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Mehr als eine altersgerechte Wohnung

In der Gemeinde Niederweningen (ZH) leben mehrere ältere Menschen zusammen in der Genossenschaft Gemeinschaftshof. Hier werden verschiedene Bedürfnisse unter einen Hut gebracht.

Wie möchten Sie im Alter einmal wohnen? Lieber allein mit all den Freiheiten, die das Leben bietet? Oder eher in einer Gemeinschaft, die zwar Isolation vorbeugt, aber auch gewisse Rücksichtsnahmen erfordert?

Beide Modelle haben Vor- und Nachteile, je nach individueller Präferenz. In der zürcherischen Gemeinde Niederweningen, die wegen ihres Mammutmuseums bekannt ist, glückt dieser Spagat seit einem Jahrzehnt. Im Zentrum steht die Idee, dass Wohnen im Alter mehr sein soll als nur eine altersgerechte Wohnform.

15 Wohnungen unter einem Dach

In 15 Wohnungen von eineinhalb bis dreieinhalb grossen Zimmern leben hier ältere Menschen ab 60 Jahren unter einem Dach. Alle verfügen über eine eigene Mietwohnung mit der notwendigen Infrastruktur, also individuelle Küche inklusive WC und Dusche. Gemeinschaftlich genützt werden hingegen ein grosser Aufenthaltsraum, ebenfalls mit Küche, sowie unter anderem zahlreiche Gartensitzplätze.

Der Gemeinschaftshof in Niederweningen bietet mehr als nur eine altersgerechte Wohnform. 

Wenn man Dorothee Reinhart zuhört, dann handelt es sich um ein sehr geglücktes Projekt. «Dorli» wie sie von allen hier genannt wird, spielt beim Gemeinschaftshof, zusammen mit Esther Braunschweig und Hubert Graf, schon seit der Projektphase eine wichtige Rolle. Noch heute arbeitet sie als Verwalterin. Und ihr inzwischen verstorbener Mann hatte als Architekt eine Schlüsselrolle bei der baulichen Umsetzung.

Dorfbewohner haben Vorrang

Wie ältere Menschen möglichst lange selbstbestimmt in ihrem vertrauten Dorfumfeld wohnen können, ohne auf soziale Kontakte verzichten zu müssen, sieht man hier an der Dorfstrasse 27 in Niederweningen. «Dorfumfeld» ist ein wichtiges Wort. «Ältere Menschen aus dem Dorf haben als Mieterin oder Mieter Vorrang», betont Dorothee Reinhart. Das hat auch finanzielle Gründe. Die Gemeinde ist als grösste Genossenschafterin am Gemeinschaftshof beteiligt. Organisatorisch basiert das Projekt auf einer engen Zusammenarbeit verschiedener Akteure.

Das Gartenhaus mit dem Atelier, das den Bewohnerinnen und Bewohnern zur Verfügung steht.

Der Ort ist auch ein Treffpunkt für Jüngere. Zweimal wöchentlich kommen hier Mütter mit ihren kleinen Kindern vorbei. Im untersten Geschoss hat sich der sogenannte «Mathi-Blitz» eingemietet, wo Schülerinnen und Schülern Mathematikunterricht erteilt wird. Früher war das einmal ein Werkraum, der aber kaum benützt worden sei. Das gleiche gilt für ein früheres Gästezimmer, das vermietet wurde.

Marktgerechte Preise

Wir laufen durch das grosszügig konzipierte Haus. Eine Wohnung im oberen Teil ist leer, eine Frau wird in den nächsten Tagen einziehen. Jede Wohnung sieht anders aus. Entsprechend differieren auch die Mietzinse. Für eine Zweizimmerwohnung müsse etwa mit 1500 bis 1700 Franken monatlich gerechnet werden, einem marktgerechten Preis.

Was Dorothee Reinhart in diesem Zusammenhang noch betont: «Der Gemeinschaftshof ist kein Alters- oder Pflegeheim.» Unterstützungsleistungen werden bei Bedarf über die Spitex oder private Anbieter abgedeckt. Diese Leistungen müssen von den Bewohnenden selber organisiert werden.

Gegenseitige Unterstützung

Die gegenseitige Unterstützung innerhalb der kleinen Wohngemeinschaft sei aber gross. Man helfe einander, so gut es gehe. Wie in jeder guten Familie kommt es hie und da auch zu Meinungsverschiedenheiten. «Konflikte versuchen wir nach Möglichkeit im Gespräch auszudiskutieren».

Im Laufe der Zeit habe sich gezeigt, dass gewisse Vorstellungen von Gemeinschaftsarbeit aufgegeben werden mussten. «Viele ältere Menschen lassen sich nicht mehr gerne ein Ämtchen geben». Ein Engagement werde aber begrüsst und fände auch statt. Um dem zunehmenden Alter der Bewohnenden Rechnung zu tragen, wurden einige Arbeiten delegiert, unter anderem an einen Hauswart- verbunden mit höheren Nebenkosten.

Die gelernte Steinbildhauerin Therese Kobi präsentiert im Gemeinschaftsraum ihre ausgestellten Steinobjekte.

Des Lobes voll

Mitbewohnerin Therese Kobi, die den Journalisten spontan zu einem Kaffee einlädt, ist jedenfalls des Lobes voll über ihren Altersitz im Gemeinschaftshof, wo sie seit vier Jahren lebt. Die 81-Jährige verfügt über eine ansprechend grosse Einzimmerwohnung und geniesst die Sicht auf «ihr» Atelier, das sich gleich gegenüber dem Garten befindet. Dort hat die gelernte Steinbildhauerin («die erste in der Schweiz») an einer Ausstellung gearbeitet, deren Früchte Interessierte im Gemeinschaftsraum gegenwärtig bestaunen können. Sich bei Bedarf zurückziehen, aber ebenso leicht Kontakt zu finden; das ist ganz in ihrem Sinn: So gibt es zum Beispiel jeden Sonntagmorgen einen gemeinsamen Brunch und der Möglichkeit, sich auszutauschen. «Man vereinsamt hier wirklich nicht.»

Titelbild: Für die Verwalterin Dorothee Reinhart ist der Gemeinschaftshof ein geglücktes Projekt. Fotos: Markus Sutter

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