Start Blog

Vom Band zum Byte

0

Auch Medienkunst braucht Pflege! Eine bröckelnde Farbschicht oder vergilbtes Papier können durch konservatorische Massnahmen gesichert werden. Wie aber gehen Kunstmuseen mit ihren Sammlungen von Medienkunst um? Mit der Ausstellung «Vom Band zum Byte» zeigt das Luzerner Kunstmuseum bis 24. November 2019 den Weg der Digitalisierung von Videosammlungen.

Das Kunstmuseum besitzt zahlreiche Videoarbeiten aus den 1960er- und 1970er-Jahren – damals ein vollkommen neues Medium. Die rasante technische Entwicklung seither hat Filmformate und Abspielgeräte komplett veralten lassen. Mediale Kunst in den Filmformaten 16 mm, 32 mm und Super8, Schallplatten, Musikkassetten, VHS- und Betacam – und U-matic-Videos waren nicht nur technisch, sondern oft auch inhaltlich experimentell und gelten bis heute in vielerlei Hinsicht als Avantgarde.

Die Werke der Künstler werden unter anderem auf Monitoren gezeigt

Dank des mehrjährigen Digitalisierungsprojekts konnte jetzt die Videokunstsammlung für künftige Generationen gesichert werden. Die Ausstellung vermittelt einen Einblick in zeitgemässe Präsentationsformen, wenn das Rattern von Filmprojektoren und das Flimmern von Röhrenmonitoren wegfällt, und fragt nach der Digitalisierung nicht nur von Kunst, sondern auch unseres Alltags.

 Oft mussten alte Abspielgeräte benutzt werden

Die Ausstellung vermittelt  Rückblicke auf bestehende Werke der Künstler Vito Acconci, René Bauermeister, Silvie und Chérif Defraoui, Terry Fox, Jochen Gerz, Jean Otth, Peter Roehr, Roman Signer, Alex Silber, Hannes Vogel, Rolf Winnewisser u.a.

Sie gibt indirekt auch Hinweise, wie man die eigenen Filme in die neue Zeit retten kann. Es wird schon vermutet, dass in vielen Schubladen und Kartonschachteln unzählige Frühwerke schlummern. Wer noch ein Abspielgerät hat, kann sich glücklich schätzen. Wer den Anschluss in die digitale Welt verpasst hat, muss seine Filme von Spezialisten für teures Geld umkopieren lassen.

Eine Lösung kann ich beispielswese mit dem HD-Film-Scanner Sumikon für Super 8-Filme empfehlen. Dabei werden alle Bilder eines Films fotografisch erfasst und auf einer USB-Karte gespeichert. Die verschiedenen Geschwindigkeiten des Videos kann man am besten mit dem Programm Final Cut Pro bearbeiten und synchronisieren.

Die in der Ausstellung gezeigten Werke können nicht unterschiedlicher sein. So erteilt Vito Acconci in einem hypnotisierenden Redefluss Anweisungen an seine Partnerin Kathy Dillon, die auf dem Bildschirm gegenüber zu sehen ist. Die Position der Monitore erweckt den Eindruck, dass sie direkt miteinander kommunizieren.

René Baumeisters Werk ist geprägt von der Neugier für neue Techniken und Geräte. Oft untersucht er mit einem Augenzwinkern die Eigenschaften der Apparate. Mit Support-surface thematisiert er das Fernsehgerät als Minitheater, in dem die Figuren des Films agieren.

Silvie und Chérif Defraouizeigens: zwei Filme zeigen den Vollmond, während der regelmässige Blitz an einen Leuchtturm erinnert. Seiten aus Kolumbus Tagebuch sind zu Schiffchen gefaltet, die in Flaschen schweben.

Terry Fox dokumentiert eine Serie von Experimenten mit alltäglichen Haushaltsgegenständen: eine Schale, Besteck, Zündhölzer, Kerzen und eine Zwiebel. Mit präzisen, reduzierten Bewegungen inszeniert er momentane Skulpturen und Balanceakte.

Jochen Gerz Dragon’s Dreams sind Dokumentationen von Performances, die er vor Publikum aufführte. Am Schluss ist Applaus zu hören, teilweise treten Fotografen ins Bild. Die Performances finden in einem bühnenartigen Setting statt.

Die Seiten aus Kolumbus Tagebuch sind zu Schiffchen gefaltet, die in Flaschen schweben

Jean Otth ist fasziniert von neuen Technologien zur Bildproduktion. Auf der U-matic-Kassette sind zwei Filme. Der erste zeigt ein eine experimentelle Studiosituation, der zweite dokumentiert eine Performance des Künstlers 1979 in den Räumen des Kunsthauses Luzern.

Peter Roehrs Prinzip ist die Montage, egal ob er Skulpturen, Bilder oder Filme schafft. Er verwendet ausschliesslich gefundenes Material, seien das industrielle Objekte, Bilder oder Filmausschnitte. Wie Andy Warhol kommt er aus der Werbegrafik.

Roman Signer ist bekannt für seine explosiven Aktionen. Oft finden diese jedoch ohne Publikum statt. Ihre Bekanntheit verdanken sie den Super-8-Filmen, die davon gedreht und per VHS-Kassetten und später per DVD verbreitet werden.

René Bauermeister, Hommage à Duchamp, 1976, U-matic, Ton, Kunstmuseum Luzern

Alex Silber spielt auch wie Vito Acconci in seinem Video das Lied der Heimat mit Körper und Körperlichkeit. Die verschiedenen Szenen werden musikalisch strukturiert: Led Zeppelin, langsame, beruhigende Musik von Brian Eno und ein Kinderchor mit dem Volkslied «Morge früeh wenn d’Sunne lacht».

Hannes Vogel’s Videoaufzeichnungen zur Präsenz fragt, was ist Sein, was Schein? Die eingesetzten Mittel sind einfach. Sie bestehen aus einer getönten Glasplatte, der Person des Künstlers, einer Taschenlampe und einer Eigenschaft der Röhrenkamera.

Rolf Winnewisser: Statt zu Tagebuch und Stift greift er zur Super-8- oder 16mm-Filmkamera. Er dokumentiert die Entstehung von Werken, von Malereien und insbesondere Trickfilmen. Zwischendrin wird das Publikum mit auf eine Achterbahnfahrt genommen.

Fotos: Josef Ritler

Ernten, säen, pflanzen und planen

0

Der September ist für alle, die einen Garten, ein kleines Stück Land oder auch nur einen wohlbepflanzten Balkon besitzen, ein ganz besonderer Monat. Zum einen kann nun geerntet werden, was eine Saison lang gehegt und gepflegt wurde. Zum andern wird jetzt dafür gesorgt, dass es im nächsten Jahr wieder bunt wird in den Blumenbeeten.

Der September ist der Monat der ü̈ppigen Sträusse, der süssen Früchte, der duftenden Kräuter. Der ganze Reichtum einer Sommers kann jetzt genossen werden. Im Gemüsegarten warten die dicken Kürbisse darauf, geschnitten zu werden, die Tomaten sind dunkelrot und schmecken nie so gut wie sonnenwarm direkt vom Strauch gepflückt, und die Bohnen fü̈llen ganze Körbe. Apropos Bohnen: Wenn die Stauden abgeerntet sind, sollten sie nicht ausgerissen, sondern nur über dem Boden abgeschnitten werden. Die Bohne ist, wie alle Leguminosen, ein Stickstoffsammler: An ihren Wurzeln bilden sich kleine Knötchen, die nachfolgenden Kulturen auf dem Beet als erste Düngung dienen.

Kinderzimmer im Garten

Denn im September wird nicht nur geerntet, sondern auch neu geplant, gesät und gepflanzt. Deshalb ist er ein ganz besonderer Monat. Einer, in dem Abschied und Neuanfang ganz nahe beieinander liegen. Wer jetzt nicht an den nächsten Frühling denkt, der verpasst eines der ganz grossen Gartengefü̈hle, die Vorfreude. Wie schön ist es, ein gerade frei gewordenes Gartenbeet fein herzurichten, in Rillen die Samen von Rittersporn, Fingerhut, Malven oder der altmodischen, zierlichen Bartnelken zu säen und sich dabei die wunderbaren Sträusse vorzustellen, die sich mit den Blü̈ten im nächsten Sommer zaubern lassen.

Denn die jetzt ausgesäten «Zweijährigen» blü̈hen, wie es ihr Name sagt, erst im nächsten Sommer. Sie können aber im Herbst, wenn sie zu kleinen Pflänzchen herangewachsen sind, bereits an ihren endgültigen Standort in den Blumenbeeten versetzt werden.

Cosmeen lassen sich ganz leicht vermehren: Die reifen Samenstände einfach schütteln und im nächsten Jahr wachsen viele kleine Pflänzchen. Einen Teil der Samen aber unbedingt für Distelfinke und andere Vögel stehen lassen.

Einfacher ist es, sie in einer geschützten Gartenecke mit etwas Abstand zueinander zu pflanzen. Dann kann, wenn der Winter sehr frü̈h kommt oder sehr kalt wird, der «Kindergarten» leicht mit Tannästen abgedeckt werden. Im nächsten Frühling kann man sich in dieser Ecke immer dann bedienen, wenn irgendwo im Garten eine Lücke entstanden ist.

Die Barkeeper-Methode: Einfach kräftig schütteln

Noch einfacher ist es allerdings, jetzt, wenn die Zweijährigen Samen angesetzt haben, diese direkt um die Mutterpflanzen zu verteilen, also einfach kräftig zu schütteln. Bei Akelei und Cosmeen geht das ziemlich einfach, zumal die Schnecken diese Jungpflanzen weitgehend verschonen. Bei der Akelei kann man so die schönsten Überraschungen erleben. Sehr oft warten sie mit ganz neuen Farben auf. Plötzlich stehen da dann zartblaue oder rosarote Exemplare, wo sie doch im Vorjahr nur dunkelblau/violett geblüht haben. Auch Cosmeen bleiben nicht immer sortenrein. So werden aus reinweissen Blüten im Folgejahr oft die altbekannten, tiefrosa Sorten. Dafür wachsen sie kräftig heran und blühen bis tief in den Herbst hinein. Und das ganz ohne Aufwand.

Frühlingsversprechen

Im September müssen auch die Knollen und Zwiebeln der Frühlingsblüher in den Boden. Wer sich im Frühling an Schneeglöckchen, Krokussen, Tulpen und Narzissen freuen will, der muss sich jetzt bücken. Doppelt so tief, wie sie dick sind, sollen die Zwiebeln gepflanzt werden, heisst eine Faustregel. Wer Mäuse im Garten hat, setzt sie noch etwas tiefer und streut zuunterst etwas Sand in das Pflanzloch. Das schätzen die Nager nicht – knirscht wohl zwischen den Zähnchen. Ansonsten kann nach Lust und Laune gepflanzt werden.

Schneeglöckchen im September? Indirekt schon. Denn jetzt müssen ihre Zwiebelchen in den Boden. Darauf achten, dass diese noch prall und rund sind, sonst treiben sie im Frühling nicht aus.

Die einen verteilen die Blumenzwiebeln spontan zwischen die anderen Pflanzen, andere gestalten kleine Tulpeninseln, Schneeglöckchengruppen oder Krokusnestchen. Die erste Methode hat den Vorteil, dass nach der Blüte die einziehenden Blätter der Einzelpflanzen weniger stören, bei der zweiten Art ist dafür der optische Effekt während der Blü̈te grösser.

Ideal ist es, wenn die Pflanzen im Boden belassen werden können und so nach und nach verwildern. Sie tauchen dann zwar an den unmöglichsten Orten wieder auf. Keine Ahnung, ob ihre Samen jeweils verschleppt werden oder ob Mäuse oder anderes unterirdisches Getier jeweils Blumenzwiebelverstecken spielen. Aber diese Entdeckungen im Frühling sind doch lustig, so eine Art florales Ostereiersuchen.

Aber noch ist es nicht so weit. Jetzt kommen zuerst die Wintermonate. Im Boden aber schlummern sie alle schon, die Frü̈hlingsversprechen.

Ein Wegbereiter vernetzten Wissens

0

Den Wissenschaftlern, die sich mit Geologie und Geografie beschäftigen, die Zusammenhänge zwischen Klima, Höhenlage und Pflanzenvorkommen untersuchen und wie das alles mit dem Leben der Tiere und Menschen zusammenhängt, wurde erst vor kurzem bewusst, dass ihnen schon vor 200 Jahren jemand vorgearbeitet hat: Alexander von Humboldt.

Vor 250 Jahren wurde in Berlin einer der bemerkenswertesten Gelehrten der letzten beiden Jahrhunderte geboren: Alexander von Humboldt. Zusammen mit seinem älteren Bruder Wilhelm erhielt er eine damals standesgemässe und umfassende Ausbildung in allen Wissensbereichen, die man im Zeitalter der Aufklärung für junge Heranwachsende als unabdingbar erachtete. Schon da zeigte sich die Eigenart, ja die Eigenwilligkeit des jungen Alexander. Während sein Bruder mühelos das genaue Schema der von Carl von Linné geschaffenen Pflanzensysteme lernte, sträubte sich der jüngere gegen diese in seinen Augen zu lineare Einteilung.

Wer Humboldts Forscher- und Erkundungsreisen nachgeht, erkennt schon da, dass dieser junge Mann weder zu faul noch zu wenig gescheit war – ganz im Gegenteil! Humboldt suchte Zusammenhänge zwischen Pflanzenfamilien und -gemeinschaften, die vorher noch gar nie beachtet worden waren. Humboldts Anschauungen sind seiner Zeit weit voraus. Erst in der modernen Geografie, Geologie und Biologie betrachten die Wissenschaftler ein Forschungsthema in allen seinen Aspekten: Es entsteht die Wissenschaft der Ökologie.

Humboldt 1807 in Berlin. Zeichnung von Frédéric d’Houdetot / commons.wikimedia.org

Es ist ein Privileg der wohlsituierten Familie, dass Alexander seinem Forscherdrang folgen kann. Er setzt dafür das Erbe seiner Mutter ein. Nach der Rückkehr von seiner epochalen Reise in die neue Welt lebt er in Paris, wo er von den Gelehrten schon ungeduldig erwartet wird, und arbeitet sein umfangreiches Material auf. Er veröffentlicht seine Forschungsergebnisse auf Französisch, ausgezeichnete Sprachkenntnisse gehörten zu Anforderungen an einen Gebildeten seiner Zeit.

Als sein finanzieller Rückhalt dahinschmilzt, bittet er um eine Anstellung beim preussischen König, die ihm gewährt wird. Wir können uns vorstellen, dass er als königlicher Kammerherr in Berlin nicht mit Aufgaben überladen war. – Hier jedoch begann sein Ruhm nicht nur in Gelehrtenkreisen, sondern bei allen wissbegierigen Bürgerinnen und Bürgern. Alexander von Humboldt hielt regelmässig Vorträge über seine Reiseerfahrungen und hatte damit einen unerwarteten Zulauf. Weniger seine Bücher machten ihn bekannt, sondern seine Berichte vom Leben auf fernen Kontinenten. – Er muss ein begnadeter Erzähler gewesen sein. Auch die Veröffentlichung seiner Reiseberichte stiess auf ein enorm grosses Echo, in mehr als 1’200 Zeitungen und Zeitschriften erschienen sie.

Alexander von Humboldt und sein Begleiter Aimé Bonpland, Botaniker, am Fuß des Vulkans Chimborazo, Gemälde von Friedrich Georg Weitsch (1810) / commons.wikimedia.org

Es sind verschiedene Aspekte, die heute noch unsere Bewunderung hervorrufen. Ausser seinem Blick auf das Ganze, auf die Zusammenhänge in Biologie und Geografie verfügte Humboldt auch über sehr gute geologische Kenntnisse. Als junger Mann hatte er an der Bergakademie Freiberg / Sachsen studiert und dort zum ersten Mal Forschungen an Pilzen angestellt, die in den Bergwerksstollen wuchsen, ungewöhnlich für einen angehenden Bergingenieur. Viele seiner Kenntnisse hatte er sich im Selbststudium angeeignet. Stets suchte er sich Freunde, die sein Wissen ergänzen konnten. Daneben war Humboldt ein begabter Zeichner. Die graphischen Darstellungen von Landschaft, Vulkanen beispielsweise und dem Bewuchs von Pflanzen oder seine Zeichnungen der Bewohner im Amazonasgebiet sind auch heute noch als Pionierarbeiten bewundernswert.

Humboldts Zeichnung: Vulkan Chimborazo und Angaben, wo welche Pflanzen wuchsen. Abbildung aus „Ideen zu einer Geographie der Pflanzen nebst einem Naturgemälde der Tropenländer“, Paris 1805 (Zentralbibliothek Zürich)

Was Humboldt in seinem langen Leben – er starb 1859 in Berlin – zusammentrug und dokumentierte, war eine Enzyklopädie des Wissens. Erst heute, seit das vernetzte Denken nicht nur in den Wissenschaften gepflegt wird, erkennen wir das Genie dieses Forschers. Seine Werke lassen sich keineswegs in wenigen Absätzen zusammenfassen. In diesen Tagen erschien eine neue Ausgabe aller seiner Werke: Alexander von Humboldt. Sämtliche Schriften. Berner Ausgabe 2019.

Für Laien fassbar wird Humboldts Werk und Persönlichkeit in einem äusserst sorgfältig gestalteten Buch Botanik in Bewegung, verfasst und zusammengestellt von Oliver Lubrich, dem Herausgeber des Gesamtwerkes, und dem Botaniker Adrian Möhl. Das Werk, erschienen im Haupt Verlag, besticht durch seinen Inhaltsreichtum, die ausführliche Dokumentation – und nicht zuletzt durch seine gute Lesbarkeit.

Die Autoren beschränken sich auf die Botanik und führen die Lesenden – Kapitel um Kapitel – durch Humboldts verschiedene Lebensstationen. Wir folgen ihm auf seinen Reisen auf die Kanarischen Inseln, wo ihn der Drachenbaum fasziniert, nach Havanna auf Cuba, ins Amazonasgebiet und den Norden Südamerikas und später auch auf seiner zweiten grossen Reise durch das zaristische Russland und Sibirien. Besonders hervorzuheben ist, dass dieses Buch auf seinen 272 Seiten den Kosmos Humboldtscher Erfahrungen genau und leicht verständlich darstellt, ohne auf Wesentliches zu verzichten. Dazu enthält es einerseits viele graphische Darstellungen von Humboldt selbst oder von Zeitgenossen andererseits verschiedene Wiedergaben von Gemälden des grossen Forschers – Humboldt wurde zu seinen Lebzeiten nicht selten portraitiert.

Die nur in Kalifornien einheimische Lilienart Lilium humboldtii ist nach Alexander von Humboldt benannt. / commons.wikimedia.org

Das letzte Kapitel „Nachwirken“ zeigt auf, dass Humboldts zukunftsgerichtete Arbeiten sich ohne seine Absicht auch ins Negative wenden konnten: Er entdeckte nämlich die grosse Fruchtbarkeit von Guano. Zuerst wurden Felseninseln im Pazifik durch das Sammeln dieses Möwenkots zerstört und zugleich entstand die Kunstdüngerindustrie – mit den bekannten schädlichen Folgen für Böden und Gewässer. Erst heute begreifen wir allmählich, welche Folgen Eingriffe in ökologische Zusammenhänge nach sich ziehen.

In Südamerika blieb Humboldt seit seinen Reisen ein berühmter Mann. Ein Berggipfel, zahlreiche Pflanzen und Lebewesen tragen seinen Namen. Er war Simon Bolivar noch in Europa begegnet und unterstützte dessen Unabhängigkeitsbestrebungen – zum Missfallen konservativer und katholischer Kreise in Europa.

Humboldt-Pinguine  © Olaf Oliviero Riemer /commons.wikimedia.org

Schliesslich ist auch Humboldts zweite grosse Forschungsreise zu erwähnen: durch Russland und Sibirien. Humboldt war von der Vegetation weniger beeindruckt, sie erschien ihm zu ähnlich dem heimatlichen Brandenburg. Da sein Erbe aufgebraucht war, musste der Forscher sich die Reise vom Zaren finanzieren lassen. Das hatte unangenehme Folgen: Er durfte sich zu gesellschaftlichen Missständen nicht äussern. Immerhin äusserte er am Ende einige brisante Verbesserungsvorschläge: “ . . . vor allem die Abholzung von Wäldern erhöht den Schadstoffausstoss und verringert die Niederschlagsmenge“, und zwar, wie er sagte, führe das zu einem Klimawandel, nicht nur lokal und vorübergehend, sondern grossräumig und langfristig. Das legte Alexander von Humboldt am Ende seiner Reise in einem Vortrag in St. Petersburg dar – vor 190 Jahren.

Titelbild:  Alexander von Humboldt, Gemälde von Friedrich Georg Weitsch, 1806 / commons.wikimedia.org

Interessenvertreter statt Parlamentarier

0

Das kann ja heiter werden. Am 20. Oktober wählen wir ein neues Parlament. Die Medien haben den Wahlkampf bereits seit Wochen eröffnet. Auf jede Arena folgt in den nächsten Wochen wohl die nächste Ausgabe, in der sich die Spitzen der Parteien präsentieren, auch streiten können. Und in dieser Woche sind gar alle Informationssendungen des Schweizer Fernsehens eigens dem Ständerats-Wahlkampf gewidmet. Das Konzept überzeugt tatsächlich. Jede Wählerin und jeder Wähler kann sich informieren, kann sich ein Bild machen, bekommt Informationen geliefert, um sich eine eigene Meinung zu bilden, kann ihre/seine festgefahrene Überzeugung hinterfragen, sofern sie/er das will und eben die Lust und die Zeit dafür aufzubringen bereit ist.

Und es lohnt sich. Greifen wir doch einfach die letzte Arena auf, in der das Thema Gesundheit zur Diskussion stand. Ein Thema, das beim Sorgenbarometer der Schweizer Bevölkerung immer wieder ganz weit oben, wenn nicht zuoberst rangiert.

Die Vertreterinnen und Vertreter der wichtigsten Parteien lieferten nämlich weit mehr als sie wollten, was sie sich wohl vorgenommen hatten: nämlich Transparenz. Josef Dittli, Ständeherr aus dem Kanton Uri, bezieht als Curafutura-Vertreter 140’000 Franken im Jahr, Lorenz Hess, BDP-Nationalrat aus dem Kanton Bern, ebenfalls 140’000 Franken als VR-Präsident der Krankenkasse Visana. Ruth Humbel, CVP-Nationalrätin aus dem Kanton Aargau, ist mit 11 Mandaten im Gesundheitswesen d i e Lobbyistin im Nationalrat schlechthin und bezieht als VR-Mitglied der Concordia-Krankenkasse 32’000 Franken. Sie alle fühlen sich ihren Mandatsgebern gegenüber nicht verpflichtet. Im Gegenteil. Josef Dittli meinte, er habe schon gegen die Interessen seiner Organisation gestimmt. Ja, sie würden eben Sachverstand in die Gesundheitskommission bringen und bar jeder Interessenbindung agieren.

Barbara Gysi, SP-Nationalrätin aus dem Kanton St. Gallen, hielt dagegen; sie werde immer wieder mit Papieren aus eben diesen Organisationen bedient, „gar bombardiert“. Thomas Aeschi, Fraktionschef der SVP im Nationalrat, als einziger nicht Gesundheitspolitiker in der Runde, verwies auf seinen Kollegen Ulrich Giezendanner, der als Fuhrunternehmer „ein blendender Gesundheitspolitiker“ sei. Aber eben: Als Unternehmer ist auch Giezendanner ein Interessenvertreter. Und Aeschi selbst macht das Problem eh nur an den Ausländern fest. Für ihn kommen zu viele ausländische Ärzte in der Schweiz. Und die Ausländer in der Schweiz würden eben zu oft zum Arzt gehen, weil sie eine andere Mentalität hätten. Eine bescheidene Argumentation für einen studierten Wirtschaftswissenschaftler und Unternehmensberater in Strategie-Fragen.

Aber interessant: Die „Sachverständigen“, wie sie sich selbst bezeichnen, brachten in den letzten über 10 Jahren keine Gesundheitspolitik zustande, die in die Zukunft führt. Sie blockierten sich gegenseitig, sie vertraten entweder die Interessen der Krankenkassen oder der Ärzteschaft, der Kantone, der Spitex-Organisationen oder der mächtigen Pharmaindustrie – für Organisationen, Institutionen, Körperschaften also, für die sie jeweils stehen und gar bezahlt werden.

Und inhaltlich war die Arena mehr als bescheiden. Weder die CVP-, noch die SP-Initiative zur Gesundheitspolitik, noch die angedachte neue Finanzierung der ambulanten, beziehungsweise stationären Behandlungen fanden Zustimmung. Im Gegenteil: Das altbekannte Hickhack ging sofort von Neuem los.

Und heiter wird es wohl, weil all die Votanten in der Arena wieder Einzug im Nationalrat halten werden. Sie werden sich weiter paralysieren, weiter ihre Interessen vertreten und sich nicht zu einem gemeinsamen Vorgehen entschliessen können. Das Geld blendet eben doch. Da ist tatsächlich guter Rat teuer.

Und wir? Wenn wir wieder Parlamentarierinnen und Parlamentarier wählen, die weder innovativ noch unabhängig sind, so sind wir mitverantwortlich am Stillstand in der Gesundheitspolitik. Schauen wir also genauer hin.

Nebenbei: Trost spendete mir der Artikel „Warum Christian Levrat die Maturfeier seiner Tochter nicht verpasst hat“, erschienen in der Samstag-Ausgabe der NZZ. Ueli Maurer fuhr nämlich Levrats Auto nach Bern.

Der Glanz der Unsichtbaren

0

Der Spielfilm «Les invisibles» von Louis-Julien Petit öffnet Augen und Ohren für eine Gruppe randständiger Frauen und randständiger Sozialarbeiterinnen: eine unterhaltsame und ernsthafte Tragikomödie.

Lady Di, Edith Piaf, Salma Hayek, Brigitte Macron: Die meisten der Besucherinnen des Tageszentrums für wohnungslose Frauen «L’Envol» nennen sich nach prominenten Vorbildern. Das Haus, der einzige Ankerpunkt ihres prekären Alltags, steht vor der Schliessung. Es sei nicht effektiv genug, meint die Stadtverwaltung. Drei Monate bleiben den Sozialarbeiterinnen Manu, Audrey, Hélène und Angélique, um ihren Schützlingen wieder auf die Beine zu helfen. Diese ziehen kräftig mit. Nachdem die Stadt auch noch ein von den Frauen bewohntes Zeltcamp am Sportplatz räumen lässt, bleibt nur noch «L’Envol» als heimliche Unterkunft, in der Betreuerinnen und Betreute jetzt mit ungeahntem Schwung eigene Wege und Methoden zur Reintegration entwickeln. Von jetzt an sind alle Mittel erlaubt.

Der Spielfilm «Les invisibles» des französischen Regisseurs Louis-Julien Petit ist Komödie und Tragödie in einem – und genau diese Mischung ist für das, was er zeigen will, adäquat. Die meisten Rollen spielen Frauen, die genau solche Erfahrungen gemacht haben, ergänzt durch professionelle Schauspielerinnen in den Rollen der Sozialarbeiterinnen. Solche Authentizität ist angebracht in einer Zeit, in der die «gilets jaunes» für die Rechte der Arbeiter auf die Barrikaden steigen. Schmunzeln und Lachen helfen, dass die harten Tatsachen und verborgenen Wirklichkeiten beim Publikum ankommen.

Anpacken ist gefragt

Anmerkungen von Louis-Julien Petit

Im August 2014 gab mir Claire Lajeunie ihr Buch «Sur la route des invisible» zum Lesen, das sie während der Arbeit an ihrem Film über obdachlose Frauen geschrieben hatte. Das Buch überraschte mich, weil es nichts von dem spröden soziologischen Ton hatte, den man bei diesem Thema erwartet hätte. Im Gegenteil: Ich durfte in eine sehr menschliche Geschichte mit vielen tragikomischen Elementen eintauchen. Die Frauen in diesem Buch waren unglaublich komplex, berührend und oft auch sehr lustig, trotz ihrer dramatischen Lebenswege. Ich habe das Buch in zwei Stunden gelesen, und am Ende wusste ich, dass ich daraus einen Film machen wollte.  

Ein Jahr lang verbrachte ich damit, mich mit Menschen zu treffen, die in der Sozialarbeit tätig sind, überwiegend Frauen, und mit obdachlosen Frauen in verschiedenen Unterkünften in Frankreich zu sprechen. Mir wurde bald klar, dass ich mich in meinem Film auf das tägliche Miteinander dieser zwei Frauengruppen konzentrieren wollte, die in der Gesellschaft «unsichtbar» sind: Man sieht sie nicht, weder die einen noch die anderen. Je mehr ich in dieses Milieu eintauchte, desto grösser wurde mein Bedürfnis, es in seiner ganzen Härte abzubilden.

Gemeinsames Feiern

Aus einem Interview mit dem Regisseur

Frauen ohne Obdach: Die Unsichtbaren: Ich wollte die Rollen der wohnungslosen Frauen mit nicht-professionellen Darstellerinnen besetzen. Wir organisierten deshalb einige Monate vor Drehbeginn ein grosses Casting mit dem Ziel, Frauen zu finden, die auf der Strasse gelebt hatten, ehemals obdachlose Frauen, die mittlerweile ihre Situation verändert hatten oder in Wohnheimen lebten. Der Frauenanteil unter den Obdachlosen in Frankreich liegt, was kaum jemand weiss, bei 40 %. Wir bekommen das oft nicht mit – auch weil die Frauen sich verstecken, um vor der Gewalt der Strasse geschützt zu sein. Sie tarnen sich, sie werden sozusagen unsichtbar. Ich bat alle Teilnehmerinnen, sich den Namen einer Frau auszusuchen, die sie bewunderten. Das führte dazu, dass wir später beim Dreh ihre wirklichen Namen eigentlich gar nicht kannten: Für uns hatten sie die Namen, die sie sich ausgesucht hatten, Edith (Piaf), Brigitte (Macron), Lady Di, Simone (Veil), Marie-Josée (Nat), Mimie (Mathy). Dank der Möglichkeit, sich nach einer anderen Persönlichkeit zu benennen, rückte die Anwesenheit der Kamera für sie in den Hintergrund, und sie fanden den Mut, absolut authentisch zu sein. Am Ende entschieden wir uns in der Besetzung der obdachlosen Frauen nur für zwei Profi-Schauspielerinnen: Sarah Suco als Julie und Marie-Christine Orry als Catherine, die beiden Figuren, die an die realen Vorbilder aus Lajeunies Dokumentation und Buch angelehnt sind.

Die Sozialarbeiterinnen: die anderen Unsichtbaren. Wir kennen noch andere «unsichtbare Frauen»: Diejenigen, denen nicht dabei geholfen wird, anderen zu helfen. Wir sprechen selten über sie, wir sehen und hören sie fast nie, und dennoch gehen sie Tag für Tag der Sisyphus-Aufgabe nach, anderen zu helfen. Viele von ihnen haben sich, trotz allem, den Glauben daran bewahrt, dass eine soziale Wiedereingliederung, ein Neuanfang möglich ist. Egal, ob sie ehrenamtlich oder professionell arbeiten, meistern diese Sozialarbeiterinnen eine enorm schwierige Aufgabe. Als das «L’Envol» vor der Schliessung steht und einer ungewissen Zukunft entgegenblickt, erfinden sie ihren Beruf ausserhalb des Systems neu und widmen sich einem Kampf, der ihnen nicht nur richtig erscheint, sondern ihre Schützlinge plötzlich in einem ganz neuen Licht erscheinen lässt – auf Augenhöhe.

Die Sichtbaren: Ich wollte mit dem Film von jenen Frauen erzählen, die von der Gesellschaft ausgeblendet werden, und jenen, die tagtäglich bei ihnen sind. Ich wollte zeigen, dass sie trotz der Rückschläge, die sie auf ihrem Weg erlitten haben, auch ein Leben vor der Strasse hatten: Eine Arbeit, Talente, Träume – und dass sie nichts von ihrer Persönlichkeit, ihrer Würde, ihren Wünschen und ihren Träumen eingebüsst haben. Diese Frauen sind eine Ode ans Leben. Sie haben mir unglaublich viel Kraft gegeben, und in der Arbeit mit ihnen habe ich gelernt, unglaublich viele Dinge zu relativieren.

Gespräch auf Augenhöhe

Eine heutige Comédie humaine

Nur selten wechseln sich in einem Film die Ereignisse und Befindlichkeiten – Erfolge und Misserfolge, Heiterkeit und Trauer – dermassen häufig und immer schneller wie in «Les invisibles». Der Film will möglichst viel davon einfangen, was bei den gezeigten Frauen schlummert und gelegentlich ausbricht, bei den Sozialhilfe-Empfängerinnen wie den Sozialarbeiterinnen: welche Freuden sie erleben, welche Hoffnungen sie beflügeln, welche Enttäuschungen sie niederdrücken, welche Resignation sie lähmt. Wie Balzac im 19. Jahrhundert mit seiner «Comédie humaine» mit realistischen, romantischen und philosophischen Romanen und Erzählungen meisterhaft ein Bild seiner Zeit gemalt hat, so versucht Louis-Julien Petit mit seinem filmischen Mosaik mit lustigen, traurigen, ernsten, verspielten, widersprüchlichen, komplexen, anregenden und sinnierenden Episoden das Bild einer heutigen Wirklichkeit zu malen. Speziell an diesem Film scheint mir zudem, dass seine Geschichten an Orten spielen, die normalerweise «unsichtbar» sind. Diese Welt zeigt er uns mit Feingefühl und Humor – in ihrem Glanz und ihrer Menschlichkeit.

Titelbild: Im Vordergrund die professionellen Schauspielerinnen/Sozialarbeiterinnen Manu, Audrey, Angélique und Hélène, dahinter die Laiendarstellerinnen/Sozialhilfe-Empfängerinnen 

Regie: Louis-Julien Petit, Produktion: 2019, Länge: 102 min, Verleih: Frenetic

Carl Spitteler zu Ehren

0

Carl Spitteler erhielt 1919 den Nobelpreis für Literatur – als bisher einziger Schweizer. Ist eine Sondermarke wert!

Die Grafikerin Bea Würgler und Ständerat Hans Stöckli enthüllen am 5. September in der Schweizerischen Landesbibliothek die Sondermarke der Schweizerischen Post. Sie erscheint zu Ehren von Carl Spitteler (1845-1924), der als bisher einziger Schweizer vor 100 Jahren den Nobelpreis für Literatur erhalten hat. Überall in der Schweiz und vor allem am 14. September in Luzern, dem langjährigen Wohnort des in Liestal geborenen Schriftstellers, gedenkt man dieses Ereignisses, gesteuert vom Verein «Carl Spitteler – 100 Jahre Literaturnobelpreis 1919-2019».

Spannend ist, dass der schwedischen Jury des Literaturnobelpreises vor allem ein nicht literarisches Werk von Carl Spitteler Anlass zur Beschäftigung mit seinem Werk gibt, die Rede vor der Neuen Helvetischen Gesellschaft nämlich, mit welcher er am 14.12.1914 für die Bewahrung der Neutralität der Schweiz und für einen geschlosseneren Zusammenhalt der Schweizer der verschiedenen Landesteile und Sprachen eintrat. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs neigten die Romands eher der französischen Partei zu, die Deutschschweizer eher der deutschen, was zu binnenschweizerischen Spannungen führte. Spittelers Rede bleibt nicht ohne Wirkung und findet weit herum im In- und Ausland Beachtung. Das regt unter anderen auch das Nobelpreis-Komitee zur Beschäftigung mit weiteren Werken des Schweizers an, vor allem mit Spittelers Hauptwerk, dem Olympischen Frühling, aber auch mit seinem Roman Imago.

Das Sujet der Marke, Kraft der Worte, ist also dem ganzen Vorgang um die Verleihung des Literatur-Nobelpreises höchst angemessen. Die Briefmarke, doch auch das Leben und die Werke von Carl Spitteler würdigen der Präsident des Patronat-Vereins, Gerhard W. Matter, Kantonsbibliothekar Baselland, Hans Stöckli, Vizepräsident des Ständerats und Mitglied im Patronatskomitee des Vereins, Kurt Strässle, Kultur- und Partner-Management der Schweizerischen Post, Marie-Christine Doffey, Direktorin der Schweizerischen Nationalbibliothek und Irmgard Wirtz Eybl, Leiterin des Schweizerischen Literaturarchivs. Magnus Wieland zeigt einzelne Kostbarkeiten des von ihm im Schweizerischen Literaturarchiv betreuten Nachlasses. Es handelt sich dabei um Manuskripte, die beweisen, dass Carl Spitteler ein fleissiger Briefschreiber mit vielen familiären, persönlichen und erweiterten Kontakten gewesen ist. Auch weitere Einzelheiten aus dem Bereich dieser Nachlassverwaltung finden lebhafte Aufmerksamkeit.

Magnus Wieland mit seinen aufmerksamen Zuhörern vor der Vitrine mit den interessanten Briefmanuskripten. 

Bea Würgler (Gestalterin) und Ständerat Hans Stöckli enthüllen die Sondermarke

Spitteler – ein Leseheft. Herausgegeben vom Verein Carl Spitteler – 100 Jahre Literaturnobelpreis», Liestal 2019. 64 Seiten.(Bild fv).

Der Verein verdient Anerkennung nicht nur mit den schweizweit organisierten Gedenkveranstaltungen. Mit der Herausgabe eines schmalen Leseheftes regt er zur «Neuentdeckung eines Literaturnobelpreisträgers» an.. Es enthält die erwähnte berühmte Rede Unser Schweizer Standpunkt. Von den bekannten kürzeren Werken sind Erstdrucke vorhanden: Xaver Z’Gilgen (1888), Das Kässtechen (1890) und Ei Ole (1887).

 

 

Übrige Bilder: (c) Joel Sames

Über weitere Veranstaltungen im Rahmen dieses Jubiläums und über Carl Spitteler, sein Leben und sein Werk informiert folgender Link: https://www.spitteler.ch
Die erwähnten Brief-Manuskripte finden sich hier: Spittelers Briefe

 

40 Jahre Hans Erni Museum

0

Das Hans Erni-Museum auf dem Gelände des Verkehrshauses der Schweiz in Luzern zeigt mit über 300 Werken auf mehreren Etagen einen Querschnitt durch das umfassende Werk des renommierten Schweizer Malers, Grafikers und Plastikers. Am 13. September 2019 wurde in Anwesenheit geladener Gäste  aus Politik, Wirtschaft und Kultur das 40. Jubiläum des Hans Erni-Museums gefeiert.

Doris Erni vor dem Selbstbildnis ihres Mannes (1946)

Mit dabei war Doris Erni, die Witwe des im Jahre 2015 im Alter von 106 Jahren verstorbenen MalersNach seinem Tod verschwand das Interesse an Ernis Schaffen. Die federführende Hans-Erni-Stiftung will nun mit ergänzenden Ausstellungen und Buchpublikationen die Faszination beim Publikum wieder neu entfachen.

Dem Künstler, der das berühmte im Landesmuseum Zürich gelagerte Landibild geschaffen hatte, wurde in den 1930er-Jahren das Leben schwer gemacht. Er wurde als Kommunist verschrien, von der Bevölkerung und den Institutionen geächtet. Doch die Vielfalt und Qualität seiner Arbeiten setzten sich durch.

Er gestaltete zahlreiche Lithografien, etwa 300 Plakate und mehrere Wandbilder, illustrierte 200 Sachbücher, literarische Werke und schuf Entwürfe für etwa 90 Briefmarken sowie 25 Medaillen. Er gestaltete Reserve-Banknoten und 2009 die amtliche 50-Franken-Goldmünze 100 Jahre Pro Patria.

Die öffentlichen Arbeiten machten ihn international bekannt. Sein stets waches Interesse an gesellschaftlichen, politischen und ökologischen Belangen, sein Einsatz für Frieden, soziale Gerechtigkeit und Naturschutz schlugen sich in seinen Arbeiten nieder. Die Publikationen zum 40-jährigen Bestehen des Hans-Erni Museums vermitteln erstmals einen Überblick über den abwechslungsreichen Bestand der Sammlung der Hans Erni-Stiftung.

Das Museum im Verkehrshaus, umgeben von einem Teich mit seltenen Pflanzen und mit Figuren von Erni ist eine Augenweide.


Im Parterre fällt die Vermischung von Kunst und Technik auf. Neben Bildern des Künstlers stehen alte Autos wie der Tatra T87 aus der Tschechoslowakei, Jahrgang 1937, einem sportlichen Reisewagen mit luftgekühltem Heckmotor, der zu den ersten in Serie hergestellten Personenwagen mit einer Stromlinien-Karosserie gehörte. Die Ausstellung erinnert daran, dass man sich auf dem Areal des Verkehrshauses befindet.

Eines der Wandbilder im Auditorium mit dem geigenden Einstein (rechts)

Im obersten Stockwerk  bilden die eindrücklichen Wandbilder im Auditorium einen Anziehungspunkt besonderer Art, wie beispielsweise der Geige spielende Einstein.

          
Ente im Schilf                                                               Kein Ei gleicht dem anderen 1998

Der transparente Bau ist Sitz und lebendiges Zentrum der Hans Erni-Stiftung, die zum 70. Geburtstag des Künstlers 1979 gegründet wurde. Die Ausstellung will Ernis zentrales Anliegen, das sein gesamtes Schaffen prägt, deutlich vor Augen führen, nämlich: unsere durch Wissenschaft und Technik vielfach verfremdete Welt über die künstlerische Interpretation begreiflicher machen.
Mit Wechselausstellungen auch anderer Künstler und Künstlerinnen wird Ernis vielfältiges Schaffen in den Kontext seiner und unserer Zeit gestellt.

Fotos: Josef Ritler


Sammelkatalog Hans Erni-Stiftung ISBN 978-3-86442-293-5

Das Interview für Seniorweb mit Hans Erni im Jahre 2014

https://seniorweb.ch/2014/05/30/hans-erni-ist-eine-offenbarung/

Miteinander-reden tut auch heute Not!

0

Wir feiern dieses Jahr 100 Jahre Literatur-Nobelpreis von Carl Spitteler.

Carl Spitteler ist bis heute der einzige Schweizer, der einen Literatur-Nobelpreis erhalten hat. Das war 1919. Carl Spitteler war ausgezeichnet worden für sein fünfbändiges mythologisches Vers-Epos, dem «Olympischen Frühling». Bekannt wurde er aber vor allem für seine sehr staatspolitische Rede: «Unser Schweizer Standpunkt», die er, fünf Jahre zuvor, 1914, zu Beginn des 1. Weltkrieges in Zürich gehalten hatte. Er rief die drei Sprachgruppen auf zum Miteinander-reden. Miteinander-reden sollten vor allem die Deutschschweizer mit den Welschen. Denn viele Menschen in der Romandie hatten sich in der damals auch für die Schweiz sehr kritischen Zeit den Franzosen zugewandt. Und noch viel mehr Deutschschweizer waren überzeugte Anhänger der Deutschen und schauten mit feindlichem Blick auf Frankreich. Die Tessiner richteten ihren Blick südwärts. Das Land war gespalten; es drohte zu zerreissen. Die Rede Spittelers war ein Appell für eine innere Einigung, für ein dringend nötiges Zusammenrücken.

Heute leben wir zwar wieder in einer heiklen Zeit, aber, zum Glück wenigstens in unseren Breitengraden, nicht in einem Kriegszustand. Die Sprachenfrage in unserem Land ist aber in einer anderen Art (als 1914) noch immer virulent.

Mit der Einwanderung von bei uns Arbeitenden aus unzähligen europäischen und aussereuropäischen Ländern ist die Sprachenvielfalt gewachsen. Wir haben nicht nur mehr vier Landessprachen. Die Menschen hier sprechen unzählbar viele Sprachen, auch wenn Deutsch und Französisch und Italienisch (und ein bisschen auch Rätoromanisch) die amtlichen Sprachen sind und die Volksschule seit je her, also auch heute, eine grossartige Integrationsinstitution für alle und speziell die 2. Generation ist. Noch nie aber wurden so viele Übersetzer und Kulturvermittler gebraucht und engagiert wie heute: in Spitälern, für die Eltern in den Schulen, im Gesundheitswesen, in Gefängnissen usw. Das Zusammenleben ist unbestritten komplexer geworden, als es anfangs des 20. Jahrhunderts war.

Diese Tatsache, dass wir in der heutigen globalisierten Welt mit Menschen vieler Kulturen zusammenleben, empfinden viele Einheimische als nicht so einfach. Für viele Schweizer ist ein Zusammenrücken zwischen Einheimischen und Nicht-Einheimischen nicht selbstverständlich – oder sagen wir: undenkbar, sind wir doch eher zurückhaltend und bleiben gerne unter uns. Das führt zu einer Art Teilung der Bevölkerung nicht mehr nur zwischen angestammten Sprachgruppen, sondern zwischen Ausländern und Einheimischen. Wir weichen einander aus, suchen sicher – von beiden Seiten – nicht das Gespräch, wir bleiben quasi unter uns; ja, jede Gruppe bleibt sogar quasi unter sich. Das kann, wenn man ein bisschen über die Nasenspitze hinausschaut, keine gute Entwicklung sein.

Wäre es nicht ratsam, wenn wir Einheimische vermehrt auf die sogenannt «Anderen» zugingen? Nicht penetrant uns hervortun, aber wenn die Situation es erlaubt, ein freundliches Wort wechselten? im Tram oder im Bus jemandem den Vortritt liessen und mit dem guten Vorbild vorangingen? mit einem Bitteschön oder Dankeschön? – ja, wenn wir uns nur schon anlachten oder uns freundlich anschauten! Es hälfe, viele unschöne Vorurteile zu bekämpfen. Denn nur in der Begegnung, indem wir ein Wort miteinander austauschen, können Antipathie und Voreingenommenheit abgebaut werden. Ein freundliches Wort kostet ja nichts! Der Austausch von Höflichkeiten wäre aber ein Anfang für ein Reden-miteinander, welcher wiederum der Integration sehr förderlich wäre. Und wir Einheimischen würden etwas von unserer eigentlich liebenswürdigen Kultur vorleben und weitergeben, und würden für eine nächste heranwachsende Generation von Secondos nicht als eher muff und unnahbar gelten. Und für die «Nicht-Einheimischen» könnte vielleicht ein Gefühl des Dazugehörens wachsen. Staatspolitisch wäre das alles nicht unbedeutend! Denn das dauernde Gefühl des Nicht-Dazugehörens führt zu Frust und Unzufriedenheit. Und Frust und Unzufriedenheit in der Bevölkerung destabilisieren eine Demokratie in gehörigem, in ungutem Mass.

Deshalb, aus staatspolitischen Überlegungen, betrachte ich das Reden-miteinander (zwischen uns und Anderssprachigen), das Knüpfen von Kontakten über die sprachlichen Barrieren hinweg, als sehr wichtig. Das ist zwar nicht einfach. Aber wir wissen, dass sich die Bemühung um die sogenannt «Anderen», die nicht weniger als ein Viertel der gesamten Bevölkerungszahl ausmachen, eigentlich lohnen wird.

Und wenn uns die falsche Idee kommen könnte, dass ja die «Anderen» auf uns zukommen könnten, dann sei hier betont: Der erste Schritt ist von uns Einheimischen gefordert. Denn es ist nun mal so, dass der Stärkere auf den Schwächeren oder der Vertreter der Mehrheit auf den Vertreter der Minderheit zugehen muss, um eine Begegnung, um ein Miteinander zu ermöglichen. Dahinter steckt die Erfahrung, dass so Ressentiments und Unzufriedenheit der Minoritäten überwunden werden können.

Wir wissen es alle: Eine Demokratie lebt davon, dass das Miteinander-reden gepflegt wird: zwischen den Sprachgruppen, den Religionen und Konfessionen, den Arbeitnehmern und Arbeitgebern, den Linken und den Rechten, den Grünen und den Nicht- oder Weniger-Grünen, den Ausländern und den Einheimischen, den Alten und Jungen, der Mehrheit und den Minderheiten. Und wir wissen auch, dass, wenn der Austausch, das Sich-Zuhören und Erwidern, das Sich-Akzeptieren und den Kontakt-suchen nicht mehr stattfinden, unsere Demokratie mit der Zeit nicht mehr funktioniert.

Bundesratswahl auf Nebenschauplätzen

0

Was passiert bei einer Bundesratswahl auf den Nebenschauplätzen? Der Zuger Fotograf Christian Herbert Hildebrand begleitete im Jahre 2015 den Kandidaten Thomas Aeschi nach Bern. Aeschi wurde nicht gewählt. Die Bilder stellt der Fotograf jetzt im Zentrum Sonnhalde in Menzingen ZG aus.

Voller Hoffnung startete die Delegation am 9. Dezember 2015 morgens um 5 Uhr in Zug. Es waren Politiker, Ehrendamen, Freunde und Bekannte, die den jungen, aufstrebenden SVP-Hoffnungsträger unterstützen wollten. Man konnte ja nie wissen. Als Deutschschweizer Kandidat für einen zweiten Bundesratssitz stand Thomas Aeschi auf dem offiziellen SVP-Wahlticket. Gewählt wurde schliesslich Guy Parmelin als Nachfolger der zurückgetretenden Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf.

Thomas Aeschi (v.l.) Nadja Pieren und Albert Rösti beim Alphornblasen

Hildebrand hatte sich für diesen Anlass die neue Leica-M Monochrom, die derzeit einzige digitale Schwarzweiss-Kamera, ausgeliehen. Die Kamera verzichtet auf die üblichen Farbfilter, sie zeichnet lediglich in höchster Auflösung Helligkeitsinformationen auf.

Im Kornhauskeller traf der Fotograf Christian H. Hildebrand den telefonierenden Adolf Ogi / Foto: Josef Ritler

In Bern wechselten die Schauplätze. Vom Bahnhof zum Bundeshaus, vom Café Fédéral bis zum Kornhauskeller, wo sich im Laufe des Tages Adolf Ogi, Ueli Maurer, Guy Parmelin und Thomas Aeschi aufgehalten haben.

Die SVP-Bundesräte Ueli Maurer und Guy Parmelin mit dem Samichlaus (Felix Müri)

Hier entstanden die spannenden und intimen Momentaufnahmen.

Bundesratswahl 9.12.2015 in Bern. Eine Reise nach Bern abseits der grossen Medienpraesenz.

Guy Parmelin, Ueli Maurer und Adrian Amstutz feiern den Wahlsieg

Christian Herbert Hildebrand hat sein Geschäft «fotozug.ch» in Allenwinden ZG, wo auch Thomas Aeschi aufgewachsen ist. Neben Reportagen, Hochzeiten und Industriefotografie, ist er auch als Lehrer in Fotoklassen tätig.

Fulminanter Start in die neue Spielsaison

0

Die neue Intendanz am Schauspielhaus Zürich startet mit zwei höchst gelungenen Inszenierungen in die neue Spielsaison: mit dem Jugendstück «Flex» (Regie: Suna Gürler) in der Schiffbau-Box und mit «Wunschkonzert» von Franz Xaver Kroetz (Regie: Yana Ross) in der Schiffbau-Halle.

Ein mehrtätiges Festival zur Eröffnung wurde von den beiden neuen Intendanten Benjamin von Blomberg und Nicolas Stemann versprochen. Programmiert sind gleich acht Inszenierungen der sieben Hausregisseurinnen und -regisseure, je vier im Pfauen und Schiffbau. Hinzu kommt eine Sonnenlichtinstallation von Alexander Giesche, die seit 24. August an verschiedenen Orten in Zürich gezeigt wird. Motto des Auftakts: «Hallo Zürich, it`s a pleasure to meet you!».

Zu sehen sind nicht neue, sondern bestehende Inszenierungen, mit denen sich die neue Regiecrew in Zürich vorstellt. Es sind Geschichten, die teils weit gereist sind und auf vielen Kontinenten zu sehen waren, Geschichten «von woanders, um Resonanzen mit dem Hier zu erzeugen». Gestartet wurde im Schiffbau mit den beiden Inszenierungen «Flex» und «Wunschkonzert», zwei Aufführungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: die eine laut und erfrischend, die andere stumm und bedrückend.

Heiteres Spiel um Mann-Frau-Stereotypie

«Flex» ist ein Jugendstück (2015 am Basler Jungen Theater uraufgeführt), basierend auf Interviews und nach Texten von Laurie Penny und anderen mehr. Sechs junge Mädchen arbeiten an einem Magazin, hinterfragen die gängigen Rollenbilder und Verhaltensmuster. Sie wollen herausfinden, wer sie eigentlich sind und wie sie wirklich sein könnten. Und das tun sie auf heitere, erfrischende Art und Weise. Auf Stühlen vor einer breiten Glaswand sitzend reflektieren sie über ihr Aussehen, über gängige Schönheitsideale, wie sie in der Werbung und über YouTube-Kanälen millionenfach verbreitet werden, über Sex, Angst und Furcht vor Männern. Sie wehren sich gegen die übermächtige Mann-Frau-Stereotypie, hadern mit Erwartungshaltungen, die sie nur schwer abstreifen können, plädieren für ein geschlechtsloses Menschenbild.

Energiegeladen hinterfragen die sechs Spielerinnen die gängigen Rollenbilder. (Foto: Gina Folly)

Regisseurin Suna Gürler zeigt eine energiegeladene Inszenierung voller aufmüpfiger Dialoge, gepaart mit synchron choreografierten Tanz- und Akrobatikeinlagen und untermalt mit harten Popklängen. Die sechs Spielerinnen (Lea Agnetti, Anna Lena Bucher, Alina Immoos, Elif Karci, Noemi Steuerwald, Antoinette Ulrich) schlüpfen in verschiedene Rollen, parodieren in gekonnter Manier vorhandene Verhaltensmuster, so jenes der Körperrasur, auf die selbstbestimmt verzichtet werden soll, hinterfragen in klugen Ping-Pong-Dialogen die von Geburt an erworbenen Verhaltensmuster, die es auszumisten gilt. Dabei sind sie ständig in Bewegung, vollführen laufend stimmige Kapriolen, die jugendlichen Übermut bezeugen. Rundum, geboten wird ein eindringliches Gegenwartstheater, das auf höchst amüsante Art mit gängigen Rollenbildern aufräumt. Dafür gabs am Zürcher Premierenabend tosenden Applaus.

Der Alltag einer einsamen Frau

Es ist Abend. Eine Frau betritt allein ihr winziges Appartement, bestehend aus Wohnstube mit Bettsofa, Küche und Bad. Sie packt verschiedene Einkäufe aus, versorgt sie im Kühlschrank und in Schubladen, füllt die Waschmaschine, schaltet den Fernseher ein, später das Radio, bereitet sich ein mickriges Abendbrot, blättert in Werbeprospekten, geht aufs WC, dann in die Wohnstube, hantiert mit dem Laptop, geht zu Bett, steht wieder auf, schluckt mehrere Schlaftabletten und verschwindet im Dunkeln. Das Publikum steht dicht gedrängt um das von allen Seiten einsehbare Appartement in der Hallenmitte, verfolgt jede Bewegung der Frau aus nächster Nähe.

Steif und verloren: Danuta Stenka als einsame Frau am Küchentisch. (Foto: Ketty Bertossi)

Zelebriert wird in «Wunschkonzert» von Franz Xaver Kroetz (2016 an den Wiener Festwochen uraufgeführt) der gewöhnliche Alltag einer einsamen Frau mittleren Alters, die unerwartet Suizid begeht. Gesprochen wird in der Inszenierung von Yana Ross kein einziges Wort, die Aufführung lebt von einfachen Handlungen und Handreichungen. Man könnte gelangweilt sein, nicht so beim intensiven Spiel der polnischen Schauspielerin Danuta Stenka. Mit versteinerter Mine mimt sie die einsame, ordnungsliebende Lady, höchst konzentriert besorgt sie die alltäglichen Geschäfte, nur einmal wippt sie beschwingt zur Wunschkonzert-Musik im Radio, ansonsten strahlt sie nur Steifheit und Verlorenheit aus. Einfach grossartig, wie Danuta Stenka ohne Worte die vereinsamte Dame spielt. Das ist hohe Schauspielkunst. Unter den Besuchern macht sich tiefe Betroffenheit breit. Entsprechend verhalten war der Schlussapplaus.

Weitere Spieldaten: Flex: 29., 30. September, 2., 4., 5., 6., 27., 28. Oktober; Wunschkonzert: 18., 20., 21., September, 7., 9., 10., 11. Oktober