Im September habe ich über die Licht- und Schattenseiten – gab es überhaupt Schatten in diesem Hitzesommer? – in unserem Garten geschrieben. Jetzt ist Ende Oktober – und unser Garten hat das noch so gar nicht begriffen. Es blüht und fruchtet trotz kühler Nächte – und das auf über 600 Meter über Meer.
Das grosse, akkurat gepflegte Rosenbeet im Eingangsbereich unseres Gartens ist die Domäne meiner Nachbarin. Sie hackt und schneidet und liest jedes Blütenblättchen vom Boden auf. Sie grämte sich den ganzen Sommer lang, weil die Rosen in der Hitze nur aufblühten, um dann schnell wieder zu verblühen. Entsprechend sah ihr Paradebeet auch aus: Ausgedünnt, mit wenigen Blüten, etwas traurig.
Dann kam anfangs Oktober der Regen. Und jetzt blühten die Rosen und meine Nachbarin gleichzeitig auf. Es ist eine wahre Freude! Ob dieser Rosensegen wohl bis Weihnachten anhält? Ein Adventskranz aus blühenden Rosen – das wäre doch mal etwas anderes.
Die ganze Hausgemeinschaft kann sich über die Blütenfülle Ende Oktober freuen.
Schlagzeilen machten in diesem Sommer nebst viel anderem auch die Buchen, die sich zum Teil bereits im August herbstlich färbten. Unsere grosse Buche, die mit ihrem breiten Schatten im Sommer zum angenehmen Treffpunkt für Hitzegeplagte wurde, liest zum Glück keine Zeitungen und hat keinen Kalender. Und vergisst deshalb bis heute, ihr Herbstkleid anzulegen: Grün und dicht belaubt steht sie da. Nur ihre Früchte, die Bucheckern, die lässt sie nach und nach fallen. Die Vögel freuts.
Zugewandert – und willkommen geheissen
Meine Sans-Papiers im Garten sind die Stechpalmen, die sich ohne zu fragen entlang des Kieswegs angesiedelt haben. Im Sommer litten sie sichtbar, ihr stacheliges Laub wurde zunehmend glanzloser, grauer. Die paar Regengüsse anfangs Oktober aber wirkten wie ein Jungbrunnen: Jetzt stehen sie wieder glänzend da – und blühen! Ob ich ihnen wohl flüstern soll, dass jetzt eigentlich die Zeit wäre, wo sie ihre roten Früchte präsentieren sollten?
Das alles kann natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die lange Hitzeperiode dieses Sommers zeigt, dass sich der Klimawandel, vor dem bereits vor vielen Jahren gewarnt wurde, spätestens seit 2003 deutlich manifestiert. Realität ist aber auch, dass aktive Massnahmen bis heute nur punktuell erfolgten.
Symptombekämpfung statt Umdenken
Denn Symptombekämpfung, wie bessere Bewässerung der Agrarflächen oder Sprühnebelduschen für die hitzegeplagten Städter reicht nicht. Ein Umdenken in Bezug auf hitzeresistentere Pflanzungen in der Land- und Forstwirtschaft und bauliche Massnahmen, angefangen bei den versiegelten Oberflächen bis zu den Betonwüste nicht nur in den Städten, wären dringend notwendig. Denn vieles lässt sich nicht ruckzuck umsetzen, manches setzt sogar einen Perspektivenwechsel voraus.
Kein Kommentar. (Bilder pixabay)
Wer sich die neusten Klimadaten ansieht und feststellt, dass die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens, 2016 in Kraft gesetzt, obsolet, da längst überschritten sind, dass die Erderwärmung bis zum Ende dieses Jahrhundert wohl um mehr als zwei Grad steigen wird, fühlt sich hilflos, ist versucht, zu resignieren.
Deshalb diese Betrachtung aus einem winzig kleinen Teil der Welt, unserem Garten. Das Wissen, dass sich die Natur ein Stück weit selber zu helfen weiss, sollte kein Argument sein, die Augen vor den anstehenden Problemen zu verschliessen, aber jeder und jedem etwas Mut machen.
Wer einen Garten, eine Terrasse hat, kann dazu beitragen, dass sich in seinem Mikrokosmos die Pflanzen wohl fühlen, dass all das Getier, das sich in einem Garten ohne die Verwendung von künstlichem Dünger und giftigen «Pflanzenschutzmitteln» ansiedelt, auch zu unserem Wohlbefinden beiträgt. Wer dann dazu noch Ende Oktober Rosen schneiden und süsse Feigen ernten kann, der kann nur noch dankbar sein für das kleine Stückchen Erde, das so viel Freude macht – trotz der weltumspannden Sorge um das Klima.
