StartseiteMagazinLebensartDie hohe Kunst des Geigenbaus

Die hohe Kunst des Geigenbaus

Der Bau von Instrumenten ist ein faszinierendes Handwerk. Wer aus einem Holzklotz eine Violine schnitzen möchte, braucht viel Feingefühl und ein gutes Gehör. Gerhard Burger ist ein leidenschaftlicher Geigenbauer. Sein Atelier in der Altstadt von Brugg ist Werkstatt und Verkaufsraum in einem.

Mit diesem Atelier hat sich Burger vor drei Jahren seinen Traum erfüllt, selbständiger Geigenbauer zu werden. Im hinteren Teil liegt der Lagerraum für Holz, Schablonen, Fachbücher, einen Computertisch und einige Instrumente. Die Werkstatt ist vorne. Er habe sich für dieses Atelier entschieden, so Burger, weil die Räume klar und neutral klingen. Das sei wichtig für seinen Beruf.

Betritt man Burgers Geschäft, steht man also mittendrin: da eine Hobelbank mit Werkzeug-Wand, dort ein Haufen Hobelspäne, ganz vorne eine Fräsmaschine, und hinten eine Werkbank fürs Leimen und Lackieren. An diese Werkbank angelehnt steht auf dem Boden das neuste Instrument, das Burger gerade baut: ein «rohes», noch unlackiertes Violoncello.

Zum Geigenbau berufen

Geigenbauer zu werden ist eine Berufung. Was hat Burger zum Instrumentenbau gebracht? «Schon als Jugendlicher wollte ich etwas mit Holz zu tun haben, und mit Musik,» erzählt er bei meinem Werkstatt-Besuch. «Ich spielte Klarinette in einer Harmoniemusik und sang gerne, Musik bedeutet mir seit jeher viel. Ich komme aus der nördlichen Oberpfalz, meine Ausbildung zum Geigenbauer machte ich in Bubenreuth (Franken) und Mittenwald (bei München).»

Gerhard Burger arbeitet an einer neuen Geige. Deutlich zu sehen sind bereits die F-Löcher. 

Als 2009 bei Musik Hug in Zürich eine Stelle für einen Geigenbauer ausgeschrieben war, bewarb sich Burger und wurde genommen. Er blieb bis 2021. «Ich hatte das Privileg, dort viele sehr wertvolle alte Instrumente gesehen, restauriert und gehört zu haben,» meint Burger lächelnd. «Dann hatte ich den Wunsch, mich mit all der Erfahrung selbstständig zu machen. Ich wollte diesem magischen Klang mit meinen Instrumenten so nahe wie möglich kommen.»

Die Suche nach dem magischen Ton

Für das Violoncello, das Burger momentan in Arbeit hat, schwebt ihm der Klang eines Cellos des venezianische Geigenbaumeisters Domenico Montagnana (1686-1750) vor. «Die beiden Star-Cellisten Yo Yo Maa und Mischa Maisky spielen Violoncelli von Montagnana,» sagt Burger enthusiastisch. «Für mich ist es das erste Mal, dass ich dieses Modell baue.» Er verschwindet im hinteren Raum und kommt mit einem schön gebundenen, A3grossen Buch zurück. Darin sind Montagnanas Meisterinstrumente abgebildet. Dazu deren Masse, die Proportionen der Einzelteile und weitere Analysen zum verwendeten Holz und zur Lackierung.

An diesen Studien und Analysen orientiert sich Burger: «Montagnanas Celli haben einen enorm farbenreichen Klang. Und da sie schon für grössere Konzertsäle gebaut wurden, haben sie auch solistische Qualitäten.» Wie viele Instrumente baut Burger pro Jahr? Burger seufzt: «An einer Geige arbeite ich etwa einen Monat, für ein Violoncello brauche ich deutlich länger.» Rund drei Instrumente fertigt er pro Jahr an. Daneben führt er Restaurationen und Reparaturen aus.

In 15 Schichten trägt Berhard Burger den Lack auf, das heisst, er wird in das Holz einmassiert. Die Lackschichten sind viel mehr als ein optischer Finish; sie tragen wesentlich zum Klang eines Instruments bei. (Bilder Julia Schmausser) 

Die Alten Meister als Vorbild zu nehmen, ist das eine. Die neuen Instrumente werden aber von Gerhard Burger gebaut. Was ist seine persönliche Handschrift, woran erkennt man das Typische seiner Instrumente? (Er denkt nach) «Das ist wohl die Spielbarkeit für die Musiker. Das Klangspektrum der Instrumente hat meine Sprache. Zudem kann ein Musiker meine Violine, mein Violoncello herausfordern, ohne an Grenzen zu stossen.»

Das ideale Holz wächst in Bergün

Das Holz, welches Burger verwendet, stammt unter anderem aus dem Graubünden. Dort hat die Bergüner Holzbaufirma «Florinett AG» zur Gewinnung von «Klangholz» die darauf spezialisierte Abteilung «Tonewood Switzerland» gegründet und beliefert Instrumentenbauer weltweit.

Die Lage von Bergün ist perfekt für dieses Unternehmen. Auf der Homepage der Florinett AG ist zu lesen: «Das kalte Klima in den Alpen mit einer kurzen Vegetationsperiode hat für unsere Fichten einen engen, regelmässigen Jahrringaufbau zur Folge. Das Holz dieser Europäischen Fichte (picea abies) hat sich auf Grund seiner klanglichen Eigenschaften über Jahrhunderte für den Instrumentenbau bewährt.»

Die Lackierung beeinflusst den Ton

Das «rohe» Violoncello in Burgers Atelier ist noch sehr hell, so wie Holz ohne Rinde. Ihm fehlt die Lackierung. «Das Lackieren ist ein eigener, aufwändiger Prozess,» holt Burger aus. «Dafür braucht es 15 Schichten, die ich von Hand einmassiere. Die Lackierung bräunt das Holz und bewahrt seinen Klang. Die Oberfläche wird versiegelt und die Lebendigkeit des Holzes bewahrt.»

Einen Holzblock in ein klingendes Instrument zu verwandeln ist hohe Kunst. Es sind die Intuition und das subtile Gehör, die Burger zu einem Meister seines Fachs machen. „Wenn ich Musik höre, entfaltet sich mir schon beim ersten Ton ein ganzer Kosmos,“ sagt dieser sensible, kultivierte Geigenbauer aus Brugg. „Die Welt steckt in einem einzigen Ton“.

www.geigenbau-burger.ch

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