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Material in Aktion

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Die Ausstellung Designlabor: Material + Technik im Museum für Gestaltung in Zürich präsentiert neuartige Materialien, die technologisch mehr können, leichter, kleiner und nachhaltiger sind. Forscherteams aus verschiedenen Disziplinen ertüfteln und Designer erproben sie in allen Facetten.

Materialfragen und neue technologische Verfahren sind seit jeher zentrale Treiber in der Entwicklung innovativer Produkte, wie das «Kabinett» zum Auftakt der Ausstellung zeigt.

«Kabinett»: Design-Stücke aus der Museumssammlung des 20. Jahrhunderts zeigen über heissem Dampf gebogenes Holz für Stühle, Telefonhörer aus Bakelit als Vorboten von Plastik, Aluminium als Material, das hart, leicht und formbar ist, Milchgefässe aus unterschiedlichsten Materialien. Foto: rv

Die Materialforschung ist im 21. Jahrhundert zu einer Schlüsseldisziplin geworden. Der materielle Überfluss und die Suche nach Ersatzstoffen fordern die Gesellschaft heraus. Gleichzeitig muss Material immer mehr können – und dabei leichter und kleiner werden. Es wird intensiv an den optimalen Eigenschaften und der Leistungsfähigkeit herumgetüftelt.

Gramazio Kohler Research erforscht seit 2005 an der ETH Zürich digital konzipierte und robotisch gesteuerte Prozesse im Massstab 1:1, Smart Dynamic Casting, 2014. Foto: ©Kohler Research, ETH Zürich

Für Designerinnen und Designer eröffnen sich spannende Handlungsfelder. In Teams mit Forschenden aus den Disziplinen Chemie, Physik oder Biologie setzen sie Lösungsansätze gestalterisch um.

Das Designlabor stellt neunundzwanzig zeitgenössische und zum Teil eben erst realisierte Projekte vor: von nachwachsenden Materialien (Pilze, Bakterien) bis zu technologischen Werkstoffen (mit Keramik beschichtete Textilien, schnell aushärtender Beton). Experimenten mit traditionellen Materialien wie Ton oder Strickgarn stehen Visionen von Materie gegenüber, deren Eigenschaften noch wenig erforscht sind. Andere Ansätze fokussieren auf Verfahren mit neuen leistungsfähigeren und rationelleren Technologien, wie digitale Herstellungsprozesse, 3D-Druck und robotische Fabrikation.

 

Biobasierte und andere Materialien

CASKIA / Growing a MarsBoot , entwickelt von OurOwnSkin in Zusammenarbeit mit Officina Corpuscoli, Maurizio Montalti. Myzelium-Komposite (Baumwolle, Filz), Biofabrikation, 3D-Druck. Foto: rv

Besonders beeindruckt haben mich biologische Materialentwicklungen aus Bakterien und Pilzen, deren Myzelien – fadenförmige kaum sichtbare Zellen – sich zu Geflechten verbinden und wie sich selbst produzierender Klebstoff wirken. Das schnell nachwachsende Biomaterial regt zu neuen Entwicklungen von Produkten an, wie schallschluckende Akustikpanels, aber auch futuristische MarsBoots für die Marsmission. Allerdings scheinen Probleme mit unangenehmen Geruchsemissionen noch nicht wirklich gelöst zu sein.

Nienke Hoogvliet, Kimono aus Kaumera®, ein biobasiertes Granulat aus Klärschlamm, 2018. Foto: Femke Poort, ©Studio Nienke Hoogvliet

Nicht nur Pilze und Bakterien lassen sich verarbeiten, auch Taschen aus Rinderdärmen als nachhaltige Alternative zu Leder werden präsentiert. Die wertvollen in Eierschalen enthaltenen Mineralien besitzen verarbeitet zementähnliche Eigenschaften und können in der Bauindustrie eingesetzt werden. In Holland gibt es ein Projekt, Granulat aus reinigenden Mikroorganismen im Klärschlamm zu gewinnen. Da dieses Granulat so vielseitig anwendbar ist, wird es Kaumera (Chamäleon) genannt.

Holz und Holzwerkstoffe können mit dem speziellen Einschneideverfahren DUKTA, das in Zürich erfunden wurde, flexibel gemacht werden. Durch die Einschnitte erhält das Holz nahezu textile Eigenschaften. Dies erweitert die Einsatzmöglichkeiten im Innenausbau, für Trennwände, Möbel oder Leuchten. Zudem ist der perforierte Holzwerkstoff stark schallabsorbierend und eignet sich für akustisch sensible Räume, wie Tonstudios, Konzertsäle, Restaurants und strahlt eine eigene Ästhetik aus.

Das DUKTA-Einschneideverfahren macht Holz flexibel und ist vielseitig einsetzbar. Foto: rv

Für den althergebrachten Lehm hat der Produktedesigner Romain Kloeckner aus ‚Spass an der Freud‘ ein Druckluftgewehr erfunden, mit dem man Lehmklumpen auf ein Ziel schiessen kann. Auf einer neuartigen Technologie zur Verarbeitung von Lehm beruht das Projekt Moca. Das französische Designerpaar Carla Joachim und Jordan Morineau entwickelte in ihrem niederländischen Studio in Eindhoven eine Tropfmaschine, die in einem vorbestimmten Rhythmus flüssiges Porzellan, Steingut oder Farbe in eine Form tropfen lässt. Auf der computergesteuerten Drehscheibe entstehen so programmierte Unikate.

Porzellan, hergestellt aus flüssigem Lehm auf einer computergesteuerten Drehscheibe. Studio Joachim – Morineau, Moca – Patterns, 2018. Foto: Pierre Castignola, ©Studio Joachim – Morineau

Eine ganze Reihe von Erfindungen geht auf Kueng Caputo zurück: zwei international tätige Zürcher Gestalterinnen, Lovis Caputo und Sarah Kueng. Die beiden kennen sich seit der Ausbildung an der ZHdK und arbeiten seit über zehn Jahren zusammen. Für sie steht das Thema Handwerk im Zentrum. So fragten sie sich, was wäre wenn wir mit Luft Material dehnen würden? Darauf entwickelten sie in Zusammenarbeit mit Materialwissenschaftlern im Labor eine Serie von Akustik-Elementen aus porösem, in einer Gussform aufgeschäumtem Gips. Visuell attraktiv designt, schlucken diese störenden Schall.

Mit einer anderen Serie, auch die schallschluckend, erweisen Kueng Caputo den handgewebten Teppichen von Frauen aus dem Atlasgebirge Reverenz. Die geometrische Ornamentik und die komplexe Farbigkeit übersetzen sie in ein Material, bestehend aus einem Granulat aus synthetischem Kautschuk, das sonst für den Belag von Sportplätzen verwendet wird.

Kueng Caputo nutzen auch die Eigenschaft von Kunststoff-Granulat, das seine materielle Erscheinung im Schmelzprozess verändert. Sie fabrizieren damit fragile, transparent-farbige Platten, biegen sie spielerisch zu Lampenschirmen und schaffen in Verbindung mit LED Leuchtröhren kunstvoll verarbeitete Unikate.

Kueng Caputo, Ciao Amico Mio, 2018. Foto: Etage Projects, ©Kueng Caputo

Biologisch abbaubare Taschen aus Bananatex werden aus Fasern der Bananenpflanze, die auf den Philippinen nachhaltig kultiviert wird, hergestellt. In Zusammenarbeit mit Garn- und Webspezialisten aus Taiwan wird dieses Gewebe natürlich gefärbt und mit Bienenwachs wasserabweisend beschichtet.

Der Roboter als Architekt

Im Bereich Architektur wird der Roboter selbst zum Architekten. An der ETH Zürich erforscht Gramazio Kohler Research seit 2005 digital konzipierte und robotisch gesteuerte Prozesse im Massstab 1:1. Zurzeit wird intensiv mit Beton experimentiert. Benjamin Dillenburger, ebenso an der ETH Zürich, forscht im Bereich digitaler Bautechnologien und entwickelt grossformatige Raumstrukturen aus 3D-Betondruck für Bühnenbilder. Ein anderes Bauprojekt testet mit Beton gefüllten Gitterstrukturen, die den Bau von tragenden oder gekrümmten Betonwänden möglich machen.

Neue Lösungen mit weniger und rasch härtendem Beton: 3D-Drucker und Roboter produzieren grossformatige Raumstrukturen mit fantasievollen Formen, elegante Säulen, leichte, bewegliche Schalungen für Gebäude oder gekrümmte Betonwände. Foto: rv

Offene Werkstatt und Hands-on Objektsammlung

Das Designlabor ist ein aktiver Ort der Auseinandersetzung für alle. Die Besucher werden im Ausstellungsraum in einer offenen Werkstatt zum Selbermachen und Experimentieren eingeladen, ohne Vermittlungspersonen. Die bereitgestellten wechselnden Materialien und Anregungen animieren zu eigenen Gestaltungsprozessen. Zudem bietet die Hands-on-Objektsammlung Gelegenheit, Material sinnlich zu erfahren und wächst im Lauf der Ausstellung. Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, interessante Materialmuster beizusteuern.

Bis Frühling 2020

Designlabor: Material + Technik im Museum für Gestaltung im Toni-Areal in Zürich

ZB kooperiert mit Google Books

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Wissen aus zwei Jahrhunderten, heute gespeichert in Druckschriften der Zentralbibliothek Zürich (ZB) soll bald besser zugänglich sein. In Zusammenarbeit mit Google Books wird gemeinsam mit anderen Bibliotheken insgesamt eine Viertelmillion Bände digitalisiert und steht danach online für den freien Zugriff zur Verfügung.

Die Digitalisierungsbestrebungen der Zentralbibliothek Zürich sind bereits seit langem ein wichtiger Bestandteil der langfristigen Strategie im Rahmen der Sicherung der eigenen Bestände: Mit der Etablierung der beiden Plattformen e-manuscripta.ch und e-rara.ch konnten bereits erste Ergebnisse erzielt werden. Zudem wurden dank des grossen Engagements des Lotteriefonds weitere wertvolle Bestände der Spezialsammlungen digitalisiert und auf die beiden Plattformen hochgeladen.

  Hunderttausende Medien bis 2022 online und für alle zugänglich

Die zur Verfügung stehenden Mittel reichen aber nicht aus, um die vielen weiteren Bestände der ZB zu digitalisieren und für ein breites Publikum zu öffnen. Aus diesem Grund wird nun gemeinsam mit anderen Bibliotheken eine Zusammenarbeit mit Google Books eingegangen. Für die ZB bedeutet dies, dass bis 2022 rund 70’000 Medien digitalisiert und für die Öffentlichkeit zugänglich sind.

Auch für die internationale Forschung

Google übernimmt die Kosten für die Digitalisierung mit dem Ziel, so viele Texte des 18. und 19. Jahrhunderts wie möglich auch der internationalen Forschung online zugänglich zu machen. Die Digitalisate stehen den Benutzenden nachher auf Google-Books, aber auch in den bibliothekseigenen Katalogen und Portalen zur Verfügung.

Mit dieser Partnerschaft geht die Zentralbibliothek Zürich einen weiteren wichtigen Schritt hin zu einer umfassenderen Nutzbarkeit ihrer Bestände und der dort enthaltenen Informationen und leistet damit einen weiteren Beitrag zur Präsentation des eigenen Wissensspeichers zu Handen der Öffentlichkeit.

Die ZB – ein vielfältiger Wissensspeicher 

Die Zentralbibliothek Zürich ist als öffentliche Stiftung seit über 100 Jahren die Kantons-, Stadt- und Universitätsbibliothek von Zürich. Mit 6.6 Millionen Objekten (Büchern, Zeitschriften, Handschriften, Mikroformen, Tonträgern usw.) und über 200 Mitarbeitenden gehört sie zu den grössten Bibliotheken der Schweiz. Dazu kommt ein breites Angebot an Datenbanken und über 25’000 elektronische Volltexte. Eine halbe Million Menschen pro Jahr besucht die ZB und nutzt ihre vielfältigen Angebote.

Fotos: Frank Brüderli
ZB.UZH.CH

Je pense, donc je suisse

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„Prestobello“ heisst das neue Buch von Andreas Iten. Es ist nicht die Erzählung einer Geschichte. Sondern die Geschichte einer Erzählung: Der Grossvater erzählt seinem Enkel aus der Vergangenheit. Das ganze Leben von „Prestobello“ wird vor uns aufgerollt. Aber auch Jonas, den aufmerksamen Zuhörer, begleiten wir beim Lesen in seiner Entwicklung zum jungen Mann.

Was der Name „Prestobello“ bedeutet, erfahren wir irgendwo im ersten Drittel des Buches. Soviel vom Lebenslauf sei ganz kurz verraten: „Prestobello“ übernahm in jungen Jahren das Bauunternehmen seiner Familie, das er jahrelang erfolgreich führte. Sozusagen mitten im Leben verkaufte er seine Firma an seine Bereichsleiter, die je den von ihnen geführten Betriebszweig übernehmen konnten, die Baufirma, das Immobiliengeschäft, die Verwaltung der Wohnungen. Der Handel, die Übergabe kam zustande.

„Prestobello“ erfand sich neu, engagierte sich neu. Er gründete das „Zeitmuseum“ in einer gut gelegenen alten Villa, die er aufwändig renovierte. Hier waren nicht nur kostbare Uhren zu besichtigen. Das prächtige Haus wurde auch Mittelpunkt gesellschaftlicher Anlässe und hitziger gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen.

Autobiographische Züge

Ob das Buch autobiographische Züge aufweist? Dem Autor war, wie aus dem Klappentext des Buches ersichtlich, eine ganz andere berufliche Laufbahn beschieden als dem Protagonisten in seinem Buch. Sicher aber ist, dass die philosophischen, politischen, gesellschaftlichen Fragen, die „Prestobello“ umtreiben, auch den Autor des Buches während seines ganzen Lebens beschäftigt haben und noch beschäftigen. Das Ringen um Antworten schlägt sich auch immer wieder in den Kolumnen von Andreas Iten auf Seniorweb nieder.

Besonders angesprochen haben mich im Buch die vielen Rückgriffe auf die zeitgenössische Geschichte. Denn die Ereignisse, die hier beschrieben werden, sind auch mir vertraut. Wer erinnert sich zum Beispiel nicht an die ausufernden, lange nachwirkenden Diskussionen über den Satz, der von Ben Vautier für den Schweizer Pavillon an der Weltausstellung in Sevilla geprägt worden war: „La Suisse n’existe pas“.

Diese Debatte wurde auch im imaginären Zeitmuseum von „Prestobello“ geführt und füllt einige Seiten des Romans. Ich habe mich schon lange mit diesem Satz versöhnt, denn ich dachte immer den zweiten witzigen Teil mit: „Je pense, donc je suisse“. Auch dieser prägte den Schweizer Auftritt an der Expo 92. Warum er damals in den Medien und auch im Buch von Iten aus Abschied und Traktanden fiel, ist mir bis heute unerklärlich.

Klärung  von Standpunkten

Das Buch regte mich auch an, immer etwa wieder eigene Meinungen und Standpunkte zu überdenken. Bis zu meiner Pensionierung hatte ich behauptet, Jassen sei ein doofes Spiel. Ich konnte nicht begreifen, warum meine Kolleginnen und Kollegen in der Politik so gerne und häufig darin Zuflucht suchten. Und was lese ich bei Iten: „Diese Art Vorstellungsgespräch führte ich früher auch mit Kaderleuten durch. Sagte zum Beispiel einer im lockeren Gespräch, Jassen sei Zeitverlust, zögerte ich ihn anzustellen. Wer nicht spielt, hat bald ausgespielt, das gehörte zu meinem Überzeugungen.“ Tja, das sass. Trifft mich aber nicht mehr, kann ich doch heute dem Jassen in geselliger Runde einiges abgewinnen!

Horizonterweiterung

Lebensgeschichte, Zeitgeschichte, philosophische Exkurse etwa über den Unterschied zwischen Lieben und Begehren oder die verschiedenen Bedeutungen von Ereignis und Erlebnis sind in „Prestobello“ unterhaltsam und informativ aneinander gereiht.

Aber Achtung, ganz leicht macht es uns der Autor nicht. Billig sind seine aus privaten und beruflichen Erfahrungen, umfassender Lektüre und tiefem Nachdenken gewonnen Erkenntnisse und Einsichten nicht zu haben. Aber wer den Aufwand scheut, verpasst Einblicke, die seinen Horizont erweitern werden.

Wem empfehle ich dieses Buch? Allen, die im Augenblick einen interessanten Gesprächspartner vermissen. Nehmen Sie das Buch von Andreas Iten zur Hand! Sie werden schmunzeln, sich empören, und immer wieder durch unerwartete Geschichten und Wendungen im Geschehen überrascht werden. Und das Buch nicht mehr aus der Hand geben, bis Sie die letzte Seite erreicht haben!

Andreas iten: „Prestobello“, Bucher-Verlag 2019, Hohenems ISBN 978-3-99018-495-0

Die halbe Wahrheit der NZZ zur 2. Säule

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Bis jetzt nahm ich an, dass sich die NZZ an die Bürgerlichen richtet, sich als liberales, wirtschaftsfreundliches Organ versteht, den Grossverdienern gewogen ist. Selbst die deutsche Partei AfD, die klar rechtsstehende Alternative für Deutschland, vertraut der NZZ, weil sie sie nicht zur deutschen „Lügenpresse zählen“ müsse, weil sie in Analogie zu Zeiten der DRR in der Berichterstattung, wie damals das Westfernsehen, heute eben aus der Schweiz über Deutschland, wohl auch über die AfD berichte. Darüber ist man natürlich an der Falkenstrasse in Zürich, wo die „Alte Tante“, wie sie liebevoll auch genannt wird, seit 1780 geschrieben wird, nicht nur erfreut. Im Gegenteil.

Nun aber wartete die NZZ in der letzten Woche mit der Schlagzeile „Subventionen für Grossverdiener“ und mit dem Untertitel  „Rentenkompromiss mit grotesken Folgen“ auf. Also mit Formulierungen, die stutzig machen. So, als würde sie den Grossverdienern den möglichen Zustupf oder die Kompensation durch die Kürzung des Umwandlungssatzes von 6,8 auf 6,0 % im obligatorischen Teil der 2. Säule gar nicht gönnen. Dieser sei unnötig, gar verantwortungslos, lässt sich zwischen den Zeilen des NZZ-Autors lesen. Die Darstellung der NZZ blendet aber aus, dass es die Grossverdiener sind, welche die AHV solidarisch grosszügig finanzieren, dass die AHV ein Sozialwerk ist, das es heute schwer hätte, eingeführt zu werden, dass wir es deshalb hegen und pflegen müssen und deswegen die Grossverdiener dabei nicht ganz vergessen dürfen.

Gehen wir einem Berechnungsbeispiel nach, mit dem die NZZ ihre Recherchen unterlegt. Es ist ein Mann, 60 Jahre alt. Er verdient 800’000 Franken im Jahr, also ein Grossverdiener nach NZZ-Lesart. Wenn er und sein Arbeitgeber nun nach der Einigung zwischen den Sozialpartnern, den Arbeitgebern und Arbeitnehmern, künftig zusätzlich 0,5 % seines Lohnes in den nächsten 5 Jahren bis zur Pensionierung einzahlen würde, seien das nur 20’000 Franken. Nach der Pensionierung bekomme er aber, wenn er weitere 20 Jahre lebe, also bis zum 85. Lebensjahr, monatlich einen Zustupf von 200 Franken, er erhalte somit insgesamt 48’000 Franken. Er profitiere also auf Kosten der Jungen, der unter 50-Jährigen mit 28’000 Franken.

Nehmen wir aber eine zweite Rechnung zur Hand, dann sieht es nach einer kleinen Kompensation zu den Leistungen aus, die der Mann an die AHV leistete und noch leisten wird. Der Reihe nach. Bis zur Pensionierung werden er und sein Arbeitgeber an die AHV (IV,EO inkl.) jährlich rund 80’000 Franken, also etwas mehr als 10 % seines Einkommens einzahlen, also 400’000 Franken. Nehmen wir an, dass er in den letzten zehn Jahren – vom 50. bis zum 60. Altersjahr – durchschnittlich etwa 600’000 Franken pro Jahr verdiente, gingen davon rund 600’000 Franken an die AHV, und rechnen wir, dass er beim Berufseinritt nach dem Studium mit 30 Jahren bis zum 50 Altersjahr jährlich im Durchschnitt 200’000 Franken verdiente, sind das noch einmal 400’000 Franken, die an die AHV flossen. „Unser Mann“ oder jener der NZZ leistet also bis zum 65. Lebensjahr einen Beitrag an die AHV von sage und schreibe 1’400’000 Franken.

Bezieht er nun während 20 Jahren eine Vollrente als Alleinstehender von jetzt 2’398 pro Monat, sind das bis zu seinem 85. Altersjahr 575’360 Franken. Rechnen wir dazu, dass die Rente in den 20 Jahren immer etwas steigen wird, kommt er auf eine Leistung aus der AHV von etwa 620’000 Franken. Er leistet also einen Solidaritätsbeitrag an die AHV in der Höhe von 780’000 Franken. Wenn er auch diese 780’000 Franken beziehen wollte, müsste er noch 26 Jahre leben, also 111 Jahre alt werden. Was hat Bundesrat Hans-Peter Tschudi, der eigentliche Vater der AHV, mal gesagt: „Die Reichen brauchen die AHV nicht, aber die AHV braucht die Reichen“.

Wahrlich: Da sind die möglicherweise 28’000 Franken, die er nach der neuen Regelung der 2. Säule, wie dies die Sozialpartner vorsehen, zuviel beziehen würde, tatsächlich ein Pappenstiel. Wie könnte die Schlagzeile der NZZ jetzt lauten, wenn sie ihre Grossverdiener, wohl auch Leser, pfleglich behandeln, die ganze Wahrheit schreiben würde: „Endlich werden auch die Grossverdiener berücksichtigt“. Warum denkt die NZZ nicht auch an sie? Da kann ich nur vermuten, dass sie auch diese Reform torperdieren will, wie sie dies schon bei der Vorsorge 2020 leidenschaftlich getan hatte. Sie will eine Mischfinanzierung (Kapitaldeckung bei der 2. Säule und Finanzierung über das Umlageverfahren bei der AHV) auf keinen Fall zulassen. Sie fürchtet, wie der Teufel das Weihwasser, eine Verschränkung zwischen der 1. und der 2. Säule. Und sie lässt keine Ruhe. In der Wochenendausgabe versucht sie Valentin Vogt, den Präsidenten der Arbeitgeber, in einem Interview in die Falle zu locken. Doch der widersteht und sagt: „Wir brauchen jetzt einfach eine Lösung, und die ist nur in einem Kompromiss zwischen den Sozialpartnern zu erreichen.“ Fürwahr!

Ein Film, der unter die Haut geht

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«Skin» von Guy Nattiv, mit Jamie Bell in der Hauptrolle, erzählt die authentische Geschichte von Bryon Widner, der aus der weissen US-Nazi-Szene aussteigen will: hart, doch gerechtfertigt hart.

Persönliche Vorbemerkung: Nachdem ich den Trailer von «Skin» visioniert hatte, wollte ich den Film nicht auf der Website vorstellen. Nachdem ich den ganzen Film gesehen habe, bin ich nun überzeugt, dieser Film muss gezeigt, geschaut und hier besprochen werden. Weil es den Faschismus weiter gibt, haben wir uns auch damit auseinanderzusetzen.

Bryon Widner (Jamie Bell), der Hauptprotagonist von «Skin», ist in einer Familie aufgewachsen, die ihn einst von der Strasse geholt hat. Seine Pflegeeltern Fred und Shareen sind Mitgründer einer Gang: des Vinlanders Social Club. Diese protestiert nicht nur friedlich, sondern besteht aus meist gewaltbereiten jungen Männern, die an extrem-rechte Ideologien glauben, danach leben und ihre Aktionen mit Tattoos auf ihren Körpern verewigen. Nach einiger Zeit als Gruppenangehöriger melden sich bei Bryon Zweifel am Sinn seiner Handlungen. Und als er auf einer Versammlung Julie (Danielle Macdonald) und ihre drei Kinder trifft, findet er bald einmal die Kraft, um der Gang und ihrer Ideologie den Rücken zu kehren. Sie gibt ihm den Halt, den er braucht, um seinem alten Leben abzuschwören. Dazu gehören auch die Sitzungen, bei denen er sich die meisten seiner Tätowierungen entfernen lässt. Doch seine einstigen Freunde und Genossen können seinen Sinneswandel nicht nachvollziehen, geben keine Ruhe, um ihn zurückzugewinnen.

Julie, Bryons Retterin

Ein notwendiger Film …

Der Film «Skin», in Amerika realisiert vom israelischen Regisseurs Guy Nattiv, basiert auf wahren Begebenheiten, die in bedrückenden und provozierenden Bildern und Tönen nacherzählt werden. Das ist derb und brutal, zugleich gefühlvoll und anteilnehmend. Bryons ganzer Körper, insbesondere sein kahl geschorener Kopf, ist tätowiert und berichtet von den begangenen Taten, respektive Untaten, die im Sinne einer ideologischen Mischung aus nordischer Mythologie und nationalsozialistischem Gedankengut begangen wurden. Gleichzeitig sind es die Codes, die Auskunft geben über die genaue Verortung der Gang innerhalb der Skinhead-Szenen, nicht ideologiekritisch analysiert, sondern emotional nachvollziehbar.

Bryon mit Julie und ihren drei Mädchen

… gegen den Faschismus

Bryon Widner ist ein in Amerika aus dem Fernsehen bekannter Neonazi, der, als er aus der Szene auszusteigen begann, sein Umfeld an das FBI verriet und dann in den Untergrund verschwand. Der Regisseur bettet die Handlung in karge, kalte Winterlandschaften, zeigt die Aufmärsche und Überfälle, aber auch das Leben in der Gruppe: den Hass und die Härte, die Regeln und die Rituale, die Treue und die Hörigkeit. Aufgezeigt vor allem am grandios aufspielenden Jamie Bell, der bei den Älteren von uns noch bekannt sein dürfte aus «Billy Elliot», dem sozialkritischen Erfolgsfilm von Stephen Daldry aus dem Jahr 1984.

Der vorliegende Langspielfilm hat einen Vorläufer: den 21-minutigen Kurzfilm gleichen Namens, der mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Beide Filme des 1973 geborenen Regisseurs Guy Nattiv schildern die fesselnden und herausfordernden Geschichten des rechts-extremen Rassismus in den USA. Im Kurzfilm lächelt ein schwarzer Mann einen weissen Jungen in einem Supermarkt an. Der Vater des weissen Jungen, ein rechtsextremer US-Amerikaner, schlägt den schwarzen Mann daraufhin zusammen. Der Regisseur nutzte seine Rede bei der Oscar-Verleihung für einen persönlichen Appell: «Meine Grosseltern haben den Holocaust überlebt. Den Fanatismus, den sie damals erlitten haben, sehen wir auch heute: überall, in den USA, in Europa. Mein Film soll aufklären. Er soll unseren Kindern einen besseren Weg aufzeigen.»

Unterbrochen wird die Haupthandlung immer wieder durch die schmerzhafte Prozedur, der sich Bryon ganze 612-mal unterziehen musste: dem Entfernen der Tattoos. Damit durchläuft er nicht nur eine äussere, sondern auch eine innere Reinigung. Als er am Ende des Films, fast ohne Tattoos, bloss noch mit Narben im Gesicht zu sehen ist, nimmt man es ihm ab, dass er den langen Weg aus schmerzhafter Überzeugung und fussend auf der Kraft seiner Integrität gegangen ist: eine wahre Metaneua, eine sein ganzes Menschsein durchdringende Veränderung.

Eine schwierige Beziehung

Aus einem Interview mit Guy Nattiv, dem Regisseur von «Skin»

Wie sind Sie auf diese Geschichte aufmerksam geworden?

2012 sass ich in einem Café und las Zeitung, als ich die Fotos von Bryon Widner sah, dieses verrückten, faszinierenden ehemaligen Neo-Nazi-Skinheads. Als Enkel von vier Holocaust-Überlebenden wollte ich mehr wissen. Ich zeigte den Artikel meinem Grossvater, der meine Hauptinspiration war. Er ermutigte mich, die Geschichte weiter zu verfolgen und sagte mir ohne einen Hauch von Zögern: «Dies sind die Geschichten, von denen die Welt mehr braucht.» Nun mussten wir aber Bryon Widmer erst mal finden, was schwieriger war als erwartet. Er verlangte, ich solle ihn zu einem Abendessen abseits der Autobahn treffen. Ich bin aus Israel eingeflogen und hatte keine Ahnung, ob Bryon sich zeigen würde. Doch er kam. Und nun zögerte ich, weil ich noch nie zuvor einen ehemaligen Skinhead getroffen hatte. Doch schliesslich sassen wir vier Tage lang zusammen, und am Schluss verstanden wir uns besser, als jeder von uns es je erwartet hatte.

Dies ist Ihr erster US-amerikanischer Spielfilm. Warum diese Geschichte jetzt erzählen?

Wir leben in einer verrückten Zeit. Die Menschen haben die Hoffnung verloren. Frieden und Liebe sind gegenwärtig völlig deplatzierte Wörter, Gewalt und Hass beherrschen das Leben. Als ich Bryons Geschichte las, war Amerika noch anders als heute. Doch ich erkannte bereits damals die Samen des Unglücks, die bald danach platzen würden. Ich hatte das Gefühl, dass diese Geschichte von diesem beschädigten Mann, der eine scheinbar unmögliche körperliche und geistige Veränderung durchgemacht hatte, erzählt werden muss. Es gibt Menschen, die eine zweite Chance verdienen. Denn es ist möglich, einen Ausweg zu finden. Ich möchte das Publikum herausfordern, die Vergebung in sich zu finden. Heute ist es komplizierter: Ist Gewalt nicht in unsere DNA eingegraben? Können wir uns völlig dem entziehen, zu dem wir erzogen wurden? «Skin» handelt von den Erkundungen eines komplizierten Mannes in einer komplizierten Gesellschaft.

Regie: Guy Nattiv, Produktion: 2019, Länge: 110 min, Verleih: Ascot-Elite

Verschobene Wahrnehmung

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Neulich beim Gespräch mit einem Nutztierhalter (Milchproduktion) in seiner Tierfabrik.

Für ihn ist es normal, dass man jungen Kühe die (durchbluteten, schmerzempfindlichen) Hornansätze verglüht, sie einmal pro Jahr zwangschwängert, nach ein paar Stunden oder Tagen nach der Geburt mit Gewalt auf immer von ihren Säuglingen trennt und sie nur einen kleinen Teil ihrer Lebenserwartung überhaupt „leben“ dürfen, bevor (erneut unter Anwendung von Gewalt) Transport und Schlachthaus bevorstehen.

Eine Diskussion mit einem solchen Nutztierhalter über die eigentlichen Bedürfnisse der für Kommerz und Konsum genutzten Tiere ist schwierig. Warum sieht er dabei fast ausschliesslich Produktion, Kosten und Erträge und kaum die Lebewesen, die Tiere, die Natur?

Es hat sich in unseren Systemen in Wirtschaft, Gesellschaft, Politik ein Rechtfertigungs-Muster (intentional behavioural pattern) eingeschlichen, das uns dahin gebracht hat, wo wir sind und so vieles lapidar als gegeben, vernünftig und alternativlos (zum Beispiel eindimensionales Wachstum) scheinen lässt.

Das geht so: Als erstes werden Exzesse (zum Beispiel massive Umweltbelastungen, Glyphosat) VERHARMLOST, was etwa so tönt: “… ist nicht so schlimm … war immer so … geht halt nicht anders … die Technologie wirds schon richten …”, usw. Wird dies über längere Zeit wiederholt und unterlegt mit Marketing-, Werbe-, PR- und Subventionsmilliarden, werden auch groteske, schädliche, nicht nachhaltige, sogar brutale Praktiken und Geschäfts- und Gesellschaftsmodelle NORMAL. Das tönt dann etwa so: “… das ist best practice … das machen wir schon immer so … das machen alle anderen auch…”, usw.

Dieses Rechtfertigungsmuster ist bei unzähligen Themen und Problemen erkennbar;  u.a. Klima-/Umweltschädigung,  industrielle Landwirtschaft/ Massentierproduktion, Verkehr, Energie, Waffenproduktion/-handel, Handelsabkommen, Flüchtlinge/unfreiwillige Migration, Kinder-/ Frauenmissbrauch, usw.

Das einfache wie wirksame Konzept der gewollten VERHARMLOSUNG und NORMALISIERUNG hat sich über die Zeit quasi selbst verharmlost und normalisiert. (Beispiele: Sklaverei, Gladiatorenkämpfe und Versäuberung der Menschen im Wald galten auch mal als normal). Die mit Verharmlosung und Normalisierung einhergehende Verschiebung und stetige Verkümmerung einer objektiven, umfassend-verantwortungsvollen Wahrnehmung und Beurteilung von Zuständen und Problemen – vor allem jene von vitaler Bedeutung und Auswirkung – sollten demnach als Voraussetzung für seriöse, zukunftsrelevante Problemanalysen und Lösungen zuerst bereinigt, also ent-harmlost und ent-normalisiert werden. Am besten mit Ernsthaftigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Beharrlichkeit und konstruktiver Radikalität à la Greta Thunberg (weils nicht fünf vor zwölf, sondern zwölf ist).

Dazu wären wir Menschen potenziell fähig, sicher aber dringend und nachdrücklich aufgefordert.

Bis das passiert, werden sie wohl weiterleiden, die Nutztiere in unseren Tierfabriken, die Kinder in den Textilfabriken und Rohstoffgruben sowie alle anderen im Alltag ganz vergessenen Stimm- und Schutzlosen, für unsere Konsumgewohnheiten Genutzten. Weltweit milliardenfach, täglich, unnötig und äusserst grausam.

Wie der blaue Planet wurde

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Ohne Wasser kein Leben, das ist eine Binsenwahrheit. Aber wie kam das Wasser auf die Erde, diese Frage beschäftigt die Geophysiker und Geochemiker weltweit; neue Theorien aus der Urzeit der Erdentstehung machen die Runde, beteiligt sind auch Forscherinnen und Forscher der ETH Zürich.

Rund vier Milliarden Jahre zurückdenken müssen wir, um der Quelle des irdischen Lebenselixiers näher zu kommen. Die Proto-Erde – ein Körper aus flüssigem Magma, geheizt durch Radioaktiviät und laufend Kollisionen mit anderen Himmelskörpern ausgesetzt – kühlte sich langsam ab, es bildete sich ein Gesteinsmantel und die Gase, die aus dieser irdischen Mondlandschaft austraten, formten die Atmosphäre, vorwiegend Wasserdampf. Der fiel als Regen wiederum zur Erde, als deren Temperatur irgendwann unter dem Siedepunkt lag. Vorzustellen ist, dass es jahrtausendelang sträzte, schüttete, regnete, sich aus dieser ersten Sintflut nach und nach die Meere bildeten: der blaue Planet war geboren, Leben konnte entstehen.

Blue Marble“, die während des Fluges von Apollo 17 zum Mond am 7. Dezember 1972 entstandene Fotoaufnahme von der Erde.

Aber damit ist die Frage, woher denn dieses Wasser kam, noch nicht geklärt, ebensowenig warum andere erdähnliche Planeten im inneren Sonnensystem viel, viel weniger davon enthalten. Bei der Bildung der Erde – daran zweifelt die Forschung nicht – war es trocken, das Wasser musste also aus dem äusseren Sonnensystem stammen. Zunächst vermutete die Forschung, dass Kometen das Wasser auf den mehr oder minder fertig geformten Erdkörper brachten. Doch in jüngerer Zeit gilt diese Theorie als weniger wahrscheinlich, weil das in Kometen gefundene Wasser, genauer der schwere Wasserstoff, mit dem irdischen Wasser eher wenig übereinstimmt.

Splitter „Matterhorn“ vom Kohligen Chondrit HaH 280; CK4. Oxnzeam – CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

Als Wasserträger infrage kommen vielmehr Meteoriten aus dem Asteroiden-Gürtel, die auf die Erde trafen. Dass sie Eis enthalten, ist schon länger nachgewiesen. Die Erdwissenschafterin Maria Schönbächler von der ETH Zürich hat Gesteinsproben aus Vulkangebieten untersucht, ihr Fokus lag auf Relikten aus der Entstehungszeit der Erdkruste. Anhand von Silber-Isotopen hat sie festgestellt, dass die Proben aus dem Erdmantel fast identisch sind mit einer Art Meteoriten, den so genannten Kohligen Chondriten. Als die Erde genug Masse und damit Schwerkraft besass, konnte der Körper auch flüchtige Materialien an sich binden, nötige Voraussetzung für das Aufnehmen von Wasser: «Am Ende verleibte sich die Erde Körper ein,» hält Schönbächler fest, «die reich an volatilen Substanzen waren, sehr wahrscheinlich auch reich an Wasser.» Sie hat Chondriten gefunden, deren Wassergehalt bei rund zehn Prozent liegt.

Animation, die die Entstehung des Mondes durch eine Kollision zwischen der Erde und Theia als L4-Trojaner in ihrer Relativbewegung illustriert. Theia bewegt sich während eines Sonnenumlaufs zeitweise langsamer und manchmal schneller als die Erde, was letztlich zu einer steten Annäherung führt. Sicht auf den Nordpol. Commons.Wikimedia.org

Ihr Forschungsergebnis hat die ETH im Rahmen der Focus-Terra-Ausstellung über das Sonnensystem letztes Jahr einem breiten Publikum vermittelt. Wir berichteten darüber. In diesem Jahr hat ein Forscherteam von der Universität Münster insbesondere einen Asteroiden bezeichnet, der für die Wasserlieferung die Hauptverantwortung hätte, nämlich der hypothetische Protoplanet Theia, dessen Kollision mit der Protoerde die Entstehung des Monds verursacht haben soll. Sie konnten nachweisen, dass er sehr viel Wasser enthalten haben muss.

Wissenschaft ist Abenteuer, das zeigt die jüngste Forschungsgeschichte zur noch nicht endgültig erzählten Geschichte, wie das Wasser als Quelle des Lebens auf unseren Planeten kam. Sicher ist nur eins: Sein Ursprung liegt im Kosmos, im äusseren Sonnensystem.

Lesen Sie auch: Der Urknall kommt in Hörweite

Flotte Show, aber bitte mit Sahne

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Udo Jürgens «Ich war noch niemals in New York» ist längst ein Klassiker, inzwischen auch als Musical. Nun kann das Musical erstmals open air erlebt werden: bis 24. August auf der Thuner Seebühne. Geboten wird eine flotte Show, aber bitte mit Sahne.

Was die Macher des Jürgens-Musicals auf die Thuner Seebühne zaubern, ist kaum in allen Details zu erfassen. Es passiert so viel. Dabei ist die Handlung relativ simpel gestrickt: ein bisschen Traumschiff, ein bisschen Boulevard-Theater, ein bisschen Komödie. Doch aus dem simplen Stoff erwächst flotte Unterhaltung vor traumhafter Bergkulisse mit Eiger, Mönch und Jungfrau. (Schade nur, dass an der Vorpremiere davon nichts zu sehen war.) Im Endeffekt dient die Geschichte ja ohnehin nur dazu, die Udo-Hits singen und spielen zu dürfen, was die Darsteller und das Live-Orchester unter dem Dirigenten Iwan Vassilevski herausragend hinbekommen.

Hochzeit unter der Freiheitsstatue

Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen! Im Mittelpunkt des Musicals stehen Träume und Sehnsüchte. Die erfolgreiche Fernsehmoderatorin Lisa Wartberg plappert im Fernsehen zwar gerne über den Umgang mit Senioren. Doch ihre eigene Mutter Maria hat sie ins Altersheim abgeschoben. Dort verguckt sich die rege alte Dame in ihren Runzel-Romeo Otto. Die beiden wollen sich ihren Lebenstraum erfüllen: Hochzeit unter der Freiheitsstatue. Heimlich besteigt das Paar ein Kreuzfahrtschiff mit Kurs auf New York. Bei dem Versuch, ihre Mutter aufzuhalten, trifft Lisa gemeinsam mit Costa und Fred, ihren treuen TV Kollegen, die als schwules Paar ihr Glück bereits gefunden haben, auf Ottos Sohn Axel und dessen Junior Florian. An Bord des Kreuzfahrtschiffes nehmen die Verwicklungen ihren turbulenten Höhepunkt im Aufeinandertreffen der drei Generationen auf hoher See. Während für Maria und Otto der Himmel voller Geigen hängt, lernen Lisa und Axel erst an Bord, was wirklich wichtig ist im Leben: Teil einer Familie zu sein.

Tolle Tanzeinlagen: hier Axel (Patrick Imhof), umschwärmt von verführerischen Damen in Hollywood-Montur.

Ja, am Schluss kriegen sich alle. Doch bis zum Happy End darf amüsiert gestaunt werden, so über die über dem Dampfer thronende Freiheitstatue, die wie eine griechische Gottheit das turbulente Geschehen beäugt und begleitet, über viele vertrackte Aktionen, schön choreografierte Tanzeinlagen in bunten Kostümen à la Hollywood und ulkige Dialoge. So schnarrt Mama Maria etwa, als sie auf dem Schiff über ihre Tochter stolpert: «Die Stimme kenne ich – aus dem Fernsehen!». Und natürlich über die vielen Udo-Hits und -Gassenhauer wie «Griechischer Wein» oder «In diesem ehrenwerten Haus» oder «Siebzehn Jahr, blondes Haar» oder «Vielen Dank für die Blumen» oder «Mit 66 Jahren», die – alle schön intoniert und gesungen – je nach Verlauf des Geschehens einen neuen Dreh bekommen.

Grossartige Darsteller

Grosses Lob verdienen die Darstellerinnen und Darsteller, allen voran Kerstin Ibald als arrogante, hyperventilierte Show-Tante Lisa, Sabine Martin als altersweise, nonchalante und schön schnippische Mutter Maria, Patrick Imhof als lebensfroher  und verführerischer Axel und Hans E. Götzefried als tollpatschiger und gewitzter Vater und Liebhaber Otto. Grossartig auch die beiden Homosexuellen Fred (Nils Klitsch) und Costa (Steven Armin Novak), wie sie sich als schwules Paar outen, der eine Lisas TV-Design gestaltet und der andere sich nach seiner griechischen Heimat verzehrt.

Auf dem Trip von Hamburg nach Genua: Lisa (Kerstin Ibald) und Axel (Patrick Imhof) mit Sohn Florian.

Es gäbe noch viel zu erzählen, von der herrlich kitschigen Lichtregie oder vom abenteuerlichen Trip von Lisa und Axel samt Florian im Schlepptau von Hamburg nach Genua. Aber das Gescheiteste wird sein: Schauen und hören Sie sich`s an. Da kommen Musical-Fans ebenso auf ihre Rechnung wie Musical-Skeptiker.

Seebühne mit Freiheitsstatue vor imposanter Bergkulisse mit Eiger, Mönch und Jungfrau. (Fotos: Thunerseespiele)

Gespielt wird das Musical «Ich war noch niemals in New York» auf der Thuner Seebühne bis 24. August. Mehr unter thunerseespiele.ch

7000 Wasserbotschaften auf dem Lago della Piazza

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Das Alpine Museum der Schweiz hat auf dem «Gotthardsee» eine rote Boje mit über 7000 Botschaften an die Zukunft ausgewassert. Als Symbol für die notwendige Sorge um das Wasser bleibt sie dort bis ins Jahr 2051.

Der Zeitpunkt könnte kaum besser passen: Die Schweiz hat eine erste Hitzeperiode hinter sich. Bereits werden Vergleiche gezogen zu den Jahren 2003 und 2015, in denen die Grund- und Seewasserspiegel aufgrund der lang anhaltenden Trockenheit bedrohlich sanken.

Die signalrote «Zeitkapsel», die seit gestern auf dem Lago della Piazza schwimmt, stammt aus der preisgekrönten Ausstellung «Wasser unser. Sechs Entwürfe für die Zukunft» (27.10.2016 bis 7.1.2018), mit der das Alpine Museum der Schweiz die Auswirkungen des Klimawandels auf die Verfügbarkeit von Wasser in der Schweiz zum Thema machte. Noch im Vorfeld der heutigen weltweiten Schülerstreiks wählte die Schau die Perspektive des Jahres 2051 – und damit der Generation junger Menschen, die von den Auswirkungen der heutigen Klimapolitik am stärksten betroffen wird.

Die rote Boje mit den 7000 Botschaften auf dem Gotthardsee mit imposanter Bergkulisse.

In einer eigens für diesen Zweck gebauten Boje konnten Besucherinnen und Besucher persönliche Wünsche, Fragen und Erkenntnisse rund ums Wasser an die Nachgeborenen weitergeben. Sie taten dies engagiert, persönlich, appellativ:

  • «Mathias, ich möchte wissen, ob du auch 2051 noch Skifahren kannst. Gab es in den letzten Jahren noch Schnee im Winter? Deine Mutter.»
  • «Ich bin heute 70 Jahre und denke nicht, dass ich 2051 erleben  werde. Den Nachgenerationen wünsche ich, dass noch gutes Wasser vorhanden ist. So lange ich lebe, werde ich mich einschränken und sorgsam damit umgehen in Gedanken an euch.» 
  • «Lernen Sie aus den Fehlern der Vergangenheit! Wir sind gescheitert in einer globalisierten Welt, gemeinsame Lösungen zu finden oder sie schnell genug umzusetzen.» 

Symbolträchtiger Ort

Das Gotthardmassiv trägt ganz wesentlich zum Ruf der Schweiz als «Wasserschloss» Europas bei. Hier entspringen die Flüsse Reuss, Ticino, Rhone und Rhein. Diese Fülle an Wasser führt aber auch zu einer gewissen Sorglosigkeit. So formulierte Rolf Weingartner, Hydrologe am Oeschger-Zentrum für Klimaforschung der Universität Bern vor drei Jahren provokativ: «Wir leben in einem Paradies. Uns stehen theoretisch pro Jahr rund 5 Millionen Liter Wasser zur Verfügung. Davon verbrauchen wir aktuell nur 2%, also rund 100’000 Liter pro Person und Jahr. Wo also liegt das Problem?»

Doch natürlich haben auch wir ein Problem oder vielmehr: Wir werden eines haben. So wird etwa das rasante Schwinden der Gletscher unter Experten als «Umkippen eines Dominosteins im Wassersystem» gewertet. Was heute ein extremes Wetterereignis ist, das alle fünfzig oder hundert Jahre eintritt, dürfte in Zukunft um das Jahr 2050 herum alle drei bis fünf Jahre auftreten.

Das Setzen der Boje an diesem symbolträchtigen Ort erfolgte mit Bewilligung und unter dem Patronat der Kantone Uri und Tessin. Mauro Veronesi, Leiter des Büros für Wasserschutz und Wasserversorgung: «Wasser ist ein wichtiges Gut, das Schutz und Wertschätzung verdient. Heute mehr denn je. Deshalb unterstützt das ‘dipartimento del territorio’ die Platzierung der Boje auf dem Lago della Piazza im Gotthardmassiv. Sie lädt die Bevölkerung ein, über die Bedeutung des Wassers nachzudenken und sparsam mit dem ‘blauen Gold’ umzugehen – damit auch für zukünftige Generationen eine nachhaltige Wasserzukunft gewährleistet ist.»

Neues Gotthardmuseum in Planung

Der Lago della Piazza ist bereits der zweite Ort auf dem Gotthard, an dem das Alpine Museum der Schweiz mit seinen aktuellen Themen rund um die Beziehung von Menschen und Bergen präsent ist. Direkt am Ufer des Sees liegt das seit 1986 existierende Museo Nazionale del San Gottardo (Gotthardmuseum), das zurzeit neu ausgerichtet wird. An der Neukonzeption und künftigen Bespielung ist das Alpine Museum der Schweiz aktiv beteiligt.

Bildung, Pille, Politik

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Regelmässig klopfen Maturandinnen bei mir an und fragen, ob ich für ein Gespräch zu haben sei. Das vorgeschlagene Thema kommt jeweils unter verschiedenen Titeln daher und ist doch immer dasselbe: Frauenrechte! Wie war es in der Schweiz vor der Einführung des Frauenstimmrechts? Wie gestaltete sich die Entwicklung in der Folge? Wie erlebten die Frauen der ersten Stunde ihre Aufnahme im politischen Feld? Wo stehen wir heute?

Man kann die Entwicklung der Stellung der Frau in der Schweiz zusammenfassen unter den Stichworten: Bildung, Pille, Politik.

Bildung: Ausbildung für Mädchen war in früheren Jahren in unserem Lande nicht selbstverständlich. Ich erinnere mich noch an Aussprüche in meiner Jugendzeit, dass ein Mädchen keinen Beruf brauche. Es heirate ja doch, war die Begründung. Wie wenn das eine Sicherheit für das ganze Leben abgegeben hätte!

Wenn es dann irgendwie schief ging mit der Ehe, aus welchen Gründen auch immer, standen die Frauen da mit Kindern, aber ohne Beruf, und mussten durch Putzarbeit schlecht und recht den Lebensunterhalt für die Familie sicher stellen.

Sehr langsam ging es auch voran mit der Zulassung von Mädchen an öffentliche Gymnasien, die ursprünglich nur Knaben aufnahmen. Es kam sogar vor, dass die Aufnahme von Schülerinnen durch ein Gerichtsurteil erzwungen werden musste. Da lobe ich mir die Höhere Töchterschule der Stadt Zürich, die bereits 1875 gegründet wurde. Sie ermöglichte uns Mädchen eine gymnasiale Ausbildung mit eidgenössischer Maturität als Abschluss. Zu loben sind aber auch die Klosterschulen, wie etwa das Theresianum in Ingenbohl. Bekannte Zeitgenossinnen wie Emilie Lieberherr oder Annemarie Huber-Hotz holten dort ihr Rüstzeug für ein akademisches Studium und eine anschliessende Karriere als Politikerin oder Bundesbeamtin der höchsten Stufe.

Unter dem Stichwort „Pille“ fasse ich alles zusammen, was mit Familienplanung und Vereinbarkeit von Beruf und Familie zusammenhängt. Ein Kollege vertraute mir einmal an, dass er in seiner Jugend Frauen gegenüber immer sehr zurückhaltend gewesen sei. Eine intime Beziehung sei nicht in Frage gekommen. „Ich hatte immer Angst vor einer Schwangerschaft. Und dann hätte ich die Frau ja heiraten müssen!“. Was für eine Aussage aus früheren Zeiten: das Übernehmen von Verantwortung für ein „ungeplantes“ Kind! Dabei war da ein rechtliches Minenfeld ausgelegt. Der Beweis für einen „unseriösen“ Lebenswandel der Kindsmutter beeinflusste einen Vaterschaftsprozess zu Ungunsten von Mutter und Kind. Heute noch ist es Friedrich Dürrenmatt hoch anzurechnen, dass er uns diese Situation in seinem Stück: „Der Besuch der alten Dame“ drastisch vor Augen führt.

Mit Enthusiasmus erkläre ich jeweils den jungen Maturandinnen, dass mit Eintritt der ersten Frauen in die Politik, ins nationale Parlament, alles anders geworden sei!

Das ist zwar leicht übertrieben und die Änderungen kamen vor allem nicht auf einen Schlag. Aber die „Frauen der ersten Stunde“, Elisabeth Blunschy, Josi Meier, Lilian Uchtenhagen und weitere, sorgten dafür, dass die rechtlichen Ladenhüter endlich auf den Tisch des Hauses, in die parlamentarische Beratung, kamen. So geschah es auch mit der Revision des patriarchalen Eherechts, die schon lange in der Pipeline gesteckt hatte. Gegen das Gesetz wurde das Referendum ergriffen, erfolglos. Anfangs 1988 trat ein modernes, partnerschaftlich ausgestaltetes Eherecht in Kraft. Und so wären noch viele Änderungen in Gesetzen aufzuzählen, die dank Politikerinnen angepackt wurden und Verbesserungen zugunsten der Frauen brachten.

Ich erinnere mich noch, wie Nationalrat Toni Bortoluzzi im Rat im Namen seiner Fraktion unermüdlich gegen das Gleichstellungsgesetz antrat, welches ich als Kommissionssprecherin zu vertreten hatte. Er benötige in seiner Schreinerei kräftige Kerle. Und mit diesem Gesetz müsse er dann so ein „Mädi“ anstellen, das den Anforderungen des Berufes nie und nimmer gewachsen sei. Das war eine seiner Argumentationen, an die er selbst nicht glaubte, war er doch bei den Beratungen dabei gewesen. Wenn wir uns seit Parlamentsaustritt alle zwei bis drei Jahre zufällig einmal begegnen, müssen wir beide auch heute noch lachen. Und sagen: „Weisst Du noch, das Gleichstellungsgesetz. Es kam durch. Und die Welt ist trotzdem nicht untergegangen“.

Meist fragen mich die jungen Frauen, wo ich denn heute noch Handlungsbedarf sehen würde? Diesen Ball spiele ich meistens zurück. „Ja, was vermissen denn Sie noch“ frage ich meinerseits. Wie aus der Pistole geschossen, wird das Thema Lohngleichheit auf den Tisch gelegt. Das ist eine schwierige Materie. Da ist noch intensive, hartnäckige Arbeit nötig. Und es braucht Mut, die vorhandenen gesetzlichen Möglichkeiten des Gleichstellungsgesetzes, einen gerechten Lohn zu erkämpfen, auch auszuschöpfen.

Maria von Welser hat 2014 ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Wo Frauen nichts wert sind. Vom weltweiten Terror gegen Mädchen und Frauen“. Darin schildert sie die Lage der Frauen in Afghanistan, Indien, dem Kongo. Sie hat diese Länder persönlich bereist. Im Vorwort schreibt sie: „Wenn Sie dieses Buch in Händen halten, werden Sie sich vielleicht fragen: warum dieses ganze Grauen und Leiden der Welt auch noch in Buchform und komprimiert lesen? Ich möchte Ihnen das gleich zu Beginn beantworten: damit niemand je sagen kann, er habe es nicht gewusst. Damit es einmal aufgeschrieben ist, damit die Millionen leidender Mädchen und Frauen eine Stimme erhalten.“

Dringt diese Stimme durch, auch zu uns?

Maria von Welser: „Wo Frauen nichts wert sind“, Ludwig Verlag, München 2014, ISBN 978-3-453-28060-1

Bundesgesetz über die Gleichstellung von Frau und Mann (GlG), vom 24.3.95,in Kraft seit 1.7.96