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Schnee in Sils Maria

Ferien im Bilderbuchland. Wird der 15. Januar 2015 einen Wendepunkt im Tourismus setzen?

„Mit der Fahrt über den Albula geniessen Sie ein Stück UNESCO-Weltkulturerbe“, wirbt eine Stimme in der Rhätischen Bahn, bevor wir in die Kehrtunnels von Filisur einbiegen. Vier Stunden Bahnfahrt von Zürichsee ins Engadin. Wer in Sils Maria ankommt, muss gleich raus ins Freie, eintauchen in das helle Licht, das über Dorf und See strahlt, das sich widerspiegelt in Eiskristallen und tausendfach funkelt auf dem Schneefeld zwischen Sils und Maloja.

Silserebene Richtung Maloja

Auf dem Wanderweg dem Silsersee entlang nach Isola knirscht und knarrt der Schnee bei jedem Tritt und überrascht mit einer Melodie von Tönen. Ansonsten herrscht Ruhe, umfassende, erholsame und schöpferische Stille. Und ein unbeschreibliches Leuchten über dem Silsersee, das Friedrich Wilhelm Nitzsche in Worten und Giovanni Segantini in Bildern festzuhalten versuchten.

Raum für eigene Gedanken, für Geschichten und Erinnerungen. Die Sonne wärmt. Trunken vom Licht, wandern die Augen über die Felskanten vom Piz Lagrev über Piz Grevalsavas zum Piz da la Margna. Die Bergkette als stabile Silhouette unter azurblauem Himmel, auf dem sich helle Wolken in immer neuen Formationen bewegen.

Wandergruppe in Isola

Rund um Sils Maria wird gewandert, genussvoll, in gemächlichem Tempo. Einzeln, als Paare oder in Gruppen, Familien mit Kleinkindern auf dem Schlitten oder im Huckepack, zwei oder drei Generationen zusammen. Einige Langläufer bewegen sich auf der Skatingpiste, wenige Skiwanderer mit Rucksäcken auf der Spur neben dem Fussweg. Anfangs Februar fehlt noch die Loipe über den See. Das Eis ist zu schwach für die schweren Pistenfahrzeuge. Die Eisschicht erstarkt nun jede Nacht. Bis zum Marathonlauf vom 8. März werden alle Seen befahrbar sein, erklärt Reto Zuan, der seine Gäste durch das Dorf führt.

Wir glauben ihm. Bissig kalt bläst der Wind ins Gesicht. Glücklich, wer eine Route wählt, die den eisigen Gesellen im Rücken hält. Im Restaurant Lagrev auf Isola rasten die vermummten Menschen, wärmen sich mit Punsch und Heidelbeerkuchen.

Isola gehört mit Maloja zur Talgemeinde Bregaglia (Bergell). Hier wird italienisch gesprochen. Im Schulhaus in Sils beginnen die 90 Kinder den Unterricht mit rätoromanischer Sprache. An der Hotelrezeption werden wir in Schweizerdeutsch empfangen. Freundlich und zuvorkommend.

Mitten im Dorf übt der Nachwuchs

Im Hotel ziehen wir uns zurück in die Wärme, wie der Bär in seine Höhle, fläzen in die Polster der grosszügigen Lounge, geniessen das Essen im Jugendstilsaal und staunen über das Freizeitangebot im Hotel und im Dorf. Zusammen mit unseren Freunden nutzen wir Kultur und Sport, diese Woche Liederabende, den Curling-Schnupperkurs auf dem Natureisplatz und informieren uns über die Geschichte der Gemeinde.

Kulturzentrum von Sils ist das Hotel Waldhaus, erklärt Reto Zuan, der die Touristen jeden Montagnachmittag durch die Gemeinde führt. Am alten, etwas verfallenen Dorfplatz aus dem 16. Jahrhundert erzählt er, wie aus dem einstigen Säumerdorf das Sils von heute gewachsen ist, ab 1875 und während der Belle Epoche die Hotellerie, in den Sechziger Jahren, mit dem Aufkommen des Langlaufens und dem Bau der Furtschellasbahn, der Wintertourismus.

Dorfplatz mit dem Gemeindehaus, einlogiert im ehemaligen Schulhaus.

Die «Unternehmung Sils»

Sils Maria zählt heute rund 700 Einwohner, dazu 240 Kurzaufenthalter und 315 Grenzgänger und stellt eine Infrastruktur bereit für 4‘500 Gäste, die nur während Spitzenzeiten genutzt wird. Eine beachtliche Leistung. Die Gemeinde hat sich ein Leitbild gegeben mit Zielen wie Schutz und Pflege von Natur, Landschaft und Ortsbild, Förderung und Unterstützung der bestehenden Hotellerie und Einschränkung der baulichen Entwicklung im Ferien- und Zweitwohnungsbereich. Dazu die Feststellung, dass alle Silserinnen und Silser zur „Unternehmung Sils“ gehören.

Wichtige Marksteine wurden gesetzt mit dem Landschaftsschutz des Silsersees und Umgebung, mit dem Schutz der Silserebene vor Überbauung und 1995 mit einer Redimensionierung der Bauzonen in der Gemeinde. Der Verkehr wurde gastfreundlich geregelt mit dem Bau einer unterirdischen Einstellhalle für 400 Autos, die der Gemeinde gehört.

Jugendstilsaal im Hotel Edelweiss, hergerichtet für den wöchentlichen Gala-Abend

Sensible Hotellerie

Das Hotel Edelweiss, das zweitälteste Hotel in Sils, wurde 1876 gebaut. Das älteste Hotel, die Alpenrose, wurde in eine Residenz mit Eigentumswohnungen umgewandelt, ein Trend, der heute vermieden werden sollte. 1908 eröffnete die Familie Giger das Hotel Waldhaus, heute noch in Familienhand, das Beziehungen zu prominenten Persönlichkeiten in aller Welt pflegt und den Kursaal jeden Nachmittag zum Teekonzert für alle Gäste öffnet.

Im wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung von Europa wurden während den 30 Jahren rund um 1900 feudale Hotels erbaut für eine Oberschicht, die das Leben in einer gesellschaftlichen Sorglosigkeit geniessen wollte. Kein Hotel hat wohl einen so eindrücklichen Aufstieg und abrupten Fall erlebt, wie das Maloja Hotel Palace, das Traumhotel von Graf Camille de Bernesse, das 1884 mit einem rauschenden Fest prunkvoll eröffnet wurde und nur fünf Monate später in Konkurs geriet, nachdem in Italien die Cholera ausbrach und der Geldzufluss versiegte durch den Tod von Gräfin de Kerkove im Herbst 1884 in Basel. Die Ausstellung „Lichtrausch Belle Epoque“ im Palace Hotel Maloja zeigt mit Dokumenten und mit einer Video-Installation den Zeitgeist (bis 22.2.2015).

Die Hotellerie reagiere hochsensibel auf politische und wirtschaftliche Veränderungen, erklärt Reto Zuan in Sils. Viele der ganz grossen Hotels blieben nur gut 15 Jahre im Privatbesitz und gingen dann zurück an den Geldgeber, an die Bank.

Letztlich spiele der Geschäftsleiter die grössere Rolle als der Besitzer, erklärt Ernst Wyrsch, Präsident der Hotelleriesuisse Graubünden, am 19.01.2015 in einem Interview auf Zueri-Plus. Der Geschäftsleiter als Gastgeber sollte seine Gäste über eine längere Frist betreuen und die Wünsche seiner Kunden erfüllen.

Der 15. Januar 2015 setze einen Wendepunkt in den Tourismus. Darin sind sich Ernst Wyrsch und Reto Zuan einig. Hoteliers sind an ihren Standort gebunden, müssen sich mit dem hohen Schweizerfranken auseinandersetzen. Sie können weder im Ausland produzieren noch ausserhalb der Landesgrenzen günstiger einkaufen. Der Frankenkurs verschärfe die Rahmenbedingungen, zwinge zum Zusammenlegen von Dienstleistungen und zum geschlossenen Auftreten von Hotels und Regionen.

Haus der Familie von Salis, erbaut um 1602

Sils ist stolz auf die Geisteswissenschaftler, Künstler und Politiker, die seit Beginn der Hotellerie im Dorf nach Erholung gesucht haben. Sils wird als Ort der Kraft beschrieben.

Heute gehören an Sport und Kultur interessierte Menschen zum Zielpublikum, gerne auch etwas jüngere. Bücher und Filme beschreiben und bebildern Dorf und Landschaft. Die Silser hoffen, wie das ganze Engadin, auf den Werbe-Effekt des Skimarathons vom 8. März 2015.

Portrait der Gemeinde Sils

Lichtrausch Belle Epoche

Ernst Wyrsch auf www.zueri-plus

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