Ein Vorfahre des norwegischen Schriftstellers Edvard Hoem wurde auf abenteuerliche Weise Geigenbauer. Wie dieser einfache Bauernsohn um 1800 zur Musik kam, wird im Roman «Der Geigenbauer» packend erzählt; belegt durch historische Recherchen.
Auslöser für den Roman Der Geigenbauer sind die Geschichten, die der norwegische Schriftsteller Edvard Hoem (*1949) von seinem Grossvater gehört hatte. Wie die meisten solcher Familiengeschichten waren sie lückenhaft, aber einzelne historische Belege liessen sich finden. Schliesslich entstand aus der Familienchronik ein Roman, der durch Nachfrage bei Spezialisten sowie durch die eigene Vorstellungskraft des Autors nicht nur spannend ist, sondern auch ein lebendiges Bild vom Alltag nach 1800 zeichnet.
Die Familie von Lars Olsen Hoem
Edvard Hoems Geschichte entführt an die westnorwegische Küste in die Gegend von Romsdalen, aus der auch der Autor stammt. Die Familie des Protagonisten Lars Olsen Hoem (1782-1852) lebte während der napoleonischen Kriege auf einem Bauernhof. Das Leben war karg, so auch die Kommunikation der Menschen untereinander. Lars Olsens Mutter war schon einmal verheiratet, hatte aber Ehemann und drei Söhne durch Scharlachfieber verloren. In die zweite Ehe brachte sie den einzig überlebenden Sohn Pe, der vierzehn Jahre älter war als sein jüngster Halbbruder Lars.
Als Lars neunjährig war, kam eine neue Magd in die Familie. Sie hörte ihm zu, verstand ihn, brachte ihm das Nachahmen von Vogellauten bei, erzählte ihm Geschichten und sang schöne Lieder. Nicht nur der Neunjährige, auch der dreiundzwanzigjährige Pe liebte sie. Doch eines Tages verschwand sie auf unerklärliche Weise. Lars war überzeugt, sein Halbbruder hätte mit ihrem Verschwinden zu tun. Er verlor das Vertrauen und sonderte sich von der Familie ab. Dafür träumte er, einmal mit einer eigenen Schute, einem Transportboot, auf den Meeren zu kreuzen und ein freies, unabhängiges Leben zu führen.
Erste Begegnung mit Musik und Seeschlacht bei Kopenhagen
Die Musik an Hochzeiten und Beerdigungen eröffnete Lars eine neue Welt. Eine Geige bekam er nicht, dafür entdeckte er die Trommel, die ihn ein Tambourmeister schlagen liess. Dabei lernte er bestimmte Signale für Soldaten und Matrosen, die ihm später nützlich waren, zumal er mit achtzehn Jahren zum Krieg einberufen wurde.
Das Zwillingsreich Dänemark-Norwegen, das an der Seite Napoleons gegen England kämpfte, brauchte seetüchtige junge Männer aus dem Küstengebiet zur Verstärkung seiner Armee gegen die englische Flotte vor Kopenhagen. Da der Seeweg zu riskant war, musste die einberufene siebenundfünfzigköpfige Truppe zu Fuss – mehr als 1000 Kilometer – nach Kopenhagen marschieren. Nach vierzig Tagen traf die Kompagnie ein. An der Spitze der hochgewachsene Lars Olsen Hoem, der unterwegs mit der Trommel den Takt vorgegeben hatte.
Bei der Schlacht von Kopenhagen von 1801 musste Lars Olsen als Steuermann die Mannschaft auf Booten, sogenannten Prahmen, zu den Kriegsschiffen hin- und zurückführen. Eine anstrengende und gefährliche Aufgabe, da auch diese Boote in der Schusslinie standen. Viele starben. Das Ende der Schlacht kam erst, als Admiral Nelson drohte, alle dänischen Schiffe zu zerstören. Im Buch wird immer wieder von Schiffen aller Art berichtet, die mir als Landratte nicht vertraut sind und erst durch das Internet geklärt werden mussten.
Die erste Geige und Kriegsopfer
Lars hatte überlebt und wurde im Oktober 1801 aus dem Militärdienst entlassen. Er war neunzehnjährig und kehrte zur Familie zurück, die ihm jedoch fremd geworden war. Weiter zog er zunächst auf Anraten seiner Mutter zu einer weisen Frau, die ihn durch ihr Geigenspiel tief berührte. Er wusste nun, «ich muss mir eine Geige kaufen.» In Molde, dem wirtschaftlichen Zentrum der Region Romsdalen, fand er Arbeit bei Kaufleuten. Und hier erstand er sich seine erste Geige.
Im Frühjahr 1807 zog Lars nach Christiansund (heute Kristiansund). Die raue gebirgige Umgebung der Hafenstadt passte zu ihm, dem bald 25jährigen, der seiner Grösse wegen hier Gross-Lars genannt wurde. Er arbeitete als Schiffszimmermann. Doch wieder begann der Krieg, als Napoleon seine französischen Hegemonieansprüche mit einer Seeblockade verstärkte. Das napoleontreue Kopenhagen wurde 1807 von den Engländern in Brand gesetzt und die dänischen und norwegischen Handelsschiffe auf See gekapert. Hunger und Krankheiten breiteten sich aus. Um dringend benötigtes Getreide abzuholen, segelte Lars Olsen nach Archangelsk. Doch auf der Rückreise wurde das Schiff am Nordkap von den Engländern gekapert und die Mannschaft nach England verschleppt.
Fünf Jahre in Gefangenschaft
Lars Hoem wurde fünf Jahre, von 1809 bis 1814, zuerst in Plymouth, später in der Chatham-Bucht bei London auf Gefangenenschiffen festgehalten. Im ganzen Elend, Gedränge und Gestank begann er Musik in seinem Inneren zu hören, was ihn hier ausharren liess. Zudem lernte er auf dem Schiff Brave in Plymouth einen alten französischen Geigenbauer kennen, der ebenso gekidnappt worden war. Monsieur Jean hatte sich auf dem Unterdeck eine kleine Werkstatt eingerichtet und Lars assistierte ihm beim Geigenbau. Es war seine Lehrzeit. Wer dieser Monsieur Jean war, fanden weder Lars, noch zweihundert Jahre später der Autor heraus.
Das Leben danach
Als Leserin wird man gepackt von der Erzählung dieses eigentlich unvorstellbaren Lebens und ist erleichtert, als der Protagonist nach fünf Jahren endlich wieder in Freiheit ist. Es erstaunt nicht, dass der Vater ihn bei der Rückkehr nicht erkennt. Doch Lars Olsen Hoem hat noch ein wechselhaftes Leben vor sich, heiratet und hat sieben Töchter, die ihn als Geigenbauer unterstützen.
Als es wirtschaftlich schwierig wird, arbeitet seine Frau bei den Klippfisch Felsen. Wieder ein Kapitel, das für Landratten neu ist und Einblick in eine harte Arbeit gibt, die von den Armen, Frauen, Männern und Kindern, vom Frühling bis Spätsommer ausgeübt wird, bis die gesalzenen und getrockneten Klippfische in die Welt hinaus verschifft werden. Nach dem Tod seiner Frau besucht Lars seinen Halbbruder Pe, um noch im Alter mit ihm Frieden zu schliessen.
Lars Olsen Hoem wird siebzig Jahre alt. Kurz vor seinem Tod im Juni 1852 schreibt er für seine Töchter das Geheimrezept des Geigenfirnis auf, das ihm Monsieur Jean auf der Brave übergeben hatte. «Dieses Rezept ist, zusammen mit den dreissig Hoem-Geigen, die es noch gibt, das Einzige, was der Geigenbauer Lars Olsen Hoem hinterlassen hat.» Damit endet die Familienchronik, die Edvard Hoem von seinem mutigen Vorfahren dank grossen Recherchen und mit viel Einfühlungsvermögen und Lebendigkeit niedergeschrieben hat und die Lesenden in eine fremde Welt mitnimmt.
Titelbild: Arne Larsen, Kristiansund, Kreis Møre og Romsdal, Norwegen, 1848. Wikimedia Commons
Edvard Hoem, Der Geigenbauer, Roman, übersetzt aus dem Norwegischen von Antje Subey-Cramer, Taschenbuch, Unionsverlag, Zürich, 2025.
ISBN 978-3-293-71034-4

Vielen Dank für diese ausführliche Beschreibung des Inhalts des„Geigenbauer“s von Edvard Hoem.
Die Rezensentin Ruth Vuilleumier hat den Inhalt so detailliert und anschaulich wiedergeben, dass man das Buch sofort selber lesen möchte.
Es fordert dem Leser Aufmerksamkeit ab, da sich die Handlung an verschiedenen Orten und über einen längeren Zeitraum anschaulich und mitreißend entwickelt. Lesend taucht man in eine andere Welt, eine andere Zeit, ein.
Hoem versteht es, Stimmungen, Schicksale, Gefühle zu schildern ohne allzuviel Adjektive zu benutzen. „Glücklich“ oder „ traurig“ wird man in seinen Texten kaum finden. Meisterhaft und mit viel Empathie nimmt Edvard Hoem den Leser ins Geschehen mit.
Ich kann Edvard Hoems Bücher nur jedem ambitionierten Leser wärmstens empfehlen.