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Vaters erklärter Liebling

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Wie hatte er sich danach gesehnt, dass seine Frau nach den fünf Söhnen endlich ein Mädchen gebären würde. Sein Wunsch ging in Erfüllung: Martha Fontane kam am 21. März 1860 zur Welt, war sofort der Liebling ihres Vaters und blieb es bis zu seinem Lebensende.

Emilie Fontane hingegen, Theodor Fontanes Ehefrau, fürchtete sich vor der Geburt, hatte schlimme Erinnerungen und begründete Ängste. Zwei ihrer Buben waren kurz nach der Geburt gestorben, der dritte nach wenigen Monaten. Nur ihren ersten Sohn George hatte sie ohne Komplikationen zur Welt gebracht, Theodor, den bisher jüngsten, jedoch unter fürchterlichen Schmerzen. Nie war ihr Ehemann zugegen gewesen, so dass er nicht miterlebte, wie sehr sie unter dem Tod der kleinen Kinder und den schmerzhaften Geburten gelitten hatte.

Zunächst günstige Wende

Dank der Unterstützung von vielen Seiten verlief Marthas Geburt glücklicherweise relativ unproblematisch. Die Familie hatte, nach einem längeren Aufenthalt in London, eine Wohnung in Berlin bezogen – und war arm, denn Theodor Fontane war noch weit davon entfernt, von den Einkünften seiner Romane sowie der journalistischen Tätigkeit eine Familie gut ernähren zu können. Doch schon bald wendete sich das Blatt zum Guten: Noch in Marthas Geburtsjahr fand der gelernte Apotheker eine feste Anstellung als Redaktor der konservativen Berliner ‚Kreuzzeitung‘, deren politische Ausrichtung seiner eigenen allerdings ganz und gar nicht entsprach.

Dies hätte dennoch den Beginn eines glücklichen, unbeschwerten Familienlebens zu fünft bedeuten können. Hätte können – denn wie die kürzlich erschienene Biografie ‚Vaters Tochter. Theodor Fontane und seine Tochter Mete‘ von Dagmar von Gersdorff (erneut) aufzeigt, wird die Familie immer wieder von Schicksalsschlägen gepeinigt. Körperliche und psychische Erkrankungen machen ihnen zu schaffen, erneute finanzielle Sorgen, da Theodor Fontane feste Anstellungen wieder kündigt, weil er als freier Schriftsteller leben will, Todesfälle in der näheren Bekanntschaft, Ungewissheit, was aus der Tochter Martha, Mete genannt, werden soll. Nur eine Heirat war für eine Frau zu ihrer Zeit vorgesehen, doch ein Mann, mit dem sie zusammenleben wollte, trat nicht in ihr Leben. Aus heutiger Sicht drängt sich die Vermutung auf, dass sie zu eng an ihren Vater gebunden war, an jenen Mann, der sie stets ’seinen Liebling nannte‘ und sie ihm wiederum zärtliche Briefe schrieb, wenn sie bei einer befreundeten Familie als Erzieherin und Lehrerin tätig war. Diese Briefe und mündlichen Schilderungen ihrer Erlebnisse dienten ihrem Vater häufig auch als aufschlussreiche Informationen, die er in seinen Romanen erzählerisch umsetzte.

Zwiespältiger Vater 

Aus den Briefen wird aber auch deutlich, wie zwiespältig Fontane gegenüber einer Ehe seiner Tochter war. Einerseits drängte er sie dazu, weil die patriarchalen Gesellschaftsverhältnisse nur diesen einen Lebensentwurf für eine Frau ihres Standes vorsahen, andererseits band er sie durch den intensiven Briefkontakt immer enger an sich. Erst im Alter von 39 Jahren heiratete Martha Fontane, und zwar einen Mann, der über zwanzig Jahre älter war als sie, also ungefähr der Generation ihres Vaters zugehörig.

Zeit ihres Lebens hatte sie mit heftigen, wie wir heute sagen würden, auch psychosomatischen Erkrankungen zu kämpfen. Sie war eine kluge, gebildete und selbstbewusste junge Frau gewesen, mit Ambitionen und Vorstellungen von Selbstständigkeit, die ihr aufgrund ihres Geschlechts jedoch verwehrt wurden. Ihre Krankheiten erinnern in erschreckender Weise an zahlreiche Fallbeispiele Sigmund Freuds und mithin an Frauen, die in enge gesellschaftliche Korsetts gezwängt waren und in der Folge vehemente psychische und körperliche Probleme entwickelten.

Bedauerlicherweise fährt von Gersdorffs Biografie sozusagen im Schnellzugstempo durch Mete und Theodor Fontanes Leben. Die Autorin hält sich fast ausschliesslich an die Familienbriefe, blendet den politischen und gesellschaftlichen Kontext aus und enthält sich zudem psychologischer und gesellschaftskritischer Interpretationen über das Vater-Tochter-Verhältnis und Metes immer wiederkehrende schwere Erkrankungen verbunden mit ihrer Alkoholabhängigkeit.

Für Leserinnen und Leser, die an einer umfassenden, fundierten und vorzüglich geschriebenen Biografie interessiert sind, sei daher eher eine bereits früher erschienene Biografie empfohlen, nämlich das Werk von Regina Dieterle, einer ausgewiesenen Fontanekennerin, die zu dieser Thematik u.a. auch ihre detaillierte, lesenswerte Dissertation geschrieben hat.

Dagmar von Gersdorff: Vaters Tochter. Theodor Fontane und seine Tochter Mete. Insel Verlag, Berlin 2019. 198 Seiten.

Regina Dieterle: Die Tochter. Das Leben der Martha Fontane. Hanser Verlag, München, Wien 2006. 432 Seiten.

Titelbild: Theodor und Martha Fontane in der Sommerfrische in Arnsdorf im Riesengebirge, 1886

Mobilmachung per SMS?

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Als längst (in Ehren) entlassener Wehrmann (mit vielen Diensttagen) macht man sich immer mal Gedanken zur Armee, gerade auch zur neuen Armeestruktur der sogenannten “WEA“. Und sehr erstaunt hat mich kürzlich ein Neffe mit der Aussage, er schliesse die Unteroffiziersausbildung mit der Beförderung zum Wachtmeister ab. «Zum Korporal», entgegnete ich spontan. Ich musste mich jedoch rasch belehren lassen, das sei früher so gewesen. Daraufhin begann ich mir erst recht Gedanken über unsere Armee von einst, jetzt und von der Zukunft zu machen.

Gedanken umso mehr, als in den Nachrichten gleichzeitig von unverhofften Söldnereinsätzen in Libyen und Syrien und den Vorbereitungen der Armee für die kommenden Skirennen und das WEF in Davos berichtet wurde. Auch die Erinnerungen an die Armeeabschaffungsinitiative führten zu interessanten Rückblickartikeln über die schrittweise erfolgten Armeereformen und -reduktionen. Seit dem Wegfall des sog. «Eisernen Vorhangs» bei der Landesverteidigung ist sehr viel passiert. Der Armeebestand ist nach der Auflösung des «Warschau Paktes» von gut 800’000 Armeeangehörigen schrittweise auf 140’000 Armeeangehörige im Jahre 2018 reduziert worden. Was heisst das jetzt, wenn man sich’s genauer überlegt, für die Sicherheitspolitik der Schweiz heute?

Der aktuell im Gang befindliche Reformschritt «WEA» heisst Weiterentwicklung der Armee. Die beschlossene «WEA» soll zu neuen Führungsstrukturen und weiter reduzierten Armeebeständen mit neuen Dienst- und Ausbildungsplänen führen. Und zwar mit einem stark beschränkten, aber stabilen Armeebudget. Sie soll mit der stufenweisen Einführung zur Armeestruktur gemäss «WEA» Ende 2022 abgeschlossen sein. «Sollte» müsste es heissen!

Nur schon das Thema Mobilmachung wird oft unterschätzt

Einige glauben daran, dass all diese Personal-und Materialreduktion dank technischem Fortschritt, Digitalisierung und Internet so genügen. Doch nur schon das Thema Mobilmachung wird oft unterschätzt! Es hat mit der Einsatzbereitschaft der Truppen zu tun. Im Zuge der früheren Reformschritte ist auch die bewährte Mobilmachungsorganisation aufgegeben worden. Diese braucht es jetzt aber bei der «WEA» wieder!

Vereinfachte Mobilmachung per SMS allein genügt nicht. Den besten Beweis dafür liefern die jeweiligen Ausfälle des Zahlungssystems gerade dann, wenn man eine Fahrkarte lösen sollte. Auch die neue Mobilmachungsorganisation braucht Raum, Zeit, Personal und Ausrüstung! (Bei der alten Mobilmachungsorganisation waren die aufgebotenen Truppen am Schluss der Mobilisation ausgerüstet und einsatzbereit.) Materiell ist das bei den verbleibenden 17 Infanteriebataillonen der «WEA» ab 2022 jedoch nicht der Fall. Drei dieser Bataillone sind ohnehin nur zur Unterstützung ziviler Behörden und zum Schutz von Infrastrukturen (z.B. Bondo, WEF) einsetzbar. Doch von den anderen 14 Bataillonen sind deren vier nur nach der Übernahme des schweren Materials von abzulösenden Formationen wirklich für den Verteidigungsfall voll ausgerüstet. Ob das im aktiven Dienst (z.B. bewaffneter Grenzschutz) wirklich so wie angedacht funktioniert?

Solche Fragen sollten im Zusammenhang mit der der Weiterentwicklung der Armee beim Projekt «WEA» in der Öffentlichkeit wieder mehr Beachtung finden. Die heutige Weltlage zeigt, dass Gewalt und Kriege sowie Natur- und technische Katastrophen für jeden Staat wieder zu einer grösseren Herausforderung geworden sind. Eine verlässliche Sicherheitspolitik liegt im Interesse aller!

*Dr. oec. publ. Hans Rudolf Schuppisser ist Mitglied des Schweizerischer Seniorenrates SSR, war Vizedirektor des Schweizerischen Arbeitgeber-Verbandes, Mitglied in verschiedenen eidgenössischen Sozial-Kommissionen.

Die AHV neu denken

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Alle wissen es eigentlich: Die AHV und auch oder geradezu die zweite Säule, die Pensionskassen, müssen dringend saniert werden. Daran führt kein Weg vorbei. Im Gegenteil: Bei der zweiten Säule drängen sich Sofortmassnahmen gar auf. Und wir sind ja – zu Recht – mitten in der Diskussion. Aber was uns zurzeit vorgeführt wird, ist ein zielloses Hickhack, weil all die ernannten und selbsternannten Experten nur eines im Auge haben: ihre Version der Sanierung.

An sich hat alles ganz gut begonnen und auf einen breiten Konsens, auf einen gangbaren Weg hingedeutet. Die grossen Sozialpartner, der Schweizerische Arbeitgeber-Verband und die nationalen Gewerkschaften, hatten gemeinsam einen Entwurf erarbeitetet, den der Bundesrat sich nur zu gerne zu eigen machte.

Nun machen Unterverbände der Arbeitgeber-Seite Stunk. Sie werfen ihrer Verbandsspitze vor, sie hätten sich von den Gewerkschaften über den Tisch ziehen lassen. Sie wollen Korrekturen. Ihnen missfällt, dass auch die Menschen mit grossem Einkommen bei der Übergangsgeneration in den Genuss eines Zustupfs kommen würden. Eines Zustupfs, der die Reduktion des Umwandlungssatzes von heute 6,8 auf 6,0 im obligatorischen Bereich etwas kompensieren könnte. Die Kritiker missachten, dass gerade die grossen Einkommen auch grosse Einzahlungen mit ihren Arbeitgebern zusammen leisten. In der Eidgenossenschaft ist gelebte Solidarität eben keine Einbahnstrasse. Und nun schwenkt auch der Pensionskassen-Verband in der Mehrheit, wie in der Sonntags-Presse zu lesen ist, auf den Oppositionskurs ein.

So zeichnet sich jetzt schon eines ab, was unbedingt verhindert werden müsste: Alle verbeissen sich in die Details, orientieren sich zwar am Vorschlag des Bundesrates, suchen aber krampfhaft nach Änderungen, mit denen sie nach aussen ihre Positionen verdeutlichen könnten.

Was nun Not täte, ist ein Blick weit über die vorliegende Vorlage hinaus. Auch ein Blick nach Kanada beispielsweise würde sich mehr als lohnen, wo die Pensionskassen weit geringere Verwaltungs- und Anlagekosten zu verursachen wissen. Beispielsweise auch auf Wissenschaftler, die sich nicht am Gängigen festbeissen, sondern unbekümmert neue Modelle – zumindest – andenken. Wie der Luzerner Professor Konstantin Beck, der in der NZZ resümiert: „Warum soll in der AHV nicht möglich sein, was im KVG funktioniert: eine generationengerechte Finanzierung, wo die jährlichen Einnahmen mit den Ausgaben ins Lot gebracht werden.“ Mit einer abwehrenden Handbewegung kann dieser Vorschlag vom Tisch gewischt werden, wie es Politiker leider sehr schnell zu tun pflegen. Oder aber, sie steigen auf die Argumente ein, hinterfragen sie und evaluieren seriös, was daraus werden könnte.

Wir haben ein neues Parlament, viele neue Gesichter, auch viele junge Frauen, ihnen ist ein Weitblick zu gönnen. Ihnen ist zu wünschen, dass sie nicht nach gut bezahlten Lobby-Diensten Ausschau halten, sondern ihre Visiere weit öffnen, auch nach Experten Ausschau halten, auf Kennerinnen und Kenner der Materie, die nicht nur im eigenen Interesse handeln, sondern tatsächlich den Sozialstaat Schweiz im Auge behalten. Genauso wie unsere Väter die AHV ersannen, wie sie das Drei-Säulen-Konzept erfanden und auch umsetzten. Sie verdienen es, dass es, neu gedacht, jetzt zu neuem Leben erwacht.

Welches ist Ihr Platz, Frau Doktor

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Wie Ärztinnen und Ärzten sich selbst sehen und welche Erwartungen an sie gestellt werden, verändert sich stark durch den gesellschaftlichen Wandel im neuen Jahrtausend und mit der unaufhaltbaren Digitalisierung in allen Bereichen der Medizin.

Unter dem Titel „Medizinisches Rollenverständnis im 21. Jahrhundert – Zeit für eine neue Selbstfindung“ befasste sich das 21. forumsanté mit dem Selbstbild der Ärztin bzw. des Arztes. Am Anfang standen eine Menge Fragen: Welche Rolle sollen Medizinerinnen und Mediziner in Zukunft einnehmen? Was sind die Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten und wie kann diesen am besten entsprochen werden? Welche Erwartungen hat die Gesellschaft? Wie muss sich das Schweizer Gesundheitssystem anpassen? Und wo ist die Politik gefordert? – Es kann angesichts der immensen Problematik nicht erstaunen, dass nur einzelne Schlaglichter gesetzt wurden.

Keine „Halbgötter in Weiss“ im 21. Jahrhundert

Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Weltärztebundes, betonte, dass Ärzte nicht pessimistisch in die Zukunft blicken müssten, trotz der radikalen Veränderungen des Arztberufs, verglichen mit der Situation zu Beginn seines Berufslebens als Radiologe. Wichtig sei es zu verhindern, dass alte Irrtümer in die Zukunft weitergetragen würden. Früher waren Ärzte „Halbgötter in Weiss“. Nur eine Minderheit arbeitete in Krankenhäusern, die Mehrheit selbständig in der eigenen Praxis. Der Nimbus, den ein Klinikdirektor früher umgab, ist verblichen. Ärzte in Krankenhäusern sind heutzutage „Arbeitnehmer“, besonders seit die Ärzte und Ärztinnen in den 1990er Jahren und zu Beginn des 21. Jh. für bessere Arbeitsbedingungen und Löhne gestreikt haben.

Frank Ulrich Montgomery  Fotograf: Sascha Hähni

Die Komplexität der Facharzttätigkeit ist in den letzten Jahrzehnten enorm gestiegen. Statt „Chirurgie“ als Fachgebiet gibt es 5 – 7 verschiedene Fächer. In anderen Fachgebieten verhält es sich ähnlich. Ein junger Assistenzarzt lässt sich heute die Abteilung zeigen und meldet sich bei Interesse, während sich Montgomery daran erinnert, wie er früher eine lange Liste von Bewerbungen abarbeiten musste.

Auch heute noch ist die Arbeit in der eigenen Praxis erstrebenswert. Sie gewährt professionelle Autonomie, den direkten Kontakt mit dem Patienten und gewährt ökonomische Selbständigkeit. Allerdings unterliegt auch der freiberufliche Arzt ökonomischen Zwängen. Ärztinnen und Ärzte sind verpflichtet, wirtschaftlich zu handeln, denn sie geben das Geld aus, dass der Staat durch Krankenkassenversicherung und Steuern einzieht. In Krankenhäusern allerdings dürfen die medizinisch Tätigen nicht in die ökonomische Rechnung eingebunden werden. Ein Bonus- / Malus-System widerspricht dem hippokratischen Eid.

Das Bild des Arztes wird geprägt durch Empathie und Menschlichkeit. Digitale Technologie, Künstliche Intelligenz und Robotik können dafür als Hilfsmittel dienen.

Datenflut und Umgang mit elektronischen Hilfsmitteln

Mehrere Referenten betonten, dass Big Data, die Ansammlung von Rechnerinformationen, helfen kann, im riesigen Dschungel des stets wachsenden medizinischen Faktenwissens das Gesuchte und Wichtige zu finden. Frederico Guanais, Deputy Head oft he Health Division der OECD, stellte fest, dass digitale Werkzeuge für Medizinalpersonen oft genug noch eine Blackbox sind. – „Zur Zeit benötigt ein Arzt für die Erfordernisse der Technik doppelt so viel Zeit wie für seine genuin ärztliche Tätigkeit.“

Daten müssen überall verfügbar sein, zudem steht jedem Menschen das Recht zu, seine eigenen Daten einzusehen. Die grössten Hürden sieht Guanais allerdings nicht bei der Technik schlechthin, sondern bei den Institutionen, die mit diesen Daten zu tun haben. Patienten müssen in die Diskussion einbezogen werden. Im Ganzen betrachtet, wird die Digitalisierung die Kommunikation über die Grenzen hinaus erleichtern. Frank Ulrich Montgomery forderte in diesem Zusammenhang, dass eine Ethik der Algorithmik definiert werde.

Welchen Platz haben Roboter und Künstliche Intelligenz

Christian Lovis, Direktor Medical Information Sciences der Universität Genf, wies darauf hin, dass in jedem Fall die Interpretation wichtiger ist als der medizinische Test selbst. An Beispielen zeigte er auf, was für irreführende Ergebnisse Tests zur Folge haben können. Künstliche Intelligenz ist ein Hilfsmittel, intelligenter macht die Menge der Daten nicht.

Christian Lovis.  Fotograf: Sascha Hähni

Roboter in der Medizin und Krankenpflege können Hilfsdienste leisten. – Eigentlich sind sie in den Denkfabriken des Militärs entwickelt worden. Als Spritzensetzer sind Roboter präziser als eine erfahrene Medizinalperson. Entscheidend ist hier das Verhältnis zwischen Ärztin und Patientin – der menschliche Kontakt. Jede Health-Care-Ausführende ist auch Mitmensch, Dolmetscher, Ethikerin.

Heutzutage haben Spitäler oft die Aura einer Kirche oder von Silicon Valley-Konzernen, monierte Bertrand Kiefer, Chefredakteur der Revue Médicale Suisse, man fühle sich beim Eintritt in ein Spital wie unter dem Motto: „Wir werden die Welt retten.“ – Dabei sei das Gegenteil der Fall, die Industrialisierung der Medizin vermindere die Autonomie des Individuums. Kiefer sieht die Herausforderung, dass das bestehende Gebäude der Medizin total umgebaut werden muss. – Wie kann das geschehen, wenn wir es gleichzeitig nutzen?

Nachhaltigkeit und sparsame Medizin

„Haben wir zu wenige Ärzte oder machen wir zu viel Medizin“, fragte Daniel Scheidegger, Präsident der Akademie der Medizinischen Wissenschaften der Schweiz, und fuhr fort: „Wir arbeiten oft nicht zusammen, sondern nebeneinander.“ Teamarbeit bedeute Gleichheit aller im Team: Viele Zahnräder greifen ineinander – nicht eines treibt die anderen an. Zudem muss die Sorge für Patienten zu einem vernünftigen Preis möglich sein.

Daniel Scheidegger  Fotograf: Sascha Hähni

„Wir können es uns nicht mehr leisten, einfach zum Arzt zu gehen, wenn uns nichts fehlt“, rief Scheidegger in den Saal. Die Haltung des regelmässigen „Check-up“ sei ein gesellschaftliches Problem, medizinisch bringe nämlich der traditionelle Check (EKG usw.) nichts.

Das Ziel muss eine nachhaltige Medizin sein. Das bedeutet in Scheideggers Augen, dass auch im Medizinbereich gegen die Wegwerfmentalität vorgegangen werden muss. Zu viel Plastik, Papier wird weggeworfen, besonders alarmierend ist der grosse Anteil von Edelstahl-Instrumenten – Raubbau an endlichen Ressourcen. Invasive Kardiologie wird laut Scheidegger unnötig häufig angewandt, er nennt sie die Milchkuh der Schweizer Krankenhäuser.

Die Tagung war von Bundesrat Alain Berset eingeleitet worden. Er sieht eine Revolution der menschlichen Kreativität, was für ihn bedeutet, dass der Mensch im Mittelpunkt stehen muss – eine Chance für die Medizin. Demografischer Wandel und Digitalisierung werden unsere Gesellschaft tiefgreifend verändern. In Bersets Augen können wir diesen Wandel beklagen, ändern können wir ihn nicht. „Nehmen wir dies als Herausforderung, denn mit zu viel Defensive verbauen wir unsere Zukunft.“

Bundesrat Alain Berset (links) und Jacques de Haller, Präsident forumsanté.  Fotograf: Sascha Hähni

Dieses forumsanté wurde bis auf weiteres zum letzten Mal durchgeführt, erklärte dessen Präsident Jacques de Haller. Einerseits sei es schwierig geworden, Sponsoren für eine solche Tagung zu finden, andererseits habe die Zahl der Teilnehmenden in den letzten Jahren abgenommen. Es scheint, dass die jüngere Generation andere Formen des Austausches vorziehe. Jacques de Haller schliesst nicht aus, dass das forumsanté in neuer Gestalt wieder zum Leben erweckt werden kann.

Weitere Informationen zum 21. forumsanté.ch

Titelbild: Blutdruckmessgerät  © Tim Reckmann  / pixelio.de

Mord auf dem Bauernhof

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Mit dem Kurzroman «Bajass» des Luzerner Autors Flavio Steimann (74), inszeniert als Erzähltheater, brilliert Hanspeter Müller-Drossaart (65) sprachgewaltig  auf der Bühne und begeistert das Publikum im Theaterpavillon Luzern.

Zur Geschichte: Auf dem abgelegenen Gandhof im stotzigen Luzerner Hinterland wurden der Bauer und seine Frau erschlagen aufgefunden. Kriminalkommissar Gauch macht sich noch vor Tagesanbruch auf, den Doppelmord aufzuklären. Schon bald zeigt sich, dass der Fall viel komplexer ist, als es zuerst den Anschein macht. Gauch lässt sich schliesslich auch auf dem Übersee-Dampfer Liberté einschiffen, wo er kurz vor New York den Bajass, den jugendlichen Täter und ehemaligen, übel behandelten Verdingbuben der ermordeten Bauersleute stellt und gehen lässt.


Das Bühnenbild

Der Autor bedient sich zwar des Genres Kriminalroman, aber «Bajass» ist vor allem eines: eine sinnliche und psychologich-hochdifferenzierte, grossartige Milieu- und Gesellschaftsstudie, die letztlich illusionslos Partei für die Aussenseiter dieser Welt nimmt.

Steimanns Sprache ist reich an wunderbaren Begriffen, die man heute nicht mehr hört. Wie Geländekerbe, Büttel, Sarger, Prosketur, Kasel, Manipel, Wellendrilling, Luftmensch und Häuteljude.

Am Ende beschäftigt ihn die Lösung des Falles weniger als eine damit verbundene moralische Frage.  Ihn packt  neben dem bestürzenden Psychogramm des Fahnders der soziale Hintergrund des bäuerlichen Lebens.


Der Schauspieler im Stück Bajass auf dem Weg nach Amerika

Das Bühnenbild zeigt einen Tisch und einen Stuhl, eine Leinwand und ein Leintuch, unter dem man eine Leiche vermutet. Die Erwartungen an den Schauspieler sind gross. Man kennt Hanspeter Müller-Drossaart aus Kinohits wie «Grounding», «Die Herbstzeitlosen», als Dällebach-Kari sowie aus TV-Produktionen wie «Lüthi und Blanc», «Gotthard» und «Bozen-Krimi».

Die Erwartungen werden mehr als erfüllt. In seiner ruhigen Art umkreist er spielend und erzählend den Tisch, berührt ihn, stützt sich, kniet hinter ihm. Seine Mimik, Sprache und Gestik sind auf die Figur zugeschnitten.

Die Tonalität, die Variationen, die Sprache, teilweise gewürzt mit einheimischem Dialekt, sind einsame Spitze. Ganz grosses Theater. Die Zuschauer sind begeistert.

Der umjubelte Hanspeter Müller erklärt am Schluss, was sich unter dem Leintuch verbirgt. Der Projektor, der die Bilder des Luzerner Fotografen Hans Eggermann auf die Leinwand projezierte.

Hanspeter Müller-Drossaart stand nach der Premiere Seniorweb Red und Antwort:

Was bedeutet Ihnen das Stück?
Mir bedeutet es extrem viel, weil das von Flavio Steimann geschriebene Buch unglaublich dicht  ist, wo man viele Welten zusammen kriegt, die über den Realismus hinausgehen, weil ich das Buch liebe und weil ich mir die Freiheit herausnehmen konnte, den Inhalt in eine theatrale Form zu giessen. Das hat grosse Freude bereitet.

Verläuft jeder Abend gleich?
Der Text ist schon immer derselbe. Ich rede aber mit den Zuschauern, und das ändert immer wieder, da mache ich oft eine längere Pause. Das Theater ist so offen. Heute mussten wir unterbrechen, weil ein Zuschauer Probleme hatte und ärztlich betreut werden musste.

Einzelne Passagen hat der Schauspieler in Dialekt umgeschrieben und auch so vorgetragen.

Was bedeutet ihnen der Dialekt?
Ich bin ursprünglich Obwaldner und im Kanton Uri aufgewachsen, eine verrückte Mischung. Flavio Steimann arbeitet mit Helvetismen und darum habe ich zugunsten einer grösseren Farbigkeit  verschiedene Sachen in Mundart übersetzt. Da wird der Text deutlicher angesiedelt und bringt musikalisch eine andere Farbe, eine grössere Verbindung.

Wieviele Vorstellungen gibt es noch?
Die Produktion fängt erst an.  Ich werde Bajass sicher noch zwei, drei Jahre spielen.

Was ist ihre nächste grosse Rolle?
Ich spiele in Disentis beim Festspiel des Klosters Mitte März den Klostergründer Pater Sigisbert. Wir hatten schon die ersten Leseproben, und was ich gerade hinter mir habe, ist eine neue Theaterfassung von Heidi, das von der Theatergesellschaft Buochs zum 160-Jahr Jubiläum aufgeführt wird.

Fotos: Josef Ritler

Weitere Vorstellungen von Bajass:
18. Januar um 20 Uhr, 19. Januar um 17:30 Uhr, im Theater Pavillon Luzern
5., 7. und 8. Februar, Kellerbühne St. Gallen
18. Februar, Kulturhaus Central Uster

Weitere Informationen unter: 
https://www.hanspeter-mueller-drossaart.com

Ein Gartenzaun, um durchzuschaun

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Wie wird aus einem Stück Land ein Garten? Mit einer klar definierten Grenze. Einem „Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun“ wie Christian Morgenstern reimte. Mit einer Mauer, wie beim Rapunzelgarten der bösen Zauberin. Oder einer Rosenhecke, wie bei Dornröschen.

Es ist eine uralte Weisheit: Ein Garten braucht eine Begrenzung. Das ist schon etymologisch, also vom Ursprung der Wörter her, zu erklären: „Gart“ im Althochdeutschen und „Garda“ im Gotischen bedeuten Hürde, Abschrankung. Und die Holländer entspannen auch heute noch im „Tuin“, ihrem Garten, der dem Wortstamm nach mit unserem „Zaun“ verwandt ist.

Kein Garten ohne Zaun also. Man denke nur an die alten Bauernhäuser, die inmitten grüner Felder und Wiesen liegen. Die dazu gehörenden Gärten sind immer eingezäunt. In erster Linie natürlich, damit das Vieh auf der Weide und die Hühner die Salatköpfe und Blumenrabatten verschonen. Ein Zaun ist Abgrenzung gegen aussen und Schutzwall gegen innen. Er schützt die Pflanzen, schafft ein Mikroklima. Und dies sowohl real – als Windschutz – wie auch emotional.

Wo soll er sonst stehen, der Engel mit dem Schwert?

Sogar der Garten Eden war umzäunt. Das lässt sich jedenfalls aus den altpersischen Begriffen „pairi“ und „daeza“ ableiten, von denen das Wort „Paradies“ abstammt. Ersteres bedeutet „umfassen“, das zweite „Mauer“. Was ja logisch ist. Wie sonst hätten Adam und Eva aus dem Garten Eden vertrieben werden können? Wo könnte der Engel mit dem flammenden Schwert denn gestanden haben, wenn nicht an der Gartenpforte?

Im Winter kann auch ein nackter Metallzaun zu einem Blickfang werden. (pixabay)

Ein Gartenzaun kann unterschiedliche Signale aussenden. Er ist Abschottung gegen aussen, Sicht- und Lärmschutz zugleich. Oder er bildet gleichsam einen Rahmen, fasst einen Garten mit Wildem Wein, Hagrosen oder wuchernder Clematis ein.

Und hat heute einen etwas negativen Nachgeschmack. „Gärtchendenken“ ist fast ein Schimpfwort, wird mit engstirnig, Neuem gegenüber nicht aufgeschlossen gleichgesetzt. Wobei: Die Latten eines Gartenzauns sind noch lange kein Indiz dafür, dass die Gartenbesitzer allesamt ein Brett vor dem Kopf haben müssen.

Offen, kommunikativ – und konfliktanfällig

Ein Wohnquartier ganz ohne optische Schranken gegen die Strasse hin signalisiert vielleicht wirklich Weltoffenheit und Gastfreundschaft. Wenigstens so lange sich nicht die Hunde aus der Umgebung im Vorgarten versäubern und die Bälle der Nachbarskinder immer wieder in den Blumenrabatten an der Hausmauer landen.

Ein Mäuerchen als Abgrenzung gegen das Nachbarsgrundstück. (b.r.)

Wenn man auf dem Sitzplatz gerne Siesta halten oder mit Gästen am Gartentisch gepflegt essen möchte und die Nachbarskinder dauernd vorbeiflitzen, Federbälle am Kopf oder im Teller landen und begehrliche Blicke einen das Dessert fast verleiden, dann ist es mit der grenzenlose Nachbarschaftsliebe aber meist schnell vorbei.

Klare Grenzen können deshalb viel zu einem entspannten Zusammenleben unter Nachbarn beitragen. Schliesslich wird die Umzäunung eines Gartens ja auch als „Einfriedung“ bezeichnet.

Wie diese Eskalationsbremse aussehen soll, ist jedem einzelnen überlassen. Eine opulente schmiedeiserne Einfassung passt vielleicht besser zu einer herrschaftlichen Villa als zum Reihenhausgarten, kompakte Holzwände und Mauern können unerwünschte Schatten werfen und Holzzäune brauchen Pflege. Nicht jeder ist ein Tom Sawyer aus Mark Twains gleichnamigen Schelmenroman, der es verstand, das Streichen des Zauns, das er als Strafe aufgebrummt bekommen hatte, zu einem begehrten Freizeitvergnügen umzudeuten.

Mit Kletterpflanzen und Sträuchern kann ein Maschendrahtzaun kaschiert werden. (b.r.)

Wer gegen die Strasse hin nur ein paar niedrig wachsende Sträucher als Grenzmarkierung setzt, merkt vielleicht bald, dass dahinter nur allzu gerne Abfall deponiert wird. Und wer eine Hecke pflanzt oder durch in den Boden gesteckte frische Weidenruten einfach wachsen lässt, wird in ein paar Jahren regelmässig mit der Heckenschere zugange sein. Drahtgeflecht schliesslich ist nicht wirklich eine Augenweide, kann aber, bepflanzt mit rankenden und kletternden Pflanzen ganz schnell zu einem lebendig bunten Gartenabschluss werden.

Verschiedene Arten von Apps

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Grundsätzlich lassen sich Apps, also die Programme und Spiele fürs Smartphone, in zwei Kategorien unterteilen: in kostenfreie und in kostenpflichtige Anwendungen. Warum kostenfrei aber nicht immer wirklich kostenfrei bedeutet, das erklären wir im Folgenden.

Kostenfreie Apps können bei Android und beim iPhone ohne Angabe von irgendwelchen Zahlungsdaten heruntergeladen und installiert werden. Einzige Vorraussetzung ist ein Google-Konto bei Android und eine Apple-ID beim iPhone. Die kostenfreien Apps lassen sich nun allerdings noch einmal in verschiedene Kategorien einteilen

1) komplett kostenfreie Apps ohne Werbung

Diese Anwendungen funktionieren uneingeschränkt, blenden keine Werbung ein und bieten auch keine Möglichkeit, irgendetwas hinzuzukaufen. Bei solchen Apps ist es allerdings nicht auszuschliessen, dass die App sich über das Sammeln und Auswerten von Nutzerdaten finanziert. Kontrollieren Sie daher bei komplett kostenfreien Apps vor allem die Berechtigungen, die die App verlangt. Seriöse Beispiele für vollständig kostenfreie Apps sind unter anderem die App von SRF Meteo oder der SBB.

2) kostenfreie Apps, werbefinanziert

Die meisten kostenfreien Apps blenden innerhalb der App Werbung ein. Sie funktionieren also genauso, wie die meisten Internetseiten. Die App an sich ist gratis, der Anbieter der App verkauft aber Werbung und kann sich dadurch finanzieren. Achten Sie darauf: Wenn Sie die Werbung antippen, was oft auch versehentlich passieren kann, so verlassen Sie die App und es wird in den meisten Fällen eine fremde Internetseite geöffnet oder Sie landen im App Store. Schauen Sie daher bei werbefinanzierten Apps genau, wo die Werbung eingeblendet wird. Werbung in Apps kann auch manchmal sehr trickreich sein und aussehen, wie eine Meldung vom Handy. Fallen Sie daher nicht auf Einblendungen wie „Jetzt Handy bereinigen“, oder „Virus gefunden“ herein. Dies sind erfundene Werbeanzeigen!

3) kostenfreie Apps mit In-App-Käufen

Der Begriff „In-App-Kauf“ bedeutet, dass man innerhalb der App bestimmte Funktionen hinzukaufen kann. Diese können ganz unterschiedlicher Natur sein. Eine beliebte Variante ist es, durch eine Zahlung die Werbung auszuschalten. Beispiel: Eine App ist kostenfrei, blendet aber sehr störende Werbung ein. Per In-App-Kauf kann man durch eine einmalige Zahlung dafür sorgen, dass die Werbung verschwindet. Ein anderes Beispiel sind Zusatzoptionen. So könnte ein Wetter-App kostenfrei sein und einen Wetterbericht mit 3-Tage-Vorschau anbieten. Möchte man auch eine 7-Tage-Vorhersage, so kann man diese Funktion per In-App-Kauf hinzukaufen. Die In-App-Käufe sind aber optional, also freiwillig.

4) kostenfreie Apps mit kostenpflichtiger Premium-Version

Sehr häufig gibt es Apps auch in zwei Versionen, nämlich in einer eingeschränkten, werbefinanzierten Version und in einer kostenpflichtigen, werbefreien Vollversion. Häufig sind diese am Namen zu erkennen, die kostenfreien Apps heissen oft „free“, „lite“ oder „light“, während die Vollversionen oft „Pro“ oder „Professional“ heissen. Dies führt uns zu den kostenpflichtigen Apps.

Kostenpflichtige Apps

Kostenpflichtige Apps sind in der Regel werbefrei. Man kann Sie nur installieren, wenn man zuvor beim Google-Konto oder der Apple-ID Zahlungsinformationen hinterlegt hat. Ein versehentliches Kaufen von Apps ist somit also kaum möglich. Der Preis wird vor dem Installieren angezeigt und kann stark variieren. Die meisten Apps kosten nur 2 – 5 Franken, es gibt aber auch einige Anwendungen, die 20-100 Franken kosten. Der Preis für eine App ist einmalig. Ist die App einmal gekauft und installiert, so gehört diese für immer Ihnen. Sie kann in der Regel sogar dann wieder kostenfrei installiert werden, wenn Sie zwischenzeitlich einmal gelöscht wurde. Dies funktioniert, weil alle Käufe im Google-Konto, beziehungsweise der Apple-ID gespeichert werden. Wenn Sie Apps kaufen möchten, ohne Ihre Kontodaten an Google oder Apple zu übermitteln, so können Sie dies mit Gutscheinkarten tun.

Dieser Beitrag wurde bereitgestellt von unserem Kooperationspartner Levato. Weitere Hilfestellungen zu Computer, Internet und Smartphone finden Sie auf www.levato.de.

 

Macht und Ohnmacht

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Fast zu schön, diese Herzlichkeit! Bald schon ahnt man, sie kann im Chaos enden. Die Geburtstagsgratulation für die «Liebe Jelena Sergejewna» wird zur fiesen «Erpressung». Auf der Bühne des Theaters an der Effingerstrasse in Bern.

War das Verhältnis der Elterngeneration zur Generation der Jungen je ein harmonisches? Vielleicht teilweise höchstens. Mittlerweile sind wir ja bei der «Generation Z» angekommen. Zusätzlich hat längst eine weitere technologische Revolution eingesetzt, die digitale, deren Ende zurzeit noch nicht abzuschätzen ist. Mit ihr, doch auch mit der Diskrepanz zwischen den Idealen der ins Leben Aufbrechenden und den Konventionen der Bestandenen, hat sich das Verständnis der Jungen für die Alten noch mehr verringert.

Die Älteren erinnern sich noch an die 1980-er Jahre mit den europaweiten Unruhen, getragen vor allem von Jugendlichen. In Zürich waren es die Opernhauskrawalle. Dass es auch in der damaligen Sowjetunion ähnlich zu und her ging, zeigt dieses 1981 uraufgeführte ungemein dichte Problemstück der 1946 in Riga geborenen Ljudmilla Rasumowskaja. Die deutsche Fassung stammt von Susanne Rödel. «Liebe Jelena Sergejewna», der Originaltitel, wird durch den Untertitel «Die Erpressung» ergänzt; beide Überschriften deuten zugleich die dramatische Spannung und die im Handlungsablauf aufbrechenden Konflikte an.

Von links: Simon Wenigerkind (Vitja), Aaron Frederik Defant (Pascha), Julia Sewing (Ljalja), Philipp Auer (Volodja) mit Daniela Voß (Jelena)

Liebenswürdige Geburtstagswünsche und fiese Nötigung

Jelena Sergejewna, Gymnasiallehrerin, feiert ihren 40. Geburtstag, einsam in ihrer kleinen Wohnung. Eine Schülerin, Ljalja, und drei Schüler, Pascha, Vitja und Volodja, tauchen überraschend mit Blumen und Sekt auf und bereiten der gerührten Jubilarin ein festliches und ausgelassenes Gratulationsständchen. Liebe Jelena Sergejewna hier und da – fast zu fröhlich der künstlich angefachte Rausch. Und dann kommt, wie ein unerwarteter eisiger Windhauch, das Unerhörte. Die Abschlussprüfungen von gestern sind noch nicht korrigiert, oder? Vor allem Vitjas Zukunft ist im Eimer, er hat nichts geschrieben, ein leeres Blatt abgegeben. Auch Pascha hat das geforderte Ziel nicht ganz erreicht, und Ljalja möchte die Chance, ihrem bisherigen Leben besser zu entkommen. Kurz – Jelena möge doch den Schlüssel zum Tresor der Schule herausrücken; der Rest erledige sich ganz von selbst. Und für ihre kranke Mutter wisse Volodja dann wirkungsvolle Hilfe zu beschaffen…

So nimmt die Erpressung ihren Anfang. Keine Frage, die überrumpelte Lehrerin fasst sich schnell und weiss sich wortreich zu wehren. Sie zieht alle Register der Argumentation, um ihren Schützlingen die Verwerflichkeit ihres Handelns und ihrer Absichten vor Augen zu bringen, erfolglos. Jelena vertritt beredt alle Verhaltensnormen der Ehrlichkeit und der sozialen und persönlichen Verantwortung, die ihr als Gebildete und Bildungsbewusste verfügbar sind; die jungen kontern mit bedingungslosen Forderungen, die sich auch aus den Vorbehalten und Kritiken an der älteren Generation stärken. Die Auseinandersetzung wird auf beiden Seiten laut und lauter. Schliesslich wird die Wohnung nach dem Schlüssel untersucht, und das Chaos ist perfekt.

Schliesslich erreichen die Jungen ihr Ziel nicht, die Lehrerin kann nicht verzeihen und zieht sich ins Verstummen zurück. Man muss damit rechnen, dass fortan eine Mauer zwischen Alt und Jung bestehen bleibt.

Es ist die erste Inszenierung des Münchners Philipp Jescheck am Theater an der Effingerstrasse. Es gelingt ihm mit dem Ensemble eine Aufführung dieses modernen Stücks, die vergessen lässt, dass es nicht heute, sondern vor vierzig Jahren geschrieben worden ist. Julia Sewing ist die eher zu Kompromissbereitschaft neigende Stimme im Jugendquartett; Aaron Frederik Defant (Pascha) ist aufbrausend, jähzornig, doch sofort wieder zurückhaltend; Simon Wenigerkind (Vitja) ist die geborene labile Menschenfigur, und Philipp Auer zeigt als Volodja ein Alphatier-Gesicht, von dem man gegen den Schluss nicht mehr ganz sicher ist, ob er es nur manipuliert, vorspielt. Regisseur Philipp Jeschecks szenische formale Sprache ist modern. Er setzt beim Quartett der Jungen performative Elemente des Tanzes und der Pantomime ein, lässt Bilder für lange Augenblick zur Unbeweglichkeit erstarren. Das regt zum Nachdenken an und weckt die Idee des nicht enden Könnens von Abläufen und damit im Ganzen die Erkenntnis, dass das erreichte Chaos ein Symbol bedeutet für die Unmöglichkeit, bei so extremen Gegenpositionen eine gemeinsame, versöhnliche Lösung zu finden.

Teil an der ganzen eindrücklichen Wirkung der Aufführung hat auch die charakterisierende Ausstattung. Die Kostüme von Sybille Welti und das Bühnenbild von Peter Aeschbacher unterstützen überzeugend die Atmosphäre, in welcher sich sowohl die Lehrerin als auch die Jugendlichen bewegen. Die Drehbühne wird erfolgreich als Veranschaulichung der immer wieder wechselnden Standpunkte und Blickwinkel im Verlauf der Auseinandersetzungen eingesetzt.

Alle Bilder: © Severin Nowacki
Aufführungen bis 14. Februar 2020.

DAS THEATER an der Effingerstrasse

Das Phänomen Videospiele

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Games Landesmuseum

Was einst Abenteuerromane oder auch Actionfilme waren, sind heute Videogames: Spannende Geschichten, die einen fesseln und eintauchen lassen. Die Ausstellung „Games“ im Landesmuseum führt durch die vergangenen Jahrzehnte seit der Erfindung der elektronischen Spiele – von „Pacman“ bis „Fortnite“. 2,5 Milliarden Menschen spielen mit.

Machen Sie Videospiele am Computer, mit anderen Gamern übers Internet, am Smartphone? Wenn ja, bietet Ihnen die Ausstellung Games im Landesmuseum die umfassende Geschichte der Videospiele von den wissenschaftlichen Anfängen in den 50er Jahren bis zur Grossindustrie heute. Wenn nein, können Sie endlich erfahren, was den Nachbarn auf seinem Minibildschirm im Tram so fasziniert, dass er seine Haltestelle verpasst, oder warum Ihre Enkel sich in einer Sprache über Dinge austauschen, von denen Sie kaum etwas verstehen.

Bildschirmfoto Space Invaders (Taito): Schon früh war Punktesammeln wichtig.

„Können Sie Gamish sprechen?“ fragt Landesmuseumschef Spillmann die Versammlung von Medienleuten kurz vor der Ausstellungsbesichtigung. Über ein halbes Jahrhundert schon dauert das Zeitalter der Videospiele, also etwa gleichlang wie das der erschwinglichen Computer. Was als Tüftelei von Ingenieuren in Elektrolabors begann, ist heute ein bedeutender Wirtschaftsfaktor – der Gesamtumsatz der Game-Industrie hat jenen der Musik- und Filmindustrie zusammen überholt. Rund 123 Milliarden Dollars ist der Umsatz der Branche, in der sich noch immer durchaus erfolgreich auch kleine Spieldesign-Firmen behaupten können.

70er Jahre Szenografie: Ein paar spielbereite Arcades mit beliebten Games wie Pacman. In der Ruhmeshalle braucht es freilich kein Geld fürs Spiel. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Egal, ob mit einem Joyce Stick – oh, pardon, selbstverständlich: Joy Stick, einer Maus oder dem mit komplexer Elektronik ausgestatteten ganzen Menschen ein virtuelles Spiel gespielt wird, die Lust am Spiel ist so alt wie die Menschheit. Die Tech Welt ist zwar nicht spurlos, aber rasant an der Generation seniorweb vorbeigerauscht. Viele lernten am Arbeitsplatz zwar noch den Computer bedienen, meist jedoch als eine Art bequeme Fortentwicklung der Schreib- oder Rechenmaschine, die meisten nutzen ihn später auch privat, einen lockereren Umgang bieten jedoch fast allen alten Menschen heutzutage das Smartphone oder das Tablet. Aber wer hat auch Spiele geladen? Damit ist nicht die computergestützte Version von Schach oder Mühle gemeint, sondern jene Games, die ihren Anfang bei den Tüftlern an amerikanischen Universitäten hatten.

Bildschirmfoto Pong (Atari): Tennis am Bildschirm – damit begann das Phänomen Games.

Zum Beispiel Pong, das erste kommerziell erfolgreiche und heute so archaisch und simpel anmutende virtuelle Tennis: Der Bildschirm ist vertikal geteilt, links und rechts bewegt je ein Spieler einen kurzen Strich, mit dem ein Pixel hin- und hergeschoben werden kann.

Wollten Sie einmal, ohne Schwellenängste zu überwinden, ohne ihre Enkel oder Grossneffen zu belästigen und ohne einen Kurs zu besuchen, dessen Leiter – genau wie bei der Einführung ins Smartphone – schneller erklärt, als Sie es nachvollziehen können, die Welt der Computergames erkunden? Dann sind Sie dieses Frühjahr im Landesmuseum richtig. In der einst mit Waffen, Rüstungen und Kanonen vollgestellten Ruhmeshalle mit dem einst umstrittenen Fresko des Marignano-Rückzugs von Ferdinand Hodler präsentieren sich nun Krieger der virtuellen Sorte, Pistolen und Maschinengewehre für Egoshooter, jedoch auch viele weniger martialische aber keineswegs weniger spannende Spiele auf diversen Bildschirmen – vom Videogame der ersten Stunde, dem erwähnten Pong, bis zum weissen leeren Raum, in dem mit entsprechender Rüstung regelrecht in die virtuelle Welt abgetaucht werden kann.

Herantasten an ein neues Medium: welche Bewegung bringt welche Bilder in den Kopf, oder auch: gerüstet für den Gang in eine virtuelle Welt. Foto: Eva Caflisch

Während das die jüngeren der Gruppe wohl bereits kennen, wagen sich die älteren wohl erstmals an dieses Abenteuer, lernen quasi am eigenen Leib, wie Algorithmen lernen, oder probieren mit einem Spiel, dessen Namen sie gewiss schon oft gelesen hatten, nämlich Minecraft, zurande zu kommen. Weniger Mutige erkennen den Kasten mit dem Videospiel Pacman – der gelbe Punktefresser mit dem roten Fressfeind wieder, den sie vor Urzeiten im Gasthaus neben dem Flipperautomaten erstmals bedient hatten.

Die Spielstationen sind auf der Zeitreise durch die Welt der elektronischen Spiele jeweils im zeittypischen Ambiente präsentiert. Dass die Spieleentwicklung nicht nur den Zeitgeist und Modeströmungen spiegelt, sondern vielmehr die technische Entwicklung von Informatik und Elektronik bis zur heute beginnenden Technologie der Virtuellen Realität, wird auch anhand der Hardware von der allerersten Spielkonsole über den berühmten kleinen MacIntosh-Computer mit der ersten Maus bis zu aktuellen Spiele-Hilfsmitteln gezeigt. Dazu gibt es – schliesslich ist ein Museum ein Ort der Wissenschaft – auf einem Touchscreen vertiefende Informationen zu den Trends des jeweiligen Jahrzehnts, den technischen und grafischen Weiterentwicklungen und auch zu den gefährlichen Seiten, Stichwort Geldeinsatz und Spielsucht.

Schiessen von der Spielkonsole aus oder mit Tastatur und Maus – das war in den 90er Jahren beliebt.

Während der Egoshooter-Ära spielten noch vorwiegend Buben und Männer. Damals trafen sich Gruppen zu LAN-Parties, brachten ihre schweren Computer und Bildschirme mit, vernetzten sich und spielten nächtelang gegeneinander. Heute ist das dank Internet weltweit und virtuell möglich. Dank künstlicher Intelligenz kann das Spielgeschehen vom Spieler beeinflusst und verändert werden, die virtuelle Welt gleich selbst geschaffen werden – Sandbox heisst das, der Sandkasten als Universum der kleinkindlichen Fantasie ist als komplexes Game wieder da: Gestalten, Erfinden, Entdecken wird wichtiger als Schiessen und Zerstören. So ist es nicht verwunderlich, dass immer mehr Frauen mit Freude und Ausdauer gamen und vor allem auch, dass in der Gamerszene immer mehr Frauen als Spieleerfinderinnen und -Designerinnen arbeiten.

Bildschirmfoto Minecraft (Mojang), ein komplexes Videogame, welches seit Jahren ein Bestseller ist.

Übrigens kann man bei dem Rundgang durch die Ausstellung nicht nur da und dort selbst spielen, man lernt erst noch Gamish, die besonderen Termini der virtuellen Welt der Games.

Beitragsbild: Key Visual der Ausstellung „Games“. Schweizerisches Nationalmuseum/Rolf Hofer

Bis 13. April

Weitere Informationen zur Ausstellung Games im Landesmuseum samt einem Geschicklichkeitsspiel finden Sie mit diesem Link.

Vom Dino-Ei zum Eisprung

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Der chinesische Regisseur Wang Quan’an erzählt in seinem Spielfilm «Öndög» in einem herausfordernd langsamen Rhythmus die Annäherung zweier Menschen in der mongolischen Einsamkeit.

Vorbemerkung: Der mongolische Film «Öndög», das siebte Werk des Chinesen Wang Quan’an, machte mich bei der Erstvision etwas ratlos, doch gleichzeitig neugierig, da ich intuitiv spürte, dass es sich hier um ein Werk handelt, das beim Regisseur Betroffenheit ausgelöst hat, die er uns in einer ungewohnt langsamen, doch eindrücklichen Sprache übermittelt. Bei der zweiten Visionierung wurde mein gutes Gefühl bestätigt und ich erlebte berührende Augenblicke und schöne ausserordentliche Erfahrungen.

Ein Kamel, eine Hirtin, ein Polizist 

Annäherung in Langsamkeit und Stille

«Öndög» startet mit einer langen Fahrt in den Bildhintergrund hinein. Nach diesem lauten Einstieg sind wir drin: in den unendlichen Weiten, in denen wir uns allmählich heimisch fühlen, häufig mit der Kamera waagrecht von links nach rechts oder von rechts nach links erfahrbar gemacht. Bilder von Landschaften und Personengruppen, die lange stehen bleiben, zum Verweilen einladen und Dauer ausdrücken, gelegentlich im Stillstand enden. Es fühlt sich oft an, als ob mit den 180-Grad-Schwenks zwischen den Figuren die halbe Welt eingefangen werde. Der chinesische Regisseur Wang Quan’an hat in diesem, seinem siebten Film erstmals für die Kamera den Franzosen Aymerick Pilarski verpflichtet, jemanden, für den die Mongolei neu war. Auf der Tonebene, von einem Handy und im Off, gibt es Rockmusik und Passagen aus Elvis Presleys «Love Me Tender», zu denen ein Junger tanzt, um sich warm zu halten, was die Geschichte historisch und psychologisch situiert. Allmählich wird es mir auch deutlich und verständlich, dass «Öndög» eine einzige grosse Meditation ist über das Bestehen und das Vergehen, zwischen Tradition und Moderne, Himmel und Erde, Feuer und Kälte, Leben und Tod.

Die an sich knappe und einfache Story beginnt damit, dass einige Polizisten bei einer Ausfahrt in der Steppe auf eine nackte tote Frau stossen. Bis die Spurensicherung eintrifft, soll der 18-jährige Polizei-Neuling bei der Leiche Wache halten, denn bald ist es Nacht, und ein Wolf hat bereits Witterung aufgenommen. Sein Chef stellt dem jungen Mann eine junge Hirtin mit dem Spitznamen «Dinosaurier» zur Seite.

In der Mongolei, wo der Film handelt, wurden im letzten Jahrhundert versteinerte Dinosaurier-Eier, Öndögs, gefunden, die in den Erzählungen der dortigen Menschen weiterleben – was dem Film eine zusätzliche, ausweitende, gelegentlich Fragen aufwerfende Dimension gibt. Ob die zwei gewöhnlichen Menschen, mit dem Rückgriff des Films auf die archäologische Vorzeit, stellvertretend für die heutige Zeit das Fortbestehen der Menschheit durch die Liebe von Mann und Frau verkörpern?

Die beiden Liebenden: prosaisch und sinnlich 

Vom Dino-Ei zum Eisprung in der Steppe

Die mit dem extremen Wetter und der heimischen Fauna vertraute 35-jährige Frau ist in der Region die einzige Bewohnerin weit und breit. Sie hilft dem jungen Mann, in der eisigen Kälte die Leiche zu bewachen. Schon bald verschwindet diese zwar aus der Filmerzählung und taucht erst gegen Schluss wieder auf. Die beiden wärmen sich, nach getaner Arbeit, im Windschatten des Kamels, trinken Alkohol, rauchen Zigaretten, kommen sich näher und schlafen miteinander, mit dem Gewehr bei Fuss. Am Morgen darauf rücken die Spezialisten an, es kommt zur Befragung eines Verdächtigen, die Leiche wird abtransportiert, die Obduktion eingeleitet. Für beide war die Liebesnacht einmalig; nach einem Arztbesuch in der Stadt wird der Hirtin klar, sie ist schwanger.

Zur Geburt eines Kalbes, wie früher schon zur Tötung eines Schafes, ruft die Hirtin einen befreundeten Kollegen um Hilfe. Dieser reist mit dem Motorrad an und bringt ihr ein fossiles Saurier-Ei, ein Öndög, als Geschenk. Nachdem sie dem Tier auf die Welt geholfen haben, sitzen sie eine Weile in der Jurte zusammen, und der Mann versucht, die Frau für sich zu gewinnen, ein Paar und schliesslich Eltern zu werden. Ehrlich und wie selbstverständlich erzählt sie ihm, dass sie bereits ein Ei in sich trage. Auch dieser Hilfseinsatz endet mit einer leidenschaftlichen Liebesnacht: dem visuellen und akustischen Höhepunkt und Schluss des ansonsten stillen und ruhigen Films.

Der Film «Öndög» ist, was von Szene zu Szene offensichtlicher wird, kein Abgesang auf eine untergehende Kultur, sondern eine langsame und karge Erzählung, die in ihrer Fremdheit vielleicht auch bei den Zuschauern eigenes Fremdes wachrufen kann. Ihr Fokus liegt auf der Schönheit der Natur, dem Lauf der Zeit, dem Ringen um Harmonie – und es wird unschuldig und mit schöner Selbstverständlichkeit gelebt, gearbeitet, gelacht und geliebt.

Mit oder ohne Mann: eine starke Frau

Aus einem Interview mit dem Regisseur

Was war der Ausgangspunkt für diesen Film?

Es ist nicht das erste Mal, dass ich in der Mongolei unterwegs bin. Ich mag die Art von Räumen, die man dort findet. Mongolen haben eine nomadische Lebensweise und so eine enge Beziehung zur Natur. Wenn du dich in einer so natürlichen Umgebung befindest, hast du genug Platz, um über dich selbst nachdenken zu können.

Einer Ihrer Protagonisten sagt: «Was wir mit unseren menschlichen Augen sehen, ist nicht unbedingt Realität.»

Diese Idee wird niemanden mit etwas Wissen über östliche Kulturen und Spiritualität überraschen. Für uns ist die Welt eine Illusion. Was wir sehen, ist nicht die Wahrheit, und die Wahrheit unterscheidet sich von dem, was wir sehen. Das bedeutet, dass wir die Welt immer im Auge behalten müssen.

Sie erzählen das mit Humor.

Das ist wichtig. Ich wollte nicht, dass der Film zu ernst wird. In der Mongolei können wir dank der riesigen Weiten tief in den Weltraum sehen. Wir sehen so weit zurück in der Zeit wie möglich, denn in diesen unberührten Landschaften verstehen wir besser als anderswo, dass die Geschichte der menschlichen Gegenwart nur einen kleinen Teil dessen ausmacht, was auf der Erde geschehen ist. Dies hilft, einen Schritt zurückzutreten, und alle Geschichten, so ernst sie auch sein mögen, werden lächerlich.

Einige Aufnahmen im Film, bei denen nur ein Streifen Land und ein Streifen Himmel im Bildausschnitt sind, erinnerten an Mark Rothkos Bilder.

Er und ich haben eine gemeinsame Vorstellung: Je reduzierter etwas ist, umso schöner ist es. Durch die Einfachheit kann man fast alles ausdrücken, einschliesslich der grössten Schönheit. Man muss entfernen, entfernen, entfernen, bis man beim Ausgangspunkt angelangt ist. Wir kehren zur östlichen Philosophie zurück. In der chinesischen Malerei ist eine der Hauptideen, etwas leer zu lassen. Eine Leere, die dem Betrachter erlaubt, sich Dinge vorzustellen.

Titelbild: Unendliche, fast menschenleere Landschaften

Das Interview hat Gregory Coutaut für www.lepolyester.com geführt.

Regie: Wang Quan’an, Produktion: 2019, Länge: 100 min, Verleih: trigon-film