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Die Expo 2015 – ein Besuch nach 10 Jahren

Im Sommer vor zehn Jahren lockte die Expo 2015 über 20 Millionen Menschen nach Mailand. 145 Länder und über 20 internationale Organisationen und Unternehmen verhalfen ihr zum Erfolg. Nach Messeschluss wurde vieles abgerissen, einiges blieb, neues entstand.

Die Expo 2015 wollte ein städtebauliches Experiment für eine nachhaltige, offene und funktionale temporäre Stadt und kein architektonisches Gesamtwerk sein. Struktur und Ökologie folgten klaren Regeln der Nachhaltigkeit und Wiederverwertbarkeit der verwendeten Materialien. Das Leben fand in Alleen, auf öffentlichen Plätzen und Wasserflächen statt; alles in eine passende Landschaftsarchitektur eingebettet. Länder, Organisationen und Unternehmungen hatten das vorgegebene Thema Motto «Feeding the Planet, Energy for Life», also «Den Planeten ernähren, Energie zum Leben» architektonisch, inhaltlich und gestalterisch umzusetzen.

Die Mailänder Weltausstellung war grossflächig. Sie beanspruchte ein Gelände von 1 Million Quadratmetern, also die Grösse von etwa 120 Fussballfeldern. Gelobt wurde sie nicht nur wegen ihrer Vielfalt und verkehrstechnisch guten Anbindung an den öffentlichen Verkehr, sondern weil sie vom ersten Tag an fertig gebaut und betriebsbereit war. Vom 01. Mai bis zum 31. Oktober 2015 bot sie über 20 Millionen Menschen ein grossartiges Erlebnis. Der Tages-Anzeiger schrieb damals: «Ein Jahrmarkt der Kulturen, der trotz Kommerz viele Denkanstösse zum Umgang mit Ressourcen liefert.»

Seit der Expo 2015 sind 10 Jahre vergangen. Zeit für einen Augenschein vor Ort.

Leben ist geblieben

Es gibt verschiedene Konzepte, wie ein Gelände und seine Infrastruktur nach einer grossen Ausstellung bewirtschaftet werden können. Die Schweizer EXPO 02 in der Drei-Seen-Landschaft wählte einen extremen Ansatz. Alles wurde so zurückgebaut, dass heute kaum mehr etwas an das Grossereignis erinnert. Zum Bedauern vieler Menschen, die beispielsweise den Pavillon von Jean Nouvel auf dem Murtensee gern behalten hätten.

Mailand wählte einen anderen Weg: Das ganze Gelände und ausgewählte Bauten sollten nach Ausstellungsschluss einem neuen Zweck zugeführt werden. Wo bauliche Leere entstand, sollte diese mit neuen Projekten befüllt werden.

Praktische Anfahrt zum weitläufigen Gelände

Ein Besuch nach 10 Jahren lohnt sich. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Messegelände nach wie vor einfach zu erreichen. Bahn- und Metroinfrastruktur sind geblieben. Sie werden das ganze Jahr gebraucht, weil auf der anderen Seite der Bahnlinie die grossen Messehallen von Rho Fiera stehen, die jedes Jahr bei etwa 70 Veranstaltungen über 5 Millionen Menschen anziehen. Die Fahrt mit der Metrolinie 1 dauert vom Domplatz aus gerade etwa 25 Minuten.

In der Metrostation Rho Fiera, über der auch die Bahnhaltestelle liegt, geht es in die eine Richtung zu den grossen Messehallen, in die andere Richtung zum MIND und dem ehemaligen Expo-Gelände.

Zu Expo-Zeiten gelangten die Menschenströme über einen langen, breiten Gang direkt aus der Metrostation in die Messe. An dessen Ende fanden strenge Personenkontrollen statt, ohne die es keinen Zugang zum Gelände gab. Der breite Eingang zum Areal ist geblieben und wurde instandgehalten.

Am Ende des langen Ganges ging es zur Personenkontrolle und zum Eingang in die Expo.

Heute wird das ganze Areal unter der Marke MIND, «Milano Innovation District» geführt. Das MIND ist ein ambitioniertes Innovationsprojekt, das moderne Stadtentwicklung mit Forschung, Wissenschaft, Wirtschaft und Stadtkultur kombiniert. Daran wird eifrig gearbeitet.

Die Informationstafel gibt schon einmal einen ersten Eindruck, was auf dem Gelände geboten wird und werden soll.

Mit der Zeit soll auf dem ehemaligen Expo-Gelände ein völlig neuer Stadtteil entstehen, nach einem Masterplan, der bereits 2018 entwickelt wurde. Auf der riesigen Fläche werden sich Gewerbe und Arbeit, Wohnen und Gesundheit, Forschung und Bildung vereinen. Vieles ist bereits in Betrieb, manches noch im Bau, anderes erst in Planung.

Das 16-stöckige Ospedale Galeazzi – Sant’Ambrogio ist das höchste Spital in Europa. Es liegt im Eingangsbereich des ehemaligen Expo-Geländes.

Bereits in Betrieb in das neue Spital «Galeazzi – Sant’Ambrogio». Entstanden ist es aus dem Zusammenschluss zweier Spitäler aus der Stadt, die auch heute eng mit der Medizinischen Universität Mailand kooperieren. Getreu den Zielen des neuen Stadtteils wurde es unter Einhaltung von Energieeffizienz und Nachhaltigkeit gebaut. Es beherbergt rund 600 Betten und ein grosses Auditorium und ist seit 2022 in Betrieb.

Der Spaziergang entlang des «Decumano»

Wie vor 10 Jahren begann der eigentliche Besuch des Messegeländes am Anfang der via «Decumano», dem 1.5 km langen Boulevard, der es längsseitig teilte. Den Namen inspiriert hat die klassische römische Stadtplan-Architektur. Mit «Decumano» wurde damals eine Ost-West-gerichtete Strasse bezeichnet. Während der Expo 2015 schützte ein Zeltdach die Menschen auf dem «Decumano» über weite Strecken vor Sonne, Wind und Regen. Das gibt es nicht mehr.

Noch steht die Stahlkonstruktion, die die via Decumano überdachte. Von dort ging es zu den einzelnen Länderpavillons. Die Planen sind verschwunden.

Der Spaziergang auf der via Decumano führt lange dem Spital Galeazzi entlang. Links und rechts wird an vielen Baustellen gearbeitet. Plötzlich sind Häuser zu erkennen, die Erinnerungen wecken. Es sind jene, quer angelegten, einstöckigen Gebäude, die nicht nur für die Ausstellung gedacht waren, sondern auch nach Messeschluss ein wichtiger Teil des Gesamtprojekts bleiben sollten. Darum stehen einige davon heute immer noch.

Die querstehenden Gebäude beherbergten während der Expo Länderausstellungen und Verpflegungsstätten. Heute arbeiten hier Menschen an zahlreichen Projekten im Rahmen des MIND-Konzepts.

In diesen Häusern wird jetzt projektiert und experimentiert. Und weil die Mitarbeitenden verpflegt werden müssen, probiert beispielsweise die bekannte Supermarktkette «Esselunga» neue Einkaufsmöglichkeiten aus. Esselunga war 1957 der erste Supermarkt in Italien. Die unternehmerischen Pioniere wollten damit amerikanische Einkaufsgewohnheiten in Europa etablieren. Legendär war ihr Markenauftritt «Esse lunga, prezzi corti», das lange S mit den kleinen Preisen. Heute betreibt Esselunga in Italien 192 Einkaufsgeschäfte und forscht immer noch an Einkaufsgewohnheiten. Im EsselungaLab auf dem Expo-Gelände testet das Unternehmen neue Einkaufsverhalten aus und will diese, getreu den Zielen des MIND, mit Nachhaltigkeitszielen vereinbaren.

Die zahlreichen Menschen, die schon jetzt dort arbeiten, müssen verpflegt werden. Die Supermarktkette «Esselunga», übrigens die erste in Italien, testet hier neue Einkaufsformen aus.

Weil rundherum noch viel Freiraum ist, erinnern die Häuser vorläufig eher an etwas zufällig gewachsene Inseln, auf denen ein eigenes, emsiges Leben stattfindet. Die Bäume in den Gärten zwischen diesen Querhäusern sind in den Jahren gewachsen. Noch immer wirken die Anlagen sehr gepflegt. Heerscharen von Gärtnern sorgen für einen einladenden Eindruck.

Wo vor 10 Jahren gegessen, getrunken und ausgeruht wurde, sind gepflegte Gärten entstanden, die den Menschen, die hier arbeiten, als Erholungsraum dienen.

Von weither ist der ganz in weiss gehaltene Palazzo Italia sichtbar. Er war das Herzstück der Expo 2015. Er lag an der Querstrasse zum «Decumano», die passend zur römischen Terminologie «Cardo» hiess. Entlang des «Cardo» reihten sich während der Expo die Pavillons der einzelnen italienischen Regionen auf. Ebenso präsentierten Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft dort ihre Produkte und zeigten ihre Vorzüge. Diese Gebäude am «Cardo» sind verschwunden.

Stehen geblieben ist der Palazzo Italia. Man sieht ihm seine 10 Jahre an. Darum wird fleissig daran gearbeitet.

Hingegen ist der Palazzo Italia, ein repräsentativer, sechsstöckiger Bau, geblieben. Das Besondere war dessen Fassade. 700 Panele aus biodynamischem Beton und einer speziellen Technologie sollten dazu beitragen, die Luft zu reinigen. Der Palazzo Italia enthielt Ausstellungs- und Konferenzräume. Von aussen sah er massig aus, der besuchbare Lichthof bot aber viel Luft und Freiraum. Ich erinnere mich an den Flügel in der Eingangshalle, auf dem Pianisten spielten und eine festliche Stimmung zauberten.

Der Palazzo Italia wurde inzwischen neuen Zwecken zugeführt und im Rahmen des MIND zum Forschungszentrum umgebaut. Seit 2019 beherbergt er das «Human Technopole», Italiens nationales Institut für «Life Sciences», ist also der Erforschung des Zusammenlebens im weitesten Sinn gewidmet. 400 Menschen arbeiten dort, es sollen über die Jahre noch mehr werden. Es gibt Arbeitsplätze, ein Auditorium, eine Terrasse und ein Restaurant. Während des ganzen Jahres werden themenspezifische Veranstaltungen geboten.

Trotz Wolkenkulisse sieht der «Albero della Vita» imposant aus. Bald soll sein Lichtspiel wieder in Betrieb genommen werden.

Wahrzeichen der Expo 2015 war der «Albero della Vita». Er ist 37 Meter hoch und seine Krone hat einen Durchmesser von über 40 Metern. Gefertigt wurde er aus 150 Tonnen Stahl und Holz. Während der Messe gab es alle 15 Minuten eine Lichtshow. Heute steht er zwar scheinbar intakt da, ist aber renovationsbedürftig. Die Technik wird derzeit restauriert und modernisiert. Ab Herbst 2027 sind wieder Lichtshows geplant.

Der hintere Teil des Ausstellungsgeländes ist eine grosse Baustelle. Wenn alles fertig gebaut sein wird, sollen hier etwa 60’000 Menschen leben, wohnen und arbeiten.

Wer es individuell mag, dem stehen an verschiedenen Stationen Elektroroller zur Verfügung. Fotos: Jürg Bachmann

Schon heute wird auf dem weitläufigen Gelände Elektromobilität grossgeschrieben. Wer nicht zu Fuss gehen mag, dem stehen Elektroroller oder ein regelmässig verkehrender Shuttleservice zur Verfügung.

Das ist MIND und soll es weiter werden. Nicht nur die Mailänderinnen und Mailänder sind gespannt, wie es weitergeht. Nach dem Besuch bleibt der Eindruck eines grossartigen Projekts, das Zeichen für das Stadtleben der Zukunft setzen soll.

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2 Kommentare

  1. Als in Mailand lebende Schweizerin hatte ich ein Eintritts- Abo und bin mehr oder weniger jeden Tag auf der Expo gewesen, wahrscheinlich eines der Happening meines Lebens . Das hatte Italien bzw Mailand sehr sehr gut gemacht ( wir hatten anfangs große Zweifel ob Mailand so etwas fertig bringt ! ) Noch in der Nacht vor der Eröffnung wurde extrem viel fertig gemacht ( ich wohne in der Nähe ich hatte große Zweifel , aber das übliche „italienische Wunder „ hat hier stattgefunden, danke für den Bericht hat sehr positive Erinnerungen gewechselt!

    Erika Tenuzzo-Hofer

  2. Als in Mailand wohnende Schweizerin hatte ich ein Abo für die Expo und bin mehr oder weniger täglich da gewesen. Wir alle hatten bis zum letzten Moment große Zweifel ob Mailand bzw. Italien dieses schafft ( da ich in der Nähe wohne konnte ich alles mitverfolgen, noch in der Nacht vor der Eröffnung wurden bis am Morgen viel, sehr viel. daran gearbeitet ).
    Ich kann die Expo als eines meiner Happenings meines Lebens einstufen.

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