FrontGesundheit"Leukämie ist doch Leukämie!"

«Leukämie ist doch Leukämie!»

Zu Besuch bei Antoinette Streit. Die Basler Ärztin lebt und arbeitet seit einigen Jahren in Arequipa, Peru, wo sie sich in einem Spital für Leukämie-Patienten einsetzt. Zurzeit stellt sie ein Weiterbildungsprojekt in einem Spital Brasiliens für junge Ärzte aus Peru auf die Beine.

Kennengelernt habe ich Antoinette in einem völlig anderen Zusammenhang, bei der Basler Fasnacht. Einst stand ein Blätzlibajass mit Piccolo in unseren Reihen, ein weiblicher bei näherer Betrachtung: Antoinette ist eine der Heimwehbaslerinnen, die jährlich aus der halben Welt zurückkommen für die drei schönsten Tage. Später war auch ich auf einer Mailingliste, mit der sie ihr südamerikanisches Tagebuch verschickte.

Wie kam es eigentlich zu dieser langen Liebe für Südamerika?

Ich nahm 1997, nachdem ich jahrelang wegen meiner Arztpraxis nur kurze Ferien machte, eine Auszeit von zwei Monaten, weil ich eine gute Vertretung hatte, und erfüllte mir einen alten Wunsch: eine Reise durch Südamerika.    Peru AndenPeru hat drei Grossregionen: Berge, Wüste und Urwald. Das Land ist über 30 mal grösser als die Schweiz und hat 31 Millionen Einwohner. Foto: Götz Friedrich für Pixabay

Ich war vier Wochen lang in Cochabamba in Bolivien, ganz einfach untergebracht bei einer Familie. Weiter gings nach Peru zu einer jungen Familie, sie aus dem Aargau, er Peruaner. Danach reiste ich durch das Land mit einem Reiseveranstalter, der die Reise garantiert unternimmt ohne Mindestteilnehmerzahl: wir waren zu zweit, eine Amerikanerin und ich. Wir reisten mit öffentlichen Bussen, aber der Reiseleiter wusste gut Bescheid. Als Abschluss besuchte ich noch die Galapagos-Inseln.

Antoinette Streit übergab die Praxis später einem guten Kollegen, wechselte in den Ruhestand und zog nach Südamerika. Ein erster Aufenthalt in Argentinien, wo Frau Doktor a.D. in einem Hort Kinder betreute, war enttäuschend, weil sie ausserhalb der Institution niemanden kennenlernte, also fast vereinsamte. So nahm sie die Einladung einer Cousine in Lima an und blieb gleich da.

Dann machten Sie dort wiederum Ferien oder suchten sich gleich Arbeit?

Zunächst arbeitete ich in einem Kinderheim in ärmlicher Gegend, aber mir gefiel es auf Dauer nicht, weil alle zwar gutwillig waren, aber Grundregeln der Ernährung von Kleinkindern verletzten. Zum Beispiel bekamen sie ihre Pasta in der Bolognese-Sauce getunkt, die Erwachsenen dagegen assen auch die Sauce zur Pasta. Ich wechselte an eine Schule in Chorillos, ebenfalls in einem Armenviertel, unterstützt von Tearfund, einer in vielen Ländern aktiven christlich orientierten NGO. Der Zufall wollte es, dass ich die Schule schon 1997 besucht hatte. Man begann damals mit einer Klasse, heute sind es 300 Schülerinnen und Schüler.

Auch basteln und zeichnen gehört in der Villa Martelli in Buenos Aires (Argentinien) zur Aufgabenhilfe am Nachmittag.

Eindrücklich ist die Familie der Schulgründer. Die Mutter kam aus den Anden und zog 10 Kinder praktisch allein auf, da ihr Ehemann früh starb. Es waren ärmliche Verhältnisse, aber alle bekamen eine Ausbildung. Einige der Töchter wurden Lehrerinnen und führen heute die Schule. Da war ich Hilfslehrerin in einer zweiten Klasse und nachmittags Aufgabenhilfe.

Aber im Herbst 2013 wusste ich, dass ich doch nochmals als Ärztin arbeiten will. Daher kam ich zurück in die Schweiz und hatte auch bald eine befristete Stelle als Onkologin im ZeTuP Rapperswil, dem Tumorzentrum. Ich arbeitete dort fest bis Februar 2015 und danach aushilfsweise bis März 2019, wenn ich gerade in der Schweiz war.

Nun waren Sie wieder aufdatiert, was die Behandlung von Leukämie und anderen Krebsarten betrifft, aber ohne Arbeit. Wie kamen Sie nun als Ärztin wieder nach Südamerika?

Ich erfuhr von einem US-Projekt für Ärzte nach Honduras, meldete mich, wurde akzeptiert, aber hörte dann nichts mehr. Eine zweite Bewerbung für das Spital in Arequipa, Peru, war erfolgreich.

Arequipa ist die zweitgrösste Stadt Perus nach Lima und liegt auf 2300 Meter über Meer. Das Stadtzentrum ist Unesco-Weltkulturerbe. Foto: Pixabay

Ich dachte, ich ginge für zwei Monate, die Volontäre aus den Staaten blieben jeweils zwei Wochen, da sie ja zuhause arbeiten mussten. Am Ende verbrachte ich das halbe Jahr 2016 in Peru. Anfang 2017 – natürlich vor der Fasnacht – kam ich zurück.

Ich hatte gesehen, dass der grösste Bedarf in der akuten lymphatischen Leukämie ist, das war die häufigste Diagnose auf der Station wo ich eingesetzt wurde. Die Betroffenen sind sehr jung, zwischen 15 und 30. Zuhause in der Schweiz bereitete ich mich erneut seriös vor, konnte im Basler Universitätsspital und im Kantonsspital Aarau auf der entsprechenden Abteilung arbeiten.

Ärzte und Ärztinnen im Stationsbüro des Hospital Nacional in Arequipa

Im Frühjahr 2018 fuhr ich wieder nach Arequipa und blieb dann bis zum Jahresende. Während ich 2016 mit den leitenden Ärzten sehr gut auskam, gab es diesmal Konflikte. Es ging um Fachliches. Bei den Therapien wurden regelmässig Medikamente weggelassen, die man eigentlich hätte geben sollen. Dummerweise traute ich mich, das bei der Visite zu kritisieren. Ab da war die eine Ärztin nicht mehr gut auf mich zu sprechen. Zu meiner Anregung, die Patienten nach Vorschrift zu behandeln, sagte sie, in Peru sei eben alles anders.
Aber Leukämie ist doch Leukämie – auch in Peru!

Das ist also eine ähnliche Geschichte wie jene mit der Pasta im Kinderheim? Man kennt zwar die Regeln, aber hält sie nicht für so wichtig. Geht es um verschiedene Mentalitäten?

Ja, es sind zwei sehr unterschiedliche Kulturen: Ich hielt letztes Jahr in Aarau am Kantonsspital einen Vortrag über Hämatologie in dem Krankenhaus von Arequipa. Da sprach ich auch über die Mentalitätsunterschiede: Bei uns ist Wissenschaft und Technik wichtig, wir befolgen Regeln, die sich daraus ergeben, dagegen bei ihnen ist Zeit kein Begriff, sie leben im jetzt, es geht um die Priorität des Unmittelbaren, Vorschriften sind veränderbar. Das gilt auch für den Strassenverkehr. Und wer auf einen Fehler hinweisen will, muss jede Schweizer Rechthaberei vermeiden, das lernte ich gleich von meiner Cousine.

Antoinette Streit beim Gespräch mit Seniorweb während ihres letzten Aufenthalts Ende Februar in Basel. Foto: E. Caflisch

In ihren sporadischen Tagebuch-Berichten berichtet Antoinette Streit immer wieder über Vorkommnisse, die ins Kapitel unterschiedliche Kulturen passen. Für sie selbst waren es anstrengende und belastende Erlebnisse, für die Adressatinnen ihrer Rundschreiben dank der lakonischen Sprache amüsante Geschichten.

Beispielsweise wie sie kurz nach der erstmaligen Landung in Lima für ihren abgestürzten iMac nach langer Irrfahrt durch halb Lima den einzigen Fachmann auftreibt, der was von Apple Computern versteht. Oder der unendliche Marsch durch die Institutionen, als es um die Aufenthaltsbewilligung ging. Schon am mitgebrachten Passfoto scheiterte sie, weil der Hintergrund hellgrau statt weiss war, oder an der Unterschrift, die nicht mit dem vollen Vornamen, sondern A.Streit sein sollte – wie im Pass. Also hiess das, alle Dokumente nochmals machen.

Das Hospital de Clínicas in Porto Alegre, Brasilien wird junge Ärzte und Ärztinnen aus Peru als Stipendiaten zur Spezialausbildung in Hämatologie aufnehmen.

Nicht aufgeben, durchhalten, weitermachen, nochmals probieren, das scheint Antoinette Streits Lebensmaxime zu sein, sei es, mit der korrupten oder auch nur komplizierten Bürokratie in den lateinamerikanischen Ländern zurechtzukommen, sei es, in einem Kinderheim oder Krankenhaus mit wenig Mitteln bessere Bedingungen für die Patienten zu schaffen.

Was tut Antoinette Streit, wenn etwas nicht klappt? Sie gibt nicht klein bei. Woher kommt dieser Durchhaltewillen?

Er prägte mein Leben wohl schon. Am Anfang, als ich meine Praxis in Baden eröffnete, war es schwierig. Onkologie gab es noch nicht als spezialärztliche Disziplin. Andere Ärzte wussten gar nicht recht, was denn so eine Praxis bieten könnte. Im Kanton Aargau gab es nicht mal einen Tarif für die Behandlungen. Es besserte erst, als ich einen Kollegen bekam, zuvor kämpfte ich ohne Erfolg. Das ging jahrelang.

Das ist ja nicht der Anfang dieses Durchhaltewillens. Also woher?

Mein Vater war Kunstmaler, starb aber, als ich erst sechs war. Die Mutter wollte eigentlich, dass ich auch Kunstmalerin werde. Aber daraus wurde nichts. Ich sagte schon als Kind, ich wolle etwas anderes als Kunst machen. Schon vor der Matura wusste ich, dass ich Medizin studieren werde. Aber rückblickend denke ich, ein Designer-Beruf wäre auch denkbar gewesen.

Bei der Gründungsversammlung des Vereins «Hembecaperu» am 20. Feburar 2020 in Baden: Doktor Job Nexar Quispe Huamán aus Arequipa und Doktor Antoinette Irène Streit berichten über Ziele und Aufgaben des Vereins, der die Stipendien organisieren und die nötigen Mittel beschaffen soll.

Suchen und finden von kreativen Lösungen bewundert sie bei anderen, dass sie selbst perfekt improvisieren kann, wenn nötig und auch unter erschwerten Bedingungen ihr Ziel erreicht, scheint ihr gar nicht so richtig bewusst. Ausserdem: Wenn sie einsieht, dass nichts nützt, wenn klar ist, dass nichts sich ändert an den Zuständen, zieht sie sich zurück und wendet sich einem neuen Projekt zu. Zurzeit baut sie eine NGO auf, die angehende Ärzte aus Peru zur Ausbildung in eine Krebsklinik nach Brasilien vermittelt. Den Unterstützungsverein Hembecaperu mit Sitz in der Schweiz hat sie im Winter gegründet, die Schwierigkeit, als Auslandschweizerin das notwendige Konto (Postfinance 15-447540-9) einzurichten, gemeistert.

Gleich nachdem die Fasnacht in Basel wegen der Pandemie abgesagt war, flog Antoinette Streit früher als geplant zurück nach Peru. Sie wollte vermeiden, mit einer Aus- oder Einreisesperre wegen des Corona-Virus belegt zu werden. Eine Woche später schreibt sie, dass sie um wenige Tage der Quarantäne entkommen sei, die für Einreisende aus verschiedenen europäischen Ländern verfügt worden war.

Fotos: © Verein Hembecaperu
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Hembecaperu braucht nun Mitglieder und finanzielle Unterstützung

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