Die Hauptstadt der Emilia Romagna wird auf der Durchfahrt in die Toskana gerne links liegen gelassen. Zu Unrecht, wie ich ganz rasch feststellen durfte! Denn Bologna ist eine ausserordentlich schöne, mit Kultur, Geschichte und Lebensfreude gefüllte Stadt. Sechs Tage Aufenthalt in Bologna, aber die Stadt hatte uns schon nach einem erobert.
Wir hatten uns entschieden, die Reise nach Italien per Zug anzutreten. Dank Sitzreservation und einem gut abgestimmten Fahrplan erreichten wir Bologna schon nach fünf Stunden ab Zürich HB. Entspannt und praktisch ohne Wartezeiten.
Beim ersten Caffé (Merke: Italiener bestellen nach 11 Uhr keinen Cappuccino) in der Sonne in einer der mit Betrieb gefüllten Strassen der Stadt musste man nur kurz die Augen schliessen, tief einatmen und es war klar: Wir sind in Italien angekommen! Die Geräusche, die spürbare Wärme und der Geruch der Stadt nahmen uns in ihren Bann. Umso mehr natürlich, als dass wir eine Wohnung mitten im Zentrum des Quartiers Quadrilatero, keine zwei Minuten von der Piazza Maggiore entfernt, gemietet hatten. An dieser Gasse herrschte reger Publikumsverkehr, weil einige Frucht- und Gemüsestände ihre sehr schöne und äusserst frische Ware anboten und zahlreiche Restaurants mit ihren Spezialitäten lockten.
Wer sich mit der Geschichte der Stadt beschäftigt, stösst bald auf drei Spitznamen, die sie trägt: «La Dotta» (die Gelehrte), «La Grassa» (die Fette) und «La Rossa» (die Rote). Einerseits gilt die Universität in Bologna als eine der ältesten der Welt. Schon im Mittelalter galt sie als Zentrum der Wissenschaften. Die Stadt gilt aber auch als kulinarisches Zentrum Italiens, wohl wegen ihrer innovativen und gleichzeitig deftigen Küche. Dann ist offensichtlich, weshalb sie den «roten» Namen erhielt, viele Gebäude sind aus rötlich/orangem Mauerwerk und die Dächer leuchten von weitem mit ihren roten Terracotta-Ziegeln.
Der wichtigste, lebendigste Platz in Bologna
Die «Piazza Maggiore», das gesellschaftliche und touristische Zentrum Bolognas, war zu Fuss schnell erreichbar. Staunend beobachteten wir, wie selbstverständlich sich hier Touristinnen, Touristen und Einheimische begegnen. Zu den schönsten Momenten in fremden Städten – besonders in Italien – gehört es für uns, bei einem Caffé an einer Piazza zu sitzen und dem Treiben zuzuschauen: Kinder spielen sogar vor der Basilika Fussball, Reisende fotografieren sich und den Platz, während Büroangestellte im eleganten Anzug oder Kostüm selbst bei 33 Grad vorbeieilen.
Spaziergänger, Kulturliebhaberinnen und Jugendliche sassen an diesem Tag derweil entspannt auf den Treppen der Basilika San Petronio, die weltweit zu den zehn grössten Kirchen gehört, und betrachteten den Platz oder die gegenüber liegenden Arkaden. Noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts war die Piazza Maggiore einer der grössten und ältesten Plätze Italiens, auch Platz eines der grössten Freiluftmärkte Europas, auf dem Produkte aus aller Welt gehandelt wurden.
Die Einzigartigkeit der Basilika, eine Renaissance-Baute, ist besonders augenfällig, denn die Fassade erweckt den Eindruck, sie sei aus zwei völlig verschiedenen Gebäuden zusammengesetzt worden. Tatsächlich wurde die Kirche während ihres Baus immer grösser und der Stadt drohte das Geld auszugehen (angeblich wegen des Wettstreits in der Erbauung des Petersdoms in Rom). Weshalb die untere Hälfte der Vorderfassade mit wertigen Marmormosaiken geschmückt ist, die obere Hälfte aber nur eine Backsteinwand zeigt. Die gewaltigen Dimensionen des Gotteshauses werden im Innern erst richtig sichtbar (Länge 132 m, Breite 60 m, Gewölbehöhe 45 m). Der Eintritt ist frei, die Basilika ist üblicherweise von 14 bis 15 Uhr geschlossen.
Die Basilika San Petronio an der Piazza Maggiore.
Neptun blickt über die Stadt
Die «Piazza del Nettuno», nur wenige Meter neben der Piazza Maggiore, verdankt ihren Namen dem gleichnamigen Brunnen. Das Meisterwerk, eine imposante Statue des Neptuns aus der Renaissance, wurde 1565 eingeweiht. In der Hand hält der Meeresgott einen Dreizack, rundherum sind Sirenen und Cherubim abgebildet, die die damals bekannten Flüsse der Kontinente symbolisieren: Ganges, Nil, Amazonas und Donau.
Die imposante Neptun-Skulptur schmückt den gleichnamigen Brunnen.
Neben dem beeindruckenden Neptunbrunnen steht ein festungsartiger Bau. Dabei handelt es sich um das Rathaus von Bologna, dem «Palazzo Communale». Weil es einst im Besitz der Familie Accursio war, wird es auch heute noch «Palazzo d’Accursio» genannt. Tagsüber darf man sich im kleinen Park aufhalten, der neben zahlreichen Sitzgelegenheiten viele schattenspendende Bäume aufweist. Touristen erholen sich kurz, Angestellte verbringen dort ihre Mittagspause, eine kleine fröhliche Hochzeitsfeier kann ebenso im Gange sein.
Mittagspause oder kurzer Rast im Park des Rathauses von Bologna.
Musik aus dem Herzen für die Seele
An unserem ersten Abend wurden wir auf der Piazza Maggiore von einer grossen Bühne und entsprechender Beleuchtung sowie Leinwandübertragung überrascht. Gespielt wurde live klassische Musik mit dem «Orchestra del Conservatorio Martini» zum Abschluss des «Bologna Portici Festivals». Als allerletztes Lied wurde das Lied «La sera dei miracoli» des einheimischen, leider schon 2012 verstorbenen Cantautore Lucio Dalla gesungen. Ein Sommerabend mit wunderschöner Musik, an dem alle teilnehmen durften und der mir tatsächlich Tränen in die Augen trieb.
Lucio Dalla ist sehr präsent in Bologna. Kein Wunder, der Sohn dieser Stadt, am 4. März 1943 geboren, hat es mit seiner Musik und seinen Liedern, in denen es häufig um Situationen im Alltag ging, zu Grossem gebracht. Wohl nicht zuletzt auch deshalb, weil er mit Grössen der italienischen Musikszene zusammenarbeitete, darunter Francesco De Gregori und Gianni Morandi.
Nach Dallas Tod am 1. März 2012 in Montreux gründeten die Erbinnen seines Vermögens (fünf Cousinen) eine Stiftung, die «Fondazione Lucio Dalla» mit Sitz in Bologna. Erklärtes Ziel ist die Pflege der kulturellen Hinterlassenschaft Dallas. Die Stiftung bietet auch Führungen durch seinen Wohnsitz in Bologna an. Diese dauern rund eine Stunde. Unser Eindruck: Kann man, muss man nicht machen. Die Ausführungen des Tour-Leiters gingen besonders auf die ausgestellten Kunstwerke (Dalla war ein grosser Kunstliebhaber) ein, weniger auf den Sänger selbst. Und vieles wurde unserer Ansicht nach auch interpretiert. Ob es so war oder nicht, kann heute niemand mehr sagen.
Cantautore Lucio Dalla ist allgegenwärtig in seiner Geburtsstadt. Ob als Musik-Interpretation an einem öffentlichen Konzert oder als Mauer-Gemälde an seinem Wohnhaus.
Schutz vor Witterung und viele Türme
Unweit der Piazza Maggiore gelangt man rasch unter die berühmten Arkaden, die sich über rund 40 Kilometer durch die Stadt erstrecken und seit dem 12. Jahrhundert bis in die heutige Zeit entstanden sind. Erfrischend im Sommer, schützend bei Regen kommt man also gut zu Fuss durch einen Grossteil der Stadt. Seit Ende Juli 2021 gehören die Arkaden zum Unesco-Welterbe. Verdient, wie wir finden. Einst als Privateigentum für den öffentlichen Gebrauch definiert, gelten sie heute als Ausdruck und Element der Identität der Stadt Bologna. Und sie eignen sich auch perfekt zum «Lädele», man muss ja nicht nur in die teuren Edelboutiquen steuern (die es selbstverständlich auch hier gibt).
Zahlreiche Arkaden führen durch die Stadt Bologna, herrlich zum Bummeln.
Weitere berühmte Wahrzeichen von Bologna sind die beiden Türme «Asinelli» und «Garisenda» an der Piazza di Porta Ravegnana, oder wie die Italiener lässig sagen «le due torri». Sie stehen im Herzen der Stadt am Ausgangspunkt der alten Via Emilia und wurden im Mittelalter mit einer hauptsächlich militärischen Funktion errichtet. Sie sind beide nicht mehr zugänglich, weil ständig Renovations- beziehungsweise Wartungsarbeiten ausgeführt werden. Bei genauem Hinsehen stellt man fest, dass der kleinere Turm Garisenda etwas schief steht. Wie in Konkurrenz zum Turm in Pisa. Nur dass das Fotografieren in Bologna durch die engen Gassen etwas erschwert wird – was dem Charme der Bauten jedoch nicht abtrünnig ist.
Die zwei berühmten Türme von Bologna, Asinelli und Garisenda.
Kulinarisch mehr als nur eine Reise wert
Hier eine Empfehlung: Bestellen Sie bitte niemals einen Teller Spaghetti Bolognese, denn diese existieren in Bologna nicht! Die berühmte italienische Sauce wird als «Tagliatelle al ragù» serviert. Nicht mit Spaghetti, weil diese die Sauce nicht ausreichend binden können. Und natürlich sind die weltbekannten Tortellini bis zu Tortelloni an jeder Ecke zu bekommen, gefüllt oder nicht. Mit etwas Glück kann man bei der Herstellung zusehen, die sehr viel Fingerfertigkeit und Routine verlangt. Ein Restaurant-Tipp wäre an dieser Stelle jedoch anmassend. Denn am besten lässt man sich treiben und sich begeistern von einer der vielen kleinen Gaststätten, die alle paar Meter zu finden sind. Wir wurden nicht enttäuscht – wenn wir auch festgestellt haben, dass ein Restaurant ein paar wenige Meter entfernt vom Zentrum sich meistens ein wenig besser und kundenfreundlicher zeigt als die üblichen Touristen-Fallen.
Und natürlich darf man die berühmte Mortadella nicht vergessen, die einst in Bologna geboren wurde und die noch heute gerne zu jeder Tageszeit gegessen wird. Die Ursprünge der Spezialität reichen möglicherweise bis in die Römerzeit zurück, so wurde uns zugetragen. Mortadella gehört eindeutig zu den klassischsten Wurstdelikatessen Europas. Ihre feine Textur, der milde Geschmack und die typischen Fettkörnchen machen sie zu einer unverwechselbaren Köstlichkeit.
Fotos: Annamaria und Ueli Ress

