FrontGesellschaftKeine Lebenszeit verschwenden

Keine Lebenszeit verschwenden

Wenn im Laufe des Februars die Neujahrsvorsätze irgendwohin verschwunden sind, ist es vielleicht sinnvoll, sich nun auf die wesentlichen Dinge des Lebens zu besinnen. Die Überlegungen des römischen Philosophen Seneca könnten dabei auch für heutige Menschen hilfreich sein.

Ihre Landgüter lassen die Menschen von niemandem in Besitz nehmen. Beim geringsten Streit über den Grenzverlauf greifen sie nach Steinen und Waffen. In ihr eigenes Leben jedoch lassen sie andere unbehelligt eindringen. Sie gehen sogar soweit, die künftigen Mitbesitzer selbst einzuführen.

Seneca staunt und ist empört darüber, wie die Menschen mit ihrer kostbaren Lebenszeit umgehen. Nicht die Missgunst der Natur ist es, die uns das Leben so kurz erscheinen lässt, es ist der Mensch selbst, der seine Lebenszeit vergeudet. Unersättliche Habgier, geschäftige Betriebsamkeit mit völlig überflüssiger Plackerei, Ehrgeiz, mit dem man sich von der Meinung anderer abhängig macht. Kurzum: Viele hat das Streben nach fremdem Glück oder die Sorge um das eigene völlig vereinnahmt. Und schon ist es passiert. Das Leben verlässt uns, während wir gerade damit beginnen, uns darin einzurichten. Auf weite Sicht haben wir geplant, was wir einmal unternehmen oder unterlassen werden, wenn wir endlich Zeit dafür haben, dabei ist gerade das der grösste Verlust für die Lebenszeit: das Auf- und Hinausschieben. Die Zeit läuft ununterbrochen und rasend schnell ab, ob wir wach sind oder schlafen, im selben Zeitmass, und die allzu Beschäftigten merken es erst am Ende.

Drei Zeiträume

Das Leben lässt nach Seneca sich in drei Zeiträume gliedern: Was war, was ist, was sein wird. Der Zeitraum, in dem wir handeln können, ist allerdings kurz, was wir in der Zukunft tun können, ungewiss. Nur das, was wir getan haben, steht fest und kann nicht mehr in die menschliche Verfügungsgewalt zurückgebracht werden. Hat man diese Zeit vertan, blickt man auf Dinge zurück, die man bereut. Man hütet sich, an dem zu rühren, was im Rückblick als verfehlt erscheint, selbst wenn man das damals, durch einen augenblicklichen Reiz verführt, gar nicht wahrgenommen hat.

Worin drückt sich denn die Kürze des Lebens aus? Dazu ein Beispiel unter vielen: «Klapprige alte Männer» würden unter Gelübden um die Zugabe von ein paar Jährchen betteln. Sie zitterten vor Angst beim Gedanken an das Sterben, und zwar nicht so, als gingen sie aus dem Leben, sondern als würden sie aus dessen Mitte herausgerissen.

Wie richtig leben?

Während eines langen Zeitraums auf Erden verweilt zu haben, bedeutet nach Seneca demnach nicht, auch lange gelebt zu haben. Wir sagen gewöhnlich, wie hätten nicht die Möglichkeit gehabt, uns unsere Eltern auszusuchen. Aber nach unserer eigenen Entscheidung aufzuwachsen, steht uns frei. Es gäbe ausreichend Familien der edelsten Geister, unter denen man auswählen und sich zum Erben ihrer Güter machen könne. Das Leben der Weisen erstreckt sich über einen weiten Raum, der nicht von den gleichen Grenzen eingeschlossen wird, wie das Leben der übrigen Menschen. Die Beschäftigung mit den grossen Denkern erweitert daher unsere kurzlebige Augenblicksexistenz und bringt uns mit Besserem in Verbindung. Deshalb soll man sich auf das zurückziehen, was uns neue Erkenntnisse ermöglicht, die Liebe zu den höchsten Tugenden stärkt, das Wissen um Leben und Sterben erweitert und uns schliesslich eine tiefe Seelenruhe verschafft. Wir haben keine zu geringe Zeitspanne, sondern wir vergeuden viel davon.

Zum Autor:

Lucius Annaeus Seneca, genannt Seneca der Jüngere, wurde um das Jahr 1 im spanischen Córdoba geboren. Sein Vater Seneca der Ältere und seine Mutter Helvia hatten noch zwei weitere Kinder. Schon als kleiner Junge gelangte Seneca in der Obhut seiner Tante nach Rom, wo er gemäss der elterlichen Pläne ins Zentrum der Weltmacht hineinwachsen sollte. Als Philosoph, Naturforscher und Politiker wurde Seneca zum meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit, und obwohl er in seinen philosophischen Schriften Verzicht und Zurückhaltung empfahl, gehörte er zu den reichsten und mächtigsten Männern. Vom Jahr 49 an war er der maßgebliche Erzieher bzw. Berater des späteren Kaisers Nero, der ihn dann allerdings beschuldigte, an der Verschwörung gegen ihn beteiligt gewesen zu sein. Ohne vorheriges Gerichtsurteil wurde Seneca im Jahr 65 gezwungen, sich selbst zu töten.

Seneca: Von der Kürze des Lebens. Aus dem Lateinischen übersetzt von Marion Giebel. Reclam Universal-Bibliothek, Stuttgart 2012, 70 S. Erschienen in der Reihe [Was bedeutet das alles?]

Titelbild: Statue Senecas in seinem Geburtsort Córdoba, gestaltet von Amadeo Ruiz Olmos (1913 – 1993)

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