4 KommentareWenn Angehörige fehlen, öffnen sich Lücken in der Betreuung. - Seniorweb Schweiz
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Wenn Angehörige fehlen, öffnen sich Lücken in der Betreuung.

Hans Huber (82), Freiwilliger im Treuhanddienst, berichtet über den Alltag seines Mandanten (86), der nicht selbst über sein Leben berichten will/kann. Daraus wird die Wichtigkeit von Alltagsunterstützung und -betreuung und deren Finanzierung ersichtlich. Seniorweb war bei Hans Huber zu Besuch.

Seniorweb: Hans Huber (alle Namen und Orte anonymisiert), Sie betreuen einen 86-jährigen Mann, nennen wir ihn Markus Meier, bei dem es vermehrt Finanzierungsprobleme bei der Betreuung gibt. Wie sind Sie zu dieser Aufgabe gekommen?

Hans Huber: Ich arbeite beim Treuhanddienst der Pro Senectute als Freiwilliger seit 2005 und begann damit direkt nach meiner Pensionierung, also vor 17 Jahren. Dies ist mein drittes Mandat. Zunächst betreute ich zwei Frauen bis zu ihrem Tod und regelte danach noch die restlichen administrativen Angelegenheiten. Ich übernehme jeweils nur ein Mandat gleichzeitig.

Wie geht es Markus Meier im Moment?

Seit Mitte 2021 ist er gesundheitlich leicht angeschlagen. Er hatte Probleme mit der Lunge, mit dem Atem, musste ins Spital, dann drei Wochen in die Rehabilitation. Er fing sich einigermassen auf, brauchte aber im Alltag ein von der Lungenliga zugewiesenes Sauerstoffgerät, das er selbständig nutzen konnte. Das führte zu einem Wohnungsproblem, da er wegen Atmungsproblemen nach 23 Jahren aus einem alten Bauernhaus im vierten Stock ohne Lift umziehen musste. Glücklicherweise fand er eine fast ebenerdige Wohnung in der Umgebung, ebenfalls in einem Bauernhaus.

Wie verlief der Umzug?

Die Pro Senectute organisierte den Umzug. Finanziell hätte er sich den Umzug niemals leisten können, kostete dieser doch alles in allem Fr. 3500.-. Die Pro Senectute übernahm die Kosten grosszügigerweise.

Warum zog Markus Meier nicht in ein Pflegeheim?

Vor Mitte 2021 war er weitgehend selbständig, konnte selbst einkaufen und kochen usw. Er konnte sich sogar aus dem Ersparten ein Generalabonnement (GA) leisten. Das führte dazu, dass er sehr viel unterwegs war. Zudem war er geistig voll da und interessierte sich für alles, was auf der Welt passierte. Sein Hausarzt riet ihm, nicht in ein Pflegeheim zu ziehen, da er dort «versauern» könnte, weil ihm zu viel abgenommen würde.

Das GA kann er nun aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr verwenden. Das ergibt erhebliche Einbussen seiner Freizeitaktivitäten. Aber in der neuen Wohnung ist er nach acht Treppenstufen im Grünen mit Tisch, Sonnenschirm und Katze des Nachbarn, die gestreichelt werden will. Er hat dort eine Situation, die er sich schon lange erträumt hat. Er hat damit viel Freiraum, ist nicht in einer Wohnung im Dachstock eingesperrt und schätzt das sehr.

Was macht er jetzt den lieben langen Tag?

Seine Freizeitbeschäftigungen sind minimal. Im Dorf hat es ein kleines Lädeli, wo man auch einen Kaffee trinken kann. Dort trifft er öfters zwei ältere Herren, mit denen er käfelen und diskutieren kann.

Hat er noch andere Menschen in seinem Bekanntenkreis?

In seiner Familie mit zwei Kindern gab es vor mehr als 20 Jahren einen vollständigen Bruch. Da gibt es keinen Kontakt mehr. Das führte zu Alkoholproblemen, zu Kontakten mit Randständigen und zur Unfähigkeit, seine Rechnungen zu bezahlen, weswegen er nach der Überwindung der Alkoholsucht den Treuhanddienst annahm. Er ist sehr offen, kommunikativ und geht gern auf Menschen zu. Deswegen fällt es ihm schwer, dass er im Moment nicht selbst einkaufen kann, da er wegen zwei weiteren Ohnmachtsanfällen verunsichert ist. Einen Rollator oder andere Gehhilfen lehnt er bis jetzt ab. Beim Einkaufen traf er Leute, kannte die Kassierinnen, Angestellte und plauderte mit ihnen. Man wertschätzte ihn und freute sich, wenn er auftauchte. Da er zurzeit auf Unterstützung beim Einkaufen angewiesen ist, führt dies zu Einschränkungen in der Selbstversorgung. Wir entschieden uns dann, den Mahlzeitendienst des Frauenvereins beizuziehen, der ihm einmal pro Woche drei, vier in Plastik verschweisste Menus vorbeibringt, die er bei Bedarf aufwärmen kann. Im nahen Lädeli kann er sich zudem Brot, Butter usw. kaufen. Die Person, die den Laden führt, ist gewissermassen zu einer «Betreuungsperson» geworden, die ihm schwere Nahrungsmittel nach Hause bringt, mit ihm plaudert und lacht.

Was machte Markus Meier vor seiner Pensionierung?

Ich weiss nur, dass er für einen Grossverteiler Gemüse und Früchte einkaufte und deswegen auch oft in Italien war. Kontakte aus dieser Zeit wurden nach der Pensionierung noch gepflegt, als er noch mobiler war.

Was unternimmt er gegen Gefühle der Einsamkeit?

Er schaut sehr oft fern und der Radio läuft den ganzen Tag. Politik und Sport interessieren ihn nach wie vor. Da er jetzt nicht mehr so mobil ist, fehlen ihm viele Kontakte von früher.

Worte und Musik aus dem Radio von Morgen bis Abend können die Einsamkeit nicht vertreiben. Bild von commons.wikimedia.org

An seinem jetzigen Wohnort hat er noch Kontakt zu zwei Buben des Besitzers des Bauernhauses, der auch da wohnt. Gelegentlich wird Markus Meier von ihnen auch zu einer Grillade eingeladen. Das ist ein grossartiges Plus gegenüber seiner vorherigen Wohnung.

Wie oft besuchen Sie ihn?

Vor Beginn der gesundheitlichen Probleme im Jahre 2021 ging ich einmal pro Monat zu ihm, brachte den monatlichen Geldbetrag, zeigte ihm die eingegangenen Rechnungen und wir besprachen Alltägliches. Im Zusammenhang mit dem Wohnungswechsel wurden die Besuche häufiger, zum Teil mehrmals pro Woche. Jetzt, wo die Sache sich eingependelt hat, rufe ich ihn mindestens einmal pro Woche an und gehe bei Bedarf vorbei, ca. drei- bis viermal pro Monat. Zwischen meinem Vorgänger im Treuhanddienst und Markus Meier hat sich nach seinem Wegzug eine schöne Freundschaft entwickelt hat. Hie und da gehen sie mit seinem Auto gemeinsam einkaufen.

Was gibt Ihnen der Treuhanddienst?

Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen und es entsteht mit dem Mandanten natürlich eine Art Vertrauensbeziehung. Man kann miteinander über alles diskutieren, vieles ist interessant, unterhaltsam, ja sogar lustig für mich. Bei meinem letzten Mandat konnte ich mit der Frau am Schluss nicht mehr kommunizieren, sie war nur noch im Bett und nicht mehr bei Sinnen… dann wird ein Mandat mühsam. Ich habe den Treuhanddienst auch angenommen, weil ich dadurch viel lerne, etwa über Ergänzungsleistungen oder den Umgang mit Behörden. Man bleibt aber auch durch die jährlich stattfindenden Schulungen der Pro Senectute auf dem aktuellen Stand, etwa was Steuererklärungen, Ergänzungsleistungen und vieles mehr betrifft. Ebenso ist der quartalsweise stattfindende Erfahrungsaustausch sehr wertvoll. Man weiss nie, wann man selbst vulnerabler wird und hat dann gewisse Erfahrungen, die nützlich sein können. Gleichaltrige, die von meinem Treuhanddienst wissen, suchen gelegentlich Rat bei mir, was mir auch guttut. Zudem bleibe ich digital und im Mailverkehr usw. auf dem Laufenden. Bei Kollegen sehe ich, dass es schon stimmt, dass man rostet, wenn man rastet.

Ist Sterben für ihn ein Thema?

Er hat mit meinem Vorgänger schon abgemacht, was er nach dem Tod will. Er will im allgemeinen Teil ohne persönliches Grab und Grabstein begraben werden. Zudem wurde schriftlich festgelegt, dass er auf lebensverlängernde Massnahmen verzichtet. Ein Testament braucht er nicht, da es ja nichts zu verteilen gibt. Die wenigen Tausend Franken, die er in Reserve hat, gehen im Todesfall an die Gemeinde. Ich weiss nicht, was er machen würde, wenn er in ein Heim müsste. Wenn er bei gleichem Verstand wäre wie jetzt, bin ich nicht sicher, ob er nicht selber einen Weg suchen würde, um sich zu verabschieden. Es ist schwierig, ihn auf dieses Thema anzusprechen. Ich will da auch nicht nachhaken. Er macht manchmal nur Bemerkungen in diese Richtung, etwa in dem Sinne «Da würde ich dann nicht mitmachen», was immer das heissen mag.

Was fehlt Markus Meier, damit er in Würde mit einer angemessenen Lebensqualität leben kann?

Wo sind Freunde und Bekannte? Foto  von Freepik. 

Es fehlt ihm vor allem an einem tragenden sozialen Umfeld. Die Katze, Besuche der Buben des Vermieters, der Spitex, der Verkäuferin aus dem Lädeli, der Haushalthilfe und ich selbst können Freundschaftsbeziehungen und die fehlenden Angehörigen nicht ersetzen. Radio und Fernsehen von morgens bis abends vertreiben die Einsamkeit nicht. Seine Aversion gegen ein Pflegeheim ist ein vielleicht scheiternder Versuch, sein Bedürfnis nach Autonomie irgendwie zu stillen. Die Medikamentenabgabe beim Hausarzt ist kein wirklich befriedigendes «Geschenk».

Wie sehen Sie Markus Meiers Zukunft?

Er will sicher, so lange wie möglich, in dieser Wohnung bleiben, evtl. später vermehrt mit Hilfe der Spitex. Da er bis auf Weiteres möglichst selbständig bleiben möchte, braucht er mehr psychosoziale Unterstützung. Er möchte beispielsweise immer noch selber einkaufen gehen, kann dies aber im Moment nicht wegen der Angst vor Schwindelanfällen. Zwar würde die Spitex für ihn einkaufen gehen und die Kosten über die Krankenkasse abrechnen. Wenn er aber eine Begleitung beim selbständigen Einkaufen möchte, müsste er sie aus der eigenen Tasche bezahlen, was er sich nicht leisten kann. Das sind Fehlanreize, die überwunden werden müssen.

Was kann man aus Ihrer Sicht aus dem Fall von Markus Meier lernen?

  1. In Politik und Gesellschaft sind Altersfragen keine prioritären Themen, «den Alten geht es ja gut». Dass es aber auch einen Anteil gibt (12% der 65+ sind auf Ergänzungsleistungen angewiesen), für den das Leben nicht einfach ist, findet wenig Beachtung. Es fehlt eine diesbezügliche Lobby. Deswegen braucht es Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung.
  2. Betreuende oder Begleitende lernen viel für ihre eigene Zukunft im Umgang mit Beeinträchtigungen. Deswegen ist Freiwilligenarbeit wertvoll. Für viele sind Tod, Sterben, Demenz, hohe Pflegebedürftigkeit schlicht tabu und sie rasseln dann unvorbereitet in solche Situationen.
  3. Auf der Stufe der Gemeinde haben wir 2008 einen Seniorenrat gegründet und versuchen nun das Gedankengut der Wichtigkeit der Betreuung der Paul Schiller Stiftung zu verbreiten. Wir haben Kontakte mit den Parteien und versuchen aufzuzeigen, welche Betreuungsherausforderungen aufgrund der demographischen Entwicklung und der Zeit des langen Lebens sich ergeben.
  4. «Ambulant vor Stationär» ist ein gängiger Slogan und hat gute Argumente für sich: a) Langzeitbetreuung zuhause kostet ungefähr viermal weniger als in einem Pflegeheim. b) Viele beeinträchtigte Personen versuchen den Aufenthalt in Pflegeheimen oder Spitälern so lange wie möglich hinauszuzögern, weil sie ihren Alltag lieber zuhause verbringen möchten. Aber Betreuung zuhause erfordert besser finanzierte Betreuungsstrukturen. Und es braucht professionelles medizinisches Personal in Kombination mit Freiwilligenarbeit, welche die Betreuung vor Ort sicherstellen, insbesondere wenn Angehörige nicht oder wenig in die Betreuungsarbeit eingebunden werden können. Nur so kann drohende Vereinsamung, Verunsicherung und Verwahrlosung verhindert werden. Viele Bezüger von Ergänzungsleistungen, die möglichst lange zuhause bleiben möchten, brauchen dringend eine bessere Finanzierung von Dienst- und Betreuungsleistungen im Alltag. Das wäre kostengünstiger und entspräche auch besser dem Willen vieler EL-Bezüger. Hier ist ein schnelles Umdenken auf verschiedenen politischen Ebenen dringend geboten und die Paul Schiller Stiftung liefert dazu interessante Denk- und Lösungsansätze.

Weiterführende Texte:
1) Wer braucht welche Betreuung?
2) Bedarf an Betreuung in der Schweiz und Modell für eine mögliche Finanzierung
3) Betreuung im Alter auf kommunaler Ebene

Titelbild: Der Hut wäre für einen Spaziergang bereit, aber ohne Begleitung geht es im Moment nicht wegen der Angst vor plötzlichem Schwindel. Bild von Freepik.

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4 Kommentare

  1. Eine sehr anschauliche und realistische Darstellung, wie es sich lebt, wenn man nicht mehr kann wie man will und auf Hilfe von Aussen, sowohl finanziell und sozial, angewiesen ist. Alters- und Pflegeheime sollten in unserer immer weltoffener und älter werdenden Gesellschaft nicht länger die einzige Option sein, um in Würde alt zu werden. Es braucht dringend alternative und vor allem bezahlbare Wohnformen mit personalisierten Dienstleistungen und der Möglichkeit zu vielfältigem menschlichen Austausch. Unter diesen Voraussetzungen ertragen sich auch die häufiger werdenden Zipperlein um einiges besser, ohne die vielen Tabletten, die so leicht abgegeben werden.

  2. Solche Hilfe leiste ich auch, und zwar unentgeltlich bei befreundeten Migrantenfamilien und auch bei älteren Leuten, ohne dies an die grosse Glocke zu hängen. Ich hatte auch während meiner Berufstätigkeit verschiedene ehrenamtliche Kassierämter inne. Ich bekomme aber auch viel zurück.

  3. Felicitas Würth-Zoller

    Eine verständlich dargelegte Situation. Selbständig sein wollen und sein können sind zwei Paar Stiefel.
    Damit das Altersheim nicht die einzige Option für die Zukunft von Markus Meier ist, braucht es finanzielle Unterstützung für die Betreuung. Das kostet denn auch weniger als ein Altersheimplatz, den Herr Meier gar nicht möchte.
    Oder, wie wäre es mit einem freiwilligen Sozialdienst?
    Die Zeitvorsorge wäre ein möglicher Ansatz. In der Stadt St. Gallen ist das möglich.

  4. Eine Geschichte mit den verschiedenen Phasen die das Alter mit sich bingt. Einerseits die vielen kleinen Dinge die er bewusst erlebt und geniesst und dann die Beschränkungen dadurch, dass er sich nicht gerne helfen lässt und dadurch seine Umgebung immer Kleiner wird. Wichtig wird für ihn jetzt, dass er mit Personen in Kontakt kommt die ihm gewisse Arbeiten abnehmen können, die sein Selbstwertgefühl nicht belasten. Ein bestimmtes Mass an Selbständigkeit ist auch im Hohen Alter überlebenswichtig.
    Fritz Breiter, 83 jährig

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