Der Mensch ist psychisch fragil, zerbrechlich. Diese Fragilität kann zu Zusammenbrüchen, aber auch zu Umbrüchen und Aufbrüchen führen. Der bedeutende Psychiater und Psychotherapeut Daniel Hell hat darüber ein Buch geschrieben.
Unser Selbst und unser Selbstbild sei zerbrechlich, hält Daniel Hell in der Einleitung fest. Im Unterschied zu den Tieren sei der Mensch besonders fragil, da er sich selbst erkennen, beurteilen und bewerten könne … was ihn auch kränkbar mache. Sein Selbstbild könne im Laufe des Lebens biographisch und zwischenmenschlich immer wieder mal gestärkt oder verletzt werden. Psychische Fragilität sei doppelsinnig, sie gefährde und ermögliche Wohlbefinden und Lebensqualität.
Aufbau des Buches
Daniel Hell hat das Buch systematisch aufgebaut, aber die Lesenden, Fachleute und Laien, können auch einzelne Kapitel, die sie besonders interessieren, vorziehen.
Im ersten Kapitel wird der Begriff der Fragilität erläutert. Wir sind nicht unerschütterlich. «Scheidungsurteile, Wirtschaftskrisen, Kriegsruinen, Knochenbrüche, Begräbnisse usw. zeugen davon.» Fragilität kann sich körperlich, sozial, zwischenmenschlich, aber auch psychisch zeigen. Daniel Hell legt den Schwerpunkt in seinem Buch auf die psychische Fragilität, obwohl alle Fragilitätsformen sich gegenseitig beeinflussen. Psychische Fragilität eröffne Möglichkeiten der Persönlichkeitsentwicklung, auch wenn gelegentlich «Abstürze aus psychischen Gleichgewichtszuständen und Risse im sich entfaltenden Selbstkonzept» dazugehören.
Hell unterscheidet zwischen Fragilität und Vulnerabilität: «Fragilität (von lat. fragilis = zerbrechlich) bezeichnet die körperliche oder seelische Gefahr einer inneren Brüchigkeit oder Spaltung.» Der Begriff sei seit der römischen Antike und bei Stoikern wie Seneca bekannt. «Vulnerabilität (von lat. vulnus = Wunde) bezeichnet die körperliche oder seelische Gefahr einer äusserlichen Verletzung.» Der Begriff werde seit etwa 1980 in der Medizin und Psychologie verwendet.
In den folgenden Kapiteln geht es um «die basale Gefahr einer Spaltung der Psyche», um die emotionale und kognitive Entwicklung, um fragile Entwicklungen in der Adoleszenz und im Alter, um die Fragilität des Selbstwertes in der Moderne, um erlebte Frustrationen, wenn «zeitgemässe» Grundbedürfnisse nicht befriedigt werden, um psychische und soziale Faktoren, welche die menschliche Fragilität besonders herausfordern, und um psychische Erkrankungen wie die Depression, die als «ein dynamisches und prognostisch offenes Geschehen» verstanden werden können. Das letzte Kapitel bietet einen Überblick über das Verständnis von Fragilität in verschiedenen Zeitaltern und wägt ab, «welcher Umgang zurzeit möglich und günstig ist.»
Fragiler Umbruch im Alter
Für unsere Leserschaft sei hier das Kapitel «Fragiler Umbruch im Alter. Weshalb Anti-Aging deplatziert ist» näher betrachtet.
Nach Daniel Hell wird Adoleszenz oft mit einem Aufbau und das Alter mit einem Abbau verbunden. Dabei werde aber übersehen, dass man in beiden Lebenszeiten Altes zurücklassen und sich neu ausrichten müsse. Und in beiden Lebenszeiten könne man sich bei diesen altersbedingten Umbrüchen verlieren oder neu finden. In beiden Umbruchsphasen seien die zu bewältigenden Herausforderungen wegen der starken Veränderungen von Körper und Psyche besonders gross.
An der Vernissage des neuen Buches von Daniel Hell am 8. Mai stellte Matthias Mettner, der Programmleiter des Forums Gesundheit und Medizin, Autor und Buch im Anschluss an die Tagung «Kraft und Lebendigkeit der Seele» vor. (Foto bs)
Der Alterungsprozess, etwa der geistige und psychomotorische Vitalitätsverlust, verlaufe individuell sehr unterschiedlich. Falsche generelle negative Altersbilder würden nur zu Verunsicherungen bis hin zu einer «Pathologisierung alternder Menschen» beitragen.
Hell rät davon ab, den alternden Menschen «Altersgebrechlichkeit» als natürlichen Prozess anzudichten, auch wenn ältere Menschen sich gelegentlich abgenutzt oder verbraucht fühlen, wenn die Widerstandskraft nachlässt und körperliche Krankheiten zunehmen. Hingegen mache es Sinn, von «Altersfragilität» zu reden, da im Alter psychische Umbrüche gehäuft auftreten, die zu Krisen führen können, aber auch zu einer Verschiebung des Wertesystems, so dass angesichts der Endlichkeit des Lebens Unwichtiges losgelassen und Wichtiges in den Vordergrund rücken kann. Erfüllende künstlerische oder intellektuelle Tätigkeiten, aber auch ein dankbares carpe diem, der Genuss der Natur und der Schönheit des Lebens und das Zusammensein mit seinen Lieben können den Alltag erhellen.
Füreinander da sein in guten und in schlechten Zeiten (Foto freepik)
Für Daniel Hell ist Anti-Aging deplatziert, wenn man damit meine, dass man nicht altern dürfe. Entscheidend sei, wie Alternde mit den Umbrüchen im Alter umgehen, was damit verloren und gewonnen werde. Fragilität zu verdrängen und nur auf Selbstoptimierung zu setzen, verhindere die eigene Weiterentwicklung im Alter. Das Bewusstwerden der Endlichkeit des Lebens und das Erkennen der eigenen Grenzen könne das Erleben vertiefen und erweitern: «Dies kann auch die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche ausrichten, für das es sich einzusetzen lohnt. Alternde Menschen werden sich manchmal auch vermehrt bewusst, was sie anderen Menschen verdanken.»
Nach der Vernissage zum Buch «Fragile Psyche. Von Umbrüchen und Aufbrüchen» vom 8. Mai stellte Seniorweb Daniel Hell drei Fragen:
Seniorweb: Was hilft gegen Depressionen im Alter?
Daniel Hell: Mit Depressionen im Alter kann auf gleiche Weise wie in jüngeren Jahren umgegangen werden. Wenn sie leichtgradig sind, ist es günstig, anstehende Aufgaben etwas langsamer und allenfalls zurückhaltender anzugehen – sich selber gleichsam zu 20% oder 40% krank zu schreiben. Auch zu versuchen, eher zu tun, was einem etwas leichter fällt und was man noch lieber macht, und eher zu vermeiden, was einem schwerfällt. Dabei ist es gut zu wissen, dass es besonders schwierig ist, sich zu etwas zu entscheiden und den ersten Schritt zu tun. Deshalb ist es meist einfacher, etwas zusammen mit anderen Menschen zu tun, um diese Initierungshemmung zu überwinden. Nahe Bezugspersonen können Schrittmacher sein, um z.B. einen Spaziergang zu machen oder eine Ausstellung zu besuchen. Menschen mit schwereren Depressionen benötigen in der Regel therapeutische Hilfe, in erster Linie psychotherapeutische Hilfe, zusätzlich oft auch medikamentöse Hilfe. Leider werden älteren Menschen zu selten Psychotherapien angeboten.
Wie können Umbrüche im Alter zu mehr Lebensqualität und Wohlbefinden führen?
Leider wird das Altern oft nur mit Abbau in Verbindung gebracht. Deshalb ist es so wichtig, das Alter als Umbruchphase zu verstehen und nicht nur mit Einbrüchen in Verbindung zu bringen. Sonst konzentrieren wir uns im Alter mehr auf das, was uns schwerer fällt als früher und konzentrieren uns zu wenig darauf, was immer noch oder sogar erstmals möglich ist. Günstig ist darauf zu achten, was in früheren Jahren zu kurz kam und wofür wir jetzt im Alter Zeit haben. So können wir, statt uns auf Leistung und Erfolg auszurichten, vermehrt darauf achten, wie wir uns zwischenmenschlich noch mehr öffnen können. Wir können auch offener sein für das, was uns die Natur schenkt, oder wir können – dank vermehrter Freizeit und innerpsychologischen Veränderungen – unseren kulturellen und geistigen Interessen vermehrt nachgehen. Dann erleben wir im Alter weniger einen Einbruch als einen Umbruch. Dieser Wandel kann uns bereichern. Damit soll aber das Altern aber nicht einseitig beschönigt werden. Vielmehr geht es darum, neben Schwerem im Alter auch Gutes wahrzunehmen. Denn die Einstellung trägt zu unserer Gestimmtheit bei. Es war C.G. Jung, der schon Mitte des letzten Jahrhunderts darauf hinwies, dass sich die geistigen Interessen des jüngeren und älteren Erwachsenenalters unterscheiden.
Was empfehlen Sie alterspolitischen Organisationen, um negative Altersbilder zu korrigieren, hindernde Rahmenbedingungen zu überwinden und das Alter als chancenreiche Lebensphase zu ermöglichen?
Alterspolitische Organisationen sind wichtig. Wir leben in einer jugendlichen Fortschrittskultur. Aktuelle Erkenntnisse und Zukunftsszenarien zählen heute mehr als das Erfahrungswissen, auch infolge der fortschreitenden Digitalisierung. Über die Hälfte der hochaltrigen Menschen in Deutschland – und wohl ähnlich in der Schweiz – fühlt sich gesellschaftlich nicht wertgeschätzt. Und noch weniger fühlen sich von Mitmenschen gebraucht, womit das eigene Wertgefühl tendenziell verletzt wird.
Mir scheint wichtig, dass man das Altern realistisch einschätzt und auch erkennt, dass die menschliche Entwicklung nicht einseitig auf statistischem Wissen beruht, sondern hauptsächlich auf Erfahrungs- und Beziehungswerten. Dazu können alte Menschen wesentlich beitragen. Es ist wichtig, dass auch politisch diese Zusammenhänge erkannt werden.
Besten Dank, Daniel Hell!

Dr. med. Daniel Hell (Foto bs)
Daniel Hell , geb. 1944, ist emeritierter Professor für Psychiatrie an der Universität Zürich. Er war von 1984 bis 1991 Chefarzt der psychiatrischen Klinik in Schaffhausen, ab 1991 ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (Burghölzli). Nach seiner Emeritierung 2009 leitete er das Kompetenzzentrum für Depression und Angst an der Privatklinik Hohenegg. Heute führt er dort eine psychiatrisch-psychotherapeutische Praxis. Er ist Autor mehrerer Fach- und Sachbücher zu psychischen Problemen. Website von Daniel Hell.
Buch: Daniel Hell: Fragile Psyche. Von Umbrüchen und Aufbrüchen. Giessen 2026. ISBN 978-3-8379-3386-4
Titelbild: Ausschnitt aus dem Buchumschlag (© Milad Fakurian/Unsplash)
