Nach bisher zwei Alpenquerungen (2024 von Salzburg nach Grado und 2015 von Wien nach Triest) sind wir heuer mit dem E-Bike von München via Innsbruck und Cortina nach Venedig geradelt. Erlebt haben wir eine Fahrt durch drei Länder, Kulturen und kulinarischen Höhepunkten.
Hofbräuhaus, Marienplatz mit Michaelskirche, Englischer Garten mit Eisbachwelle oder der Blick vom Turm der Frauenkirche, wenn die 486 Treppenstufen erklommen sind: die Bayrische Landeshauptstadt lässt sich auch ohne Oktoberfest ganz prima geniessen. So haben mein Rad-Buddy Christoph und ich unseren E-Bike-Trip von München nach Venedig über die Alpen ganz entspannt und bei prächtigem Wetter angegangen.
Tag 1: München – Bad Tölz
Erst nach der zweiten Nacht im urgemütlichen Hotel Bauer machen wir uns auf, mit den geladenen KTM-Bikes die Millionenmetropole zu verlassen. Bald schon erreichen wir die Isar und die Gegend wird ländlich. Den Regenschutz führen wir mit uns, allerdings in guter Hoffnung, ihn nie hervorholen zu müssen. Es geht vorbei an Klöstern, durch Villenviertel und bayrische Dörfer und durch die Isar-Auen. Ein paar Stunden und rund 60 Kilometer später erreichen wir die Flösserstadt Bad Tölz.
Nein, den aus dem Fernsehen bekannte Bulle von Tölz haben wir nicht erblickt. Dafür haben wir abends die sehenswerte Altstadt bewundert und in einem Restaurant ein extrem deftiges Abendessen genossen.
In Bad Tölz haben wir den «Bullen» nicht gefunden.
Tag 2: Bad Tölz – Schwaz
Bestens ausgeruht und gut gelaunt machen wir uns auf Richtung Österreich. Als mittelprächtiges Hindernis auf der gegen 80 Kilometer langen Strecke müssen wir zunächst den Sylvenstein-Stausee, eine Talsperre im Isarwinkel in der Gemeinde Lenggries, erreichen.
Beinahe unbemerkt im Naturpark Karvendel überqueren wir die deutsch-österreichische Grenze und gelangen in die Ferienregion Achensee. In einer gemütlichen Strandbar stärken wir uns, bevor es weitergeht – dem grössten See Tirols entlang. Wenig später belohnt uns eine rasante Abfahrt für die heutigen Strapazen und schon bald erreichen wir Schwaz. Die Stadt war in der Blüte des Bergbaus im 16. Jahrhundert eine der grossen Bergbaumetropolen Europas und damals hinter Wien die zweitgrösste Stadt im Habsburgerreich. Abgebaut wurden vor allem Silber- und Kupfererze. Im ältesten Wirtshaus am Platz – dem «Gasthof zur Krippe Tippeler», urkundlich erstmals 1657 erwähnt – lassen wir den Abend ausklingen.
Tag 3: Schwaz – Innsbruck
Heute haben wir mit rund 40 Kilometern eine eher kürzere Etappe vor uns. Den Inn immer im Blick, radeln wir den Blick auf die Berge gerichtet beiderseits des Flusses nach Innsbruck. Nach dem Bezug des Hotels Dollinger radeln wir ins Zentrum. Schliesslich wollen wir sehen, wie das «Goldene Dachl» in der Abendsonne glänzt.
Tag 4: Innsbruck – Mühlbach
Der heutige Tag beginnt mit einer Fahrt mit der Brennerbahn auf den Brennerpass. Wir realisieren, dass wir nicht die einzigen Radfahrer sind, die sich den Aufstieg zum Pass erleichtern: Der Zug ist komplett ausgebucht – auch weil der vorherige Zug ausgefallen ist. Oben auf dem Brenner stellen wir fest: Italien ist nicht mehr weit. Mittlerweile ist sich der Himmel wolkenbehangen und wir müssen uns etwas wetterfester anziehen. Auf dem alten Bahntrassee geht’s hinunter und wir erreichen die Fuggerstadt Sterzing, wo wir uns stärken können. Von hier aus führt der Radweg ostwärts (und teilweise via abenteuerliche Umleitungen) bis nach Mühlbach am Eingang des Pustertals.
Tag 5: Mühlbach – Toblach
Etwas kühler, aber wieder klar ist es, als wir den kurligen Gasthof Seppi verlassen und durch die Mühlbacher Klause nach Bruneck radeln. Rechterhand erheben sich die markanten Dolomiten und wir erreichen – entlang des Flusses Rienz – bei sommerlich heissen Temperaturen das Etappenziel Toblach (Dobbiaco). Vom Zimmer im Apparthotel Germania aus hat man einen wunderbaren Blick auf das Grandhotel Toblach und dahinter die Gipfel der Dolomiten.
Die Dolomiten erstrahlen im Abendlicht.
Tag 6: Toblach – Cortina
Wir sind uns bewusst, dass wir heute die «Königsetappe» vor uns haben. Hoffentlich machen die Beine und der Akku mit. Auf dem Trassee der ehemaligen Dolomitenbahn durch das Höhlensteintal erreichen wir den idyllischen Toblacher See, bevor es aufwärts geht und wir plötzlich die berühmte Felsformation «Drei Zinnen» vor uns haben. Der Pegelstand des Dürrensees (1406 m.ü.M.) ist massiv tiefer als üblich und wir beschliessen, vor dem Schlussanstieg einen Espresso zu genehmigen.
Sicher nochmals eine Stunde führt der Schotterweg hinauf ins Gebirge und auf die Passhöhe (1530 m ü.M.). All jene, die ohne Motor, mit Kind im Kindersitz, mit Tandem oder/und mit Hund im Gepäck unterwegs sind, bewundern wir. Chapeau! Von hier können wir es bergab rollen lassen – immer konzentriert, weil der Gravelweg durch den Kies und die Steine rutschig ist. Teilweise auf der ehemaligen Bahnstrecke erreichen wir die Dolomitenstadt Cortina d’Ampezzo. Die ersten Herbstzeitlosen auf den Wiesen künden den nahenden Herbst an. Abends beim Schlendern durch die Olympiastadt werden wir (positiv) überrascht von einem heftigen Wolkenbruch.
Tag 7: Cortina – Pues d’Alpago
Nach einer erholsamen Nacht in der Bergluft führt uns der Weg heute gute 1000 Höhenmeter hinunter ins Tal. Die Fahrt ist wild romantisch und irgendwie erreichen wir das Etappenziel Pues d’Alpago. Wir schaffen die Strecke in 80 Kilometern, andere benötigen je nach Umweg 90 bis 100. Wir nächtigen im Ciasa Lorenzi und lassen uns abends die mit einem Michelin-Stern gekrönte Küche nicht entgehen.
Tag 8: Pues d’Alpago – Conegliano
Heute ist Regen angesagt. Weil es (noch) trocken ist, machen wir uns umgehend auf die Socken. Zunächst radeln wir dem Lago di Santa Croce entlang und dann eine Anhöhe hinauf. Überrascht von einem heftigen Gewitterregen stellen wir uns auf der Höhe bei einer Pizzeria unters Vordach. Es giesst wie aus Kübeln und wir beginnen uns nach Konsultation und Interpretation der einschlägigen Wetterapps zu fragen: Warten wir hier bis Mitte Nachmittag (nota bene bei geschlossenen Restauranttüren) bis der Regen nachlässt oder ergreifen wir die Flucht nach vorn?
Weil das Nass mittlerweile fast horizontal auch unsern Unterstand erreicht und uns etwas fröstelt, ist der Entschluss rasch gefällt: Möglichst regenfest anziehen und dann ab durch die Mitte! Gemäss Streckenplan sollten wir unser nächstes Hotel in etwa zwei Stunden erreicht haben.
Nach einer abenteuerlichen Talfahrt im strömenden Regen erreichen wir den Lago Morto und später unser Ziel, Conegliano. Das Gepäck ist im Hotel Canon D’Oro noch nicht angekommen. Aber wir sind froh, dass wir uns wenigstens im Hotelzimmer warm duschen und warten können. Abends erfreuen wir uns in einem mexikanischen Restaurant an einem leckeren Nachtessen.
Tag 9: Conegliano – Treviso
Am nächsten Morgen hat der Regen etwas nachgelassen, aber die Wetteraussichten sehen düster aus. Kurz entschlossen machen wir uns auf zum Bahnhof. Wir sind nicht die einzigen, die die heutige Etappe lieber mit dem ÖV absolvieren. Auch Almuth und Matthias aus Berlin tun es uns gleich. So kommen wir beschwingt in Treviso an und erfreuen uns, dass am Himmel das Grau mittlerweile einem frischen Blau gewichen ist. Etwas Zeit gewonnen, finden wir am Nachmittag Zeit, die sehenswerte Provinzhauptstadt zu besichtigen, bevor erneut ein schweres Gewitter übers Land fegt.
Juhu, wir sind in Venedig angekommen!
Tag 10: Treviso – Venedig/Mestre
Blauer Himmel, die Sonne lacht. Das sind die Bedingungen, die heute auf unserer letzten Etappe herrschen. Wir radeln dem lauschigen Radweg dem Fluss Sile entlang und erfreuen uns an der abwechslungsreichen Landschaft Veneziens. Hie und da müssen wir umgestürzten Bäumen ausweichen, die dem gestrigen Gewitter nicht haben standgehalten können.
Zusammen mit dem Berliner Pärchen geniessen wir die letzten Kilometer bis zum Ziel. Beim Schild Venezia machen wir Halt und inszenieren eine Fotosession. Schliesslich: Etwas stolz sind wir schon, nach gut 650 Kilometern, vielen Höhenmetern und ohne Panne das Ziel Venedig erreicht zu haben.
Nach dem Einchecken im Hotel Elite in Venezia Mestre bringt uns das Tram ins Herz von Venedig. Selbstverständlich sind einige der täglich bis 100000 Touristen ebenfalls vor Ort… Vielleicht deshalb stärken wir uns deshalb zuerst bei Prosecco und Pizza, bevor wir mit einem «Vaporetto», einem der öffentlichen Wasserbusse, durchs idyllisch beleuchtete Venedig Richtung San Marco, Markusturm und Seufzerbrücke gondeln.
Typisch Venedig – die Gondoliere mit ihrer Touristen-Fracht.
Nach einem Zusatztag in Venedig, an dem wir Venedig zusammen mit dem amerikanischen Pärchen Keith und Dionne erkunden, fahren wir mit dem Zug via Mailand zurück in die Schweiz – zufrieden und glücklich.
Von Salzburg nach Grado: https://seniorweb.ch/2025/08/14/freiheit-auf-zwei-raedern/
Von Wien nach Triest: https://seniorweb.ch/2025/09/24/von-der-kaiserstadt-an-die-adria/