Das Baden im eiskalten Wasser erfreut sich zunehmender Popularität. Für den Körper kann es ein wahrer Gesundbrunnen sein. Einige Vorsichtsregeln sollen allerdings beachtet werden. Ein langjähriger Coach gibt Tipps ab.
Während sich Normalsterbliche im Winter mit dicken Pullovern, Wollmützen und Handschuhen eindecken, um der Kälte zu trotzen, gibt es eine immer grösser werdende Schar von Menschen, die das pure Gegenteil tun: Sie wagen sich meist mehrmals pro Woche nur mit Badehose oder Bikini bekleidet ins eiskalte Wasser.
Einer von ihnen ist Daniel Kuom. Der heute 45-Jährige stammt aus einem kleinen Dorf am Bodensee, wo es dreimal mehr Kühe als Menschen gibt, wie er erzählt. Seine Gene seien nicht die besten. Schon zur Studienzeit musste er wegen körperlicher Beschwerden oft das Krankenhaus aufsuchen. Gute Schulmediziner kümmerten sich um ihn. Parallel dazu schaute er sich aber auch nach gesundheitlichen Alternativen um und probierte vieles selber aus. So landete er schliesslich beim Eisbaden und blieb dieser «Therapie» bis heute treu.
Wahre Euphorie ausgelöst
Vor sieben Jahren folgte der erste Versuch. «Die Glücksgefühle danach waren enorm», erinnert er sich. Der Aufenthalt im kalten Wasser löste bei ihm geradezu eine Euphorie aus. Aber auch in Sachen physische Gesundheit veränderte sich bei ihm Einiges zum Positiven: «Meine Entzündungen gingen zurück. Und ich merkte, dass ich mit dem beruflichen Stress als Berater viel besser umgehen konnte, wenn ich morgens im kalten Wasser war.»
Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Unternehmensberater im Finanzbereich, bildete er sich weiter und mutierte in der Zwischenzeit zum Cold Coach. Er hat schon mehrere hundert Menschen beim Gang ins kalte Wasser begleitet, «sowohl im tatsächlichen wie auch im metaphorischen Bereich».
Daniels Motto: «Kälte schenkt Dir Energie und Gelassenheit»
Ihn selber trifft man im kalten Nass drei- bis viermal pro Woche an, bei mehr oder weniger jedem (schlechten) Wetter. «Aber nicht jeden Tag, denn ich möchte mir den Kontrast erhalten. Elf Minuten pro Woche total an mehreren Sessions: Das empfiehlt Professor Andrew Huberman aus Stanford als optimale Dauer.“
Zweimal wagte sich Daniel in Gletscherwasser, wo das Wasser unter Null Grad kalt wird. Der Grund: «Der Gletscher zieht sich Nährstoffe und Mineralien heraus. Übrig bleibt destilliertes Wasser, das unter Null Grad noch flüssig ist», klärt der Fachmann auf.
Hände nicht ins Wasser tauchen
Was aber sollten Neulinge, die sich erstmals auf dieses kalte Abenteuer einlassen, so alles beachten, respektive nach Möglichkeit vermeiden? «Nicht ins Wasser springen, aber auch nicht zuviel Zeit lassen beim Reingehen», lautet sein erster Tipp. «So wie du zum See gehst, solltest Du auch ins Wasser rein, bis über Bauchnabelhöhe, Knie beugen und dann bis zur Schulter ins Wasser. Neulingen empfiehlt er, die Hände nicht ins Wasser zu tauchen. «die Hände brauchen neben den Füssen am längsten, um wieder warm zu werden.» «Und dann Atmen – gegen den Reflex der Schnappatmung. Sonst ist es wie ein anderer Stressor in Deinem Leben, und Dein Nervensystem lernt nichts aus dieser Erfahrung».
Vorbei ist nicht vorbei
Wenn man diese Stresssituation schliesslich doch glücklich hinter sich gebracht habe, sei es allerdings noch nicht vorbei. Daniel liefert dazu eine medizinische Erklärung: «Nach fünf bis 15 Minuten fliesst das kalte Blut aus den Extremitäten zurück zum Herzen. Dadurch sinkt die Körperkerntemperatur noch einmal signifikant ab.» Wichtig deshalb: Kein exzessiver Sport nach dem Eisbaden, keine Sauna direkt danach, und ebenso kein Alkohol. Denn das alles würde die Körperkerntemperatur noch stärker senken. «Ob mit einem Cold Coach oder mit einem erfahrenen Eisbader: «Eisbaden birgt viele Risiken. Daher sollten Newcomer niemals auf eigene Faust Eisbaden gehen», rät Daniel.
Handschuhe und Mütze können nicht schaden.
Die Quote an Menschen, welche das Baden im kalten Wasser nach dem ersten Mal sein lassen, schätzt er auf unter ein Prozent. «Das ist einer der Gründe, weshalb ich so begeistert bin. Ich habe selber viele Seminare besucht und weiss um die Kurzlebigkeit von neuen Techniken.»
«Als Pille ein Blockbuster»
Das erste Mal koste zwar eine grosse Portion an Überwindung. «Doch die Benefits und die Endorphine möchte man nicht mehr missen. «Wenn es Eisbaden als Pille gäbe, wäre es ein Blockbuster», gibt sich Daniel überzeugt.
Viele Menschen entschieden sich für diesen Sport, weil sie etwas Neues ausprobieren möchten, aber auch aus therapeutischen Gründen, sei es zur Schmerzlinderung (etwa bei Fibromyalgie, Rheuma oder Arthrose), zur Entzündungshemmung, zur Kultivierung eines gesunden Stresses oder um Gewicht zu reduzieren. «Ich habe aber auch Menschen mit Polyneuropathie oder anderen Nervenkrankheiten angetroffen, denen das kalte Wasser hilft, ebenso bei einer starken Neurodermitis.»
Als weitere Vorteile von Eisbaden nennt er die Stärkung des Immunsystems. Zudem wirke Eisbaden gegen Depressionen, fördere den Schlaf und trage wesentlich zur Regeneration bei. Daniel erinnert in diesem Zusammenhang an Fussballer, die nach dem Spiel die Eistonne aufsuchten.
Auch ein paar Kontraindikationen
Eisbaden sei allerdings nicht in allen Fällen angesagt. Bei Herzvorerkrankungen, markantem Bluthochdruck, Durchblutungsstörungen und peripheren Gefässerkrankungen rät er von diesem Sport ab, ebenso bei Epilepsie. Als weitere Kontraindikationen nennt er Fieber, eine Schwangerschaft, vor und während einer Menstruation sowie eine erst kurze Zeit zurückliegende Operation.
Die Hände oben behalten und nie alleine ins kalte Nass. Als Gruppe macht es eh mehr Spass.
Sonst aber gilt für Daniel das Motto: «Man sollte die Kraft der Kälte in einem See, Fluss oder allenfalls auch in einer Wassertonne auf dem Balkon nützen. Kälte schenkt Dir Energie und Gelassenheit.»
Das gelte übrigens auch für ältere Menschen. «Entscheidend ist die Einstellung, nicht das Alter.» Natürlich müssten körperliche Aspekte berücksichtigt werden. So nehme zum Beispiel die Muskelmasse im Alter überproportional ab. Wenn keine Fettreserven vorhanden seien, die der Körper im Alter verbrennen könne, habe dieser Umstand einen Einfluss auf die Dauer im kalten Wasser.
Daniel zum Schluss: «Ich sage oft: Im Leben hast du 1000 Probleme. Im Eiswasser hast du nur noch eins – die Kälte – und auch sie verschwindet nach zwei Minuten.»
Weitere Informationen/Kontakte:
www.kaeltenetzwerk.ch
www.be-ocean.com
www.cold-coach.com
Titelbild: Coach Daniel Kuom im idyllischen Island: «Im Leben hast Du 1000 Probleme, im Eiswasser nur eins, die Kälte… (Fotos: zVg)
