und zerlegen.

Pergamon. Meisterwerke der antiken Metropole . Ausstellungsansicht. Foto: David von Becker

Den Archäologen ist es durchaus bewusst, dass diese Belebung der rekonstruierten Mauern nicht unproblematisch ist, dennoch hat die Museumsdirektion den Künstler bei seiner Suche nach dem Leben in der Antike unterstützt. 

Recherchen in Emil Noldes riesigem Nachlass, der nun zugänglich ist, haben einige Widersprüche in Bezug auf den Künstler mit den meisten beschlagnahmten Werken während der Nazizeit, der zugleich Mitglied der NSDAP war, aufgedeckt, oder doch zumindest plausibel zu erklären versucht. Schon 1947 nannte ihn ein Kunstkritiker einen „entarteten Entarteren“, weil er das Regime der Nationalsozialisten guthiess und dank einiger geschickter Schachzüge weitermalen und gut leben konnnte, in den 60er Jahren gar zum Opfer der Nazi hochstilisiert wurde. Was aber zu dem falschen Nolde-Bild massgeblich beitrug, war Siegfried Lenz’ Roman Deutschstunde von 1968, Bestseller-Nachkriegsroman und Schullektüre.

Emil Nolde, Die Sünderin, 1926, Öl auf Leinwand  © Nolde Stiftung Seebüll. Foto: bpk / Nationalgalerie, SMB / Jörg P. Anders. 1929 durch die Nationalgalerie erworben, ab 1933 im Depot, im Juli 1937 beschlagnahmt und Ende Juni 1939 in Luzern gegen Devisen an Noldes Schweizer Jugendfreund Hans Fehr versteigert.  Erworben durch die Nationalgalerie 1999.

Auffällig zu beobachten: nach 1933 malt Nolde keine religiösen Motive mehr, also keine Juden, ab 1945 verzichtet er auf nordische Motive. Beliebt, genial und unverfänglich: die Blumenbilder. Emil Nolde (18671956) wurde und wird als einer der wichtigen Begründer der neuen Malerei in Deutschland gefeiert.

Emil Nolde Herrin und Fremdling, o. D. (vor/um 1938) Aquarell © Nolde Stiftung Seebüll Foto: Dirk Dunkelberg, Berlin

Die Ausstellung im Hamburger Bahnhof reflektiert die neuesten Forschungen und zeigt wunderbare Bilder und Grafiken des Künstlers. Für manche der Besucher ist es fast schmerzhaft, dass ihr Idol – nichts kann die Qualität dieser Malerei schmälern – nun endgültig von seinem Sockel als Opfer des Nationalsozialismus geholt wird. Denn einprägsam war das immer wieder gezeigte Foto im Zusammenhang mit den Ausstellungen Entarteter Kunst, wo prominent Noldes Kreuzigung sichtbar ist. Und Nolde war der Künstler mit den meisten, nämlich 1052 beschlagnahmten Werken. Dass darunter 455 Holzschnitte – ein Highlight der Ausstellung – waren, gekauft 1935 von der Stiftung Folkwang mit Billigung der Nazi, gibt Hinweise auf Noldes Stellenwert. Während sich die einen Besucher auf die reiche Bilderauswahl konzentrieren, beugen sich andere über Vitrinen mit Dokumenten, Briefen, Erklärtexten und versuchen, die Fakten zu verarbeiten.

Schlicht grossartig ist die Ende Monat schliessende Ausstellung in der Gemäldegalerie, die zuvor bereits in London zu sehen war: Andrea Mantegna (um 1431–1506) und Giovanni Bellini (um 1435–1516) waren Freunde, Schwager (Mantegna hat in die Künstlerfamilie Bellini eingeheiratet) und Rivalen. Sie haben einander inspiriert, kopiert und bewundert. Erstmals wird das eng miteinander verwobene Schaffen der beiden Künstler in einer Ausstellung präsentiert. Selten konnte man so viele Gemälde und vor allem auch Zeichnungen der beiden Renaissance-Künstler so genau studieren, und wer wusste schon, wie sie sich gegenseitig beeinflussten. Beispielsweise die beiden Bilder Darbringung Christi im Tempel (1453 Mantegna, 1472 Bellini), oder die Interpretation von Jesus am Ölberg.

Christus am Ölberg, oben von Andrea Mantegna um 1458-60, unten von Giovanni Bellini 1465. © The National Gallery London

Bei den Grossformaten – es sind mehrere Darstellungen der Antike zu sehen – erfreute und verstörte mich gleichermassen Sieg der Tugend von 1502, auf dem Minerva die Laster aus dem Garten der Tugend vertreibt, irritierende Gestalten wie die Puten mit Eulenköpfen, während einige der Laster verstümmelt und fast furchterregend sind. Die einmalige Schau mit den zwei Renaissance-Giganten hat gegenüber der Londoner Premiere einen grossen Vorteil: Man muss fast nie Schlange stehen.

Berlin hat aber auch viel an aktueller Kunst zu bieten, in unzähligen Galerien, aber auch in Ausstellungsräumen von Kunstsammlern, die ihre Schätze lieber öffentlich teilen als im Tresor wie Goldbarren horten. Neben der Sammlung Hoffmann, die demnächst nach Dresden geht, ist das Haus Me Collectors Room des Sammlers Thomas Olbricht eine gute Adresse.

Thomas Olbricht bei einer Führung vor den  „Desastres“ von Goya, und neben „Sex I“ von Jake&Dinos Chapman

Die aktuelle Ausstellung Beyond, bezieht sich auf einen Schatz aus der Vergangenheit, nämlich auf Francisco de Goyas Serie der Kriegsgreuel Los desastres de la guerra von 1810. Diesmal kuratierte der Chef selbst, zeigt mit sieben sehr unterschiedlichen künstlerischen Positionen, in denen es um das Jenseits geht, warum ihm diese Künstler besonders wertvoll sind, wobei er betont, Freundschaften zu vermeiden. Ausnahme diesmal ist Jonas Burgert, der mit mehreren Werken – riesig, farbig, figürlich – die Grundfrage nach Leben und Tod reflektiert.

Jonas Burgert: Schergen, 2007 (Ausschnitt)

 Das Surreale und Jenseitige im Alltäglichen baut das Künstlerduo FORT so unspektakulär auf, dass es dem Betrachter, der sich drauf einlässt, auch mal unheimlich zumute wird. Abstrakte Themenpaare wie Macht und Ohnmacht oder Gewalt und Liebe werden von Nathalie Djurberg und Hans Berg mit Knetfiguren in ganz konkret gebauten Schauplätzen umgesetzt in verstörende und ergreifende Videofilme.

Nathalie Djurberg & HAns Berg: Turn Into Me, (Videostill) 2008 © VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Courtesy Lisson Gallery

Thomas Olbricht kann mit dieser Ausstellung den direkten Link zum zweiten Teil seiner Stiftung, nämlich der Wunderkammer im Obergeschoss des me Collectiors Room herstellen. Viele jener Objekte erzählen Geschichten vom Tod und vom Jenseits.

Übrige Fotos: E. Caflisch
Hier finden Sie Informationen zu den erwähnten Ausstellungen:
PERGAMON. Meisterwerke der antiken Metropole und 360°-Panorama von Yadegar Asisi
Emil Nolde – Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus bis 15. September
MANTEGNA und BELLINI. Meister der Renaissance. Bis 30. Juni
Beyond. Bis 18. August

 

Rahmenvertrag oder gleich Beitritt?

2914 Euro habe jeder Einwohner, jede Einwohnerin der Schweiz, vom eben geborenen Baby bis zum sterbenden Greis, durch die Teilnahme am europäischen Binnenmarkt jährlich mehr zur Verfügung. Mehr als Luxemburg (2834 Euro), deutlich mehr als zwei grosse Nachbarn, Frankreich (1074 Euro) und Deutschland (1046 Euro). Ohne europäischen Binnenmarkt hätten wir ein 2.63% tieferes Einkommen.

Die Schweiz wird dank dem europäischen Binnenmarkt jedes Jahr 29 Milliarden Franken reicher. Über die Steuern gewinnt auch die Schweiz, auf allen drei Staatsebenen. Gut 6 Milliarden haben Bund, Kantone und Gemeinden mehr zur Verfügung, jedes Jahr von Neuem. Das hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten einen richtig schönen Geldsegen ergeben, für uns alle, für unsere Schweiz. Davon sprechen sie nie, Herr Blocher!

Nur, darf man diesen Zahlen trauen? Es ist die renommierte Bertelsmann-Stiftung, welche die Zahlen erhoben hat. Seit Jahrzehnten engagiert sich die Bertelsmann-Stiftung für gemeinnützige Anliegen, mit wissenschaftlichen Studien, aber auch mit für die Praxis relevanten Projekten. Sie ist ein vertrauenswürdiger Absender. Die Resultate – kleinere Länder profitieren mehr als grosse, welche über einen eigenen beachtlichen Binnenmarkt verfügen; geografisch zentral gelegene Länder profitieren wegen der kürzeren Wege mehr und Länder mit einer hoch entwickelten (Export-)Wirtschaft profitieren mehr als andere – sind plausibel. Alle drei Faktoren treffen auf die Schweiz zu.

Sicher, die Schweiz wäre als so genannte Netto-Zahlerin in der EU sehr willkommen. Als sicher gilt, dass sie mehr an den EU-Haushalt bezahlen müsste, als dass sie daraus bekommen würde. Wenn man die Zahlen vergleichbarer Länder anschaut, dann wären die zusätzlichen Nettozahlungen näher bei einer als bei zwei Milliarden Franken. Das sind weniger als 1% der Staatsausgaben der Schweiz. Freilich auch mehr, als es die heutigen finanziellen Leistungen der Schweiz an die EU sind, selbst wenn man die jährlichen 200 Millionen Aufbau Ost mitrechnet (Kohäsionsmilliarde).

Nur, die Schweiz könnte mit am Tisch sitzen, könnte mitentscheiden und Einfluss nehmen, die Entwicklung Europas mitgestalten. Als überzeugter Demokrat, als jemand, der den Übergang von der alten Eidgenossenschaft zur modernen Schweiz, mit der Symbolik der Rütliwiese für unsere moderne Schweiz, wie sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts angelegt wurde, als weise und friedenssichernde politische Integration versteht, muss ich für eine aktive Mitarbeit in Europa plädieren. Es fällt mir schwer, Menschen zu verstehen, die sich Patrioten und Demokraten nennen, aber nicht zusammen mit den anderen Völkern in Europa gemeinsam unseren Kontinent entwickeln wollen, sondern die EU und Brüssel zu einem Popanz des Bösen stilisieren.

Und das Rahmenabkommen? Es sei gar nicht so schlecht, sagen die meisten, aber es gäbe da wichtige Punkte, welche unter keinen Umständen aufgegeben werden dürfen. Da ist die Rede von einer drohenden Unionsbürgerschaft, welche Schweizer Gemeinden vielleicht zwingen könnte, für Unionsbürger Sozialhilfe zu zahlen. Alleine die für die Sozialhilfe zuständigen Gemeinden haben mehr als 2.5 Milliarden Franken durch den Effekt des europäischen Binnenmarktes in der Kasse, also mehr als die Stimmbürger unlängst der AHV haben zukommen lassen. Ist es nicht kleinlich, wegen ein paar Dutzend Millionen, welche vielleicht zu zahlen wären, zum Voraus zu jammern?

Es ist gut, wenn unsere Werktätigen gute Löhne haben. Eine gute Arbeit verdient einen guten Lohn. Nur, sind wir dermassen bürokratisch, bar jeder organisatorischen Kreativität, dass dieser Schutz ausschliesslich gewährleistet werden kann, wenn die Voranmeldefrist acht Arbeitstage beträgt? Liebe Gewerkschaftsverantwortliche, es kann doch nicht sein, dass ihr keine anderen, wenigstens ebenso wirksame Mittel des Lohnschutzes kennt? Und habt ihr vergessen, dass in der EU seit einiger Zeit ebenfalls von Lohnschutz die Rede ist? Die skandinavischen, die deutschen, die Benelux-Arbeiter wollen, wie wir in der Schweiz, verhindern, dass existenzbedrohende Tieflöhne von Arbeitern aus dem Osten ihren Lohn, ihre Rente gefährden. Bezahlen wir nicht deshalb die Kohäsionsmilliarde, um auf dem Balkan, im Osten Strukturen zu entwickeln, welche extreme Lohndifferenzen verhindern sollen?

Ohne Rahmenabkommen werden wir die jährlichen 2914 Euro verlieren und unser Staat die daraus entstehenden 6 Milliarden. Ergo: Wir wollen ein Rahmenabkommen. Wenn wir aber auch mitbestimmen und mitgestalten wollen, auch über Fragen der Unionsbürgerschaft und Fragen des Lohnschutzes, wenn wir nicht weiter jammern wollen über die Entscheide der andern, welche auch für uns Wirksamkeit haben, dann treten wir der EU bei, dann bestimmen wir mit auch über unser Schicksal, unsere Zukunft.

Interaktiv durch drei Länder

«Klimaschutz & Katastrophenvorsorge – Weltreise Rotes Kreuz» – die Sonderausstellung des Schweizerischen Roten Kreuzes macht bis 24. November in der Umwelt Arena in Spreitenbach vorerst zum letzten Mal Station. Die Ausstellung führt durch drei Länder, welche besonders stark von den Folgen des Klimawandels betroffen sind.

Die Wanderausstellung führt Besucherinnen und Besucher interaktiv in die Themen Katastrophenvorsorge, Klimawandel und Gesundheit ein und gibt Einblick in die Arbeit des Schweizerischen Roten Kreuzes. Die Reise führt nach Äthiopien, Haiti und auf die Philippinen. Sie gibt Einblicke zu Land und Leuten und zeigt, was hinter den Schlagzeilen steht.

Mit dem Klimawandel werden wetterbedingte Naturereignisse zahlreicher, intensiver und unberechenbarer. Kein Land ist dagegen gefeit. Entwicklungsländer sind aber besonders stark davon betroffen und es sind stets die ärmsten und verletzlichsten Bevölkerungsgruppen, die es am härtesten trifft. 97 Prozent aller durch extreme Naturereignisse verursachten Todesfälle sind in Entwicklungsländern zu beklagen. Viele davon könnten durch Vorsorgemassnahmen verhindert werden.

Blick in die Sonderausstellung „Klimaschutz & Katastrophenvorsorge – Weltreise Rotes Kreuz“ (zvg)

Dieser Thematik widmet sich die Ausstellung in Form eines Dialogs: Warum haben Katastrophen in armen Ländern oft viel dramatischere Folgen als bei uns? Was könnte man dagegen tun? Und wie unterstützt das Rote Kreuz die Menschen, damit sie sich besser schützen können?

Entscheiden macht Spass

Die Reise beginnt mit dem Bezug eines Flugtickets. Gleich nach der Landung am Wunschziel stellen sich erste Fragen. Taxi oder Bus? Eine Nacht in der Hauptstadt, oder gleich weiter?

So entwickelt sich eine individuell gestaltete Route, die an die Lebensrealität der Menschen in den jeweiligen Ländern heranführt. Begleiten Sie den Rotkreuz-Arzt ins abgelegene Dorf? Trinken Sie das Wasser unbekannter Herkunft? Risiken und Gefahren, aber auch Lösungsansätze begleiten die Reise. Im Anschluss können in der jeweiligen Länderbox Informationen zu verschiedenen Aspekten der Katastrophenvorsorge abgerufen werden. Die Palette reicht von der Aufforstung instabiler Hänge, über die Entwicklung von Frühwarnsystemen, bis hin zum Schutz vor Dürrekatastrophen und Epidemien.

Ein besonderer Blickfang sind die mehrere Quadratmeter grossen Bilder, die jeder Länderbox ein unverwechselbares Gesicht geben. Drei bekannte Illustratoren aus der Schweiz haben sie im Auftrag des SRK extra für die Ausstellung gestaltet. Die Illustrationen von Christian Calame, Michel Casarramona und Rodja Galli geben der Ausstellung eine besondere, künstlerische Note.

Reise mit der Zeitmaschine

In der futuristisch gestalteten Zeitmaschine besteht schliesslich die Möglichkeit, nicht nur durch ferne Länder, sondern auch durch verschiedene Epochen zu reisen. Dabei werden bedeutsame Ereignisse aus der Geschichte des Roten Kreuzes, der Gegenwart und einer visionären Zukunft besucht – stets begleitet von Rotkreuz-Begründer Henry Dunant, der als Komikfigur zu neuem Leben erweckt wurde.

Die Ausstellung „Klimaschutz & Katastrophenvorsorge – Weltreise Rotes Kreuz“ wurde zum 150-Jahre-Jubiläum des Schweizerischen Roten Kreuzes konzipiert. Sie trägt dem Sensibilisierungsauftrag Rechnung und wird von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA finanziell unterstützt. Bis 24. November 2019 gastiert sie in der Umwelt Arena Schweiz in Spreitenbach. Auch weitere der über 140 Ausstellungen in der Umwelt Arena befassen sich mit dem Thema Klimaschutz. In einem Klimavideoclip in der Ausstellung „Change the Picture“ erfahren Besucherinnen und Besucher zum Beispiel, wieso der Klimawandel uns alle angeht.

Aktuelle Öffnungszeiten und Daten Indoor Parcours siehe www.umweltarena.ch

Kommunikation

Kommunizieren, Austauschen, sind so lebensnotwendig für einen Menschen wie Schlafen, Essen, Trinken und Verdauen. Also frage ich mich jeweils im Verlaufe des Tages, ob ich heute auf meine Rechnung gekommen sei?

Ja, was war denn da? Der Morgenkaffee im Kaffeehaus. Die Zeitungen blieben auf der Strecke. Mit einer ehemaligen Politkollegin meiner Generation hatte ich den Zustand unserer Partei und den Rahmenvertrag mit der europäischen Union zu erörtern. Das erste Thema hakten wir rasch ab. Wir warten ab, bis der Herbstwahlkampf so richtig in Schwung gekommen ist. Prognosen wollten wir vorläufig keine stellen.

Zum Vertrag mit der EU haben wir beide erfahren, dass der Bundesrat nun endlich ein klares „Ja, aber…“ geäussert habe. Jetzt wird die Wortklauberei zum Zuge kommen. „Nachverhandlungen“ soll es nicht geben. Werden sich die involvierten Kreise mit „Präzisierungen“ zufrieden geben?

Interessant ist, dass auf unserer Seite das verantwortliche „Personal“ neu ist. Ein neues Mitglied des Bundesrat ist zuständig. Auch auf Seiten der Gewerkschaften hat es einen Wechsel gegeben. Wir können aufatmen: „Die beiden Seiten sprechen wieder miteinander“.

Auch bei der EU gab es Veränderungen. Das europäische Parlament wurde kürzlich neu bestellt. Für die Schweiz ist wohl aber wichtiger, dass der Präsident der europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker, im Herbst 2019 von seinem Amt zurücktreten wird. Er hat einmal aufgezählt, mit wie vielen schweizerischen Bundespräsidenten er das Geschäft eines Rahmenvertrages schon erörtert habe.

Ja, so einfach sind die politischen Strukturen unseres Landes eben nicht. Unsere Meinungsbildung geschieht zwar auch in der Wandelhalle in Bern. Aber noch viel mehr in zahllosen Gremien landauf und landab. Und selbstverständlich an unzähligen Familientischen. Das ist gut so. Denn das erarbeitete Ja und das erarbeitete Nein zu diesem Geschäft werden dereinst während des Abstimmungskampfes noch im Ochsen und im Bären, in Mehrzweckhallen und in Zunfthaussälen auf den Prüfstand gestellt werden. Ob unvorhergesehene Ereignisse im weltweiten, im europäischen, im schweizerischen Rahmen dannzumal das Resultat noch beeinflussen werden, kann heute niemand sagen.

An den Einfluss der digitalen Welt auf unser zukünftiges Abstimmungsverhalten ganz allgemein mag ich gar nicht denken. Aber ich behalte das im Hinterkopf!

Auf Prognosen verzichteten wir auch in diesem Punkt und beendeten unseren Morgenkaffeeklatsch.

Meine nächste Station war der Kiosk. Ich wollte eine ganz bestimmte Zeitschrift kaufen. Die immer freundliche Kioskfrau bedauerte. Sie habe in der Vergangenheit zu wenig Exemplare dieser Zeitschrift verkauft. Jetzt werde sie ihr nicht mehr geliefert. Ja nu, es gibt ja noch Bahnhofkioske.

Auf der Holzbrücke blieb ich an einem Unterschriftensammler hängen. Es ging um eine Volksinitiative „Ja zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Tabakwerbung“. Das Anliegen schien mir sinnvoll, ich unterschrieb. Der Mann wollte sich gerne noch ein wenig mit mir unterhalten. Verschiedene Politikerinnen und Politiker bewerten. Ich hielt mich eher zurück. In das Lob seiner Regierungsrätin in einem anderen Kanton stimmte ich aber vorbehaltlos ein.

Auf meinem Heimweg mitten durch die Stadt kam ich noch an einem Biotop mit Pflanzen und einem kleinen Teich vorbei. Es wird von einem ehemaligen Polizeikollegen von mir gepflegt. Zwischen den Sträuchern hindurch sah ich ihn arbeiten. Und natürlich rief er mir ins Gedächtnis, dass der Polizeimännerchor am nächsten Sonntag in einem Berggottesdienst auf der Klewenalp singen werde. Da werde ich nicht dabei sein. Aber die Einsatzfreude dieser Sänger habe ich schon immer bewundert.

Wenn ich das alles so überblicke, kann ich mit meiner Ration an mündlicher Kommunikation zufrieden sein. Für heute werde ich sicher nicht an Mangelerscheinungen leiden!

Klimawandel – Schrecken und Faszination

Der Schweizer Fotograf Yann Mingard arbeitete zwischen 2015 und 2018 an seinem Projekt „Alles in der Schwebe, daher unser Schwindel“. Nun ist es im Musée de l’Elysée in Lausanne anzuschauen.

Zugleich Fotoprojekt als auch Dokumentation zeigt diese ungewöhnliche Ausstellung im führenden Fotomuseum der Westschweiz verschiedene Aspekte von Umweltkatastrophen, seien sie von Menschen verursacht oder nicht, seien sie wirklich eingetroffen oder nur befürchtet.

Yann Mingard, 1973 geboren, absolvierte zunächst eine Ausbildung als Landschaftsgärtner und besuchte dann Kurse an der Genfer Hochschule für Kunst und Design und an der École de photographie in Vevey. Seither widmet er sich nur der Fotografie, ohne dabei seine ganz eigene, eng mit der Erde und der natürlichen Umwelt verbundene Sensibilität aufzugeben. Seine Fotografien sind in sechs Monografien erschienen und wurden in zahlreichen Einzel-, Gruppen- und Themenausstellungen in der Schweiz wie im Ausland gezeigt. Für seine Werke erhielt er eine Reihe von Auszeichnungen in Form von Preisen, Künstleraufenthalten und -aufträgen.

Portrait Yann Mingard

Mingards fotografische Arbeiten in dieser Ausstellung gehen stets einher mit Reflexionen zu den einzelnen Themen. Er sieht die Gegenwart im Zusammenhang mit der Geschichte, sowohl der Sozialgeschichte, der Naturgeschichte als auch der Geschichte der Technik. Der Fotograf äussert dazu: „Die Anfänge der Fotografie fielen ungefähr mit der Erfindung der Dampflokomotive zusammen. In den vergangenen 180 Jahren hat sich alles beschleunigt und exponentiell vervielfacht. Wissenschaftler sagen, dass die Kraft, die heute die Erde am stärksten formt und prägt, die menschliche Kraft ist.“ – Mingard ist vielseitig interessiert, so hat er sich auch von Mary Shelleys Roman „Frankenstein oder der moderne Prometheus“ inspirieren lassen.

Ganz konkret stellt die Ausstellung mehrere Szenarien nebeneinander, unter anderem eine nukleare Beinahe-Katastrophe, die Bestrebungen, das sibirische Wollmammut wiederzuerschaffen, die Luftverschmutzung in China oder die Weiterentwicklung eines katholischen Gelübdes aus der Aletschregion.

Gelübde und Klimaerwärmung

Als Schutz vor dem Aletschgletscher diente den Bewohnern von Fiesch seit 1678 ein von Papst Innozenz XI offiziell anerkanntes Gelübde, aufgrund dessen Gott sie vor dem Übel bewahren soll, das der damals ständig wachsende Gletscher mit sich bringen könnte. Der Präfekt von Goms bat 2009 Papst Benedikt XVI. darum, dieses Gelübde neu zu formulieren und entsprechend zu segnen.

Yann Mingard, Ohne Titel, Great Aletsch Glacier, Moosfluh, Schweiz, 2017 (Kapitel Great Aletsch Glacier)

Denn eine vollkommen andere Art von Wunder wäre erforderlich, um das Verschwinden der Alpengletscher in diesem Jahrhundert aufzuhalten: Es bräuchte den „Glauben“ an die Tatsache, dass der Klimawandel heute weitgehend auf menschliche Aktivität zurückzuführen ist, aber auch an die dringende Notwendigkeit, Entscheidungen herbeizuführen und gesellschaftliche und politische Massnahmen zu ergreifen, um die Treibhausgase und den Kohlendioxidausstoss in die Atmosphäre drastisch zu reduzieren. – Den Fiescher Gläubigen wurde die Änderung des Gebetes zugestanden, wie in den ausgestellten Briefen zu lesen ist.

„CRESTED ICE“ („Eis mit Haube“)

Dies war der Deckname für eine geheime Bergungsmission, die 1968 von der US-Armee in der Nähe des Luftwaffenstützpunkts Thule in Grönland durchgeführt wurde. Beim Absturz eines B-52-Bombers, der vier Wasserstoffbomben trug (jede einzelne 100 Mal stärker als die Hiroshima-Bombe), war man nur knapp einer Atomkatastrophe entkommen. Nur die konventionellen Sprengkörper explodierten, doch die nuklearen Bomben wurden versprengt und drangen ins Eis ein. Ein bierfassgrosser Zylinder mit Plutonium, der für die zweite Sprengphase bestimmt war, wurde bis heute nicht wiedergefunden (Halbwertszeit 24.000 Jahre).

Yann Mingard, Ohne Titel, Screenshot des US Army-Films über den Absturz einer B-52 mit vier Wasserstoffbomben bei Thule, Grönland. Film von 1968, Public Domain © Yann Mingard / Courtesy Parrotta Contemporary Art

Neun Monate lang sammelten 700 Arbeiter verstrahltes Eis auf und die Bombenreste wurden in die USA gebracht, um dort vernichtet zu werden. Der Thule-Unfall besiegelte das Ende der Operation „Chrome Dome“, eines Luftraumüberwachungsprogramms des Kalten Krieges, bei dem – aus Vorsicht wie zur Abschreckung – zwischen 1960 und 1968 permanent zwölf B-52-Flieger am Rande des sowjetischen Staatsgebiets in der Luft gehalten wurden. Erst Jahrzehnte später wurden die Dokumente und Filme zu diesem Programm von der amerikanischen Regierung freigegeben. Sie bilden die Grundlage für dieses Kapitel.

SEVEN SUNSETS („Sieben Sonnenuntergänge“)

Diese Folge von zweimal sieben Bildern zeigt Details aus Gemälden von William Turner und Thomas Hope McLachlan. Rechts sind Ergebnisse aus Google-Images zu den Suchbegriffen „AQI + air pollution in China 2015“ abgebildet. Mingard erinnert an einen der schwersten Vulkanausbrüche (1815, Tambora auf Sumatra, Indonesien) und seine weltweiten Folgen: 1816 war ein „Jahr ohne Sommer“ mit Hungersnöten und Krankheiten.

Yann Mingard, Ohne Titel. Links: Joseph Mallord William Turner, Sonnenuntergang, um 1830-5, (Detail). Rechts: Detail eines Screenshot eines bei Google gefundenen Bildes mit den Suchbegriffen “AQI+ air pollution in China 2015“. © Yann Mingard / Tate Britain, Courtesy Parrotta Contemporary Art

Im Jahr 2014 untersuchte der griechische Atmosphärenwissenschaftler Christos Zerefos die Farben Rot und Grün in Gemälden, um herauszufinden, wieviel vulkanischer Rauch in gemalten Dämmerungen dargestellt ist. Von William Turner wissen wir, dass er zu seiner eigenen Arbeit erklärte: „Ich male das nicht, damit es verstanden wird, sondern um zu zeigen, wie ein solches Ereignis aussieht.“

Diese Arbeit – Fotoprojekt und Dokumentation in einem – mit ihren zuweilen skurrilen, manchmal beängstigenden oder paradoxen Elementen sieht Yann Mingard selbst als Meilenstein auf seinem Weg. Die Schönheit eines Eiskristalls und die Schnelligkeit des schwindenden Gletschereises zusammenzusehen, kann einem Schwindel verursachen, meint der Fotograf.

Yann Mingard, Ohne Titel, Eisbohrkern, Institut für Umweltgeowissenschaften, Forschungsgruppe GLACE, Grenoble, Frankreich, 2017.

Als die Ausstellung konzipiert wurde, war wohl der weltweite Kampf der jungen Leute für griffige Massnahmen gegen den Klimawandel noch nicht so aktuell wie jetzt. Doch scheint es kein Zufall, dass die Demonstrationen und diese Ausstellung gleichzeitig stattfinden. Denn es geht Yann Mingard darum, uns zum Nachdenken aufzufordern und Stellung zu beziehen. Die Schönheiten unseres Planeten wahrzunehmen und zugleich die unüberschaubaren Gefahren zu erkennen – dieser Zwiespalt könnte uns aus dem Gleichgewicht bringen.

Sehr empfehlenswert ist es, sich für die Audioaufnehmen des Künstlers im Kellergeschoss Zeit zu nehmen (leider nur auf Französisch). Eine ausführliche Broschüre zum Mitnehmen steht kostenlos in drei Sprachen zur Verfügung.

Bis 25. August 2019 im Musée de l’Elysée Lausanne.

Titelbild: Yann Mingard, Ohne Titel, Murgang, Illgraben, Schweiz, 2016 (Kapitel Torrential lava).
Alle Bilder © Yann Mingard / Courtesy Parrotta Contemporary Art.

Publikation:
„Everything is up in the air, thus our vertigo“.
Das Buch ist in acht Kapitel unterteilt und führt die Leser an den Abgrund, sowie in die Eingeweide von Felseinbrüchen, zertrümmerten Bäumen und Murgängen;
mit Texten des Schweizer Künstlers Frédéric Moser.
Editions GwinZegal November 2018; 144 Seiten. Zweisprachige Ausgabe Englisch / Französisch ISBN: 979-10-94060-24-7

Erstens kommt es anders, und zweitens…

Finanzplanung 3

Das bisherige Börsenjahr hat die Anleger bereits mehrfach überrascht, positiv wie negativ.

In diesem Jahr ist es besonders schwer, eine Prognose zum Marktverlauf abzugeben. Bereits mehrfach wurden die Marktteilnehmer auf dem falschen Fuss erwischt und mussten ihre Anlagen neu ausrichten. Da stellt sich die Frage, ob ein übermässiger Fokus auf die Tagesaktualitäten überhaupt Sinn macht.

Freud und Leid der Anleger

Die wenigsten Investoren haben Anfang des Jahres mit einer derart guten Entwicklung der Finanzmärkte und insbesondere der Aktienbörsen gerechnet. Marktfreundliche Kommentare der Notenbanken und der Hoffnungsschimmer auf eine baldige Einigung im Handelsstreit sorgten für jubelnde Anleger. Die Wachstumssorgen rund um die Weltwirtschaft traten in den Hintergrund. Gleiches galt für die vielen ungelösten Politrisiken. Neben dem Handelsstreit denken wir an den Brexit oder den italienischen Budgetstreit. Zudem werden die geopolitischen Unruheherde auch nicht weniger. All diese Unwägbarkeiten spielten vorübergehend keine Rolle mehr und die Investoren erfreuten sich an satten Kursgewinnen. Nach den Verlusten zum Ende des letzten Jahres waren diese äusserst willkommen.

Allerdings hatten die Anleger die Rechnung ohne die Unberechenbarkeit von US-Präsident Trump gemacht. In vermuteter Eigenregie hat der Deal-Maker die Hoffnung auf eine baldige Einigung im Handelsstreit mit China durch den überraschenden Erlass weiterer Zölle zerschlagen. Zudem dehnte er seine Angriffsfront auf Mexiko aus. Diese Wendung im Handelsstreit ist den Aktienmärkten nicht gut bekommen und sie haben im Mai mit spürbaren Kursverlusten reagiert. Gesucht waren dagegen sichere Häfen wie erstklassige Staatsanleihen sowie der Schweizer Franken.

Mit den jüngsten Ereignissen rund um die globalen Handelsstreitigkeiten haben sich auch die Wachstumsaussichten für die Wirtschaft eingetrübt. Ursprünglich sind die Ökonomen von einer Belebung in der zweiten Jahreshälfte ausgegangen. Die chinesische Konjunktur sollte dank staatlicher Unterstützung an Dynamik zulegen und so die exportorientierten Regionen wie Europa und Japan mit sich ziehen. Nun sind die Befürchtungen negativer Auswirkungen des Handelskriegs auf die zweitgrösste Volkswirtschaft wieder gestiegen. Bereits in der zweiten Jahreshälfte 2018 sorgten rückläufige Stimmungsindikatoren als Folge der zusätzlichen Handelshemmnisse für Verunsicherung unter den Anlegern.

Auch die Notenbanken sind wieder unfreiwillig in das Zentrum des Marktgeschehens gerückt. Anfang Jahr war ihre plötzliche Zurückhaltung gegenüber der Zinsnormalisierung ein Haupttreiber für die gute Börsenstimmung. Nun werden von einer steigenden Anzahl von Marktbeobachtern sogar wachstumsbelebende Massnahmen gefordert. Die Notenbanken sollen es als Lender of last resort wieder einmal richten und mit zusätzlichen Stimulierungen eine weitere Abkühlung oder gar Rezession der Wirtschaft verhindern. Eine Zinswende sieht definitiv anders aus. Die Renditen sind bereits deutlich gesunken und nehmen die Erwartung baldiger Schützenhilfe der Zentralbanken vorweg.

Was tun?

Wie soll man sich als Anleger nun bezogen auf diesen Meinungsumschwung verhalten? Die jüngsten Ereignisse zeigen einmal mehr, wie sensibel in beide Richtungen die Börse auf den täglichen Nachrichtenfluss reagiert. Es ist beinahe unmöglich, seine Anlagen auf die stetig wechselnden Einflussfaktoren auszurichten. Einerseits werden dadurch unnötig hohe Transaktionskosten generiert. Andererseits ist man mit seinem Handeln meist zu spät, weil sich die jeweiligen Ereignisse unmittelbar in einer Anpassung der Wertpapierpreise niederschlagen. Deshalb gilt es auch bei volatilem Kursverlauf, die mittel- bis langfristige Ausrichtung der persönlichen Anlagestrategie im Fokus zu behalten. Nur so kann basierend auf dem eigenen Risikobudget das langfristige Anlageziel erreicht werden.

Haben Sie Fragen zu Anlagethemen? Zögern Sie nicht, unsere Kundenpartnerinnen oder -partner zu kontaktieren.

 

Machos in der Welt – agile Frauen in der Schweiz

Die Politik, die Wirtschaft, die Gesellschaft treibt allesamt ein Problem um, genauer eine Frage: Dürfen Frauen am kommenden Freitag, am Frauentag, streiken? Dürfen sie am Arbeitsplatz fehlen, dürfen sie ihre Kinder den Vätern überlassen, die dafür am Arbeitsplatz fehlen, dürfen sie die Schule, die Vorlesungen schwänzen? Ja, dürfen sie dieses Instrument des politischen Protestes überhaupt benutzen, selbstbewusst anwenden, auf die Strasse gehen, lautstark skandieren, was in der Gesellschaft, in der Politik, in der Wirtschaft endlich umgesetzt werden soll: die in der Verfassung garantierte Gleichberechtigung? Ja, sie dürfen, ja, sie müssen, sonst wird in der Politik, in der Gesellschaft und in der Wirtschaft nicht verstanden, schon gar nicht umgesetzt, was dringend notwendig ist: eine Gesellschaft, in der alle einander auf Augenhöhe begegnen.

Noch ist die in der Verfassung verankerte Gleichberechtigung nicht umgesetzt, noch verdienen Frauen weniger als Männer, selbst in der hohen Kunst des Filmes erhalten die Frauen weit weniger als die Stars unter den Männern. Also, Frauen geht auf die Strasse!

Noch vor zwei Jahren sah es in der Weltpolitik ganz anders aus. Es machte den Anschein, dass drei Frauen künftig die Welt regieren werden: Hillary Clinton in den USA, Teresa May in Grossbritannien und seit 14 Jahren schon Angela Merkel im grössten europäischen Land, in Deutschland. Die Frauen waren auf dem Vormarsch, die Frauen signalisierten, dass sie nicht in die Schützengräben der Weltpolitik steigen, sondern die westlichen Werte, wie Freiheit, Unabhängigkeit, offene, freie Handelsbeziehungen, die universellen Menschenrechte hochhalten, sie gar weltweit ausweiten wollten.

Doch in den vergangen zwei Jahren geschah Sonderbares: Hillary Clinton konnte zwar die meisten der abgegebenen Stimmen in den USA auf sich vereinigen, doch das US-Wahlgesetz setzte sie auf den zweiten Platz, hinter dem Macho Donald Trump. Teresa May ist zwar noch im Amt, doch in der vergangenen Woche gab sie den Vorsitz ihrer konservativen Partei, den Tories, ab. In Grossbritannien steht immer der grössten Partei automatisch das Amt der Regierungschefin oder des Regierungschefs zu. Teresa May hat sich verheddert, nicht weil sie unfähig war, sondern weil sie glaubte durchsetzen zu müssen, was das Volk knapp beschlossen hatte: den Brexit. Sie blieb stur, statt sich zu wandeln, beispielsweise eine zweite Abstimmung zu wagen, wie dies in der Schweiz beim Frauenstimmrecht selbstverständlich war. Angela Merkels Zeit an der Spitze der deutschen Regierung scheint langsam abzulaufen. Ihre potentielle Nachfolgerin, Annegret Kramp-Karrenbauer, verstrickt sich zunehmend in Widersprüche und scheint sich selber aus dem Rennen um die Erbschaft Merkels herauszunehmen.

Anders die Männer, die in der Weltpolitik mitmischen, allesamt Machos. Der US-Präsident Donald Trump möchte, dass das britische Amt seinem Kumpanen Boris Johnson, quasi seinem Ebenbild, zugewiesen wird, obwohl er als Aussenstehender dazu gar nichts zu sagen hat, sondern zu schweigen hätte. In Ungarn regiert von Gnaden des Volkes Viktor Orban, der sich immer mehr zu einem Autokraten wandelt, genauso wie dies der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan tut, wie dies die polnische graue Eminenz in der Politik, der Präsident der regierenden Partei Polens, Jarosław Aleksander Kaczyńsk, meint vorführen zu müssen. In Italien gebärdet sich Matteo Salvini von der Lega wie ein selbsternannter Regierungschef, obwohl er nur Innenminister ist. Alles Machos, statt besonnene, souveräne Frauen, die in ihrem politischen Handeln ein Ziel verfolgen: das Wohl der Bürgerinnen und Bürger ihres Staates. Einzig in Frankreich hält einer die europäischen Werte hoch, weiss, was die europäische Union in ihrem Innersten zusammenhält: die immerwährende Hoffnung, aber auch Erwartung auf einen gesicherten Frieden nach den grauenvollen Kriegen der Vergangenheit: Emmanuel Macron. Er will mehr, will ein starkes, souveränes Europa, das auf Augenhöhe mit den USA, mit China, mit Putins Russland zu agieren versteht.

Da können wir uns in der Schweiz glücklich schätzen. Unsere neuen Bundesrätinnen Karin Keller Suter und Viola Amherd stehen ihre Frau voll und ganz. Schon jetzt, kaum im Amt, geben sie den Takt an. Karin Keller Sutter in der Europa-, Viola Amherd in der Sicherheitspolitik, unaufgeregt, und souverän. So haben die Frauen am nächsten Freitag beim Frauenstreik auch etwas zu feiern: zwei Bundesrätinnen, die auf Augenhöhe mit den Männern in unserer Landesregierung politische Zeichen nicht nur zu setzen, sondern auch durchzusetzen verstehen.