Wie es sich für einen umsorgenden Ehemann gehört, nehme ich mir immer wieder vor, meiner geliebten Ehefrau etwas Köstliches aufzutischen. Nicht irgendeine staubtrockene oder vor Fett triefende Fertigpizza oder eine profane Päcklisuppe. Nein. Etwas Ordentliches muss es sein. Was an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben darf: Meine Ehefrau ist kulinarisch gesehen ziemlich mäischterloosig[1].
Darum habe ich mir vorgenommen, ein deftiges «Cassoulet»[2] auf den Tisch zu zaubern. Damit alles klappt, notiere ich mir vor dem Gang ins Dorf alle Zutaten fein säuberlich auf einen Zeedel[3]. So, dass nichts vergessen geht. Gut gewappnet, mache ich mich auf. Das in der Annahme, dass es nicht schwer sein kann die getrockneten weissen Bohnen für den französischen Eintopf zu besorgen.
Schon bald muss ich aber realisieren, dass der Einkauf profaner Lebensmittel nicht ganz so einfach ist. So quäle ich mich wie ein Fährtenleser stundenlang durch die verschiedenen Läden auf der Suche nach getrockneten weissen Bohnen. Überall wird mir beschieden, die gewünschten Bohnen seien aus dem Sortiment entfernt worden, da niemand mehr solche Bohnen koche. Bohnen würde man, erklärt mir eine freundliche Jumpfere[4], heutzutage gekocht aus der Büchse genossen. Als Alternative empfiehlt mir die hilfsbereite Verkäuferin – und jetzt acht gee[5]: Schwarze Bohnen, dicke Bohnen, Kidneybohnen, Limabohnen, Mungobohnen, rote Bohnen, Sojabohnen, braune, rote und gelbe Linsen, gelbe Erbsen und Kichererbsen. Das aus allen Herrenländern. Nur halt keine getrockneten, weissen Bohnen…
Zwei Stunden bin ich im Dorf herumgeirrt. Und das mitten im Winter. So bin ich über matschige Schneemaden gchnoorzd[6] und vorsichtig über gefrorene Pfützen gschlyssered[7]. Einer betagten Frau mit Rollator habe ich durch den Matsch geholfen. Und einen Hund, der an einer Schneemade sein Geschäft verrichten wollte, habe ich vertrieben. Immer wieder habe ich zur Seite springen müssen, um nicht von einem Auto mit Schneematsch eingedeckt zu werden. Keiner und keine dieser Leute war wohl auf der Suche nach getrockneten, weissen Bohnen – vermutlich nicht einmal der Hund…
In einem der Läden hat mich die Verkäuferin mit grossen Augen gemustert, als käme ich von einem anderen Stern: «Weisse Bohnen?», fragt sie erstaunt. Sie habe nicht gewusst, dass es in der heutigen Zeit noch Menschen gibt, die Bohnen selber kochen. Als ich ihre langen, angeklebten Fingernägel sehe, ist mir klar: Die gute Frau hat wohl noch nie in ihrem Leben einen Chnooblech[8] geschält.
Oh Wunder! Beim Metzger, den ich in meiner Verzwyyflig[9] aufsuche, klappt es doch noch. Ohne lange zu überlegen bietet mir der Metzgermeister an, die Bohnen für mich zu bestellen. Aber hallo! In welch verrückten Welt leben wir doch, wo der Metzger der Einzige ist, der einem getrocknete, weisse Bohnen besorgen kann…
[1] verwöhnt
[2] Cassoulet ist ein Eintopf der französischen Küche. Er besteht aus weissen Bohnen, gepökeltem Fleisch und Würstchen
[3] Zettel
[4] Fräulein
[5] Achtung
[6] sich mühevoll bewegen
[7] auf Eis ohne Schlittschuhe gehen
[8] Knoblauch
[9] Verzweiflung
Heiner Oberer (1954), in Sissach aufgewachsen, ist gelernter Fleischfachmann Veredelung und Koch. Seit 2001 ist er als freischaffender Kolumnist und Journalist bei verschiedenen Zeitungen tätig. 2009 veröffentlichte er das Buch «Nit lang Fääderlääse» mit einer Sammlung von Mundartkolumnen, war 2011 bis März 2017 redaktioneller Mitarbeiter bei der «Volksstimme». Seit März 2017 ist er frühpensioniert und in mehr oder weniger geordnetem Rentnerdasein. Seither hat er mehrere Bücher veröffentlicht: 2018 «Ausgeschlachtet – Die Schlacht um die Sissacher Metzgete», 2021 über die Sissacher Fasnacht «Eusi Fasnecht», 2023 «Von Sissach nach Ohio» – Verena Oberer-Waibel auf der Suche nach einem besseren Leben, 2025 «Der Landjäger» – Matthias Bitterlin, Hüter der Ordnung. Ein historischer Roman. – Die Redaktion Seniorweb heisst Heiner Oberer als neuen regelmässigen Kolumnisten herzlich willkommen.
