FrontKulturWie eine gut geölte Maschine

Wie eine gut geölte Maschine

Der Regisseur Franz von Strolchen erfindet eine Serie für das Luzern Theater. Seine These: In der Zukunft arbeiten die Menschen nicht mehr, weil ihnen eine Firma alle Arbeit abnimmt.

Die Taylor AG besteht nur noch aus künstlicher Intelligenz. Einmal im Jahr jedoch müssen die Menschen ihre Kreativität zur Verfügung stellen, um das System am Laufen zu halten: Sie werden nach Zufallsprinzip in Kleingruppen zusammengesteckt und sollen jeden Tag bis am 4. April 2020 eine neue Idee produzieren.


Konni, Katrin und Stefan (v.l.) suchen nach der Wahrheit

An jedem Theaterabend tritt dabei ein Experte oder eine Expertin aus Luzern und Umgebung der Arbeitsgemeinschaft bei, um neue Impulse in unterschiedlichsten Bereichen wie Medizin, Kunst, Militär, Journalismus oder Philosophie einzubringen. Was dabei herauskommt, ist ungewiss.

Katrin schäumt Konni ein

29 Premieren in sechs Wochen. Franz von Strolchen und sein Team stellen damit ein neues Theaterformat vor, an dem jeden Tag gearbeitet wird, in das man langfristig eintauchen oder an jedem beliebigen Tag neu einsteigen kann.

An der Premiere am 26. Februar ist das Interesse gross. In der Box des Luzerner Theaters ist kein Platz leer. Auf der grossen Leinwand fängt das Firmenlogo «Taylor AG» zur Live-Musik von «Blind Butcher» an, sich tänzerisch zu bewegen. Die Geschichte wird kurz erklärt, dann purzeln die drei Figuren Konni, Katrin und Stefan einzeln aus einer schrägen Rutsche auf die Bühne. Sie kennen sich nicht, finden jedoch recht bald heraus, dass sie eingeschlossen und gezwungen sind, jeden Tag eine neue Idee zu entwickeln. Sie erhalten überraschende Hilfe von der Taylor AG.

Über die Rutsche erhalten sie nacheinander Esswaren, Werkzeuge, grosse Kehrichtsäcke, die sie in einem verzweifelten Moment als Leichensäcke wähnen. Sie geifern sich an, streiten, wechseln die Kleider – Katrin hinter einem Duschvorhang – und philosophieren an einem Tisch, den sie zusammengestellt haben, über ihre Zukunft. Handgreiflich wird es, als Katrin dem bulligen Konni den Kopf einschäumt.


Mit dem ersten Experten Peter Bucher 2.v.r. sucht die Gruppe nach Lösungen

Da tritt der erste Experte zur Gruppe. Es ist der Zukunftsforscher und Wirtschaftsberater Peter Bucher, der sich schon fragte, was die Zukunft bringt. In einem Interview in der Schweizer Illustrierten prophezeite er: «Die Arbeit wird uns nicht ausgehen, wenn wir bereit sind, sie anzugehen. Digitalisierung, Automatisierung, Künstliche Intelligenz heissen die Herausforderungen. Innovation, Flexibilität und lebenslanges Lernen heissen die Antworten. Auf den vermeintlichen richtigen Job zu setzen ist sicher falsch. Im ständigen Wandel bleiben jene wettbewerbsfähig, welche die eigene Arbeit immer wieder anpassen und verbessern»

Zurück ins Theater. Gemeinsam suchen die vier nach einem Namen des momentanen Daseins und einigen sich auf: «Knast der Freiheit».

Und so geht es weiter bis am 4. April. Das Team muss jeden Tag kreativ sein und eine Premiere erarbeiten: die Folge, die jeweils abends zu sehen sein wird. Jeden Tag eine neue Handlung. Jeden Tag neues Licht, neue Situationen, neue Inszenierungsideen, neue Absprachen, neue Musik.

Die Texte werden vormittags frisch eingesprochen, um sie abends bei der Vorstellung auf das Ohr der Schauspieler zu spielen. Dabei sorgen die Band Blind Butcher für einen täglich neu arrangierten Soundtrack und täglich wechselnde Experten für einen spielerischen Austausch von Wissen und Kunst.

Am Ende: Am letzten Tag der 30-Tage-Periode nimmt die Handlung in der AG2602 eine unglaubliche Wendung. Die Arbeitsgemeinschaft wird aufgelöst, die Taylor AG wird vor Gericht gestellt. Doch wer trägt die Verantwortung für das Geschehene. Der Mensch oder die Maschine?

Idee des Tages: Ein Gesetzesentwurf für eine wildgewordene künstliche Intelligenz

Spezialistin des Tages: Zaïra Zihlmann (Rechtswissenschaftlerin, Universität Luzern)

Fotos: Josef Ritler und Ingo Höhn/Luzerner Theater

Weitere Folgen; WER VISIONEN HAT (28. FEB); VON AUSBRECHERN UND EINBRECHERN (29. FEB); DIE GROSSE HERAUSFORDERUNG (3. MÄR); RAUMKONZEPTBESPRECHUNG (4. MÄR); : PAUSE – ODER ICH BRECH DIR DIE BEINE (5. MÄR); OPIUM FÜRS VOLK (6. MÄR); MOTIVATION DER VERSEHRTEN (7. MÄR); NUR NOCH GURKEN (10. MÄR); DER ANDERE UND ICH (11. MÄR); EIN SCHUSS INS OFF (12. MÄR); DIE HÖCHSTE ORDNUNG (13. MÄR); DER QUELLCODE (14. MÄR); WIR SCHREIBEN UNS WEITER (17. MÄR); FANG DAS HUHN (18. MÄR); CHARAKTER ZEIGEN (19. MÄR); SPRACHENLOS (20. MÄR); VERWEIGERN UND AUFGEBEN (21. MÄR); FAKE NEWS (24. MÄR); ST-EXIT (25. MÄR); WORAUF WARTET IHR? (26. MÄR); REVOLUTION (27. MÄR); HELDINNEN UND HELDEN UNSERER ZEIT (28. MÄR); DEIN WILLE GESCHEHE (31. MÄR); TRÄUME UND TODE (1. APR); MACHT EUCH KEINEN KOPF (2. APR); FRISS ODER STIRB (3. APR); RESET (4. APR).

Mehr: https://www.luzernertheater.ch/taylorag

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