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Wie wohnen Babyboomer?

Wer zu den Babyboomern gehört, was Babyboomer auszeichnet, wie sie wohnen und wie sie wohnen möchten, wurde in einem Forschungsprojekt der Ostschweizer Fachhochschule in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Nordwestschweiz untersucht. Die Dokumentation liegt seit Juni 2026 vor.

Wer sind die vielbesungenen und vielbeschimpften Babyboomer? Sie seien «eine schillernde Generation: hochgebildet, aktiv, mobil, selbstbestimmt und offen für Neues.» Stimmt das oder ist dies bloss ein Mythos? Die Publikation «Das Wohnen von Babyboomern in der Schweiz – Mythen auf dem Prüfstand» gibt differenzierte Antworten.

Im Forschungsprojekt wurden die Wohnpräferenzen eines Teils der Babyboomer untersucht, nämlich der zwischen 1957 und 1966 geborenen Menschen.

Die Age-Stiftung, welche das Projekt gefördert hat, fasst die Ergebnisse so zusammen:

  • «Die Mehrheit der Babyboomer wohnt seit Jahrzehnten am selben Ort und möchte dies nicht ändern.»
  • «Wohnveränderungen erfolgen weniger planvoll als durch biografische Anlässe ausgelöst – Trennung, Krankheit, Auszug der Kinder.»
  • «Innovative Wohnformen sind bekannt, werden aber von wenigen tatsächlich realisiert.»
  • Die Selbstbestimmung im Wohnen hängt «massgeblich vom verfügbaren finanziellen, sozialen und kulturellen Kapital ab.»

Stimmt das? «Ja, einige Babyboomer machen sich aktiv Gedanken darüber, ob und wie sie ihre Wohnsituation verändern wollen, insbesondere Frauen, aber ein grosser Teil der Babyboomer wohnt seit mehreren Jahrzehnten am selben Ort oder sogar in derselben Wohnung und möchten dies nicht ändern.»

Das Projekt wurde geleitet von Nicola Hilti, Professorin am IFSAR Institut für Soziale Arbeit und Räume der OST – Ostschweizer Fachhochschule und von Christian Reutlinger, Professor für Stadt und Gesundheit am ISOS Institut für Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung sowie am ISAGE Institut für Soziale Arbeit und Gesundheit an der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW.

Seniorweb fragte bei Nicola Hilti nach, welche Impulse für das Wohnen der Babyboomer aus den Forschungsergebnissen gezogen werden können.

Seniorweb: Frau Hilti, Forschungsergebnisse aus statistischen Erhebungen landen oft in der berühmt-berüchtigten Schublade, wenn daraus nicht Schlüsse, Impulse und Phantasien gezogen werden, um die Lebenspraxis der untersuchten Personengruppen zu verbessern. Haben Sie etwas dagegen, wenn wir Ihre Forschungsergebnisse nutzen, um unwissenschaftlich, aber kreativ abzuheben?

Nicola Hilti: Im Gegenteil, für die Schublade forschen wir ohnehin nicht. Als anwendungsorientiertes Institut an einer Fachhochschule wollen wir, dass unsere Ergebnisse dazu beitragen, dass Menschen besser wohnen und leben können. Deshalb endet unsere Publikation auch mit Denkanstössen an alle, die das Wohnen in der zweiten Lebenshälfte mitgestalten, und Weiterdenken ist ausdrücklich erwünscht. Eine kleine Präzisierung zur Grundlage: Unsere Erkenntnisse stammen weniger aus Statistiken als aus qualitativen Interviews. 25 Babyboomerinnen und Babyboomer aus der Deutschschweiz haben uns ihre Türen geöffnet und von ihrem Wohnen erzählt, ergänzt durch eine statistische Auswertung, welche wir in Zusammenarbeit mit den Sozialforschungsbüro Sotomo durchgeführt haben. Im Mittelpunkt stehen die «Wohlstands-Babyboomer» der Jahrgänge 1957 bis 1966, die jüngere von zwei Babyboomer-Generationen in der Schweiz. Die ältere sind die «Kriegs- und Nachkriegs-Babyboomer» der Jahrgänge 1943 bis 1950, denn die Schweiz erlebte zwei Geburtenspitzen. Wer mit unseren Ergebnissen kreativ weiterdenkt, sollte sich vor allem über eines im Klaren sein: Babyboomerinnen und Babyboomer sind eine vielfältige Generation, mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen und ebenso unterschiedlichen Möglichkeiten, ihr Wohnen selbst zu gestalten. Unserem Forschungsprojekt ging es deshalb auch darum, das oft einseitige Bild dieser Generation zu hinterfragen und ihm ein differenzierteres entgegenzustellen.

Stimmt das? «Ja, Babyboomer unterscheiden sich von früheren Generationen Älterer bezüglich ihrer Wertorientierung und Wohnwünsche, aber zugleich gewichten sie existenzielle Grundbedürfnisse wie Sicherheit, Schutz und Geborgenheit im Wohnen hoch.»

Viele Babyboomer wohnen in ihrem Einfamilienhaus, das viel zu gross ist, wenn die Kinder ausgezogen sind. Wäre es nicht besser, wenn das Haus einem der Kinder mit Familie weitergegeben würde und die Eltern/Schwiegereltern im Einfamilienhaus eine Einliegerwohnung bauen oder in ein fahrbares Tiny House im Garten einziehen würden, um den Wohnort nicht verlassen zu müssen? Von dort aus könnten sie gelegentlich Care-Arbeit für die Grosskinder übernehmen und ihre Kinder dadurch wesentlich entlasten.

Solche Formen des generationenübergreifenden Familienwohnens, manchmal «modernes Stöckli» genannt, sind uns in den Interviews mehrfach begegnet, in erstaunlich unterschiedlichen Varianten. Ein Babyboomer lebt beispielsweise mit seinem Sohn und dessen Familie in einem Haus, dessen zwei Wohneinheiten durch eine gemeinsame Küche verbunden sind. Viele Befragte möchten ihr Wohneigentum an die Kinder weitergeben. Gleichzeitig zeigt sich, dass Familie in dieser Lebensphase neu «hergestellt» werden muss und Nähe auch Abgrenzung braucht. Zudem suchen längst nicht alle Babyboomerinnen und Babyboomer die Rolle der stets verfügbaren Grosseltern: Gerade Grossmütter legen Wert auf eine Balance zwischen Enkelbetreuung und selbstbestimmter Lebensgestaltung.

Stimmt das? «Ja, einige Babyboomer freuen sich auf die Zeit nach der Pensionierung, um sich um Garten und Enkelkinder zu kümmern, aber viele bleiben beruflich oder ehrenamtlich aktiv.»

Viele Babyboomer wollen, wenn immer möglich, in ihren eigenen vier Wänden alt werden. Sie wollen bei zunehmenden Einschränkungen nicht in Altersheime, noch weniger in Pflegeheime umziehen. Erfreulicherweise nimmt die ambulante Pflege und Betreuung etwa durch Spitex-Angebote stark zu. Müsste nicht die nichtprofessionelle Care-Arbeit im Quartier stärker gefördert werden. Wie?

Unsere Ergebnisse zeigen, dass langjährige Nachbarschaften eine wichtige soziale Ressource sind, auch für die Unterstützung im Alltag. Sie altern allerdings mit: Bekannte ziehen weg, neue Bewohnerinnen und Bewohner kommen hinzu. Begünstigt wird gegenseitige Unterstützung durch durchmischte Siedlungen mit unterschiedlichen Wohnungsgrössen, durch niederschwellige Begegnungsorte wie Bäckerei, Café oder Bibliothek und durch aktive Nachbarschaftsförderung, wobei Städte und Gemeinden eine wichtige Rolle spielen. Zugleich ist der Wunsch, den eigenen Kindern nicht zur Last zu fallen, bei vielen Befragten ausgeprägt, und manche setzen im Pflegefall bewusst auf professionelle Betreuung. Besondere Aufmerksamkeit brauchen alleinlebende Männer, deren Anzahl stark zugenommen hat und die für Angebote wie die Quartierarbeit nicht so leicht erreichbar sind.

Stimmt das? «Ja, die Babyboomer erwarten, dass ihre Individualität und Selbstbestimmung hoch gewichtet werden, aber dem wird vielerorts bereits heute Rechnung getragen; dies auch deshalb, weil die Babyboomer das bereits für ihre Eltern einfordern.»

Es gibt einsame ältere Personen. Müsste man bei zukünftigen Wohnsiedlungen nicht strukturell auf Formen der Zusammenarbeit hinwirken, etwa durch gemeinsame Gärten, Car-Sharing, gemeinsame Gästezimmer usw. Durch Formen des Teilens müsste man sich miteinander absprechen, was die Einsamkeit verringern und ökologische Vorteile bringen würde.

Einsamkeit entsteht oft strukturell, etwa durch den Wegfall beruflicher Kontakte nach der Pensionierung, durch eingeschränkte Mobilität oder eine abgelegene Wohnlage. Gemeinsam genutzte Räume und Angebote können ihr vorbeugen, indem sie Begegnungen im Alltag ermöglichen. Entscheidend ist dabei, das zeigen unsere Interviews deutlich, die Balance zwischen Gemeinschaft und Privatsphäre, denn Gemeinschaft kann die Selbstbestimmung auch einschränken. Das Ideal vieler Befragter ist deshalb eine eigene Wohnung, ergänzt durch Bereiche, die man gemeinsam nutzen kann, aber nicht muss. Architektonisch braucht es dafür Grundrisse mit klaren privaten Zonen, gut nutzbare Gemeinschaftsräume, akustische Trennung und flexible Nutzungsmöglichkeiten.

Bei den Babyboomern gibt es auch Menschen, die jeden Rappen vor dem Ausgeben drehen müssen, insbesondere Frauen, die ihre Kinder allein erzogen haben oder Menschen, die aus irgendwelchen Gründen lange arbeitslos waren. Armut erschwert angenehmes Wohnen und kann krank machen, etwa wenn man Umgebungslärm oder Abgasen ausgesetzt ist. Sehen Sie hier Lösungen?

Die Generation ist sozioökonomisch stark differenziert, und viele leben mit knappen Renten, besonders geschiedene oder alleinstehende Frauen. Wie selbstbestimmt jemand wohnen kann, hängt massgeblich vom finanziellen, sozialen und kulturellen Kapital ab. Umweltbelastungen wie Lärm oder Abgase haben wir nicht gezielt untersucht, doch die Interviews zeigen, dass ein knappes Budget Abstriche bei der Wohnqualität erzwingt. Hinzu kommen Leerkündigungen bei Totalsanierungen oder Ersatzneubauten, die ältere Mieterinnen und Mieter besonders hart treffen. Bezahlbarer Wohnraum ist deshalb nicht allein Sache von Gemeinden und Genossenschaften, auch private Eigentümerschaften tragen Verantwortung. Unterstützen können zudem eine niederschwellige Wohnberatung sowie auch analoge Zugänge zur Wohnungssuche, denn viele Vermietungen laufen heute ausschliesslich online.

Warum werden innovative Wohnformen wie Wohngemeinschaften oder energie- und raumsparendes Wohnen zu wenig genutzt?

Das Interesse an gemeinschaftlichen Wohnformen nimmt zu, umgesetzt wird es jedoch selten. Gründe hierfür sind der hohe organisatorische und finanzielle Aufwand, fehlende Angebote, Unsicherheit über den Alltag und das Bedürfnis nach Privatsphäre. Je konkreter ein Projekt wird, desto mehr Interessierte springen ab. Zudem erfolgen Wohnveränderungen selten planvoll, sondern meist ausgelöst durch biografische Ereignisse wie Trennung, Krankheit oder den Auszug der Kinder. Und für viele ist das Bleiben am vertrauten Ort eine bewusste Entscheidung für Sicherheit und soziale Verankerung. Das heisst aber nicht, dass sich nichts bewegt, wenn man wohnbezogene Innovationen breit versteht: Oft entstehen sie ohne bauliche Veränderung, als versteckte Schätze hinter ganz gewöhnlichen Fassaden. So vermietet eine Babyboomerin in ihrem Haus Zimmer und betreibt ein Bed and Breakfast, eine andere teilt ihre Familienwohnung seit dem Auszug der Kinder mit wechselnden Studentinnen, und eine dritte lebt abwechselnd auf einem Dauercampingplatz und im Haus ihrer Mutter. Auffallend ist, dass vor allem Frauen solche Veränderungen anstossen und offener für neue Wohnformen sind.

Stimmt das? «Ja, Babyboomer haben im Vergleich zu früheren Generationen eine höhere Affinität zu gemeinschaftlichen Wohnformen, sodass die Nachfrage höher als das Angebot ist, aber die Mehrheit wohnt konventionell und möchte dies auch so beibehalten.»

Im letzten Kapitel der Publikation geben Sie viele Denkanstösse für Akteure des Wohnungswesens. Welche Denkanstösse möchten Sie bei welchen Akteuren besonders beliebt machen?

Für Städte und Gemeinden ist zentral, dass die Lage mit dem Alter an Bedeutung gewinnt. Viele Babyboomerinnen und Babyboomer leben in der Agglomeration oder auf dem Land, wo eine schlechte Anbindung an den öffentlichen Verkehr zum Problem werden kann, sobald das Autofahren nicht mehr möglich ist. Für Bauträgerschaften zeigt sich, dass kleine, gut geschnittene, zentral gelegene und bezahlbare Wohnungen fehlen. Manche würden ihre Wohnsituation gerne verändern, finden aber keine passende Alternative. Hindernisfreiheit allein überzeugt dabei kaum jemanden, gefragt ist ein Gesamtpaket an Lebensqualität. Auch gesellschaftlicher Druck zur Flächenreduktion erweist sich als wenig wirksam. Beratungsstellen und Fachorganisationen schliesslich sind gefordert, begleitend zu unterstützen, denn viele Menschen in der zweiten Lebenshälfte machen sich Gedanken über ihre Wohnzukunft, wissen aber nicht, wo sie Unterstützung bei der Umsetzung finden. Regionale Anlaufstellen könnten helfen, das passende Wohn- und Beratungsangebot zu finden. Genau hier setzt unser aktuelles Projekt «Woge – Wohnzukunft gestalten» an, das wir gemeinsam mit den Städten Aarau, Köniz und St. Gallen durchführen.

Frau Hilti, besten Dank für das Gespräch! (Das Gespräch wurde schriftlich geführt.)

Nicola Hilti (Foto zVg.)

Nicola Hilti ist Soziologin und arbeitet seit 2015 am IFSAR Institut für Soziale Arbeit und Räume an der OST – Ostschweizer Fachhochschule (bis 2020 Fachhochschule St. Gallen). Am IFSAR leitet sie seit 2017 den thematischen Schwerpunkt «Wohnen und Nachbarschaften». Zwischen 2023 und 2026 amtete sie auch als Co-Leiterin a.i. des IFSAR. Zuvor war sie von 2005 bis 2015 wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektleiterin am ETH Wohnforum – ETH CASE am Departement Architektur der ETH Zürich, wo sie auch doktoriert hat.

Kostenloser Download der Publikation «Das Wohnen von Babyboomern in der Schweiz – Mythen auf dem Prüfstand» sowie der weiteren Produkte (Postkarten und Bewegtbilder) auf der Website der Age-Stiftung.

Alle Fotos von bs sind Ausschnitte von Fotos der Berliner Grafikdesignerin und Buchgestalterin Jenny Baese aus der  Publikation «Das Wohnen von Babyboomern in der Schweiz – Mythen auf dem Prüfstand». In den Bildlegenden dekonstruieren die Autor*innen der Publikation die in den Fotos formulierten «Mythen».

 

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