Sollen stillgelegte Schweizer Kernkraftwerke (KKW) zu Industriedenkmälern erklärt werden? Eine reich bebilderte Publikation des Christoph Merian-Verlags befasst sich mit der spezifischen Geschichte und Architektur des baukulturellen KKW-Erbes der Schweiz.
Unser Land ringt derzeit politisch und gesellschaftlich darum, ob das Verbot für neue Atomkraftwerke fallen soll, damit dereinst der Bau neuer Reaktoren wieder möglich wäre. Im Zentrum stehen Argumente der Versorgungssicherheit, des Klimaschutzes und die Frage, ob Investitionen in neue Atomkraft den Ausbau erneuerbarer Energien behindern würden. Eine Schlüsselrolle in der Diskussion spielt derzeit das Parlament, insbesondere der Ständerat, als Vertretung der Kantone.
KKW Gösgen, Luftbild vom 15.5.2000. Foto: ETH-Bibliothek
Dessen zuständige Kommission hat mit klarer Mehrheit empfohlen, das Rahmenbewilligungsverbot für neue Kernkraftwerke zu streichen und damit die Planung künftiger Projekte freizumachen. Bundesrat Albert Rösti hat mehrfach betont, Kernenergie sei eine Option, um die Stromversorgungssicherheit und die Unabhängigkeit des Landes zu stärken. Aktuell werde aber noch nicht über den Bau konkreter Projekte oder Standorte entschieden. Die grossen Energiekonzerne reagierten mehrheitlich skeptisch auf Röstis Vorschlag und wollen weiterhin die Förderung erneuerbarer Energien vorantreiben.
Erster Rückbau ist im Gang
Nun ist das Ende der alten Generation von Kernreaktoren in der Schweiz absehbar. Mit dem Rückbau des abgeschalteten KKW Mühleberg westlich von Bern wurde bereits vor einiger Zeit begonnen. Beznau könnte noch bis 2033 betrieben werden und Gösgen sowie Leibstadt dürften gegen 2045 vom Netz gehen. Diskutiert wird nun, ob Teile der Industriebauten als schützendeswerte Denkmäler bestehen bleiben sollen.
Der Band «Kernkraftwerke – Nuclear Power Plants», in der Reihe <swissmonographies> im Christoph Merian Verlag erschienen, fächert die bau- und energiegeschichtlichen sowie soziopolitischen Entwicklungen der seit den 1960er-Jahren in der Schweiz entstandenen Anlagen auf. Umfassend und mit reichem Bildmaterial sowie Plänen ausgestattet, widmet sich die Neuerscheinung der spezifischen Architektur aller fünf Kernkraftwerke und beleuchtet, wie eine verantwortungsvolle Nach- und Umnutzung aussehen könnte.
KKW Leibstadt, Ansicht von Westen. Foto: Julian Salinas.
Expertinnen und Experten tauschen sich zu Denkmalwert und Nutzungsideen aus und fragen, was dieses unbequeme Erbe für die Landschaft und die kollektive Erinnerung bedeutet. Noch ragen riesige Kühltürme und gigantische Dampffahnen in den Himmel. Stillgelegte Atomkraftwerke können denkmalwürdig sein, weil sie technisch, architektonisch und zeithistorisch bedeutsam sind; ob sie tatsächlich unter Denkmalschutz gestellt werden, hängt von der Politik, der öffentlichen Meinung und von der Abwägung relevanter Rückbau- und Sicherheitsanforderungen ab.
Akzeptanz der Bevölkerung nötig
Die fünf entlang der Aare und am Rhein entstandenen Industrieanlagen gehören zweifelsohne zum Schweizer Landschaftsbild. Heute decken die vier noch aktiven Reaktorblöcke rund ein Drittel des Energiebedarfs der Schweiz. Die von weitem sichtbaren Kühltürme sind baukulturelle Mahnmale der Fortschrittsgläubigkeit, aber auch Denkmäler des Widerstands dagegen.
Auch diese Facetten greift das Buch auf. Als Denkmäler der Industriemoderne sowie als prägende Landmarken seien Kernkraftwerke schützenswert, finden Fachleute. Nach Ansicht des Aargauer Denkmalpflegers Reto Nussbaumer fallen denkmalpflegerische Entscheide primär in die Kompetenz der jeweiligen Standort-Kantone. Nach seiner Ansicht sind die Anlagen in Beznau und Leibstadt «Teil der Baukultur, speziell der Industriekultur». Für ihn ist eine Umnutzung der Maschinenhäuser, der Kommandozentralen sowie der Kühltürme zu Aussichtsplattformen denkbar.
Demonstration gegen das geplante KKW Kaiseraugst, 1985. Foto: ETH Bibliothek
Ähnlich sieht es Sigrid Brandt, Professorin für Kunstgeschichte an der Paris Lodron Universität Salzburg. Die Schweizer Kernkraftwerke erfüllten «Denkmalkriterien in vielfacher Hinsicht. Sie dokumentieren wirtschaftliche, politische, gesellschaftliche, technische und industrielle Entwicklungen und Diskussionen sowie gestalterische respektive ästhetische Ansprüche jener Jahre an diese neue Bauaufgabe». Kühltürme seien «Bestandteil kommunikativer und kollektiver Erinnerung geworden,» findet Professorin Brandt.
Vertiefte Abklärungen nötig
Betont wird aber auch: Bevor die Grossanlagen aber als bauliche Zeugnisse des Atomzeitalters zu Erinnerungsorten oder anderweitig kreativ umgenutzt werden können, müssen komplexe rechtliche, wirtschaftliche und auch kulturelle Voraussetzungen erfüllt werden. Denn ohne die Akzeptanz im öffentlichen Bewusstsein sei der historische Denkmalwert von Kernkraftwerken schwer durchsetzbar.
Koexistenz. Kinderspielplatz und Kühlturm. Foto: Julian Salinas.
Die Autorinnen und Autoren fordern eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema, bevor der Rückbau weiter voranschreitet. Ästhetik spielt dabei weniger eine Rolle als die historisch-politische Bedeutung. Lokale Communities sind oft skeptisch und wehren sich gegen den Fortbestand von Kühltürmen vor ihrer Haustür.
In diesem Spannungsfeld liefert die Basler Neuerscheinung grundlegende Informationen und anregende Impulse. Und wer das Buch abends nach der Lektüre auf den Nachttisch legt, kann selbst ein strahlendes Wunder erleben: Das Cover leuchtet im Dunkeln in fluoreszierendem Neongrün.
Titelbild: KKW Beznau I und II, Ansicht von Süden. Foto: Julian Salinas. Alle Fotos stammen aus dem besprochenen Buch.
Kernkraftwerke. Christina Haas, Anne-Catherine Schröter und Harald R. Stühlinger, Geleitwort von Sigrid Brandt, Harald R. Stühlinger (Hg.), Texte in Deutsch und Englisch. Christoph Merian Verlag 2026. ISBN 978-3-03969-048-0
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