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Aktualisierte Leitlinie zu Harninkontinenz

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Inkontinenz ist ein Tabuthema. Vor allem ältere Menschen verlieren ungewollt Urin – etwa beim Husten – oder schaffen es nicht mehr rechtzeitig auf die Toilette. Schätzungen zufolge sind rund 40 Prozent der über 70-Jährigen inkontinent. Entsprechend viele ältere Patienten werden deswegen behandelt. Die Arbeitsgruppe Inkontinenz der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) hat dieser Notwendigkeit nun Rechnung getragen.

In akkurater Detailarbeit hat die Gruppe rund 500 Studien zusammengetragen, gesichtet und mit Blick auf die Anwendung auf ältere Patienten bewertet. Die Ergebnisse wurden jetzt in einer aktualisierten Leitlinie zu Harninkontinenz veröffentlicht.

„Wir haben in der interdisziplinär besetzten Arbeitsgruppe nach monatelanger Arbeit jetzt eine Leitlinie erarbeitet, die den behandelnden Ärzten ganz klare Handlungsempfehlungen mit auf den Weg gibt“, sagt Professor Andreas Wiedemann, Leiter der DGG-Arbeitsgruppe und Chefarzt der Urologischen Klinik am Evangelischen Krankenhaus Witten. Als Beispiel nennt er die Harnblasen-Langzeitdrainage: „Es ist erstmals fest definiert, dass ein Blasenkatheter zur Inkontinenzbehandlung erst dann erlaubt ist, wenn alle anderen Therapien nicht anwendbar oder gewünscht sind. Bislang wurden Katheter vorschnell gelegt“, sagt Wiedemann.

Empfehlungen gezielt für geriatrische Patienten erarbeitet

Es ist die bislang einzige deutschsprachige Leitlinie zu diesem Themenkomplex. Diese schlägt eine Bresche durch den Studiendschungel. „Viele Studien-Autoren definieren ältere Patienten allein durch das Alter 65+. Das greift aber zu kurz“, erklärt Wiedemann. „Ein geriatrischer Patient hat meist mehrere Krankheiten – und er ist deutlich älter, nämlich über 75 Jahre. Zudem gibt es Unterscheide zwischen Mann und Frau. Wir haben daher alle Studien-Ergebnisse genau geprüft, ob sie für geriatrische Patienten überhaupt relevant sind.“ So sind beispielsweise operative High-End-Methoden wie die sakrale Neuromodulation, sogenannte „Blasen-Schrittmacher“, für geriatrische Patienten nicht geeignet.

Besonders wichtig ist dagegen das Toilettentraining. Unter diesen Sammelbegriff fallen verschiedene Methoden. Dies kann der Gang zur Toilette zu festen Zeitpunkten sein. Aber auch die regelmässige Frage, ob der Betroffene Harndrang verspürt, ist eine wichtige Interventionsmassnahme. So wird die Aufmerksamkeit des Patienten auf die Blase gelenkt.

Selbst gebrechliche ältere Menschen mit kognitiven oder körperlichen Einschränkungen sprechen auf diese Form des Verhaltenstrainings gut an – und die Methoden sind frei von Nebenwirkungen. Allerdings ist hier die kontinuierliche Unterstützung der Pflegenden – Angehörige, Partner oder Pflegepersonal. gefragt,.

Fokus auf Nebenwirkungen von Medikamentenpixa

Ein weiterer Schwerpunkt der Leitlinie ist die Untersuchung von Nebenwirkungen breit eingesetzter Medikamente aus dem internistischen oder hausärztlichen Bereich. So können beispielsweise bestimmteAntidepressiva die Blase blockieren und sollten entsprechend nur nach sorgfältiger Abwägung angewendet werden. Aber auch klassische Medikamente gegen Inkontinenz dürfen bei geriatrischen Patienten nur mit Bedacht eingesetzt werden. So verändern manche dieser sogenannten Anticholinergika die Kognition (Wahrnehmungsfähigkeit) und können zu einem erhöhten Sturzrisiko führen – ein fatales Risiko für hochbetagte Patienten.

Kosten werden transparent gemacht

Eine Besonderheit der Leitlinie ist, dass sie die Kosten der unterschiedlichen Behandlungsmassnahmen klar benennt. In einem zunehmend teurer werdenden Gesundheitssystem ist dies ein wichtiger Wegweiser für die Klinik oder den niedergelassenen Hausarzt beziehungsweise den Urologen. Dabei ist wichtig zu wissen: Die Kosten für die Erstellung der Leitlinie wurde von den Mitgliedern der Arbeitsgruppe komplett selbst getragen – ein Sponsoring durch Medizin- oder Pharmaindustrie fand nicht statt.

Interdisziplinäre Arbeitsgruppe aus Geriatern und Urologen

An der Erarbeitung der Leitlinie waren sowohl Geriater als auch Urologen beteiligt – einige davon sind klinisch tätig, andere sind niedergelassen. „Durch die interdisziplinäre Arbeit wurde wirklich jeder Aspekt von unterschiedlichen Blickwinkeln aus beleuchtet“, betont Wiedemann. „Allen Arbeitsgruppen-Mitgliedern gemeinsam war: Wir sind praktisch tätig und haben täglich mit inkontinenten Patienten zu tun. Ich bin daher sicher, dass die Leitlinie eine wertvolle Arbeitshilfe für alle Kolleginnen und Kollegen sein wird, die geriatrische Patienten behandeln.“

Dieser Beitrag ist im Deutschen Gesundheitsportal erschienen und wurde übernommen.

Oper in Gummistiefeln auf Schlauchbooten

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Ungewöhnlich ist die Inszenierung der Oper «Lieder von Krieg und Liebe» von Claudio Monteverdi im Luzerner Theater. Er hat etliche Madrigale über die Leidenschaft komponiert, die Liebe und Krieg gleichermassen anfacht. Die Protagonisten kämpfen in Gummistiefeln auf Schlauchbooten um ihr Leben.

Der Theaterabend beginnt in der im Sommer 2016 neugebauten «Box» neben dem Luzerner Theater nicht mit einem Vorhang – sondern mit laut knatternden Storen. Rechts vom Publikum öffnet sich die Box, direkt zur Strasse hin. Dahinter: die gleichmütig plätschernde Reuss. Und Touristen aus allen Ecken dieser Welt.

Sie beobachten neugierig das seltsame Treiben: Drei Männer und zwei Frauen, in strengen, schwarz-weissen Anzügen gekleidet, schnappen sich ein Schlauchboot und tragen es hinein in die Box, hinauf auf die Bühne – oder doch hinaus aufs offene Meer? So genau weiss man das nicht, und es spielt auch keine Rolle: Auf wackeligem Boden stehen die Protagonisten dieses Abends ohnehin. Denn es geht um nichts weniger als um die enge Verwandtschaft von Liebe und Krieg. Ihr gemeinsamer Antrieb: die Leidenschaft.

«Lass sie von der Liebe erzählen, von Zankereien und dem ersehnten Frieden, wenn zwei Seelen mit einem einzigen Gedanken vereint sind», singen die Männer und Frauen auf italienisch in diesem engen Boot.

Kinder schleppen weitere Schlauchboote in die Box, nehmen Platz und rudern auf dem vermeintlichen Meer.

Alle sitzen in einem Boot

Ja, sie alle sitzen in einem Boot, gemeinsam einsam. Sie stellen an diesem Abend Menschen und Götter dar, sind alle angetrieben von ihren Leidenschaften, sind stets auf der Suche nach der Liebe – die nicht selten auf den Irrwegen des Krieges abhandengekommen ist. Davon handeln die Madrigale dieses Abends, komponiert von Claudio Monteverdi, dem Wegbereiter der Oper, dem Meister des Theatergesangs, der 1638 in seinen mehrstimmigen Madrigalen die Grenze zwischen reiner Hörkunst und gemischter Szene mit Musik, Theater und Tanz immer weiter ausweitet.

Der Dirigent Howard Arman und der Regisseur Dominique Mentha haben fünf von Claudio Monteverdis Madrigalen zu einer Szenenfolge zusammengeführt. 70 Minuten lang hören wir Lieder über die Liebe und Lieder über den Krieg, denn die Nähe zwischen beiden, die ist den Menschen schon lange bekannt.

Claudio Monteverdi war nicht der erste, der beides in Musik verhandelt hat, aber einer, der Liebe und Krieg programmatisch auf das Titelblatt einer seiner Madrigalsammlungen gesetzt hat: «Madrigali guerrieri et amorosi» heisst der Titel zu seinem 8. Madrigalbuch, und aus dieser Sammlung stammen alle Gesänge und Szenen dieses Luzerner Theaterabends.

Ja, manche Szenen sind bereits bei Monteverdi angelegt: Im «Ballo delle Ingrate» (Der Tanz der Undankbaren) schreibt Monteverdi szenische Anweisungen, wann die Seelen der undankbaren Frauen, die ihre Liebhaber nicht erhört haben, aus der Hölle emporsteigen und zu tanzen beginnen sollen – um dann wieder hinabzusteigen, als Mahnung an alle Frauen, die sich der Liebe zu verweigern scheinen – aus Stolz, aus Ehre, oder aus Eigenliebe.

Und im «Combattimento di Tancredi e Clorinda» beschreibt ein Erzähler singend die Handlung so minutiös, dass man sie auf der Bühne bloss umzusetzen braucht: den Kampf zweier Feinde, die erst nach dem Todesstoss erkennen, dass sie einst ein Liebespaar waren – und dass eine der beiden Männer-Rüstungen den Körper einer Frau verborgen hat.

Filmreife Szenen

Bei den Kampfszenen zwischen den Booten geht es beängstigend zu und her. Diana Schnürpel ist eine der beiden Kämpfenden, Clorinda. Sie trägt Schoner und Polster unter ihrem Kostüm, so intensiv, so echt ist ihr Kampf mit Alexandre Beuchat als Tancredi. Sie ist ausser Atem, erzählt von blauen Flecken, trotz der Schoner. Doch das zeugt von ihrer Leidenschaft, der Leidenschaft fürs Theaterspielen. «Es ist sehr anspruchsvoll, diese lange Kampfszene», sagt sie. «Vor allem, wenn man dabei noch singen muss.»

Für Diana Schnürpel ist die Musik Claudio Monteverdis eine besondere Herausforderung: «Wir singen selten dieses Repertoire», sagt sie, «und es stellt ganz andere Anforderungen an unsere Stimmen. In romantischen Opern wird viel mehr Klang und Melodie von der Stimme verlangt, hier aber muss man die Stimme gerade führen, sehr viel mit dem Text arbeiten – die Stimme wird wie ein Instrument behandelt.»

Doch das mindert nicht die Lust an dieser alten Musik: «Es macht sehr viel Spass, von Anfang an. Musikalisch ist Monteverdi die Quelle der Oper – ich finde es toll, dass wir das machen dürfen», sagt Diana Schnürpel.

Dirigent Howard Arman hat schon viel Erfahrung mit Monteverdi gesammelt und gibt sein Wissen an das Gesangsensemble weiter – und er weiss um die Modernität dieser Musik: «Monteverdi greift in diesen Madrigalen zu musikalischen Mitteln, die es vorher eigentlich noch nie gegeben hat», sagt Howard Arman. «Die verliebte Art zu singen, die gab es bereits – aber nicht die kriegerische. Monteverdi musste dafür einen neuen Terminus erfinden: den «stile concitato»».

Damit meint Howard Arman scharf gezupfte Stellen im Orchester oder Akkorde, die ein dutzend Mal hintereinander angeschlagen werden. «Damals hat man das nicht verstanden: Ein Akkord ist ein Akkord, warum braucht man das dutzend Mal hintereinander?» Der Grund ist die extreme Gefühlslage, die Monteverdi damit zeigen wollte: «Das treibt die Situation auf die Spitze, es erhöht die Aufregung. Und diese Art von Intensität wollen wir auf die ganze Produktion ausbreiten.»

Glorinda/Venus (Diana Schnürpel) liegt nach dem Kampf erschöpft im Boot

Regisseur Dominique Mentha geht es  um Liebe und Krieg, aber nicht nur um die Konfrontation mit dem Kampf, der Flucht auslöst und auch unsere Liebe-Suchenden auf der Bühne stranden lässt. Sondern auch um die abstrakten Situationen, die Monteverdi in seinen Madrigalen erzählt und die sich in der Gegenwart ganz ähnlich wiederfinden.

«Der Krieg ist leider eine Leidenschaft des Menschen», sagt Dominique Mentha, «und diese Madrigale sagen uns viel über diese Leidenschaft. Doch auch die Liebe wird mit derselben Leidenschaft verfolgt – und davon handeln diese Madrigale.»

Eine spezifische Botschaft möchte Dominique Mentha aber nicht ans Publikum richten. Er spricht vielmehr von einer 70-minütigen Meditation, die auf der Bühne das Verhältnis von Krieg und Liebe verhandelt, mit fast 500 Jahre alter Musik – eine Musik, von der Dominique Mentha überzeugt ist: «Diese Musik ist nicht sentimental – sie tröstet uns“.

Alle Fotos: Ingo Hoehn/Luzerner Theater

 

Weitere Spieldaten:

19., 20., 27., 31., Oktober

02., 06., 09.. 10., 14., 16., 17., November

Wenn Flüsse in die Luft gehen

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Dem klimatischen Gleichgewicht in Südamerika dienen fliegende Flüsse. Sie bringen Wasser aus den Amazonas-Regenwäldern in weit entfernte Gegenden. „Fliegende Flüsse“, eine Ausstellung der Stiftung Aquatis in Lausanne, zeigt die Dringlichkeit von Schutzmassnahmen für dieses einzigartige Ökosystem.

Mit einem Leichtflugzeug über den Regenwald gleiten, dicht über den ausladenden Kronen der Baumriesen, dazwischen unzählige Wasserläufe – Gérard Moss und seine Frau Margi taten das nicht zum blossen Vergnügen, sondern sie flogen mit ihrem speziell eingerichteten Wasserflugzeug immer wieder, um auf die vielfältigen Umweltprobleme aufmerksam zu machen. Sie unterstützten damit ein Projekt des brasilianischen Umweltforschers Antonio Nobre.

Klimaregulation durch Feuchtigkeit

Bei Flügen über den Amazonas war Moss aufgefallen, dass sich mancherorts in gewissen Luftschichten Wasserkorridore bildeten. Im Jahre 2007 traf er einen der führenden Klima- und Umweltforscher Brasiliens Antonio Nobre. Daraufhin riefen die beiden gemeinsam das Projekt rios voadores „Fliegende Flüsse“ ins Leben. Während ungefähr zehn Jahren untersuchte eine Gruppe Wissenschaftler dieses damals noch wenig bekannte Phänomen und die Rolle der Fliegenden Flüsse für die Klimaregulierung. Die Sonderausstellung im AQUATIS Aquarium und Vivarium Lausanne zeigt nun die Ergebnisse dieser Forschungen anschaulich und mit faszinierenden Aufnahmen.

Wie breite Nebelwände steigt die Feuchtigkeit nach oben, wo Passatwinde sie weitertragen.

Dass die Fliegenden Flüsse gerade über dem Amazonasgebiet entstehen, ist kein Zufall. Hier verstärken sich verschiedene Phänomene gegenseitig: In den tropischen und subtropischen Breiten über dem Atlantik ist die Verdunstung besonders intensiv. Die Passatwinde laden sich mit Feuchtigkeit auf und tragen sie weiter. Andererseits verdunstet auch in den Amazonas-Regenwäldern eine riesige Menge Wasser, kondensiert in der Höhe und fällt als Niederschlag wieder auf die Erde. Gleichzeitig sinkt der Luftdruck. Durch die Passatwinde wird dieses flache Tiefdruckgebiet wieder aufgefüllt. Damit gelangt der Wasserdampf vom Atlantik ins Amazonastiefland.

Ein gigantischer Wasserkreislauf

Dort entstehen die Fliegenden Flüsse. Sie werden von den Winden in Richtung Anden gelenkt, wo ein Teil des Wassers als Regen fällt, weitere Anteile dieses Wasser direkt im Amazonas landen. Ein grosser, wichtiger Teil dieser Feuchtigkeit, als Nebel oder Wolken sichtbar, wird nach Süden abgelenkt und verursacht auch ausserhalb des Amazonasgebietes Niederschläge – unabdingbar für diese Gegenden, die ohne diese Fliegenden Flüsse viel trockener und weniger fruchtbar wären. Wohin diese Wolken und Nebel weiterziehen und welche Auswirkungen sie ausserhalb Südamerikas haben, muss noch erforscht werden.

Wenn die Feuchtigkeit aufsteigt, entstehen phantastische Formen.

Ohne die Baumriesen in den Regenwäldern könnten sich die Fliegenden Flüsse nicht bilden. Alle Pflanzen bauen Zuckermoleküle aus CO2 und Wasser – die Photosynthese. Dabei werden für ein Molekül Kohlendioxid 400 Moleküle Wasser abgegeben. Dadurch wird der Regenwald zum grössten Vernichter des klimaschädlichen CO2 und zugleich zum gewichtigsten Produzenten des für Pflanzen und alle Lebewesen dringend benötigten Wassers. – Wenn es die Amazonas-Regenwälder nicht gäbe, legte Antonio Nobre voller Überzeugung dar, würden alle Anstrengungen, CO2 zu reduzieren: Abgasreduktion, Verzicht auf Ölheizungen, Apparate zur Umwandlung von CO2 usw., nicht ausreichen, die Erderwärmung zu stoppen.

Brennender Regenwald

Durch einen grossen Baum, dessen Krone einen Durchmesser von 20 Metern besitzt, können täglich an die 1’000 Liter Wasser fliessen. Aufgrund der Verdunstung über die Blätter der Bäume entsteht eine grössere Menge Wasser als der grösste Strom der Erde fasst, erklärte Nobre bei der Eröffnung der Ausstellung. Der Amazonaswald ist das reichste und vielfältigste Reservoir der Welt. Seine Tier- und Pflanzenwelt ist noch nicht vollständig erforscht. Ebenso wenig Konkretes weiss man über die Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem – und nicht nur das Südamerikas, wie der Umweltbiologe betont, sondern weltweit.

Wiederaufforstung ist Schutz vor Erderwärmung

Die Regenwälder wirken sowohl als Klimaanlage wie auch als Stabilisator des Klimas. Die Bäume dienen als Luftfilter, – nirgends ist die Luft so rein wie im Wald, hören wir von Antonio Nobre. Das gleiche gilt für das Wasser, die Wurzeln der Bäume machen den Boden porös, so dass das Regenwasser die Erde von Schadstoffen befreien kann. Das von den Bäumen aufgesaugte Wasser fällt als Regen zurück und kann andernorts dazu beitragen, Stauseen, die der Energiegewinnung dienen, wieder aufzufüllen. Wälder, wo immer sie wachsen und besonders die tropischen wie der Amazonaswald, regulieren klimatische Extreme durch ihre Fähigkeit, grosse Mengen Wasser aufzunehmen und konstant und regelmässig abzugeben.


Gerodeter Regenwald wirkt wie eine Wunde – der Boden ohne die Bäume ist wenig fruchtbar.

Im Juli dieses Jahres veröffentlichten Wissenschaftler der ETH eine Studie, wie Bäume das Klima retten könnten. Nobre kennt diese Studie und befürwortet sie. Er ist überzeugt, dass Bäume dem Klimaschutz viel effizienter dienen können. Allerdings müssten verschiedene Aspekte beachtet werden: Es müssten die richtigen Baumarten ausgewählt werden, der junge Wald müsste gepflegt werden, damit die gepflanzten Bäume gedeihen könnten. Nobre erzählt, dass in China eine grosse Anzahl Bäume gepflanzt worden war, jedoch eine beträchtliche Menge schnell verdorrt sei. Wichtig ist auch die Wahl des Ortes: Steppen und Dürrezonen seien am geeignetsten. Wo der Boden schon grün ist, wo Landwirtschaft betrieben wird, sollte man diese Flächen den Bauern überlassen.

Wer das Leben liebt, den Reichtum und die Komplexität unserer Umwelt bewundert, muss bereit sein, sich für ihren Schutz einzusetzen – so ist Antonio Nobres Engagement und das von Gérard und Margi Moss zu verstehen.

Fliegende Flüsse bis 28. Juni 2020

Das gesamte Aquarium / Vivarium der AQUATIS Stiftung, die grösste europäische Präsentation der Tier- und Pflanzenwelt im Süsswasser, lohnt einen Besuch.

Gérard Moss (nur Englisch)
Prof. Antonio Donato Nobre: «The Future Climate of Amazonia». Wissenschaftlicher Bericht über das zukünftige Klima in der Amazonasregion (Englisch)

Studie der ETH: Bäume pflanzen

Alle Bilder: © Margi Moss – Moss persönliches Archiv

Senioren gehören entsorgt – nein – umsorgt

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Die ersten drei Worte der Titelüberschrift finden sich auf einem Prospekt, der dem Brief für die Geldsammlung der Pro Senectute im Herbst beigelegt ist. Sie sind in weissen Grossbuchstaben auf einen dunkeln Hintergrund gedruckt.

Beim nochmaligen Hinschauen entdecke ich, dass im Wort «entsorgt» die Silbe «ent» mit einer leichten grünen Linie durchgestrichen ist. Nicht sehr energisch durchgestrichen, aber immerhin. Darunter findet sich, ebenfalls in grüner Farbe, die Korrektursilbe: «um». Der in einprägsamen Grossbuchstaben geschriebene Hauptsatz wird so in handschriftlicher Art in leichtem Grünton korrigiert: SENIOREN GEHÖREN UMSORGT.

Im dunklen Hintergrund des Bildes sehe ich eine ältere Frau, die in einem Abstellkämmerchen auf einem vermutlich ausgemusterten Stuhl sitzt. Es können noch weitere Gegenstände erkannt werden wie abgelegte Teddybären, Kleiderpakete, aussortierte Werkzeuge. Es ist eine Frau, die hier sitzt. Natürlich, es gibt ja mehr ältere Frauen als ältere Männer!

Das erste Exemplar dieses Briefes bekam ich per Post. Beim Anblick des Prospektes war ich so schockiert, dass ich ihn zerriss und wegwarf. Der Ausdruck «SENIOREN GEHÖREN ENTSORGT» versetzte mich schlagartig um Jahrzehnte zurück. Bereits als Schulkind und dann als junge Frau hatte ich von den Aktionen des dritten Reiches, der Nazizeit, gehört. Da waren auch Menschen, vor allem Behinderte, «entsorgt» worden. Das damalige Entsetzen stieg wieder auf.

Als ich ein zweites Exemplar des Briefes in Händen hielt, studierte ich ihn genauer. Man soll ja über nichts urteilen, über das man sich nicht gründlich informiert hat. Natürlich, es war ein Spendenaufruf. Pro Senectute preist sich darin an, dass sie sich mit ihren Angeboten für ein Altern in Würde einsetze, dafür aber finanzielle Mittel benötige.

Selbstverständlich machte ich mich auch im Internet kundig, was über diese Kampagne zu lesen war. Sie wurde «aufrüttelnd», «provokativ» genannt. Hier wiederum wurde im Gegensatz zur bildlichen Darstellung immer nur von «Senioren» nie von «Seniorinnen» geschrieben. Vielleicht gibt es ja in diesem Bereich eine Sprachregelung, die ich nicht mitbekommen habe: die Seniorinnen sind immer mitgemeint!

Was mir im Internet auffiel: die Botschaft wird nicht so hart wiederholt, wie sie im Ursprungsprospekt des Hilfswerkes formuliert ist. Es hiess etwa, das Sujet der Herbstsammlung laute: »Senioren gehören umsorgt, nicht entsorgt». Oder in einer etwas anderen Version: «Senioren umsorgen und nicht entsorgen».

Ich bin keine Sprachwissenschaftlerin. Aber für mein Gefühl wird die Aussage durch die Umstellung der Worte nicht besser. Die Vorstellung erschreckt mich immer noch, dass das Wort «entsorgen» so leicht in Zusammenhang mit «Senioren» gebracht werden kann. Wenn ich es etwas dramatisch ausdrücken will: das Wort «entsorgen», im Alltag häufig benützt für Glas, Papier, Metall, Grünzeug, hat in der vorliegenden Verwendung seine Unschuld verloren.

Die Kampagne soll offenbar aufrütteln, provozieren, zum Nachdenken anregen. Diese Wirkung hat sie wohl. Ob sie auch anregt, dem bekannten Hilfswerk Pro Senectute vermehrt Geld zu spenden, bleibt abzuwarten.

Je höher die Bildung desto gesünder

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Soziale Ungleichheiten wirken sich auch im Alter auf die Gesundheit aus. Personen ab 55 Jahren mit einer Tertiärausbildung weisen einen besseren allgemeinen Gesundheitszustand und ein besseres Gesundheitsverhalten auf als Personen ohne nachobligatorische Ausbildung. Dies sind einige Ergebnisse aus der neuen Publikation des Bundesamtes für Statistik (BFS).

2017 bezeichneten drei Viertel (75%) der Personen ab 55 Jahren ihren Gesundheitszustand als (sehr) gut. Gemäss der Publikation «Ressourcen und Gesundheitsverhalten der Seniorinnen und Senioren» unterschiedet sich dieser Anteil stark nach Geschlecht und Alter, aber auch nach sozialem Status. In diesem Zusammenhang spricht man auch vom sozialen Gradient.

Senioren mit einer höheren Ausbildung sind gesünder…

Mit steigendem Bildungsniveau wächst auch der Anteil Personen, die ihren Gesundheitszustand als (sehr) gut einschätzen. So belief sich dieser Anteil 2017 bei den Seniorinnen und Senioren ohne nachobligatorische Ausbildung auf 59%, bei jenen mit einem Abschluss auf Sekundarstufe II auf 76% und bei jenen mit einer Tertiärausbildung auf 84%. Diese Unterschiede verschwinden mit zunehmendem Alter nicht, obwohl der Anteil der Personen mit einem guten Gesundheitszustand insgesamt sinkt.

…und verfügen über mehr Ressourcen

Auch bei den psychosozialen Ressourcen, die als Schutzfaktor für die Gesundheit dienen, ist ein sozialer Gradient zu beobachten. Personen ab 55 Jahren mit einer Tertiärausbildung erhalten häufiger starke soziale Unterstützung als Personen mit einem Abschluss auf Sekundarstufe II oder ohne nachobligatorische Ausbildung (46% gegenüber 39% bzw. 31%). Sie schätzen zudem ihr Vitalitätsniveau häufiger als hoch ein (64% gegenüber 54% bzw. 41%) und haben häufiger eine starke Kontrollüberzeugung (47% gegenüber 42% bzw. 40%).

Besseres Gesundheitsverhalten bei Frauen mit Tertiärabschluss

Gesundheitsförderliche Verhaltensweisen wie gesunde Ernährung, körperliche Aktivität oder Nichtrauchen sind bis ins hohe Alter abhängig vom Bildungsniveau. Die Unterschiede sind bei den Frauen ausgeprägter als bei den Männern. Frauen ab 55 Jahren mit einem Tertiärabschluss konsumieren doppelt so häufig fünf Portionen Früchte und Gemüse pro Tag als Frauen ohne nachobligatorische Ausbildung (42% gegenüber 19%) und sind nahezu dreimal weniger häufig adipös (8% gegenüber 22%).

Auch bezüglich der psychosozialen Ressourcen bestehen bei den Frauen grosse Unterschiede nach Bildungsniveau. Frauen ab 55 Jahren mit einem Abschluss auf Tertiärstufe verfügen im Vergleich zu gleichaltrigen Frauen ohne nachobligatorische Ausbildung häufiger über eine starke Resilienz, d.h. über die Fähigkeit, Widrigkeiten im Leben zu meistern (50% gegenüber 31%). Bei den Männern sind diese Unterschiede nicht zu beobachten.

Frauen ab 55 Jahren mit Tertiärausbildung sind körperlich aktiver als jene ohne nachobligatorische Ausbildung (77% gegenüber 58%). Bei den Männern sind vergleichbare Anteile festzustellen (80% gegenüber 64%).

Weniger risikoreiches Verhalten bei gut ausgebildeten Männern

Bei den Männern sind grosse Unterschiede beim Risikoverhalten zu beobachten. Männer ab 55 Jahren mit einer Tertiärausbildung haben seltener einen chronisch risikoreichen Alkoholkonsum (5% gegenüber 11%) und sind nahezu halb so oft adipös (12% gegenüber 22%) wie jene ohne nachobligatorische Ausbildung.

Auch der Anteil der Raucher ist bei den Männern zwischen 55 und 64 Jahren mit einem Abschluss auf Tertiärstufe geringer als bei jenen ohne nachobligatorische Ausbildung (24% gegenüber 40%). Umgekehrt wollen Raucher ab 55 Jahren mit Tertiärabschluss den Tabakkonsum seltener aufgeben als Männer ohne nachobligatorische Ausbildung (33% gegenüber 61%).

Neues Steuersystem – neue Möglichkeiten?

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MittelgrosseUnternehmen DBA 1

Die Steuerreform STAF tritt per 1. Januar 2020 in Kraft. Die Auswirkungen auf KMU-Unternehmerinnen und -Unternehmer sind noch nicht völlig klar. Zeit für eine Überprüfung der heutigen Situation ist aber allemal.

Die STAF-Reform schafft die Steuerprivilegien von Holding- und anderen Statusgesellschaften ab. Mit der Annahme der Vorlage erhält die Schweiz ein OECD-konformes Steuersystem. Damit die Attraktivität des Standortes nicht darunter leidet, treffen Bund und Kantone diverse Massnahmen wie die Einführung von Patentboxen und neue Abzüge für Forschung und Entwicklung. Einzelne Kantone reduzieren zudem die Gewinnsteuersätze für Unternehmen. Der Kanton Aargau verzichtet derzeit darauf. Vom sogenannten Statuswechsel betroffene Gesellschaften erhalten die Möglichkeit, stille Reserven steuerneutral aufzudecken und abzuschreiben. Unternehmen sollten daher umgehend prüfen, ob sie von den Veränderungen betroffen und welche Optimierungen möglich sind.

Zur Kompensation der tieferen Steuereinnahmen will der Kanton Aargau zukünftig unter anderem höhere Steuern auf Dividenden erheben, bei qualifizierten Beteiligungen neu 50% (bisher 40%). Bei der direkten Bundessteuer wird die Teilbesteuerung von Dividenden von 60% auf 70% angehoben. Somit sind nach aktuellem Stand der politischen Prozesse auch Aargauer KMU-Unternehmerinnen und -Unternehmer von einer höheren Steuerlast betroffen.

Stellen Sie sich als Unternehmerin oder Unternehmer nun diese und ähnliche Fragen?

  • Wie soll Ihre gesamtheitliche Steuerplanung künftig aussehen?
  • Sollen hohe Dividenden ausgeschüttet und ein tiefer Lohn bezogen werden, mit tiefen Beiträgen und ohne Einkäufe in die berufliche Vorsorge?
  • Oder soll die Vorsorge gestärkt werden: Hohe Lohnbezüge, hohe Pensionskassenbeiträge und weitere Einkäufe in die berufliche Vorsorge, dafür tiefere Dividendeneinkünfte in Kauf nehmen?

Verschiedene Vor- und Nachteile gilt es dabei zu beachten:

  • Dividenden: Höhere Dividendenbezüge ermöglichen Steuereinsparungen durch die Teilbesteuerung. Zudem sind auf Dividenden keine Sozialversicherungsbeiträge geschuldet. Ein tiefer Lohn führt jedoch zu tiefen Leistungen in der Altersvorsorge und zu weniger Risikoschutz bei Tod und Invalidität.
  • Lohn: Ein höherer Lohn kann Einkaufspotential in die berufliche Vorsorge schaffen, wodurch Spielraum für eine Steuerplanung entsteht. Auch im Hinblick auf eine geplante Unternehmensnachfolge könnten erhöhte Lohnbezüge sinnvoll sein, um das Unternehmen für den Nachfolger oder die Nachfolgerin „leichter“ zu machen.

Je nach unternehmerischer Phase und Lebensphase werden die Antworten auf diese Fragen unterschiedlich ausfallen. Die nachhaltig richtigen Schlüsse zu ziehen, bedarf einer umsichtigen Planung. Wir unterstützen Sie als Unternehmerin oder Unternehmer bei der Auslegeordnung und Definition von Massnahmen. Interessiert? Unsere Dienstleistungen zur Steuer- und Pensionsplanung finden Sie unter www.akb.ch/pensionsplanung.

Unglück und Schuld, Erinnerung und Versöhnung

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Nach dem Tod ihres einzigen Sohnes bleibt im Film «So Long, My Son» des Chinesen Xiaoshuai Wang den Eltern nur das Erinnern. Ein grossartiges Fresko des Chinas der letzten Jahrzehnte und ein wunderbares Welttheater der Gefühle.

Persönliche Vorbemerkung: Ich habe es verpasst, den Film «So Long, My Son» frühzeitig anzusehen, um ihn dann, nach einer zweiten Visionierung, ausführlich besprechen zu können. Deshalb folgen anschliessend fremde Texte, die sich für den Einstieg eignen. Der dreistündige Film ist so reich an formalen und menschlichen Details, dass er wohl von vielen, wie auch von mir, nicht spontan ausgeschöpft werden kann. Mein Vorschlag: Betrachten Sie den Film wie ein Puzzle, das Ausschnitte der Geschichte Chinas erzählt, und zusätzlich die Geschichte des Ehepaares Liyun und Yaojun, das ihr Kind verliert, und des Paares Yojun und Liyun, dessen Kind am Unglück beteiligt war. Wenn Sie die Hunderten von Einzelteilen, inklusive Zeitsprüngen, nicht ganz verstehen, schlage ich Ihnen vor: Geniessen Sie dieses Meisterwerk emotional, ganzheitlich, mit allen Sinnen: Sequenz um Sequenz, Bild um Bild, Ton um Ton, Wort um Wort – wie ein Gedicht von Rilke.

Als Xingxing mit seinen Schulfreunden bei einem Stausee am Spielen ist und ertrinkt, verändert sich das Leben des Elternpaars für immer. Er war dort mit seinem besten Freund Haohao, der im gleichen Jahr am gleichen Tag geboren ist. Ihre beiden Familien sind seit Jahren befreundet und wohnen und arbeiten am selben Ort in einer nordchinesischen Stadt. Regisseur Wang Xiaoshuai erzählt in seinem preisgekrönten Spielfilm «So Long, My Son» die Geschichte dieser Menschen vor dem Hintergrund tief greifender gesellschaftlicher Umbrüche der letzten Jahrzehnte. Er liefert uns eine grossartige Sozialchronik, die uns an das Ende der Kulturrevolution zurückführt, um eine Reise ins heutige China zu unternehmen und dabei das Aufkommen des chinesischen Kapitalismus zu erleben. Aufgrund der Ein-Kind-Politik, die die chinesischen Behörden verordnet hatten, war Liyun gezwungen, eine Abtreibung vorzunehmen, als sie ein zweites Mal schwanger wurde. Die Operation verlief schlecht, was zur Sterilität der jungen Frau führte. Als danach ihr Bub beim Spielen ertrinkt, beschliesst das Paar, die Industriestadt im Norden zu verlassen und sich in einem kleinen Küstendorf im Süden des Landes niederzulassen, wo sie direkt am Meer eine kleine Reparaturwerkstätte für Schiffsbauteile betreiben und Liyun Fischernetze flickt. Sie können über ein Waisenhaus schliesslich einen Jungen adoptieren, den sie Xingxing, wie ihren verstorbenen Sohn, nennen. Als er im Teenageralter zu rebellieren beginnt, wird ihnen klar, dass sie ihm damit eine eigene Identität verwehren und ihre Liebe nach wie vor ihrem verstorbenen Kind gilt. Ihr Adoptivsohn bricht die Schule ab und verlässt die Eltern.

Liyun und Yaojun mit Adoptivsohn Liu Sing

Statement des Regisseurs

Seit 1949 waren Aufbau und Entwicklung der Nation eng mit der nationalen Politik und dem Sozialsystem verbunden, die beide drastisch hin und her schwangen. «So Long, My Son» ist ein Zeugnis der Geschichte – er zeigt, wie sich gewöhnliche Chinesen gefühlt haben, als sie erschütternde Veränderungen in Gesellschaft, Familie und ihrer persönlichen Identität erlebten. Um dies im Film zu erreichen, besuche ich die 80er Jahre bis heute. Indem ich die Veränderungen vom Beginn der Wirtschaftsreform bis heute verfolge, möchte ich noch einmal untersuchen, wie das persönliche Leben unter dieser grossen sozialen Leinwand verlaufen ist. Die Familien in der Geschichte dienen als Mikrokosmos der chinesischen Gesellschaft in den letzten 30 Jahren.

Die Familie von Shen Yingming muss sich mit ihrer Schuld abfinden. Indem man sich entscheidet, sich seinen Handlungen zu stellen und über sie nachzudenken, verschafft man sich das wahre Mittel zur Befreiung von seinen Fehlern und dem Schaden, den man anderen zugefügt hat. Nicht nur Einzelpersonen, sondern eine ganze Gesellschaft oder ein Land sollte diese Haltung gegenüber der Vergangenheit und der Geschichte einnehmen. Es gibt ein chinesisches Sprichwort, das lautet: «Schau nach vorne und vergiss die Vergangenheit.» In den ersten Tagen der Wirtschaftsreform diente es als Schmiermittel und ermutigte die Öffentlichkeit, alte Werte hinter sich zu lassen und Dampf zu machen, um wirtschaftlichen Wohlstand zu erreichen. Es ist unerlässlich, die Vergangenheit zu überdenken und zu überprüfen, damit Fehler, die wir zuvor gemacht haben, unsere Zukunft nicht gefährden. Konfrontiert mit den schnellen sozialen Gezeiten, sind gutmütige Menschen meistens eher gebrechlich und unbedeutend. Oft können sie nur den Höhen und Tiefen der Gezeiten folgen. Doch wenn eine Tragödie gutmütige Menschen wie die Protagonisten Liyun und Yaojun trifft – wie können sie dann mit ihren Leben weitermachen? Man lebt nur einmal. Doch es kann so lange dauern, bis man vergessen oder Abschied genommen hat. Für meine Figuren hat es ein Leben lang gedauert, bis sie sich verabschiedet haben, nicht nur von ihrem Sohn, sondern auch von ihrer Jugend.»

Die Eltern der beiden Xingxings

Biografie des Regisseurs Xiaoshuai Wang

Xiaoshuai Wang war in den 1990er Jahren ein Pionier des unabhängigen chinesischen Films und ist einer der wenigen Meister, der seiner Kunst trotz des zügellosen Kommerzialismus im heutigen chinesischen Filmmarkt treu bleibt. Aufgrund des starken persönlichen Stils, der tiefen Menschlichkeit und des engagierten unabhängigen Filmemachens haben Wangs Arbeiten viermal an den Filmfestspielen von Cannes, zweimal an der Berlinale sowie an den Filmfestivals von Venedig und San Sebastian teilgenommen. Vom französischen Kulturminister wurde er für seine künstlerischen Leistungen zum Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres ernannt. Sein Regiedebüt «The Days» wurde in die Sammlung des Museum of Modern Art in New York aufgenommen. Wang erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2001 den 51. Berlinale Silbernen Bären und den Grossen Preis für «Beijing Bicycle», 2005 den Jury Preis für «Shanghai Dreams» in Cannes und 2008 den Silbernen Bären für das beste Drehbuch für «In Love We Trust». Seine jüngsten Werke «Red Amnesia» von 2014 und «So Long, My Son» von 2019 untersuchen die weitreichenden Folgen der Vergangenheit für die Gegenwart. «So Long, My Son» brachte ihm zwei weitere Silberne Bären für das Schauspielpaar Yong Mei und Wang Jingchun. Am Film Festival von Uruguay erhielt der Film den Audience Award und am Brussels Film Festival den Grand Prix.

Am Zürich Film Festival liefen zwei Filme, in denen ebenfalls ein Kind stirbt: im Spielfilm «My Zoe» von Julie Delpy und im Dokumentarfilm «Hope Frozen» von Pailin Wedel. In beiden Filmen versuchen die Eltern, den Tod mit wissenschaftlichen Methoden rückgängig zu machen. In «So Long, My Son» von Xiaoshuai Wan wird der Tod als Teil des Lebens akzeptiert, ja gefeiert.

Geborgen in der Grossfamilie

Am Zürich Film Festival liefen zwei Filme, in denen ebenfalls ein Kind stirbt: im Spielfilm «My Zoe» von Julie Delpy und im Dokumentarfilm «Hope Frozen» von Pailin Wedel. In beiden Filmen versuchen die Eltern, den Tod mit wissenschaftlichen Methoden rückgängig zu machen. In «So Long, My Son» von Xiaoshuai Wan wird der Tod als Teil des Lebens akzeptiert, ja gefeiert.

Titelbild: Xingxing mit Vater und Mutter

Regie: Xiaoshuai Wang, Produktion: 2019, Länge: 180 min, Verleih: trigon-film

Eine kunterbunte NR-Liste

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Das Werk ist vollbracht. Die Nationalratsliste steht. 35 Namenslinien sind aufgefüllt mit 17 Namen, doppelt aufgeführt plus einen. Ich habe zuerst mal 17 Namen auf der vorgedruckten Liste gestrichen. Und zwar Namen von Kandidatinnen und Kandidaten, die mir nicht bekannt sind, die mir weder mit besonderen Leistungen aufgefallen sind noch sonst wie nicht wählbar erscheinen. Und dann habe ich kumuliert und panaschiert, was das Zeug hält. Frauen und Männer von anderen Listen eingetragen, die mir eben bekannt sind, mir vertrauenswürdig erscheinen, die mir mit besonderen Leistungen aufgefallen sind. Und wieder habe ich Namen gestrichen, um für andere Platz zu schaffen.

Ich betrachte noch einmal den Namen der Liste. Ist es die Partei, die ich wählen will, soll ich sie wieder wählen, wie schon immer? Wie selbstverständlich habe ich die Liste dieser mir nicht allzu fernen Partei ausgewählt, seitdem ich den LdU mit zu Grabe getragen habe, damals wahrscheinlich zu früh. Jetzt plötzlich die Zweifel. Am liebsten würde ich sie umbenennen, den Vorschlag des Schriftstellers Martin Suter aufgreifen, der sich in einem Interview in der Sonntags-Presse eine Partei mit dem Namen „Anti-Rechtspartei“ ARP wünschte.

Auch er hat nach seinen Worten eine kunterbunte Liste erstellt, wie ich: rosa bis rot, grasgrün bis hellgrün, etwas leicht Blaues mit etwas Christlichem gemischt. Den Namen der Partei verriet er nicht, genauso wie ich. Warum wohl? Wir Schweizer möchten immer auch noch ein kleines Geheimnis für uns behalten, sei es auch nur die Partei, die wir jeweils wählen.

Immerhin: Wir im Kanton Zürich sind bei den Nationalratswahlen privilegiert. Wir können 35 Frauen und Männer nach Bern schicken. Im Kanton Glarus ist es nur ein Mandat, das dem Stand und so den Wählerinnen und Wählern zusteht. Korrigiert wird das durch die Wahl des Ständerates. Sowohl wir Zürcher als auch die Glarner können zwei Frauen oder zwei Männer oder ein „gemischtes Doppel“ ins Bundeshaus entsenden.

Seit Wochen wird in den Medien darüber spekuliert: Gibt es einen Linksrutsch, überrollt auch in der Schweiz eine grüne Welle die bürgerlichen Parteien? Kommt es zur Wende von der bisher bürgerlichen Mehrheit, getragen von der SVP und der FDP, zur Allianz von rot und grün gefärbten Parteien? Wahrscheinlich.

Nur die Wende wird bescheidener ausfallen als erwartet und letztlich im Ständerat wieder korrigiert werden. Das liegt auch am Wahlsystem. Die Kantone sind die Wahlkreise. So finden eigentlich kantonale und nicht eidgenössische Wahlen statt. Die Kantone sind so unterschiedlich in ihrer Grösse, die jeweiligen Parteien sind nur ganz schwer unter eine streng nationale Ausrichtung zu stellen, Vielfalt steht vor Einheit. Und das ist auch gut so.

Das hat uns in den letzten Jahrzehnten Stabilität verschafft. Rotgrün wird stärker, die SVP wohl schwächer, sie wird nicht mehr so dominant auftreten können. Die Schweiz wird am nächsten Sonntag wieder eidgenössischer. Auch wenn die Grünen/Grünliberalen die CVP an Wählerstimmen bei den Nationalratswahlen überholen werden, die Christlichen werden ihren Sitz deswegen im Bundesrat nicht verlieren. Auch hier wird der Ständerat korrigierend wirken. Und auch das ist gut so für unser politisches System, und vor allem auch deshalb, weil die Instabilität im Ausland zunimmt.

Rechtsradikale Tendenzen im Ausland, insbesondere auch und gerade in Deutschland sind nicht zu übersehen. Mit Donald Trump und dem zu erwartenden Impeachment in den USA, dem vielleicht etwas leichteren Handelskrieg zwischen den USA und China beziehungsweise Europa, der Attacke der Türkei gegen die Kurden, dem bevorstehenden Brexit in irgendeiner Form sind die Unsicherheiten auf der politischen Weltbühne derart gross, so dass ein ruhiger, ein normaler Wahlgang zur eidgenössischen Normalität trotz einer leichten Veränderung Richtung linksgrün eine Wohltat für die Eidgenossenschaft sein wird. Noch brauchen wir keine „Antirechts-Partei ARP“. Und auch das ist gut so, zumindest vorerst. Mann weiss ja nie.

Mit den Ohren sehen

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In diesem Ballett vermischt sich alles. Töne, Sprache, Tanz, Norden und Süden: Christian Spucks Ballett „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ nach den „Bildern mit Musik“ des zeitgenössischen Komponisten Helmut Lachenmann sprengt die Dimensionen eines herkömmlichen Ballettabends, füllt den Zuschauerraum des Zürcher Opernhauses mit Klangbildern und die Bühne mit reduzierter, intensiver Tanzkunst.

Hans Christian Andersens Märchen vom Mädchen mit den Schwefelhölzern ist erzählte Sozialkritik. Da die satten, zufriedenen Bürger im Festtagsmodus, dort das kleine Mädchen mit nackten Füssen und frierend im Schnee auf der Strasse. Den ganzen Tag versuchte es erfolglos, den Vorübereilenden Zündhölzchen zu verkaufen.

Nun sucht es Schutz vor der Kälte in einer geschützten Hausecke. Weil es so friert, zündet es eines der Schwefelhölzchen an – und sieht im Feuerschein einen geheizten Ofen. Es will seine Füsschen wärmen – da erlischt das Zündholz. Mit dem zweiten Hölzchen „zaubert“ es eine Familie im festlich geschmückten Zimmer herbei, dann einen duftenden Gänsebraten und zu guter Letzt seine verstorbene Grossmutter. Dieses Bild will das Mädchen nicht verlieren und schnell zündet es die restlichen Hölzchen an. – Am Morgen finden Passanten das kleine Mädchen, erfroren, aber mit einem Lächeln auf den Lippen.

Eine neue Klangwelt

Diese Geschichte erzählt Helmut Lachenmann in seinem 1997 uraufgeführten Musiktheater. Und das in einer Klangsprache, die anders ist als alles, was man kennt. Er macht den ganzen Zuschauerraum zu einem Klangraum, zeichnet mit knarrenden, knirschenden, zirpenden, wispernden, raunenden und dann wieder glockenhellen Tönen diese todbringende, kalte Winterwelt nach.

Die Instrumentalisten der Philharmonia Zürich unter Matthias Hermann entlocken ihren Instrumenten völlig ungewohnte Töne und Geräusche, und die Gesangsolistinnen Alina Adamski und Yuko Kakuta samt den Basler Madrigalisten ergänzen diese Klangwelt mit fragmentierten, irisierenden Harmonien.

Zu diesen Klängen, die in 24 Sequenzen das tragische Wintermärchen erzählen – „mit den Ohren sehen“ nennt Lachenmann dieses Eintauchen in seine Musik – choreografiert Christian Spuck seine Version des „Mädchens“. Als erster Choreograf übrigens. Mit einer abstrakten, reduzierten Tanzsprache erzählt er die Geschichte parallel zu Lachenmanns akustischer Bilderwelt.

Tänzerische Glanzleistung

Die Schwierigkeit für seine Compagnie samt Junior Ballett war nicht nur die ohne äussere Ordnung sich durch den Raum bewegende Musik, sondern die fehlende Taktsprache. Die Tanzenden mussten sich an „optischen Hilfen“, sprich Videoscreens, orientieren und vor allem die Musik zutiefst verinnerlicht haben. Und sie boten eine Glanzleistung! Durch den Tanz wurde die Geschichte nochmals auf eine neue Ebene gehoben.

Auch das Publikum brauchte Hilfe: Dazu waren die beweglichen, schiefergrauen Kulissen ideal, auf die mit Kreide jeweils geschrieben wurde, bei welchem „Bild“ Musik und Tanz angekommen sind (Bühnenbild Rufus Didwiszus).

Die auf die Wände projizierten Dokumentarbilder aus der Zeit des RAF-Terrorismus samt einer von einer Tonbandstimme vorgelesenen Hasstirade der Terroristin Gudrun Ensslin und ihrem zornigen Alter Ego an der Bühnenrampe sollten auf die Parallelen im Leben der Terroristin und des am Rande der Gesellschaft vegetierenden kleinen Mädchens verweisen. Wobei Ensslin, wie Lachenmann anmerkt, in seiner Nähe und in durchaus bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen ist. Dieser Vergleich wirkt doch ziemlich konstruiert. Und ziemlich überflüssig.

Da, wo der Schwefel herkommt

Eindrücklich, wenn auch etwas lang geraten, hingegen der Text von Leonardo da Vinci, vorgetragen vom 83-jährigen Helmut Lachenmann persönlich. Der Text über „Furcht und Verlangen“, in zerstückelten Silben vorgetragen, hört sich an wie ein zusätzliches kleiner Lichtstrahl aus einem der Schwefelhölzchen, die das Mädchen – die Mädchen in Spucks Choreografie; es sind immer mindestens zwei, manchmal bis sechs – gegen Einsamkeit und Kälte anzündet.

Was bleibt von diesem ungewöhnlichen, auch für das Publikum fordernden Ballettabend? Viele Bilder. Das frierende Kind vor der warm gekleideten, wohlanständigen Bürgerschar, die tanzend das Elend mit einer Handbewegung wegwischt. Das im Schnee hingekauerte Mädchen, das von einer Gruppe schwarzgekleideter Männer wie auf einer dunklen Welle weggetragen wird aus seinem elenden Dasein. Ja, und auch die beiden erfrorenen Kinder im leise rieselnden Schnee, nur begleitet von den sphärischen Klängen einer japanischen Maulorgel Shõ, gespielt von Mayumi Miyata.

Alle Szenenbilder von Gregory Batardon/Opernhaus Zürich.

«Tut um Gottes Willen etwas Tapferes»

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Das war Ulrich Zwinglis berühmtester Satz. Am 11. Oktober 1531 starb der Reformator in der Schlacht bei Kappel. Pünktlich zu seinem Todestag wurde im Historischen Museum Luzern am 11. Oktober 2019 das Buch «Tod des Reformators – Zwinglis Waffen» vorgestellt.

Anlässlich des Reformationsjubiläums nehmen die Autoren Hans Rudolf Fuhrer, Jürg A. Meier und Adrian Baschung die Echtheit der sogenannten «Zwingliwaffen» genauer unter die Lupe. Die Publikation wird von der Gesellschaft für militärhistorische Studienreisen GMS herausgegeben.

So findet sich im Buch auch eine Abhandlung über den «Zwinglihelm», der momentan im Historischen Museum ausgestellt ist. Nach der Schlacht bei Kappel brauchten die katholischen Orte eine Trophäe – und fanden sie im (angeblichen) Helm des gefallenen Ulrich Zwingli.

Der mit seinem Namen gravierte und einem Loch durchbohrte Helm wurde im Luzerner Zeughaus jahrhundertelang stolz ausgestellt und stand für die Dominanz über die reformierten Orte. Nach Ende des Sonderbundkrieges 1848 forderten die Zürcher den Helm wieder zurück.

Die Autoren v.l. Adrian Baschung, Hans Rudolf Fuhrer und Jürg A. Meier

Für die Ausstellung «Rocky Docky – 450 Jahre Altes Zeughaus Luzern» ist die Trophäe erstmals nach 171 Jahren wieder im ehemaligen Luzerner Zeughaus, heute Historisches Museum, als Leihgabe des Schweizerischen Nationalmuseums ausgestellt.

Die Ausstellung zeichnet die Geschichte des repräsentativen Gebäudes von seinen Anfängen als militärisches Lagerhaus bis in die jüngste Zeit als Kantonales Historisches Museum nach. Das alte Haus führt die Besucherinnen und Besucher durch seine bewegte Vergangenheit und erzählt von den Triumpfen und Katastrophen, die sich in seinem Innern und rundherum ereignet haben. Objekte, Zeitzeugen und Dokumente aus 450 Jahren berichten von Wendepunkt und Episoden des Hauses: von Napoleon und seiner helvetischen Regierung, dem Stadtschreiber Cysat, der einen Tsunami in der Reuss beobachtete, einem verwegenen Kunstdieb und vielen anderen.

Die Autoren mit dem zurzeit im Historischen Museum Luzern ausgestellten Helm

Im  reich bebilderten Buch wird Zwinglis Tod in den Quellen behandelt. Mit Sicherheit könne nur gesagt werden, dass Zwingli in der Schlacht umgekommen sei. Sicher und mehrfach belegt sei auch, dass Zwinglis Leichnam auf dem Schlachtfeld gevierteilt und verbrannt worden sei. Es werden die Sätze Zwinglis auf dem Schlachtfeld zitiert: «Tut um Gottes Willen etwas Tapferes»

Da die Militärgeschichte in den bisherigen Veröffentlichungen fehlt,  habe man diese aufgearbeitet und im Buch beschrieben. Zwinglis Waffen und die Reformationsfeier von 1819 werden genau erörtert und hinterfragt. «Das Zwingli-Schwert»…befindet sich heute,  zusammen mit der Sreitaxt-Stangenbüchse, in der Waffensammlung des Schweizerische Nationalmuseums.

Nach der Vernissage wurden die Gäste mit einer Kappeler Milchsuppe verköstigt.

Rezept für 50 Personen.
10 lt Vollmilch, 1 kg altbackenes Bauernbrot, 750 g rezenten Tilsiterkäse, 2 grosse Zwiebeln, Knoblauch nach Belieben, Kümmelsamen, 1 lt Bouillon, Schnittlauch, Petersilie, Butter, 2 Lorbeerblätter, 1 Nelke.

Zubereitung: Zwiebeln, Knoblauch und Brot in kleine Scheiben schneiden – Zwiebeln und Knoblauch im Butter anbraten, mit Bouillon ablöschen – Brotstücke zugeben und aufkochen event. pürieren – Milch zuschütten und mit Lorbeer, Nelke, Kümmel, Salz und Pfeffer abschmecken – Kurz aufkochen lassen – Käse raffeln, mit Schnittlauch und Petersilie unter die Suppe ziehen und sofort servieren.

Fotos: Josef Ritler


Zwingli Buch, GMS Bücherdienst
ISBN 978-3-9525128-0-7
Vertrieb: rudolf.widmer-gms@bluewin.ch