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Der Alphorn-Versteher

Die allermeisten der von hiesigen Alphornbläsern gespielten Melodien stammen aus der Feder des ehemaligen klassischen Gitarrenlehrers Hans-Jürg Sommer. In der Alphornszene gilt der 76-Jährige in Oensingen SO lebende Mann als prägende Figur.

 

Es gibt Momente und Situationen im Leben, die können entscheidend dafür sein, wie sich ein Lebensweg entwickelt. Das persönliche Schlüsselerlebnis von Hans-Jürg Sommer muss irgendwann anno 1979 an einem Herbstanlass der damaligen Feuerwehr Bundkofen (Teil der Gemeinde Schüpfen) im bernischen Seeland zu verorten sein. Da, am Rande dieses geselligen Anlasses, hatte er die Möglichkeit, zum ersten Mal in ein Alphorn zu blasen. Er habe aus dem Stand eine eigene Melodie geblasen und damit den anwesenden Alphornbläser ziemlich verblüfft. Sommer erinnert sich: «Dieses Erlebnis ist mir eingefahren wie ein Blitz».

Hans-Jürg Sommer komponiert  die Melodien auf dem Computer.

Von der Gitarre zum Alphorn…

Das urtümliche Instrument mit seinen Naturtönen lässt den gelernten Schaufenster-Dekorateur und seit1978 diplomierten Gitarrenlehrer Hans-Jürg Sommer seit damals nicht mehr los. Ganz im Gegenteil! Sein Kollege Hans Gerber (87) besorgt ihm bald ein Alphorn und er beginnt autodidaktisch, darauf zu blasen.

Gerber nimmt ihn bald darauf auch zu einer Probe der «Seeländischen Alphornbläsergruppe» mit. Weil ein Platz in der neunköpfigen Gruppe frei wird, kann er als Neuling einsteigen. Bereits in der ersten Probe wird er aus der Mitte – übrigens vom bekannten Industrie- und Uhrenmanager Ernst Thomke (87) – als Dirigent vorgeschlagen. Schliesslich sei er der Einzige in der illustren Runde, der als Absolvent des Konservatoriums etwas von Musik verstehe.

…und zum Komponisten Nummer 1

Das ist der Moment, wo Hans-Jürg Sommer zu einem der bekanntesten Alphornspieler des Landes und vor allem zum meistgespielten Alphornkomponisten aufsteigt. Tatsächlich beginnt er damals, eigene Stücke zu komponieren und, wie er sagt, «zu experimentieren».

Sein zweites Stück, der «Moos-Ruef», wird zunächst in der eher konservativen Alphorngemeinde kontrovers-kritisch beurteilt. 1980, beim ersten Auftritt an einem Jodelfest, erntet Sommer mit diesem Titel nebst Applaus auch Pfiffe.

Diese Erfahrung spornt den «jungen» Alphornspieler an. Er beginnt einerseits das Instrument und dessen Möglichkeiten weiter zu erforschen, was dazu führt, dass Sommer quasi am Laufmeter neue Alphornstücke komponiert. Bis heute sind so über 2000 Titel entstanden, von denen er einen rechten Teil in zahlreichen Notenbüchlein publiziert hat.

Obwohl er noch bis zu seiner Pension im Jahre 2013 an der Kantonsschule Solothurn als professioneller Musikpädagoge klassischen Gitarrenunterricht erteilt, widmet sich Hans-Jürg Sommer in seiner Freizeit dem geliebten Alphorn. Er spielt in diversen Formationen, beteiligt sich an Jodelfesten an Alphornwettspielen. Solo oder zusammen mit anderen erspielt er so in aller Regel die Bestnote 1. Nur einmal, mit einem Trio, hätten sie eine 2 (gut) geholt, räumt er ein und begründet es damit, dass das gewählte Stück zu schwer gewesen sei. Und einmal habe es eine 4 (ungenügend) gegeben, obwohl das Stück «tiptop und fehlerfrei» vorgetragen worden sei. Weil er bei der Jury deswegen interveniert habe, seien sie letztlich disqualifiziert worden. Doch, so Sommer: «Das ist doch egal…».

Darüber hinaus engagiert sich Hans-Jürg Sommer im Kurswesen auf Verbandsebene und sitzt in so mancher Jury, auch als Jury-Chef am Eidg. Fest in Solothurn 1990. In diesen Jahren sei es oft vorgekommen, dass er bis zu 250 Mal pro Jahr in Sachen Alphorn unterwegs gewesen sei.

Im Jahre 2000 entscheidet sich Sommer, kürzer zu treten. Er tritt von seinen Ämtern zurück und tritt auch nicht mehr als Aktiver auf. Dafür findet er noch mehr Zeit, sich dem Instrument Alphorn zu widmen. 2010 publiziert er die umfassende Dokumentation «Eine Auswertung und Interpretation historischer Quellen zur Alphornmelodik». Es geht ihm darum, alte Stücke nicht aus der Sicht eines Ethnomusikologen, sondern als Spieler auf der Suche nach traditionellen Melodien zu edieren. 2015 entsteht in Zusammenarbeit mit seinem Alphornkollegen Thomas Juchli (77) der Dokumentarfilm «Die Mundart des Alphorns».

«Total offen für alles, aber…»

Wie vieles andere auch, hat sich das Spiel mit dem Alphorn durch die Jahrhunderte stark verändert. Hans-Jürg Sommer, der in aufwändiger Arbeit Aufzeichnungen und Noten früherer Jahrzehnte gesucht und dokumentiert hat, ist gemäss eigenen Aussagen «total offen für alles», also auch gegenüber modernen Interpretationen und Formen. So habe er, der unter anderem die zu früh verstorbene, international bekannte Alphornistin Eliane Burki (1983-2013) ausgebildet und mit dem russischen Jazzmusiker Arkady Shilkloper (70) oder mit dem Schweizer Jazzmusiker Hans Kennel (1939-2021) zusammengearbeitet.

Was hingegen das Alphornspiel im Rahmen des eidgenössischen Jodelverbands anbelangt, zu dem auch die Alphornspieler gehören, so müsse man sich halt nach den geltenden, einschlägigen Statuten richten. Die entsprechenden Leitsätze seien dazu da, der Alphornmusik schweizerischer Prägung ein (wiedererkennbares) Gesicht zu geben, um sich gegenüber anderer Musik abgrenzen zu können.

Sommer sagt, er habe lange dafür gekämpft, diese Leitsätze der Zeit anzupassen. Weil seine Bemühungen aber im Sande verlaufen seien, habe er resigniert aufgegeben und sei als Folge davon aus den Verbänden ausgetreten.

Jedoch: «Weil ich kein Diplomat bin, sage ich noch immer, was ich denke», sagt er und gibt gleich ein Beispiel: «Früher kamen die Bläser aus den Reihen der Jodler, in den letzten Jahren ist die Alphornspielerei leider von den Blasmusikanten übernommen worden.»

Preisträger im Ruhestand

Seine grossen Verdienste in Sachen Alphorn und Kompositionen wurden mit diversen Ehrungen und Preisen gewürdigt. 2002 wurde ihm als bisher einziger Alphornspieler der «Goldene Violinschlüssel» verliehen. Es handelt sich dabei um die höchste Auszeichnung, die man im Bereich der schweizerischen klingenden Folklore erreichen kann. Vier Jahre später erhielt er den Musikpreis des Kantons Solothurns.

Heutzutage nimmt Hans-Jürg Sommer sein Alphorn nur noch selten zur Hand. «Manchmal habe ich einen Anfall und versuche etwas zu blasen. Doch dann fühle ich mich oft wie ein Anfänger.» So lässt er das Horn wieder ein paar Wochen in der Ecke ruhen – ganz in der Nähe seiner Gitarre.

Noch immer aber komponiert er Alphornmelodien an seinem Bildschirm, «weil es mir Spass macht». Das Publizieren seiner Kompositionen hingegen hat er mittlerweile aufgegeben, weil es schlichtweg nicht mehr rentiert. «Die heutigen Alphornspieler laden sich eben alles irgendwo runter, ohne etwas dafür zu bezahlen.»

Fotos Christian Roth

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