Es gibt sprachliche Fehlleistungen. Sie verraten, womit sich das Unbewusste beschäftigt. Als ich die Friedenstaube auf Plakaten der SVP sah, dachte ich mir, dass es sich auch bildlich um freudsche Fehlleistungen handeln könnte. Da gab es doch sonst ein gerupftes Huhn, Würmer, die sich an einem Apfel fett frassen, oder ein schwarzes Schaf unter weissen. Nun taucht auf der Abstimmungs-Zeitung zur Schweizer-Neutralität überraschend eine Friedenstaube auf. Ein unbewusster Wunsch?
Auf dem Abstimmungsplakat steht: «Kein Krieg.! Stimmt mit «JA!» und eine Friedenstaube fliegt auf das JA zu. Dass mich dieses Zeichen sehr verwundert, wird man mir glauben, denn auch den Präsidenten des Initiativ-Komitees, Walter Wobmann, der sich auf der Titelseite zeigt, kenne ich eigentlich nur als aggressiven Politiker. Dass der Urheber der Initiative, Christoph Blocher, in einem Interview sogar Wilhelm Tell zitiert, der in keiner Weise neutral war, will für mich nicht zusammenpassen. Jedenfalls hätte er zur strikten Idee der vorgeschlagenen Neutralität kaum etwas gesagt. Er war ein Einzelkämpfer aus den Bergen.
Anna Kardos beschreibt in der «NZZ am Sonntag» die Kulturgeschichte der Taube und klärt auf, dass die Taube über Jahrtausende ein Symbol für den Frieden war. Sie erinnert an die Arche Noah. Ich kenne die Geschichte aus dem Bibelunterricht. Dort wurde die Taube, die mit einem Zweig zur Arche Noah fliegt, im Glanz eines Regenbogens empfangen. Dieses schöne Bild trage ich seither in mir. Allgemein bekannt wurde die Taube mit dem Zweig im Schnabel nach dem Zweiten Weltkrieg, als 1949 der Weltfriedenskongress stattfand und Pablo Picasso dazu das Plakat mit der Taube entwarf.
Die Tauben seien ihrer Natur nach nicht friedlich, erklärt Anna Kardos. Dies habe ich selber auf Plätzen – etwa auf dem Markusplatz von Venedig – erfahren. In Überzahl vertreiben die Tauben alle kleineren Vögel und schwächere Tauben picken sie weg. Nur die fetten, wohlgenährten, setzen sich bei ausgeworfenen Maiskörnern durch. Dominieren sie die Szene nicht ganz, kommen die frechen und schlauen Spatzen zu ihren Körnern oder Brosamen. Denke ich diese Symbolik auf die politische Ebene, kann ich sagen, dass neutrale Länder von Diktaturen aufgefressen würden, wenn sie sich nicht in einer Union verteidigen könnten.
So würde es mit der strikten Blocher-Neutralität zur Unterwerfungsgeste «Wir haben uns nicht an den Sanktionen beteiligt, also lasst uns freileben wie wir möchten.» Würden sich die kleinen baltischen Staaten so neutral geben, käme es wohl nicht zu Freiheitskriegen, sondern zu einer Unterwerfung. Bei dieser Art von Neutralität müsste sich auch die nicht wehrfähige Schweiz unterwerfen.
Vor drei Wochen kam meine Tochter, die in Berlin lebt, in die Schweiz und sagte mir: «Die Schweiz müsse die Neutralität unbedingt bewahren. Sie stimme der Initiative zu.» Sie glaubte den Fake News, dass die Schweiz die gelebte Neutralität aufgebe. Ich erklärte ihr, dass die über Jahrhunderte dauernde Neutralität in keiner Weise bedroht sei. Kein Schweizer wolle sie aufgeben. Sie bleibe in ihrem pragmatischen Sinn bestehen, und zwar so, wie sie schon seit mehr als 200 Jahren hochgehalten werde. Beim Wienerkongress von 1814 sei sie von grossen Staaten sogar dekretiert worden. Nach dem längeren Gespräch über die verschleierten Motive der Initianten, die einen Zusammenhang mit wirtschaftlichen Interessen hätten, versicherte sie mir, sie werde mit Nein stimmen. So gelang es mir immerhin, interfamiliär den Anschein der friedlichen Taube zu entlarven.

Toller, weil bedächtiger Beitrag. Vielen Dank!
Bitte lauter mit Ihrer Botschaft, soll heissen: Grosse Aufklärungsplakate schweizweit, sichtbare Inserate in den Printmedien und Anzeigen nonstop auf den grossen Internetplattformen. Damit alle begreifen, wie Rechtsradikale in der Schweiz und anderswo Symbole, wie die Friedenstaube, für ihre Zwecke missbrauchen und allmählich die Grundsätze demokratischen und freiheitlichen Zusammenlebens demontieren.
Und was tut unsere Regierung in dieser immer bedrohlicheren Situation? Sie hält still und wartet ab, wie immer, wie vor dem zweiten Weltkrieg.
Woche für Woche hört man in TeleBlocher dieselben Phantasien, die so einfach nicht stimmen. Hätten wir den vorgeschlagenen Verfassungsartikel schon in den dreissiger Jahren in der Verfassung gehabt, wären wir Teil des Reichs geworden und unsere Jugend wäre in Wehrmachtsuniformen nach Stalingrad geschickt worden, während die Reserven von Nationalbank und AHV in Berlin und unsere Juden in Auschwitz gelandet wären. Nur dank einer flexiblen Auslegung der Neutralität, die es zB zuliess, dass man Soldaten aus dem Dienst abzog, damit sie bei ihrem zivilen Arbeitgeber auf Teufel komm raus «Dual use»-Güter für die deutsche Wehrmacht produzierten, nur dank «kreativer Kontrolle» deutscher Transit-Güterzüge an den Ein- bzw. Ausgangspunkten Basel und Chiasso, nur dank Ankauf und Weiterverkauf deutschen Goldes mit jüdischem Eigentumshintergrund (die Liste liesse sich beliebig verlängern) kriegten wir genug Kohle für unser Gaswerke und genügend Lebensmittel um nicht zu verhungern. Im letzten Kriegsjahr mussten wir unsere Politik radikal ändern, um nicht auf schwarze Listen der Allierten zu kommen. Alle diese Pirouetten gelangen nur, weil wir eine brauchbare Armee im Hintergrund hatten. Heute haben wir nicht einmal das! Deshalb: «nur die allerdümmstem Kälber beschränken ihren neutralitätspolitischen Spielraum selber».