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Stärke, Gesichter und Geschichten

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Der Basler Fotograf und Seniorweb-Redaktor Christian Roth (61) hat 31 Frauen in Wort und Bild porträtiert, einige davon schon einmal vor 30 Jahren. Nun ist sein Buch «STRONG» erschienen.

 

 

STRONG. Dieses englische Wort kann vieles bedeuten. Stark und kräftig, fest und gesund zum Beispiel, solide oder robust. Der Basler Fotograf, Journalist, Werber und Künstler Christian Roth (61) überlässt die Definition jenen 31 Frauen selber, die er in seinem jüngsten Fotobuch «STRONG» porträtiert und zu Worte kommen lässt.

Die Kulturfördererin Hedy Graber (65), die in den vergangenen Jahren die Direktion Kultur und Soziales beim Migros-Genossenschafts-Bund leitete und in dieser Funktion auch die Projekte des Migros-Kulturprozents verantwortete, wird von Roth nicht porträtiert. Dennoch hat er sie gewinnen können, das Vorwort zum 140 Seiten starken und bildgewaltigen Buch zu verfassen.

Graber entgeht beim Betrachten der Fotos und Lesen der Texte der 31 Frauen nicht, dass eine Lücke von 30 Jahren zu Teilen sichtbar wird, was diese Frauen erlebt haben. Dazu sollte man wissen, dass Christian Roth damals vor 30 Jahren als junger Hausfotograf der «Basellandschaftlichen Zeitung» schon einige der jetzt porträtierten Frauen vor seiner Linse hatte (vgl. interview).

Viele Formen von «Stark»

In diese zeitliche «Lücke», so Hedy Graber, passt ein ganzes Leben: «Abenteuer, Kinder, Verluste, Umzüge, Menschen, die kamen und gingen, Berufe, die aufgegeben oder neu erfunden wurden. Kein Bild verrät, was genau in diesen Jahren geschehen ist. Nur dass etwas geschehen ist, das sich in ein Gesicht eingeschrieben hat.»

Was den Begriff «strong» anbelangt, habe sich in diesen 30 Jahren wohl auch einiges gewandelt, stellt Graber fest: «Wo einst schön oder fügsam verlangt wurde, heisst es heute unabhängig, erfolgreich, unerschütterlich – auch das eine Norm, an der man scheitern kann, leise, im Verborgenen, während man nach aussen längst als stark gilt. Das Buch, so Graber weiter, stelle sich dieser Verengung entgegen. Und zwar «nicht mit einer These, sondern mit 31 Stimmen, die selbst zu Wort kommen.»

Frausein gestern und heute

Tatsächlich hat Christian Roth, der in den vergangenen Jahren immer auch wieder für die «Volksstimme» fotografiert und geschrieben hat, die 1996 porträtierten Frauen erneut gesucht und fotografiert. Ergänzt werden diese Wiederbegegnungen durch Porträts weiterer Frauen verschiedener Generationen und Lebensentwürfe.

Hat sich das Frausein in den vergangenen drei Jahrzehnten verändert? Sind Frauen heute selbstbestimmter, selbstbewusster – und wie definieren sie ihre eigene Stärke? Derlei Fragen hat Roth den Frauen gestellt. So unterschiedlich wie die Frauen selbst fallen die Antworten aus. Besonders macht dieses schön gestaltete Buch auch Roths fotografische Herangehensweise: Jede Frau durfte Ort, Umfeld und Art ihrer Darstellung selber bestimmen.

Entstanden ist auf diese Weise ein höchst spannendes Bild der Frauen von heute. Die authentischen Bilder und die persönlich gefärbten Texte vermitteln einen tiefen Einblick in individuelle Lebensgeschichten und spiegeln die Ansichten, Überzeugungen, ebenso die Stärken und (vermeintlichen) Schwächen der porträtierten Frauen. Oder, um es mit Hedy Graber zu sagen: «Man sieht, dass Stärke sich immer wieder neu erfinden muss, weil auch das Leben sich immer wieder neu stellt – unaufgefordert und oft ohne Vorwarnung.»

Offene «Bühne» für die Frauen

Was den Titel «Strong» – Stärke – anbelangt, ist es nach dem Betrachten und Lesen der 31 Porträts schlicht unmöglich, den berühmten gleichen Nenner zu finden. Lassen wir noch einmal Hedy Graber sprechen: «Manche der Frauen sprechen von Stärke im Zusammenhang mit Verlust, mit dem, was ihnen genommen wurde und wie dennoch weitergingen. Andere sprechen von Aufbruch, vom Mut, ein Leben zu verlassen, das nicht mehr zu ihnen passte. Wieder andere sprechen von der stillen, fast unspektakulären Konsequenz, mit der sie über Jahrzehnte an etwas festgehalten haben, das ihnen wichtig war, auch wenn niemand zusah.»

Auch die Baselbieter Ständerätin, Maya Graf aus Sissach (64), kommt im Buch zu Wort. Dies im Rahmen eines Gesprächs unter Leitung des Feuilletonisten Samuel Herzog (60) mit der Kulturjournalistin Alice Henkes (59), Redaktorin bei Radio SRF 2 Kultur. Die beiden Frauen diskutieren in diesem Gespräch etwa den Begriff Stärke. Henkes plädiert für eine offenere Definition von Stärke, weg von der Haltung, als Frau so sein zu wollen wie ein Mann. Und für Graf, die nichts von geschlechtertypischen Eigenschaften hält, ist «Stärke eine wichtige Eigenschaft für ein erfülltes, selbstbestimmtes Leben, welche erlernt, erfahren und oft geübt werden muss.»

Dass Christian Roth den porträtierten Frauen ermöglicht, ihre eigene Geschichte zu erzählen und sich so zu zeigen, wie sie es möchten. Und dass er sich als Initiator und Fotograf selber zurücknimmt, bekommt dem Werk sehr gut. Roth beschränkt sich auf die Rolle des Beobachtens und Zuhörens. Das Ergebnis sind Fotografien, die nicht gestellt wirken, sondern authentisch und echt. Diese zurückhaltende Arbeitsweise ist – zusammen mit seinem Auge für das perfekte Bild – wohl die grösste Stärke von ihm selber.


Das Buch «STRONG – 30 Jahre. 31 individuelle Geschichten» von Christian Roth ist im Friedrich Reinhardt Verlag erschienen; 140 Seiten, reich illustriert; Fr. 24.80

«Frau zu sein ist nichts für Weicheier»

Im Gespräch mit dem Fotografen und Autoren Christian Roth

Was hat Sie damals dazu gebracht, in der bz eine solche Frauen-Serie zu realisieren?

Christian Roth: In meiner Tätigkeit als Fotograf und Bildredaktor ist mir aufgefallen, dass ich mich ausschliesslich in einer Männerwelt bewege. Ob im öffentlichen Leben, in der Geschäftswelt, Politik oder Kunst – immer hatte ich Männer vor der Kamera. Im letzten Jahr in meiner Funktion als Journalist standen die Sommerferien vor der Türe. Statt eine Reportage über die beliebtesten Wanderrouten durchs Baselbiet oder die kühlsten Arbeitsorte in der heissen Sommerzeit zu machen, entschloss ich mich Frauen aus den unterschiedlichsten Lebensformen und -situationen zu portraitieren. Sie konnten entscheiden, wie sie sich darstellen wollten. Das Einzige war ihre Aussage zur Frage: Was bedeutet es jetzt «Frau zu sein».

Vor drei Jahren wurde ich mit der Idee konfrontiert, doch Portraits meines Schaffens in einer Tageszeitung mit den alten Geschichten von damals aufleben zu lassen. Nach anfänglichem Zögern habe ich in den alten Pergamin-Taschen mit den Negativen nach Trouvaillen gesucht. Und da bin ich wieder auf die Serie von damals gestossen. Da hat es wortwörtlich «Klick» gemacht. Was wäre, wenn ich dies Portraitierten von damals wieder finden würde? Wie präsentieren sie sich heute? Was haben sie im hier und jetzt zum Thema «Stark sein» zu sagen?

Welche der über 30 porträtierten Frauen hat Sie ganz besonders beeindruckt?

Es haben mich alle der 31 portraitierten Frauen praktisch gleichermassen beeindruckt. Vor allem ihre Offenheit, ihre Geschichten, auch die weniger schönen, mit einer Selbstverständlichkeit preis zu geben. Ungeschönt. Vielleicht hat mich Elsbeth Spreng Troller, die ich in dieser Serie als eine der Ersten interviewte, beeindruckt. Ihre Geschichte mit einer Liebe auf die sie 30 Jahre wartete, die beruflichen Höhen- und Tiefpunkte bis hin zur Krebsdiagnose zeigten eine starke kämpferische Frau. Die nicht verbittert, sondern zuversichtlich war. Und doch verlor sie diesen letzten Kampf und entschied sich für den Tod als Befreiung.

Es gibt Millionen von Frauen auf der Welt. – Wie haben Sie jene Frauen ausgesucht, die im Buch vorkommen?

Von den damals 30 Porträtierten habe ich deren 13 wieder gefunden. Davon haben 11 sich auf eine Fortsetzung der Geschichte eingelassen. Die anderen Frauen habe ich nach ähnlichen Kriterien und Aspekten definiert, wie vor 30 Jahren, so dass es wieder ein ähnliches gesellschaftliches Panoptikum ergeben sollte.

Hand aufs Herz: Was bedeutet es für Sie, KEINE Frau zu sein?

Spannend… Was für ein Mensch wäre ich wohl geworden, wenn ich als Frau geboren worden wäre? Hätte ich die gleichen Interessen in den Bereichen Kultur, Bildung, Kulinarik, dieselbe Lebensphilosophie? Eines weiss ich sicher: Frau zu sein ist nichts für «Weicheier». Ich denke da nur an die Menstruation, das Gebären und die Kindererziehung oder das Klimakterium, um nur einige wenige Faktoren zu erwähnen. Ganz zu schweigen, dass es in der gängigen Berufswelt meistens einen grösseren Effort braucht um an die Spitze zu kommen.

Sie verzichten bewusst auf eine Einschätzung bzw. Einordnung der Frauen, überlassen es ganz ihnen selber, wie sie sich zeigen wollen. Weshalb?

Mir als Mann steht es nicht zu, mir ein Urteil über die gewählten Lebenssysteme und Lebensgestaltungen einer Frau abzugeben.

Ist es vorgekommen, dass Sie die Texte und Aussagen der Frauen auch mal irritiert haben?

Welche Frau irritiert nicht?

Frauen hätten Sie geprägt, schreiben sie irgendwo. Wie denn? Und was ist Ihnen davon bis heute geblieben?

Als Scheidungskind wuchs ich bei den Grosseltern väter- und mütterlicherseits auf. Meine Grossmutter Olga war und ist für mich die Grösste. Hier durfte ich wirklich Kind sein. Danach wurde ich bei älteren Tagesmüttern sozusagen «parkiert». Ganz speziell bleiben mir die leider verstorbenen Sophie und Erika in Erinnerung. Es war ein Wohlwollen und eine Liebe da, welche mich zu dem machten, was ich heute sein darf.

Letzte Frage: Weshalb ist Ihre eigene Frau nicht dabei?

Sie liebt das Rampenlicht nicht. Dafür ist Sie seit 35 Jahren eine meine besten Ratgeberinnen und Kritikerin.

Was sagt Ihre Frau zu Ihrer «Frauensammlung»?

Ach, ich sammle die Frauen ja nicht wie Panini-Bildli. Die Frauen werden immer Teil meines Lebens sein – aber im Umgang mit ihnen gibt es «Spielregeln», an die ich mich halte.

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