FrontDigitalFortschritt in einer anderen Welt

Fortschritt in einer anderen Welt

Die Kongresswelt sucht den Weg zurück in ihr altes Leben. An der Mobile World Conference 22 in Barcelona stellten die grossen Industrievertreter Neuheiten vor und Start Up begeisterten mit Kreativität. Und doch war alles anders.

Nur drei Namen haben die Welt in kürzester Zeit so fundamental verändert: Greta, Covid und Putin. Greta trat laut und schrill auf und ihre Botschaft war zuweilen überdreht, aber wahr im Kern. Sie löste bei vielen ein Umdenken aus. Covid hat uns unsere Machtlosigkeit vor Augen geführt und uns über unsere Anpassungsfähigkeit wundern lassen. Putin zeigt, dass es in der Politik den Machtmenschen noch gibt, der nichts kann als zerstören. Sie drei haben uns Menschen bewegt und unsere Wahrnehmung und Aufnahmebereitschaft verändert. Das zeigt sich auch beim Besuch einer Messe, die von Jahr zu Jahr ihre Gewohnheiten und Rituale pflegte.

Auch dieses Jahr war vieles gleich – und doch anders. Die Mobile World Conference 22 erinnerte im Gegensatz zum letzten Jahr wieder mehr an die alte Grösse. Klar kamen weniger Leute als früher: Besucher aus asiatischen fehlten genau so wie viele Amerikaner. Auch waren noch lange nicht alle Hallen belegt. Und die Messe- und Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmer prägten das Stadtbild nicht mehr so wie in früheren Jahren. Es gab freie Hotelzimmer und Tische in Restaurants. Auch viele Begleitveranstaltungen fehlten. Aber die Veranstalter gaben sich alle Mühe, ein Messe- und Kongresserlebnis zu bieten wie in der guten alten Zeit vor Greta, Covid und Putin. Dafür ist ihnen zu gratulieren. Es braucht Mut, eine Branche wie jene der Messen wieder aufleben zu lassen, der Covid massiv zugesetzt hat.

Vernetzung ist alles

Schon das diesjährige Motto «Connectivty unleashed», also sozusagen entfesselte Vernetzung, stimmte in diesem Rahmen nachdenklich. Ohne Vernetzung hätten wir die Covid-Zeit wohl insgesamt nicht so gut überstanden. Dass Vernetzung auch Cyberkriege ermöglicht, sehen wir in diesen schlimmen Tagen.

Jedenfalls zeigten die grossen, globalen Unternehmen, wie Qualcomm, Huawei, ZTE, Telecom und wie sie alle heissen, in Barcelona, und das ist die gute Botschaft, wie gehabt ihre Neuheiten. Bessere Netze, gezieltere Reichweite, einfachere Bedienung und Nachhaltigkeit waren zentrale Themen. 5G sucht immer noch sein Geschäftsmodell – und dürfte es vermutlich zunächst eher in der Industrie beim Internet der Dinge finden als bei uns Konsumenten. Dennoch sind 6G, 7G und 8G ein Thema, wenn auch ein fernes.

Innovation wird auch dieses Jahr grosse geschrieben. Spannend darum beispielsweise das neue Fahrzeug der amerikanischen Firma Fisker, die sich seit 2016 auf die Konzeption und den Bau von Elektroautos spezialisiert (Bild). Es ist zwar kein iPad auf Rädern, wie der Komiker Claudio Zuccolini die eAutos liebevoll nennt, aber der neue «Ocean», der in Barcelona lanciert wurde, gleicht doch eher einem Computer als einem Fahrzeug. Zu haben ist der vollelektrische Wagen in der teureren Version mit zwei Motoren, was den Allradantrieb erlaubt. Die Reichweite geht über 630 km, was doch schon ansehnliche Reisen ermöglicht. Gebaut werden soll der Ocean übrigens bei Magna Steyr in Österreich. Das Design der Carosserie ist speziell, die Fenster klein, dafür die Räder umso grösser.

Geforscht wird, was das Zeug hält

Nachhaltigkeit und Effizienz stand nicht nur diesem Projekt Pate, sondern vielen Angeboten der «Four Years From Now 4YFN», des Start Up-Teils der MWC22, der sich immer mehr zum Highlight der Veranstaltung entwickelt. Die 4YFN wird seit Jahren stark vom Land Katalonien unterstützt und bietet allen Partner aus vielen Ländern, auch der Schweiz, einheitliche Präsentationsmöglichkeiten.

Auffallend ist, dass die Start Up aus ganz verschiedenen Bereichen kommen. Da gibt es die Tüftler, die einen guten Einfall hatten und auf Investoren hoffen; es gibt die Schulen und Universitäten, die traditionell in Forschung investieren und jetzt auch gezielt Projekte auf Marktfähigkeit prüfen; und es gibt immer mehr auch die grossen Namen, wie Nestlé, Deloitte, BDO und die Bank Sabadell, die einfach junge kreative Menschen ermuntern, für sie zu forschen. Dabei spielen Themen wie Ernährung, Gesundheit, Finanzen, Software und Infrastruktur und natürlich über allem Nachhaltigkeit die zentrale Rolle.

Es wird gesucht, geforscht, diskutiert und immer wieder ausgetauscht in der Zuversicht, die entscheidende, zündende Idee zu finden. Alle setzen darauf, über ein innovatives Start Up zu Ideen zu kommen, wie sie ihr Kerngeschäft weiterbringen. Und es gibt den Zahnbürstenhersteller Oral-B, der jedes Jahr auf vielen Innovationsmessen anzutreffen ist und einem gewöhnlichen Gesundheitsobjekt sozusagen in den Kultstatus hebt.

Klassische Kongressbadges waren übrigens gestern, heute ist ein es elektronisches Dokument, das in der Messeapp abgespeichert ist und das allein Zugang zu allen Hallen und Vorträgen gibt. Das hat für den Veranstalter den Vorteil, dass er genau steuern kann, wer mit welchem Gesundheitszeugnis Einlass bekommt. Nach Abspeicherung des Covid-Zertifikats musste an der MWC22 jeden Tag wieder bestätigt werden, dass man sich gesund und munter fühle. Erst dann wurde der Badge für einen weiteren Tag freigeschaltet. Auch daran gewöhnen wir uns.

Ist er’s – oder doch nicht?

Genauso wie an die FPP2-Maske, ohne die sowieso kein Messe- oder Vortragsbesuch möglich war. Das war zwar vernünftig und gab zusätzliche Sicherheit, erleichterte die Begegnungen aber nicht wirklich. Immer wieder trafen sich fragende Augen auf der Suche, ob wohl die untere, verdeckte Gesichtshälfte zu diesen Augen passen könne. Und führte unweigerlich dazu, dass sich die Besucher viel genauer musterten, als man sich das sonst unter anständigen Menschen gewöhnt ist. Aber wer wollte schon jemanden verpassen, den man so lange nicht gesehen hatte.

Fazit: eine schöne Messe, nicht jene, die einen auf Schritt und Tritt ins Staunen versetzt, aber eine, die zeigt, dass viele Menschen an einer guten Zukunft arbeiten und die wieder persönliche Begegnung zulässt. So weit waren wir schon lange nicht mehr.

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