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Am Ende bleiben das Staunen und die Wut

Ein Fall von Phishing. Markus Lerch, 73, erfahren im Umgang mit Handy und Computer, ist trotz aller Vorsicht wegen eines einzigen Klicks von Betrügern abgezockt worden. Hier seine Geschichte:

Der Schauspieler und Theatermacher Markus Lerch hat in den 90er Jahren den Zirkus Chnopf aufgebaut und zu einem Erfolgsprojekt gemacht. Später war er ein Dutzend Jahre in Baden als Festivalleiter des Figura-Theaterfestivals und als Co-Leiter beim ThiK Theater im Kornhaus. Heute ist er bei der Zürcher Asylorganisation (AOZ) aktiv und singt in zwei Chören. Der Theatermann verkauft von Zeit zu Zeit über die Plattformen Ricardo oder Tutti Gegenstände, die er nicht mehr braucht.

Markus Lerch hat ein einziges Mal zuviel geklickt. Foto © E. Caflisch

Diesmal war es ein Überbrückungskabel mit einem Kleininserat auf Tutti:„Ich bekam eine Zuschrift, ob es noch zu haben wäre und schrieb, es sei noch da.“ Dieser Austausch fand auf Tutti statt. Das ist relativ sicher. Tutti warnt auf seiner Hilfeseite vor allen möglichen Gefahren beim Kauf und Verkauf, vor allem vor Phishing. Aber wer liest schon Hilfeseiten oder anderes Kleingedruckte, wenn es nur darum geht, schnell zu inserieren oder etwas zu kaufen.

Über die Tutti-Seite zu kommunizieren sei einfach, aber man könne auch normale Mails schreiben, nachdem Tutti per SMS den Käuferaccount mitgeteilt habe, sagt Lerch. Die Plattform weist darauf hin, dass sie diese Kommunikation kontrollieren könne, dass man sich auf Stichproben beschränke und die Daten der Nutzer schütze.

Zurück zum Überbrückungskabel, das anscheinend einen Kaufinteressenten hat. „Alles hat gut ausgesehen. Ich schrieb: ‚so bald du das Geld eingezahlt hast bei der Bank oder über Twint, sende ich dir das Kabel zu.‘ Es lag schon bereit und mit Adresse versehen auf dem Tisch. Sie meldete sich mit einer SMS und bekam von mir eine Bestätigung.“ Damit hat Markus Lerch das Angebot befolgt, den Kanal zu wechseln, also den Tutti-Dialog zu verlassen. Erst nach dem Betrug stellte er fest, dass es die Frau nicht gibt, dass sowohl der Name als auch die Adresse Fake waren.

Collage mit Angeboten auf Tutti.

Bis jetzt noch alles unverdächtig. Lerch erzählt weiter: „ Dann schrieb sie über Whatsapp, sie gehe nun zur Post und sie melde sich wieder. Ich fand das etwas seltsam – warum zur Post?

Das irritierte mich, denn es interessierte mich nicht wirklich. Ich fragte nach. Um das Geld zu überweisen. Aber abgemacht sei ja Twint? Jaja, sie habe das nicht, daher müsse sie zur Post. DDas glaubte ich dann auch. Klang plausibel.“

Auf Whatsapp tauchte dann eine Seite der Postfinance auf – heute weiss Markus Lerch, dass auch diese Website ein Fake war. Auf der Seite stand : „Wollen Sie den Twintbetrag von Franken 25 annehmen? Dazu ein Button zum Anklicken. „Ich fand, das sehe doch seriös aus. Ich schaute genau hin, weil ich das so nicht kannte, aber es sah wirklich seriös aus. Es stimmte alles.“ Aber eben: „

Vermutlich schaute ich doch nicht genug genau hin. Ich habe also akzeptiert und geklickt. Da muss es passiert sein.“

Aber der Betrag landete nicht unverzüglich auf dem Twint-Account. Markus Lerch fragte nochmals mit SMS nach, ob sie wirklich gezahlt habe. Dann dämmerte es ihm, weil die Telefonnummer und der Tutti-Account nicht mehr existierten. Sofort rief er seine Bank an und liess Konto und Kreditkarte sperren. Kaum eine Viertelstunde war seit dem ominösen Klick auf die angebliche Postfinance-Seite vergangen. „Die Bank informierte mich, dass bereits 1400 Franken weg seien. Weil ich mich jedoch so schnell gemeldet hätte, hätten sie die anderen Beträge noch stoppen können. Die wollten mir rund 8000 Franken abzocken. Die 1400 Franken waren jedoch schon abgebucht, um das war ich also ärmer geworden.“ Die Reaktion ist verständlich: Es war mein Fehler, das regt einen masslos auf.“

Markus Lerch – als freischaffender Künstler in der Schweizer Theaterszene nicht zu Reichtum gekommen – versuchte über die Hausratversicherung wenigstens für einen Teil des Diebstahls entschädigt zu werden. Aber auch da hat er Pech: «Herr Lerch, das ist Cyber Crime und leider nicht versichert, dafür müssten sie eine Zusatzversicherung abschliessen.“ Aber der Gesprächspartner wollte noch nachfragen. Wie erwartet kam „Mit freundlichen Grüssen“ der Bescheid, auch aus Kulanz sei eine Auszahlung nicht möglich.

„Dann versuchte ich es mit einem ähnlichen Brief bei meiner Bank. Ich habe das Konto vor vielen Jahren nach dem Tod meiner Mutter übernommen. So schrieb ich, ich hätte in all den Jahren so viel Geld auf dem Konto gehabt, womit sie hätten arbeiten können, ob sie mir nicht doch ein paar hundert Franken überweisen können, es wäre eine schöne Geste und ich sei überzeugt, dass sie das auch tun würden.“ Aber auch hier kein Einsehen. Nur Mitleid und Dank für die künftige Kundenbeziehung.

Aber ein Ventil für den Frust fand er doch: „So bald ich sah, dass das Geld nicht aufs Twintkonto kam und ich die Dame – die es nicht gibt – nicht mehr kontaktieren konnte, liess ich meinen Frust auf Whatsapp los: «Ihr seid eine Saubande undsoweiter, ich war so böse und schimpfte, wie ich es noch nie getan hatte: ‚Verbrecher, die einen armen alten Mann ausnehmen.‘ Das tat mir gut. Dann kam sogar ein Whatsapp zurück: drei Smileys.

Zum Schluss unseres Gesprächs meint Markus Lerch, Seniorweb könne ja seine Kontonummer nennen. Jedenfalls weist Seniorweb auf die Hilfeseiten von Tutti hin. Phishing wird auf dem Kleininseraten-Portal täglich und stündlich versucht. Und leider immer wieder erfolgreich.

Aber unverhofft kommt das Glück: Markus Lerch fährt neuerdings auf einem perfekten E-Bike durch die Stadt, gekauft auf Ricardo und erst noch zu einem Preis, den er sich leisten konnte.

Titelbild: Symbolbild für Phishing

Hier warnt Tutti vor Phishing und anderen Betrugsmaschen

 

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