Die einen sehen ein grosses Potenzial, für andere ist es eher eine Horrorvorstellung: Roboter, welche das Personal in der Pflege unterstützen sollen.
Die Nachricht sorgte kürzlich für Schlagzeilen: Erstmals gelang es einem sogenannten humanoiden Roboter, einen Halbmarathon von 21 Kilometern schneller zu absolvieren, als dies je einem Menschen gelungen war. Wer den Lauf am Fernsehen verfolgte, sah ein menschenähnliches, aber gesichtsloses Wesen, das da dem Ziel ungelenkig entgegenstolperte. Beim ungleichen Duell im April 2026 waren neben rund 12 000 menschlichen Teilnehmenden über 100 Roboter auf parallelen Bahnen angetreten, um Kollisionen zu vermeiden…
Das ganze Spektakel deutete an, was mit Robotern aller Art dank Fortschritten von KI in Zukunft noch auf uns zukommen dürfte; nicht zuletzt im Gesundheitswesen, wo Pflegeroboter das Personal in Spitälern und Altersheimen vor vielen Aufgaben entlasten könnten. Und auch im häuslichen Sektor. Das ist zumindest die Hoffnung.
Nicole Zigan hat einen guten Überblick über den Stand der Dinge bei diesem Thema. Die 48-Jährige weist einen Masterabschluss als Pflegefachfrau auf und arbeitet seit 2009 im Departement Gesundheit an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), wo sie sich seit dem Ausbruch der Coronakrise speziell mit der Thematik Forschung und Entwicklung von Robotern in der Pflege beschäftigt.
Vorderhand noch Pilotversuche
In diversen Pflegeheimen und Spitälern würden und werden aktuell Pilotversuche mit verschiedenen Einsatzmöglichkeiten von Robotern in der Pflege durchgeführt. Einen richtigen Quantensprung in der praktischen Pflege sieht Nicole Zigan in den nächsten Jahren allerdings nicht, wohl aber eine systematische Weiterentwicklung auf mehreren Ebenen. „Roboter sind in der Lage, einfache Entscheide zu treffen. Sie können zum Beispiel eine Patientin daran erinnern, ihre Medikamente zu nehmen oder einen Alarm auslösen. Auch für Botengänge können sie gut programmiert werden. Aber für komplexere Situationen eignen sie sich (noch) nicht.“
Nicole Zigan beschäftigt sich an der ZHAW mit der Foschung und Entwicklung von Robotern in der Pflege.
Man bewege sich heute quasi noch in der Experimentphase, probiere Verschiedenes aus: Soziale Roboter, Therapieroboter, Assistenzroboter: Nicole Zigan erzählt etwa vom schon eher bekannten Roboter Paro, in Gestalt einer weissen Robbe, der an Demenz erkrankte Personen aktivieren kann, indem er auf Ansprache und Streicheln reagiert. Oder von Lio, der in der Lage ist, Türklinken zu bedienen oder eine Wasserflasche komfortabel zu überreichen. In Japan entwickelte man einen Transferroboter, welcher Patientinnen von A nach B befördern konnte. Dieser Bär-Roboter war auch in der Lage, Personen aus dem Bett zu heben. Das Projekt wurde jedoch aufgrund «nicht praxistauglich» eingestellt.
Bei einem Pilotprojet in einem Kinderspital wiederum habe ein kleiner humaner Roboter dazu beigetragen, den Kindern die Angst vor einer Blutentnahme zu nehmen oder sie vor einer Impfung abzulenken. Ein Nachteil, der einen praktischen Einsatz im Alltag erschwere, liege allerdings darin, dass Roboter oft nur für eine spezielle Dienstleistung in Frage kämen.
Visuell unterschiedlich
Macht es eigentlich Sinn, für verschiedene Anspruchsgruppen wie an Demenz erkrankte Personen oder Kinder auch visuell unterschiedliche Pflegeroboter herzustellen? Mit Augen und einem lachenden Mund zum Beispiel? Nicole Zigan bejaht die Frage. „Ein zielgruppenspezifisches Design, das etwa beruhigend wirkt, ist durchaus sinnvoll“, meint sie. „Aber ein zu menschenähnliches Äusseres kann auch irritieren oder geradezu unheimlich wirken. Eine klare Blickrichtung und eine einfache Mimik erleichtern die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine.“
Foto: Tom Hettinger
Die erwähnte Therapierobbe Paro beispielsweise zeichnet sich durch ein weiches Fell aus und reagiert auf Berührungen mit Schnurren oder Quieken. Paro helfe, den Zugang zu dementen Personen zu erleichtern, die teilweise in einer ganz anderen Welt lebten. Weil sich dieser Roboter wie eine Katze oder ein Hund artikulieren, würden Erinnerungen an frühere Zeiten wach und ermöglichten vielleicht ein Gespräche mit den Kranken oder tragen zur Beruhigung bei.
Stützstrümpfe anziehen?
Viele Handhabungen sind für Roboter, respektive für die Menschen dahinter, welche sie programmieren, eine enorm grosse Herausforderung, manchmal auch fast ein Ding der Unmöglichkeit. Die Pflegefachfrau erwähnt das Beispiel von Stützstrümpfen. Man stelle sich vor, ein Roboter ziehe einer betagten Person zu Hause Stützstrümpfe an. Abgesehen von den technischen Herausforderungen: „Für viele ältere Menschen ist der tägliche Besuch einer Spitex-Fachperson der einzige soziale Kontakt, den sie noch haben.“
Was macht wirklich Sinn?
Raus aus dem Labor, laute heute die Devise. „Nicht nur wir Expertinnen und Experten aus der Forschung müssen uns überlegen, was wirklich von Nutzen für die Praxis sein kann, sondern auch die Mitarbeitenden in den diversen Institutionen sowie die Seniorinnen und Senioren oder die Patientinnen und Patienten sollten unbedingt miteinbezogen werden.“ Die meisten Forschungsarbeiten kämen zum Schluss, dass Roboter als Brückenbauer zwischen Patienten und Pflegenden funktionieren sollten, also zur Unterstützung, nicht als vollwertige Alternative.
Ein noch herausforderndes Spezialthema sei auch der ganze Datenschutz: „Was passiert mit all den (vielen) Daten, die ein Roboter nutzt und eventuell auch aufzeichnet?“ Erschwerend hinzu kämen die nicht einfache Handhabung sowie die anspruchsvolle Programmierung, die vorderhand noch von den Anbietern gemacht werde. Einen Roboter kann man nicht einfach kaufen und mit einem mündlichen Auftrag auf einer Pflegestation auf die Reise zu den Patientinnen und Patienten schicken. Zumindest noch nicht.
In Round-Table-Gesprächen mit Seniorinnen und Senioren seien zahlreiche Vorbehalte angemeldet worden. Was passiere etwa, wenn der Roboter einen Fehler macht, zum Beispiel ein Glas Wasser verschüttet? „Wischt er auf und holt ein neues Glas?“
Aufsicht für Roboter?
Ein Roboter ist kein Mensch, der mitdenken kann. Auch könnten demente oder gebrechliche Personen einen Roboter nicht einfach ausschalten, wenn sie mit ihm alleine sind. „Muss der Roboter dann selbst wieder von jemandem beaufsichtigt werden? Wenn ja, von wem? Fragen über Fragen.
„Pflegeroboter werden weiterentwickelt und in Zukunft noch vermehrt zum Einsatz kommen. Pflegeroboter als eins zu eins-Ersatz für Menschen sind aber unrealistisch“, bilanziert Nicole Zigan.
Dass Pflegepersonen wegen eines Pflegeroboters eines Tages ihre Stelle verlieren könnten, scheint nach dem gegenwärtigen Stand des Wissens jedenfalls noch eine ziemlich utopische (Horror)vorstellung zu sein.
Das hier publizierten Roboterbilder stammen von der Sozialstiftung Köpenick (Berlin/Brandenburg). Die Pflegeeinrichtung ist seit April 2025 Teil eines Pilotprojekts. Bewohnerinnen und Bewohner können hier mit „Willi“ sozial interagieren.

