StartseiteMagazinLebensartMarkus Stücklin auf der Suche des eigenen Seins – ein Getriebener

Markus Stücklin auf der Suche des eigenen Seins – ein Getriebener

Da sitzt er. Ein Meter 98, eingequetscht in einem Rollstuhl. Der Rücken und die Beine wollen nicht mehr. Seit dem 30. Lebensjahr doktert er an einer Spinalkanalverengung. Und seit dem Pensionsalter leidet er an Polyneuropathie. Zeit zum Jammern hat Markus Stücklin deshalb aber nicht. Hibbelig wird er, wenn er seine kreativen Umsetzungen präsentieren und erzählen kann.

Doch der Reihe nach: Wenn der heute 70-Jährige an seine Kindheit zurückdenkt, ist ihm schon immer eines klar gewesen: Nicht Pilot, weder Feuerwehrmann noch Polizist. Nein, Fotograf soll es sein. Wieso auch immer.

Aber der Weg dorthin war alles andere als so vorgegeben. Der Vater insistierte. Ein rechter Beruf soll der Sohnemann erlernen – zu jener Zeit eine gängige Vorstellung der Elternschaft. Es kam, wie es kommen musste. Der junge Markus machte eine Lehre bei der Ciba als Biologielaborant. Drei Jahre hat er dann auf dem Beruf gearbeitet, bis er diesen an den Nagel hängte. Dafür hängte er sich tagsüber eine Fototasche um, denn Fotografieren war seine Leidenschaft. Nachts dagegen brauste er im Taxi durch die stillen und weniger stillen Strassen der Stadt. Eine Lebenssituation, die ihn so faszinierte, dass er nur noch Taxi fuhr. Markus Stücklin führte ein eigenes Geschäft mit Angestellten. Nach sechs Jahren folgte die Ernüchterung: «Ich stellte fest, dass ich immer noch kein Geld hatte. Ergo: Das ist kein gutes Business».

So heuerte er wieder bei dem Pharmariesen an. Er war zurück in seinem gelernten Laborantenjob. 

Zeit für Pressearbeit

In dieser Zeit traf er eine Bekannte aus seiner Taxizeit. Es stellte sich heraus, dass sie jetzt im Radio arbeitet. Bei Radio Raurach, dem ersten Lokalsender des Baselbiets. Sie lud ihn ein, das Ganze doch mal anzuschauen. Denn: Für die Nachtsendung am Freitagabend werde noch ein Moderator gesucht. «Du kannst machen, was Du willst», sagte sie. Einem solchen Angebot konnte Stücklin nicht widerstehen. Er war dabei. Dabei im Team.

Kurze Zeit später. Der Sportredaktor verabschiedete sich in die Ferien und meinte: «Stücklin, Du kannst das». So wurde er über Nacht der Sportfachmann am Mikrofon.

In dieser Zeit schrieb er auch für die «Basler Zeitung» Sportartikel. Vor allem über Basketball. Deshalb, weil er selbst diesen Teamsport ausübte. Und dann ging alles schnell. Auch für die «Basellandschaftliche Zeitung» schrieb er Sportartikel und illustrierte diese auch gleich fotografisch. Sein Wirken wurde auch von den Ringier-Leuten registriert und so wurde er im Vollpensum beim damaligen «Blick Basel» angestellt. Doch schon nach einem Jahr wurde der Laden dichtgemacht. Aufgenommen wurde er dann vom Büro Basel des Verlags Ringier. Nach wiederum einem Jahr wurde die Belegschaft des Büros reduziert. So war er nunmehr alleine für die Texte und Bilder der Region Basliensis verantwortlich. Dies acht Jahre lang – bis zu seinem ersten Burnout. Er kündigte.

Markus Stücklin in seinem Atelier: «Man muss noch etwas Chaos in sich haben…»

In der Phase als selbständiger Fotograf und Pressemensch traf er den Fotografen der Bildagentur Keystone, der auf der Suche nach einem Assistenten war. Kurz darauf konnte er dessen Posten übernehmen und war alsbald für die Bildwelten der ganzen Schweiz verantwortlich. Sieben Jahre lang, bis zu einem weiteren, weitaus heftigeren Burnout.

Im Verlaufe des stationären Aufenthalts in der Klinik trat seine alte Schulfreundin Marie Louise in sein Leben. Sie ermutigte Markus Stücklin, auch in der kreativen Fotografie tätig zu werden. Insbesondere in der Aktfotografie, wo sie aber als Lebenspartnerin seine grösste Kritikerin wurde.

Dann kam die Idee mit den Flugaufnahmen. Die Drohnen wurden noch von Hand zusammengelötet, um sich in die Lüfte zu erheben. Doch sein Gesundheitszustand war zu fragil, um mehr als zwei Termine täglich wahrzunehmen.

In dieser Zeit wurde Markus Stücklin Hausmann. Doch das war nicht seine Erfüllung. Doch was soll ein 60-Jähriger noch arbeiten? Die Arbeit im Verkehrsdienst war noch möglich. Wie er heute meint: «Ich arbeitete zum Mindestlohn, war dafür aber an der frischen Luft.»

Er spielte auch Tennis. Zum Tennisclub gehörte auch eine Clubrestaurant. Was lag näher, als auch noch die Clubbeiz zu übernehmen? Zwei Jahre lang war er Betreiber, Koch und Unterhalter in der Gastroszene. Doch die Kreativität fand nicht nur auf den Tellern statt.

Zeit der Kreativität

Gemalt hatte er schon immer. Immer in Phasen. So besuchte er einen Aktmalkurs in der Kunstgewerbeschule. Bald stellte Stücklin fest, in diesem Fachbereich gehörte er nicht zu den allerbesten. Also wechselte er in den Kurs «Aktmodellieren». Das Erschaffen dieser Themenwelt mit Ton sprach ihn an. Da die hergestellten Kunstwerke in der Schule nicht gebrannt wurden, kaufte er sich kurzerhand einen Brennofen. Und eine Töpferscheibe. Nach dem Besuch eines Töpferkurses wurden dann Gebrauchsgegenstände wie Vasen, Teller in den verschiedensten Formen und Farben hergestellt. In diesem Schaffenszyklus entstanden auch diverse Wandkacheln mit hauptsächlich farbig fotografisch umgesetzten Aktmotiven. Ausserdem wurden diese Werke für Stoffdrucke diverser Kleider und Kissen eingesetzt.

Küsse in 3D Druck.

Man muss mit der Zeit gehen. So wurde auch ein 3D-Drucker für Ton angeschafft, zeitgleich mit einem weiteren Kursbesuch im Lehmhaus. Doch alsbald stelle sich heraus, dass ein D3-Drucker für Kunststoff mehr Möglichkeiten bot. Dieser arbeitet filigraner und präziser, als es mit Ton möglich ist. So wurden und werden seine Aktfotografien zu «fassbaren» Objekten produziert.

Im Moment werden Bilder von Picasso, Basqiuat, Salvador Dali und weiteren Künstlern zu dreidimensionalen eigenen Interpretationen. Mit ihrer ihnen eigenen Plastizität.

Doch das soll noch lange nicht das Ende seines kreativen Schaffens sein.  «Irgendwann habe ich eine neue Idee. Mit neuen Technologien. Ich lasse es ganz einfach auf mich zukommen. Es gibt immer wieder Phasen des Produzierens – bis zum Exzess».

Aus Bildern entstehen eigene Interpretationen in Skulpturen.

Das Ziel, sein Wunsch wäre, eine Ausstellung, in der er sein Gesamtwerk präsentieren könnte. Im kleineren Rahmen ist er diesem Vorhaben etwas nähergekommen. Im Moment «bespielt» er eine Vitrine an der Kunstmeile in Basel mit den neuesten Kreationen.

Der Ursprung seiner Arbeiten waren immer Fotografien. Seien diese verfremdet, übermalt, gedruckt oder zu Skulpturen gearbeitet. Er habe alles mitgemacht: Von der klassischen Schwarz-Weiss-Photographie mit dem Entwickeln und Vergrössern in der Dunkelkammer bis hin zur digitalen Fotografie. Vom Malen und Modellieren bis hin zu 3D-Druck.

«Ich bin immer mit der Zeit gegangen. Ich bin gespannt, was die Zukunft für mich und meine Arbeit noch bereithält. Eines bin ich auf jeden Fall: neugierig».

Klar ist, Markus Stücklin ist ganz sicher eines nicht – langweilig.

Man darf gespannt sein, was als nächstes auf dem Hügel in Füllinsdorf entstehen wird…

Titelbild: Markus Stücklin mit einer skulpturalen Interpretation der gemalten Werke des Künstlers Jean-Michel Basquait. Fotos: Christian Roth

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1 Kommentar

  1. Grüsst mir den Markus. Wir haben seinerzeit das BLICK Büro in Basel zusa men geschmissen. Ich beobachte sein Wirken aus meiner neuen Heimat Brasilien mit grossem Interesse und wünsche Markus noch viele kreative Jahre.

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