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Denk-Gymnastik

«Es kommt nicht darauf an, wer Du bist, sondern wer Du sein willst», heisst ein Buch von Paul Arden (1940-2008). Auf dem Buchdeckel wird es als «Das erfolgreichste Buch der Welt» angepriesen. Es geht aber nicht um den Aufbau einer «Fassade». Es geht darum, zu erkennen, was man will. Und darnach zu handeln.

Paul Arden arbeitete mehrere Jahrzehnte in der Werbung. Unter anderem als Executive Creative Director bei der renommierten englischen Firma Saatchi und Saatchi. Das Buch enthält Beispiele, Erfahrungsgeschichten, Lehren in Form von Merksätzen. Und es sei, wie es auf dem hinteren Buchdeckel heisst: «von unschätzbarem Wert für jeden, der Erfolg haben will». Die Texte werden immer wieder durch Bilder und Illustrationen unterbrochen und erklärt.

Das macht die Lektüre einfach, dachte ich anfänglich. Aber die Gestaltung schafft raffiniert die Möglichkeit, Pausen des Betrachtens einzulegen und über das Gelesene nachzudenken. Denn so oberflächlich salopp, wie sich die zu Sprüchen verdichteten Erkenntnisse und Erfahrungen oft präsentieren, sind sie nicht. Alle enthalten ein treffendes Quäntchen Wahrheit! Und dieses erschliesst sich manchmal erst beim zweiten Lesen.

Ich werde dieses Werk in meiner Besprechung immer «Buch» nennen. Es ist 12 cm breit und 18 cm hoch, umfasst 127 Seiten, von denen viele nur einen Satz oder nur einen Spruch enthalten. Aber «Büchlein» kann ich es beim besten Willen nicht nennen. Dafür ist es mir zu gewichtig.

Wiedersehen

Vor Jahren war mir das Buch zufällig auf einem Büchertisch in einem Kunstmuseum begegnet. Ich kaufte es, las es mit Begeisterung und verschenkte es. Beim Wiederlesen stiess ich wieder auf «mein» Kapitel, das mich seinerzeit irritiert, aber in meiner Art und Weise des Vorgehens bestätigt hatte. Es heisst: «Halte keine Vorträge. Mache eine Show daraus». Das sass. Vorträge, Referate hatte ich viele gehalten. Über meine berufliche Tätigkeit. Um die Frauen für politisches Engagement zu motivieren. Über Themen, über die abgestimmt werden musste.

Heute noch erinnere ich mich, wie ich meine Referate am Anfang immer peinlichst genau vorbereitet hatte. Mit Dossierkenntnis, logischen Schlussfolgerungen, unangreifbaren Positionen, wollte ich glänzen. Alles für die Katze! Ich stellte fest, dass die Zuhörenden gar nicht in erster Linie belehrt und informiert werden wollten. Nein, sie wollten «unterhalten» werden.

Und so stellte ich um. Flocht kleine Geschichten ein. Scheute nicht davor zurück, meine Gefühle zu formulieren. Mehr als einmal hatte ich während meiner beruflichen Tätigkeit «Blut geschwitzt». Weil sich eine Entscheidung, die ich rasch hatte fällen müssen, so oder so auswirken konnte. Warum sollte ich nicht dazu stehen?

Die Umstellung bewährte sich, das Publikum fühlte sich einbezogen und lebte mit. Aber dass Arden in kurzen zwanzig Sätzen ausgerechnet «meine» Situation so treffend beschrieb, brachte mich etwas ausser Fassung!

Erkenntnisse

Was Arden beschreibt, sind nicht unbedingt neue Erkenntnisse. Aber er bringt das, was wir aufgrund unserer allgemeinen Lebenserfahrung als gesicherte Lebensweisheit mitschleppen, treffend auf den Punkt. »Versprich nichts, was du nicht halten kannst», heisst es da. Und er rät, auch immer den Misserfolg mit einzuberechnen. «Warte nicht auf die nächste Gelegenheit. Die beste Chance ist die, die du gerade hast».

Dabei müssen Leserinnen und Leser immer bedenken, dass es hier nicht um erbauliche Ratschläge für eine gute Lebensführung geht. Sondern um den harten Wettbewerb im Geschäftsleben. Und da ist es dann tröstlich, zu lesen: «Wer nie einen Fehler macht, macht wahrscheinlich sowieso nicht viel!» Oder sogar: «Gefeuert zu werden kann für die Karriere positiv sein». Am bestem gefällt mir der Satz: «Power. Sie macht 75 Prozent des Erfolgs aus. Wenn Du sie nicht hast, sei wenigstens nett!»

Offenbar zum 60. Geburtstag des Autors liess sich der leitende Mitarbeiter der Firma, Roger Kennedy, folgendermassen verlauten: «Vor ungefähr 60 Jahren wollte Gott ein bisschen Spass haben und erschuf den Prototypen eines Menschen. (…) Jedoch das Resultat seiner Mühen war Paul Arden. Genial, böse, charmant, jähzornig und völlig durchgedreht. Ein Original mit unbeschreiblicher Energie gesegnet mit einem enormen kreativen Geist gepaart mit gesundem Menschenverstand, der schon nicht mehr, nun ja, gesund ist».

Paul Arden: „Es kommt nicht darauf an, wer du bist, sondern wer du sein willst.“ Phaidon Verlag Berlin, 2003. ISBN 978 0 7148 9462 1

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