Ein kontinuierlich hoher Blutdruck stellt eine Gefahr für Herz, Hirn und Nieren dar. Beim Messen dieses Wertes zu Hause sollten gängige Fehler vermieden werden, damit nicht verzerrte Ergebnisse resultieren.
Ein hoher Blutdruck tut nicht weh. Doch der „stumme Killer“ gilt neben dem Rauchen als Risikofaktor Nr. 1 für Schlaganfälle und Herzinfarkt. Umso wichtiger ist es, diesen Wert stets im Auge zu behalten. Per Saldo lässt sich sagen, dass ein Wert von 140/90 eine kritische Grenze darstellt, die eine nähere medizinische Abklärung erfordert. Wichtig aber: Die Blutdruckmessung muss auch korrekt gehandhabt werden.
Wir haben Prof. Dr. Oliver Senn (Bild) vom Institut für Hausarztmedizin an der Universität Zürich mit einigen Aussagen konfrontiert, die im Netz die Runde machen. Oliver Senn ist stellvertretender Institutsdirektor, Leiter Forschung und Facharzt für Allgemeine Innere Medizin.

Trifft es zu, dass man vor der Messung des Blutdrucks unbedingt die Blase entleeren sollte?
Prof. Oliver Senn: Das ist korrekt. Eine volle Blase, respektive ein damit verbundener Harndrang, kann zu einer Überschätzung der Blutdruckwerte führen. Denn durch die Blasenausdehnung wird das autonome Nervensystem (Sympathikus) aktiviert. Als Folge dieser Aktivierung kommt es zu einem Blutdruckanstieg. Die Variation der Anstiege von systolisch +4 bis +33mmHg und diastolisch 2.8 bis 18.5mmHg ist natürlich abhängig vom Ausmass der Sympathikus-Aktivierung.
Wie sind diese stark unterschiedlichen Werte zu erklären?
Die Extremwerte wurden eher unter experimentellen Bedingungen bei gesunden Personen, die in kurzer Zeit eine grosse Menge Wasser getrunken haben, gezeigt; mit extremem Harndrang, was ja nicht der Situation im Alltag entspricht, da sich bei ausgeprägtem Harndrang niemand in Ruhe für eine Blutdruck-Messung hinsetzen würde. Im Praxisalltag ist der Effekt bei gefüllter Blase (wo man sich grundsätzlich Zeit nimmt, in Ruhe zu messen) daher sicherlich weniger ausgeprägt (systolisch 4-10mmHg). Da aber ein falsch hoher Blutdruck-Wert von 4-10mmHg trotzdem klinisch von Bedeutung sein kann, lautet die Empfehlung, dass vor der Blutdruck-Messung die Blase geleert werden sollte.
Ist es angezeigt, den Blutdruck hie und an beiden Armen zu messen?
Die schweizerische Herzstiftung empfiehlt am Anfang die Messung an beiden Armen, im weiteren Verlauf nur noch an denjenigem Arm, an dem der höhere Blutdruck gemessen wurde.

Welche Rolle spielt die Wahl der Manschette?
Die korrekte/passende Manschettengrösse hat einen entscheidenden Einfluss. Der Messfehler steigt überproportional mit einer zu kleinen Manschette; das heisst, für Personen, die eigentlich aufgrund des Umfang des Oberarmes eine grössere Manschette brauchen als die Norm, fällt der gemessene Blutdruckwert fälschlicherweise um 10-20mmHg zu hoch aus. Beim Kauf einer Manschette sollte man sich über die geeignete individuelle Grösse beraten lassen.
Welche Aussagekraft kommt dem Pulsdruck zu, also der Differenz zwischen oberem und unterem Blutdruck?
Der Pulsdruck ist Ausdruck der Steifigkeit der Arterien. Diese nimmt mit dem Alter typischerweise zu. Ein hoher Pulsdruck hat insbesondere bei älteren Personen (60+) mit Vorerkrankungen des Herz-Kreislaufsystems eine prognostische Bedeutung. Allerdings spielt der Wert im Praxisalltag keine bedeutende Rolle. Diagnose und Behandlung des Bluthochdruckes orientieren sich am systolischen (oberen) und diastolischen (unteren) Blutdruckwert.
Kann man sagen, dass Menschen ab einem Alter von über 60 Jahren auf eine Handgelenkblutdruckmessung verzichten sollten, weil sie dann ungenaue Werte liefert?
Grundsätzlich ist sowohl die Handgelenks- wie auch die Oberarmmessung zulässig. Wichtig ist, dass es sich um ein validiertes, in der CH zugelassenes Gerät handelt. Bei den Handgelenksmessungen gibt es ein höheres Risiko für Fehlmessungen.
Welchen Einfluss hat Kaffee auf die Messung?
Auf koffein- und nikotinhaltige Produkte sollte 30 Minuten vor der Messung verzichtet werden, da dies zu einer Überschätzung des Blutdruckwertes führt.
Und wie sieht es mit Alkohol aus? Ist es richtig, dass Alkohol in den ersten Stunden nach dem Genuss den Blutdruck senkt und nachher erhöht?
Es besteht eine Dosis-Wirkungsbeziehung. Ab einer Dosis von mehr als drei Standard Drinks kommt es initial zu einer Senkung des Blutdrucks und im weiteren Verlauf zu einer Erhöhung.
Gibt es noch weitere Punkte, worauf bei der Blutdruckmessung geachtet werden sollte?
Ja, Stichwort angelehnte Sitzposition: Eine Blutdruckmessung sollte immer aufrecht sitzend und mit Rückenlehne durchgeführt werden. Eine falsche Armposition (Arm hängend im Vergleich zu Tischplatte/Armlehne) führt im Durchschnitt zu einer Überschätzung des systolischen Blutdruckes um 6.4mmHg und diastolisch um 4.4mmHg.
Gibt letztlich nur eine 24h-Messung ein genaues Bild?
Um einen Bluthochdruck verlässlich zu diagnostizieren, reicht eine einzige Messung in der Regel nicht aus. Bei der Messung in der Praxis respektive durch den Arzt oder die Ärztin kann es bedingt durch die Nervosität beim Patienten zu einer Überschätzung der Blutdruckwerte (falsch hohe Messwerte) kommen. Man spricht hier von einer Weisskittelhypertonie. Alternativ kann der Blutdruck durch Selbstmessungen wie oben beschrieben zu Hause gemessen werden. Um ein verlässliches Bild zu bekommen, sollte über mehrere Tage unter denselben Voraussetzungen gemessen werden. In speziellen Situationen oder in Abhängigkeit der Präferenzen des Patienten kann auch eine 24h Blutdruckmessung gemacht werden. Dieses tragbare Gerät misst in regelmässigen Abständen tags- und nachtsüber. Blutdruckschwankungen bei Belastung und in Ruhe respektive während dem Schlaf können so besser beurteilt werden. Eine 24h Messung ist nicht zwingend für die Diagnose eines Bluthochdruckes.
Letzte Frage: Ich habe den Tipp gelesen, dass man sein Blutdruckgerät einmal jährlich zum Hausarzt mitnehmen und die Werte vergleichen sollte. Was halten Sie davon?
Falls das Blutdruckgerät die Werte speichert oder die Werte in einem Blutdrucktagebuch festgehalten werden (was grundsätzlich zu empfehlen ist). ist es hilfreich und angesagt, diese Tagebuchwerte in die hausärztliche Besprechung mitzunehmen. Es gibt ein zuverlässigeres Bild über die Kontrolle des Blutdruckes im Vergleich zu einer einzelnen Praxismessung.
https://swissheart.ch/so-bleiben-sie-gesund/gesund-leben/blutdruck
