StartseiteMagazinKulturSergej Rachmaninow, der Dramatiker

Sergej Rachmaninow, der Dramatiker

Einmal mehr wird am Opernhaus Zürich ein Wagnis zum Triumph. Die drei wenig bekannten kurzen Opern von Sergej Rachmaninow, bravourös besetzt und raffiniert inszeniert, werden an einem Abend gespielt. Das begeisterte Premierenpublikum geriet ausser Rand und Band.

Sergej Rachmaninow (1873-1943) war ein grandioser Pianist und hat in erster Linie schwelgerische Klavierkonzerte geschrieben. Auch seine hochvirtuosen Klavierstücke gehören zum Repertoire der bedeutendsten Pianisten. Der Oper stand er jedoch skeptisch gegenüber. Die russische Kunstszene der 1890er Jahre wollte vor allem eins: den Realismus-Wahn überwinden, der seit einem halben Jahrhundert dominiert hatte.

Versuch einer «Anti-Oper»

Schon Rachmaninows erster Einakter «Aleko» ist in diesem Sinne eine «Anti-Oper». Komponiert hat er diesen Einakter als 19jähriger Student am Moskauer Konservatorium. Es war seine Abschlussarbeit. Nicht die soziale Beschreibung der schlichten Roma-Geschichte stand für ihn im Vordergrund, sondern das psychologische Drama, das Komponieren seelischer Verletzungen.

Vladislav Sulimsky singt in allen drei Kurzopern die Hauptpartie, steht als alternder Liebhaber, Baron und Bräutigam fast ununterbrochen auf der Bühne.

Das Libretto zu «Aleko» ist eine Bearbeitung des 1824 entstandenen Erzählgedichts «Die Zigeuner» von Alexander Puschkin, dem meistervertonten aller russischen Dichter. Es geht darin um Aleko, der aus Liebe zur Roma-Frau Zemfira in ein Roma-Lager zieht. Zemfira verliebt sich jedoch in einen jungen Roma. Als Aleko den Beiden begegnet, appelliert er an Zemfiras einstige Gefühle für ihn, doch vergeblich. Aus Eifersucht tötet er das glückliche Paar.

Drei Geschichten, ein Bühnenbild

Regisseur Dmitri Tcherniakov verlegt nicht nur diese Geschichte, sondern alle drei Opern in eine Altersresidenz. Eine Gruppe lustiger alter Roma zieht zu Beginn durch die verschiedenen Räume der Residenz, die auf der Drehbühne zu sehen sind. Aleko führt seine Freunde in den Aufenthaltsraum, wo er ihnen seine Geschichte erzählt.

Auch die alternde Zemfira in herrlich üppiger Zigeunerrobe hört zu und mokiert sich über Alekos Liebesdrama. Die Geschichte wird lebendig, die Protagonisten spielen sie nach. Und zum Schluss werden die beiden «Verliebten» vom aufgebrachten Aleko auf das Sofa geschupst und bleiben dort «tot» liegen.

Die Kurzopern spielen alle im selben Altenheim. Elena Stikhina als alternde Zemfira will immer noch nichts vom verliebten Aleko wissen. (Opernhaus Zürich/Monika Rittershaus)

So unterhaltsam diese nachgespielte Szenerie ist, Alekos seelische Verletzung sitzt tief. Die Musik erzählt davon, sie wird dramatisch und laut, der Schmerz offenbart sich in der Arie des Aleko, in der er Zemfira anfleht. Vladislav Sulimsky singt diese Arie mit grosser warmer Stimme, seine Hingabe und seine Verzweiflung sind so authentisch – überwältigend. Inmitten dieser heiteren Zuhörerschaft wird sein Seelendrama plötzlich offenbar.

Nicht nur Sulimsky gibt in Zürich gleich drei Rollendebüts, singt er doch die Hauptpartien in allen drei Opern. Auch alle anderen Solistinnen und Solisten mussten ihre Partien von Grund auf erarbeiten und singen sie zum ersten Mal, ein enormer Aufwand. Es sind russisch sprechende Sängerinnen und Sänger, die engagiert wurden, denn es wird russisch gesungen (mit deutscher und englischer Übertitelung).

Moderne Töne des reiferen Rachmaninow

Die beiden andern Einakter – «Der geizige Ritter» und «Francesca da Rimini» – sind etwa zehn Jahre nach «Aleko» entstanden. Man hört ihnen den reiferen Rachmaninow an, seine musikalischen Schilderungen sind differenzierter und dramaturgisch raffinierter gebaut.

Jedes der drei Stücke erzählt eine andere Geschichte. Doch Regisseur Tcherniakov lässt sie alle in den Räumlichkeiten derselben Altersresidenz spielen. Im «Geizigen Ritter» wird die Residenz zum Herrenhaus eines Barons, der nicht nur seinen Sohn verarmen lässt, sondern überhaupt Menschen gedemütigt und geprellt hat. Er geht an seinem Geiz und seinem schlechten Gewissen zugrunde.

Und die «Francesca da Rimini» erzählt von einer getäuschten Braut. Sie hat wegen eines Ränkespiels ihres Vaters den stattlichen Paolo geheiratet in der Meinung, dieser sei Lanciotto. Paolo aber ist der Bruder des hässlichen Lanciotto. Francesca hat sich in Paolo verliebt. Und nun fleht sie ihr Gemahl vergeblich an, sie möge ihn einmal nur leidenschaftlich lieben.

Wunderbar «leere» Übergänge

Die drei Opern gehen in der Zürcher Produktion nahtlos ineinander über. Die Übergänge sind reine Orchestermusik, ausgedehnte Vor- oder Nachspiele, in denen die Seelennot der gepeinigten Helden dargestellt wird. Vladislav Sulimsky steht fast ununterbrochen auf der Bühne und verwandelt sich in alle drei Helden. Seine Bühnenpräsenz ist umwerfend. Und er singt die Verzweiflung und den Schmerz mit grandioser Kraft und innigem Schmelz.

Grandios ist auch Elena Stikhina als Zemfira und Francesca. Ob als kühl abweisende Zigeunerin oder als heuchlerisch brave Gemahlin des Lanciotto, ihr dramatischer Sopran ist ebenso charakterstark wie ihr selbstbewusstes Auftreten. Ihr gegenüber bringt Bekhzod Davronov als junger Mann und als Liebhaber viel komödiantisches Flair und eine klare helle Tenorstimme mit.

Mitreissende Musik

Es gibt in diesen Einaktern kaum eine Handlung, Rachmaninow hat Erzählungen vertont. Ja, mehrmals scheint das Geschehen regelrecht stehen zu bleiben. Doch trotz der intimen Szenerie entfaltet die Musik eine gewaltige Kraft, bäumt sich auf und ermattet hoffnungslos – ein tönendes Seelengemälde mit musikalischem Sog. Das Zürcher Opernorchester kostet dieses dramatische Schwelgen unter Gianandrea Noseda voll aus. Dennoch bleiben die dramatischen Höhepunkte stets unter Kontrolle, sie sind präzise und ausdrucksstark musiziert.

Für die modernen Töne, die Rachmaninow vor allem im «Geizigen Ritter» anwendet, ist in erster Linie der Chor zuständig. Die Sängerinnen und Sänger stehen hinten ganz oben im Zuschauerraum und singen die bedrohlichen Klänge laut und fokussiert in den Raum – das geht durch Mark und Bein. Man wird einfach überwältigt. Das Opernhaus Zürich schreibt mit dieser einzigartigen Rachmaninow-Produktion sicher Geschichte.

Weitere Vorstellungen: 04/08/15/18/21/28 Nov 2026
www.opernhaus.ch

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