08.01.2018 - Hanspeter Stalder

Burnout-Innenansichten

Sören Senn vermittelt mit dem Dokumentarfilm «Vom Fenster weg – Leben nach dem Burnout» differenzierte Einblicke in das Burnout-Syndrom und regt zum Nachdenken  an.

Jäher Sturz eines Erfolgsmenschen in die Arbeitsunfähigkeit: Erschöpfungsdepression heisst die medizinische Diagnose; als Burnout ist das Syndrom landläufig bekannt. Doch die Zeit nach dem grossen Zusammenbruch erweist sich oft als noch heimtückischer als der Absturz. Der Dokumentarfilm «Weg vom Fenster – Leben nach dem Burnout» erzählt die Geschichte des früheren Managers Matthias N. mit seinem fast zwei Jahre dauernden Heilungsprozess.

Einst leitete Matthias N. als erfolgreicher Geschäftsführer ein dynamisches Unternehmen, flog um die Welt und arbeitete Tag und Nacht. Mehrere Monate nach seinem Zusammenbruch und der Einlieferung in die Psychiatrie sollte er im Rahmen einer beruflichen Wiedereingliederungsmassnahme Kaltgetränke mit Eiswürfeln bestücken – und war damit überfordert. An einem solchen Beispiel wird deutlich, wie massiv die psychische Beeinträchtigung durch ein Burnout sein kann. Gerade bei Stressfolgekrankheiten ist der Heilungsprozess besonders schwer zu steuern und oft sehr individuell, weil er die gesamte Lebenssituation umfasst. Auch das gesellschaftliche Umfeld spielt eine entscheidende Rolle. Menschen wie Matthias N. haben sich meist jahrelang systematisch überanstrengt, ohne es sich einzugestehen. Dadurch manövrierten sie sich nicht nur beruflich, sondern auch sozial und familiär ins Abseits.

 Mit Frau Börner, der Eingliederungstherapeutin

... und aus dem Burnout

Einige Jahre nach der Krise denkt Matthias N. im Film über sein schwieriges physisches und psychische Gesundwerden nach. Er begibt sich nochmals an die Orte seiner Therapien, die alle den beruflichen Wiedereinstieg zum Ziel hatten. Er berichtet über persönliche Widerstände und die Gefühle der Selbstentwertung, die ihn quälten. Wie viele Burnout-Betroffene erwies er sich damals als hartnäckig uneinsichtig. Stets wollte er seine noch vorhandene Leistungsfähigkeit beweisen. Zugleich wurde die Angst vor erneutem Scheitern immer grösser. Erst nach langem Umherirren und grüblerischem Selbstzerfleischen gelang es dem ehemaligen Leistungsträger, zusammen mit mehreren therapeutischen Begleitpersonen, seine Haltung zur Arbeit und zum Leben grundsätzlich zu überdenken und dabei einen tiefgreifenden Entschluss zu fassen: Nie wieder will ich in eine solche Falle tappen.

Die Psychologin Frau Piller hilft Matthias N.

Sören Senn: Einem Menschen begegnen, der im Burnout steckt

«Durch die offene und eindrucksvolle Erzählung des Protagonisten Matthias N. begann ich, einen Menschen und seine Krisenbewältigung tiefgreifend und vielschichtig kennenzulernen. Dennoch wollte ich im Vorfeld zu den Dreharbeiten auch noch anderen Burnout-Betroffenen begegnen. Dafür bin ich mit vielen Burnout-Kliniken und -Experten in Kontakt gekommen. Auch mehrere Betroffene, die inmitten einer Burnout-Krise steckten, waren bereit, mir ihre Geschichte anzuvertrauen. Was mich dabei immer wieder betroffen machte, war die Erkenntnis, wie hartnäckig die damit verbundene Erschöpfungsdepression sein kann. Und auch so hinterhältig, dass sie einen über Jahre nicht aus ihrem Teufelskreis entlässt.

So konnte mir eine Betroffene eine detaillierte Analyse ihrer Situation und auch jener Verhaltensmuster darlegen, die zu ihrem Zusammenbruch geführt haben. Und dennoch hatte sie unsere Gesprächssituation nicht im Griff, was ich zunächst gar nicht bemerkte. Einige Tage später gestand sie mir, dass jene zwei Stunden Erzählung, also eine Tätigkeit, die sie ebenfalls mit dem Komplex Arbeit assoziierte, sie vollkommen erschöpft hätten, so dass sie danach Tage gebraucht hätte, um sich davon zu erholen. Das tat mir sehr leid. Ich musste einsehen, dass es schier unmöglich sein würde, jemanden filmisch zu begleiten, der mitten in einer solchen Lebenskrise steckt.» Und dann, welch ein Glücksfall, begegnet der Filmemacher Matthias N., der in einer Rückschau sein Leben vor, während und nach dem Burnout erzählt!»

Auch Diskussionen im IV-Büro sind nötig

Der Regisseur und sein Film

Sören Senn, der Regisseur des Films, wurde 1969 in Graubünden geboren und ist dort aufgewachsen. Es folgten Studien der Philosophie, Literatur- und Religionswissenschaft in Bern, Berlin und Paris, 1995 mit M.A.-Abschluss. Dann Arbeiten als Theaterdramaturg, Werbetexter und Reportage-Journalist. Anschliessend absolvierte er ein Regiestudium an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf Babelsberg, mit Diplom. Seit 2005 ist Senn freischaffender Regisseur und Autor für Kino- und TV-Spiel- und Dokumentarfilme.

«Weg vom Fenster – Leben nach dem Burnout» zeigt anhand einer einzelnen Fallgeschichte, wie individuell und doch gesellschaftstypisch die Ursachen für ein Burnout sind, und wie entscheidend es bei der Aufarbeitung ist, ein geduldiges therapeutisches und soziales Umfeld zu haben. Der Film wirft aber auch weiterführende Fragen auf: Wie ist es möglich, sich in einer Burnout-gefährdeten Gesellschaft zu behaupten? Wie kann sich ein unabhängiges Selbstwertgefühl entwickeln, wenn in den meisten heutigen Arbeitszusammenhängen nur ein Credo zu gelten scheint: Wer nichts leistet, ist nichts wert?

Unser Gewinn aus diesem gut einstündigen, spannenden Film kann vielfältig sein, je nach Erwartung und Voraussetzung. Als Einstieg schildert er, Schritt für Schritt, den Weg ins Burnout, und im Hauptteil das Leben danach; er folgt N. auf dem schmerzvollen Weg aus der Krankheit heraus: über verschiedene Stationen, begleitet von Menschen mit medizinischen, psychologischen, sozialpädagogischen oder Coaching-Ansätzen. Wer hinhorcht und hinschaut, staunt über die Fachkompetenz und Empathie der Frauen und Männer, die ihm zur Seite standen. Vertieft betrachtet, spricht der Text, vom Bild unterstützt, die grundsätzliche Suche nach dem Sinn der Arbeit an.

Dies alles leistet der gut einstündige Film mit hoher Professionalität, nicht belehrend, sondern authentisch bezeugend. Die Geschichte von Matthias N. wird unterbrochen von drei Gesprächen über andere Fälle, womit der Film das Bild des Burnouts abrundet. Das Wesentliche zum Gelingen des Films trägt Matthias N. selbst bei, indem er ehrlich und klug, differenziert und präzise seine Situationen analysiert und interpretiert. Weiter ist die Kameraarbeit von Steff Bossert erwähnenswert, die ohne je indiskret zu werden, N’s Statements festhält und mit Raum- und Landschaftsbildern ausweitet und vertieft. Dann gilt es, die Musik von Bänz Isler hervorzuheben, welche Stille und Innerlichkeit verbreitet. Und all dies wird sachlich und dennoch anteilnehmend zu einem Ganzen, dem Dokument eines schwierigen Lebensweges, vereint durch den Regisseur Sören Senn. Zusammengefasst: Der kurze Film wirkt lange nach, denn zeigt Wege auf von etwas Sinnlosem zu etwas Sinnhaftem.

Wiedereingliederung im Service?

Projektbericht von Sören Senn: Was ist ein wirkliches Burnout?

«Angeblich seien allein in der Schweiz Hunderttausende davon bedroht. Und die Volkswirtschaft koste es Milliarden. Doch was ein Burnout wirklich bedeuten kann, begann ich erst zu begreifen, als ich Matthias N., einen direkt Betroffenen, besser kennenlernte.

Es ist nicht so, dass die Gesellschaft nicht auf diese mittlerweile populäre Erkrankung reagiert: Burnout-Kliniken, Notruf-Telefone und-Präventions-Workshops bieten flächendeckend Hilfe an. Symposien, Gesundheitsinstitutionen und Interessenverbände trommeln für das Thema. Und auch im Care-Management von Grossunternehmen macht man sich Gedanken, wie potenziell Gefährdete frühzeitig aufgespürt und präventiv behandelt werden können.

Aber wie so oft bei populären Themen hat sich zum Burnout-Syndrom eine hartnäckige Kruste aus Halbwissen und Vorurteilen gebildet. Das Problem wird in gleichen Teilen dämonisiert wie verharmlost. Wer wegen eines angeblichen Burnouts zwei Wochen nicht in der Firma erscheint, hat wohl eine falsche Diagnose bekommen. Wer aber behauptet, dieser oder jener Betroffene solle sich halt ein bisschen zusammenreissen, der hat wohl ebenfalls das Unberechenbare dieser Erkrankung unterschätzt. Jedenfalls kennen wir alle stressbezogene Symptome. Und das Gefühl, ausgebrannt zu sein, platzt immer unbarmherziger in unsere rigide Arbeitswelt.»

Sören Senn: Kompliziertes institutionelles Burnout-Auffangsystem in der Schweiz PDF 

Es gibt Spezialveranstaltungen mit dem Film: am Donnerstag, 18. Januar um 18:15 Uhr im Kino Rex in Bern, mit dem Regisseur Sören Senn sowie dem Protagonisten und Burnout-Experten, am Dienstag, 23. Januar im Kino Rex in Thun um 19:30 Uhr, mit dem Regisseur und dem Protagonisten und Experten sowie am Sonntag, 28. Januar um 11:30 Uhr im Riffraff in Zürch, mit Protagonist und Burnout-Experten, aber ohne Regisseur.

Titelbild: Matthias N. hat Burnout, ist ausgebrannt und leer

Regie: Sören Senn, Produktion: 2017;  Länge: 66 min, Verleih: cineworx

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