FrontGesellschaftVon Politikern und Wutbürgern

Von Politikern und Wutbürgern

Das Theater an der Effingerstrasse in Bern zeigt «Furor», von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, als Schweizer Erstaufführung.

Furor heisst Wut, Raserei. Furor heisst das Stück von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, das Stefan Meier inszeniert, ein Werk von grosser Aktualität. Es geht im Grunde um verschiedenartigste aktuelle Erscheinungsformen von Demokratie. Deren herkömmliche Merkmale sind Wahlen und Wahlkämpfe, Abstimmungen, Ansichten und Meinungsäusserungen. Es gehören auch Politiker, deren Karriere, Macht und Einfluss, aber auch ihr Verantwortungsbewusstsein für das Ganze dazu. Andererseits zeigen sich leider auch Machtmissbrauch, Filz, Korruption und Schlammschlachten. Neben den drei politischen Gewalten des demokratischen Staates – Exekutive, Legislative, Judikative – haben sich die Medien längst als vierte Gewalt durchgesetzt.

Neu hinzu kommen zurzeit die Sozialen Medien, die jeder und jedem für Kritik und persönliche Angriffe ohne nennenswerte Kontrolle offen stehen. Das Einfordern von Verantwortung ist da schwierig bis unmöglich. Damit erleichtern Twitter, Facebook und andere ein lawinenartiges Anschwellen von Anhängern der undifferenzierten und unbesonnen Hetzbereitschaft. Es werden, ob mit verborgenen Absichten und Zielen verbunden oder nicht, Feindbilder geschaffen, auf die sich «zornige junge Männer», die heute auch «alte weisse Männer» oder Frauen sind, mit Wut und Raserei stürzen. Schon in den 1950-er Jahren, nach John Osbornes Schauspiel «Blick zurück im Zorn» entstand dieser Begriff der «Zornigen jungen Männer», und mit der weit verbreiteten gegenwärtigen Unzufriedenheit und Enttäuschung über wahre oder vermutete Mängel der Politik ist er wieder lebendig.

Soziale Ungerechtigkeiten, Intransparenz und andere Vorgänge in der Politik, die allen idealen Vorstellungen von Demokratie widersprechen, gab es zwar schon zu allen Zeiten. Doch nehmen sie heute zu. Der militante Zorn darüber wächst und damit die Zahl der «Wutbürger», angefeuert durch Veröffentlichungen in den Sozialmedien. Es ist dies eine Meute von Zornigen, die in Wut und Raserei gegen alles kämpfen, das sie für das Schlechte an der Demokratie halten. Weil sie schliesslich alles für schlecht halten, kämpfen sie gegen die Demokratie als Ganzes und aufs heftigste gegen deren Repräsentanten, die Politiker.

Tobias Maehler (Braubach), Aaron Frederik Defant (Jerome), Gabriele Fischer (Nele Siebold)

Jerome (Aaron Frederik Defant), der Cousin des von einem Politiker schuldlos zum Krüppel gefahrenen jungen Siebold, tritt hier als einer dieser Wutbürger auf. Seiner Ansicht nach ist der Spitzenkandidat des derzeitigen Wahlkampfes nichts anderes als der gewohnte korrupte, verfilzte Heuchler, der seine Haut im Wahlkampf retten will.

Vertreter der Spitzen- und Karrierepolitiker ist Heiko Braubach (Tobias Maehler), verantwortungsbewusst und zwar vernetzt, jedoch kaum verfilzt oder korrupt. Der abschliessende Untersuchungsbericht bestätigt seine Unschuld. Seine einzige Angriffsfläche besteht darin, dass er sich gerade in einer entscheidenden Phase des Wahlkampfs befindet.

Die Seite der naiv der Öffentlichkeit gegenüberstehenden, für ihren Sohn schützend und auch beschönigend, verharmlosend eintretenden Unpolitischen vertritt die Mutter und Tante Nele Siebold (Gabriele Fischer).

Das offensichtliche Anliegen des Autorenpaares Lutz Hübner und Sarah Nemitz ist es, die Kräfteverhältnisse in dieser aktuellen Auseinandersetzung in weitreichender Konsequenz zu schildern. Dabei geht es nicht nur um einfache Linien, sondern auch um differenzierte, von zahlreichen mehrdimensionalen Nebenaspekten mitbestimmte menschliche Eigenschaften und Gefühlsregungen. Regisseur Stefan Meier und seinem Ensemble gelingt es, solche Elemente lebendig und dynamisch zu gestalten. Zu Beginn verbreitet sich eine sachliche Stimmung im Gespräch zwischen dem Politiker und Nele Siebold. Braubach schlägt vor, wie er grosszügig zur materiellen Erleichterung des künftigen Lebens des Verunfallten beitragen möchte. Nele Siebold, die vorerst mit verständlichem Misstrauen dem Besucher begegnet, ist schliesslich von seiner Aufrichtigkeit überzeugt und dankbar.

Dann braust wie ein giftiger Orkan ihr Neffe Jerome herein und entlädt die ganze lautstarke Wut und Raserei über den verhassten Politiker. In der Folge entwickelt sich der wütende, ungerecht empfundene, so lautstarke wie fintenreich fiese, so sprachklischeemächtige wie erpresserische Kampf des jungen Zornigen mit dem um das Bewahren seiner Fassung und Haltung bemühten Politiker in allen Facetten und dramatischen Akzenten. Eine beabsichtigte und gerade deshalb verstörende Überspitzung und Verzeichnung der (Schein-) Argumente wie auch der Situationen mit äusserer Gewaltanwendung führt den Ernst und die ganze Bedeutung einer keineswegs realitätsfremden Zeiterscheinung eindringlich vor Augen. Erschütternd stellt man fest, wie der vermutlich Unbescholtene zum hilflosen Opfer gesteinigt wird. Irgendwie passt dazu, dass sich die andere Hilflose, die eher naive, vor allem überforderte Tante und Mutter während des Höhepunkts der Auseinandersetzungen ins Freie flüchtet.

Ein hartes, unbequemes, doch spannendes und leidenschaftliches gesellschaftliches Lehrstück!Aaron Frederik Defant, Tobias Maehler

Alle Bilder: © Severin Nowacki

Aufführungen bis 29. November 2019.

DAS THEATER an der Effingerstrasse

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