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Die Welt verstehen und verändern

Grossmächte bedrohen die Welt. Peking und Washington rivalisieren gefährlich, auch um ihren Einfluss in Afrika. Und wie reagieren blockfreie Staaten oder das neutrale Österreich? Das wollte ich von drei Medienprofis im Sissacher Polit-Talk vom 25. Mai 2023 erfahren.

Karl Kränzle berichtete von 1971 bis 1980 für die National- und Basler-Zeitung aus den USA, dann zwanzig Jahre für den Tages-Anzeiger aus Peking, Tokio, Singapur und Hong Kong. Ab 2003 publizierte er wieder aus den USA: für die Finanz und Wirtschaft sowie andere Medien. Seit 2020 verfolgt er das Weltgeschehen aus der Schweiz. Eine markante Veränderung sieht Kränzle im wirtschaftlichen Aufstieg Chinas, derweil die USA an Ansehen und Gewicht verlieren. Sie fürchten, von China verdrängt zu werden. Die gegenseitigen Anfeindungen sind riskant. Und dass der ehemalige US-Präsident Trump weiterhin so populär ist, deutet Kränzle als Krisensymptom. Ebenso die erhöhte Repression in China und den Personenkult um Präsident Xi Jinping. Lange glaubten viele, Marktwirtschaft und Kapitalismus führten automatisch zu mehr politischer Freiheit und Demokratie. Aber diese Annahme sei zu hinterfragen. Und ein Abkoppeln von China verschärfe die Brisanz. «Wenn es Washington und Peking nur schon gelingt, was im Kalten Krieg ‹friedliche Koexistenz› hiess, wäre viel gewonnen», so Kränzle. Etwas zuversichtlich stimmt ihn, «dass immer noch jedes Jahr rund 300’000 Chinesinnen und Chinesen sich an amerikanischen Universitäten und Colleges immatrikulieren». Diese «Soft Power» verbinde immerhin ein wenig.

Regula Renschler war 1962 die erste Frau in der Redaktion des Tages-Anzeigers. Sie arbeitete für die Auslandressorts diverser Medien, ab 1985 für Radio DRS als Fachfrau für Kulturen und seit der Pensionierung als freie Publizistin. Von ihr erschienen die Bücher: In Afrika unterwegs (1969), Wer sagt denn, dass ich weine. Geschichten über Kinder in aller Welt (1977) und Timbuktu, so nah (2021). In den 1960er-Jahren rangen afrikanische Länder darum, ihre Unabhängigkeit zu festigen. Europäische Mächte versuchten indes, im Einklang mit den USA, ihre ehemaligen Kolonien weiter an sich zu binden und deren Bodenschätze auszubeuten. Im Kongo halfen Belgien und die USA mit, den demokratisch gewählten Premierminister Patrice Lumumba abzusetzen und 1961 zu ermorden. So blieben denn laut Renschler die Hoffnungen auf nachhaltige Entwicklung und politische Stabilität in den meisten Regionen nicht erfüllt. Und heute versuchten West und Ost sogar vermehrt, ihren Einfluss in Afrika auszuweiten. Die seit zehn Jahren steigenden Export-Erlöse kämen jedoch kaum der breiten Bevölkerung zugute: «Die Wirtschaft wächst, die Armut bleibt.» Und «good governance» (gute Führung) komme gegen die massive Korruption kaum an. Der Zuger Rohstoffkonzern Glencore musste im vergangenen Jahr wegen Bestechungsvorwürfen sogar einen Vergleich von 1,5 Milliarden Dollar akzeptierten. Was bleibt? Renschler hofft «auf die Jugend, die sich die alten Zustände nicht länger bieten lassen will.» Und die Frauenpower trage schon heute entscheidend dazu bei, das Überleben zu sichern. Vor allem gelte es aber auch, die Konzerne und deren Profite gerechter zu besteuern.

Joe Schelbert arbeitete dreissig Jahre als Redaktor beim Schweizer Fernsehen und Radio, zuerst bei der Tageschau, dann bei der Rundschau und bis 2018 beim Echo der Zeit. In den 1970er Jahren hoffte er auf die Bewegung der Blockfreien, auf regionale Befreiungsbewegungen und die Zivilgesellschaft. «Manchenorts kamen vom Westen unterstützte Diktaturen ins Wanken», so Schelbert. Aber längst setzen ehemaligen Führungsmächte ihr Geschäft postkolonial mit lokalen Eliten fort. «Alles muss sich ändern, damit es bleibt, wie es ist.» So laute das Motto. Und diese Politik verfolge inzwischen auch das neutrale Österreich, das zu Zeiten von Bundeskanzler Georg Kreisky noch zwischen Ost und West vermittelte. Soweit der nüchterne Befund. Doch wie können wir die Welt verändern, damit eine friedliche Zukunft möglich ist? Dazu später mehr, aus meiner persönlichen Sicht.

Titelbild: Ueli Mäder, Soziologe. Foto: © Christian Jaeggi

Über die Stärke der Demokratie und die Schweizer Haltung zu Europa diskutieren am 29. Juni 2023 um 19 Uhr im Bistro Cheesmeyer, Sissach der Publizist Roger de Weck und die Historikerin Elisabeth Joris. Ich bin gespannt. Willkommen.

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3 Kommentare

  1. Wir können wir die Welt verändern, damit eine friedliche Zukunft möglich ist?
    Ja, lieber Ueli Mäder, wir sind mit dir gespannt auf die Diskussionen im Bistro Cheesmeyer, Sissach, zum Thema «Stärke der Demokratie und die Schweizer Haltung zu Europa»!
    Die neutrale Schweiz hat seit Jahrzehnten in verschiedenen Konflikten auf der Welt die Rolle als Vermittlerin und aktiver Friedensförderung erfolgreich übernommen.
    Ein Ost-West-Konflikt, der an Zeiten des Kalten Krieges erinnert, tut sich wieder auf.
    Die Frage bleibt im Raum: Kann ein Ende des Ukraine-Krieges mit diplomatischen Mitteln überhaupt erreicht werden?
    Die Politik aller Länder müsste in enger Zusammenarbeit mit der Schweiz, dem Land mit der «kooperativen Neutralität», unverzüglich Mittel und Wege finden, die Kriegsparteien an einen Verhandlungstisch in Genf zu führen; in Genf, dem «grössten multilateralem Zentrum der Welt», der «Hauptstadt des Friedens» und dem «Hauptzentrale der Global Governance».

    • Woher nehmen Sie bloss diese für mein Verständnis masslose Überschätzung der Neutralität der Schweiz? Als ob wir DIE Gutmenschen dieser Welt wären. Hinter all den «Guten Diensten» stand und steht doch vor allem der Gedanke, uns als kleines Land politisch und wirtschaftlich so gut wie möglich zu positionieren und uns vergessen zu lassen, wie die Schweiz im zweiten Weltkrieg zwischen den Kriegsparteien duckmäuserisch hin und her lamentiert und vom Krieg hinter der Grenze reichlich profitiert hat.
      Haben Sie vergessen, wie kriegswütig die alten Eidgenossen im eigenen Land waren und mit Heerscharen von Söldnern in fremden Diensten ihr Geld verdienten? Wissen Sie nicht mehr wie die Schweiz zu ihrer Unabhängigkeit und Neutralität gekommen ist, am Wiener Kongress von 1814/1815? Hätten die Siegermächte über Napoleon damals anders entschieden, könnte das Territorium der alten Eidgenossenschaft zerstückelt oder an Frankreich, Österreich oder zum damaligen Deutschen Bund gehören.
      Von wegen «Hauptstadt des Friedens». Genf ist heute vor allem Sitz des Geldes und des Glamours, der profitabelsten Unternehmen und aussenpolitisch wichtigen diplomatischen Niederlassungen. Von den gut vernetzten kriminellen Strukturen in dieser Stadt gar nicht zu reden.
      Nein, Herr Weissen, die Schweiz rüstet lieber die Armee mit Steuermilliarden auf und hält sich bei völkerrechtlichen Auseinandersetzungen feige aus allem raus, statt sich gemeinsam mit unseren europäischen Nachbarn für ein friedliches Miteinander zu engagieren. Es ist Zeit, dass ein glaubwürdigeres Land die Vermittlungsrolle bei Kriegshändel übernimmt. Wir haben das Vertrauen in Europa längst verspielt. Räumen wir zuerst das eigene Haus auf, bevor wir in Friedensangelegenheiten und moralisch-ethischem Handeln anderen ein Vorbild sein wollen.

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