FrontKolumnenEuropa neu „gegründet“

Europa neu „gegründet“

Die „europäische Ehrenzeremonie“ für Helmut Kohl in Strassburg war mehr als ein Trauerakt.

Ein Toter nahm vorweg, was in den letzten Jahren nur noch als nebulöser Schatten weit in den Hintergrund gerückt war: ein europäisches Staatengebilde, ein möglicher Staatenbund oder gar ein Bundesstaat. Aufgebahrt im Plenarsaal des europäischen Parlaments, umhüllt von einem blauen Tuch mit dem Kranz aus zwölf gelben Sternen, symbolisierte der Sarg mit dem Toten eine Zukunft, bei der nicht mehr nationale Farben, nationale Identitäten einen Staatsakt prägen, sondern ein geeintes Europa.

Helmut Kohl hat schon immer weit über Deutschland hinausgedacht und gehandelt. Er hat die deutsche Vereinigung vorangetrieben, er hat mit dem damaligen sowjetischen Staatschef Gorbatschow in Sibirien einen Akt besiegelt, den damals selbst viele deutsche Politiker, wie Oskar Lafontaine, selber gar nicht wollten, viele in Frankreich, vor allem in Grossbritannien argwöhnisch beobachteten. Viele Politiker in Europa beschlich ein ungutes Gefühl gegenüber Deutschland, sie verspürten ein Unwohlsein vor einem zu starken, vor einem vereinigten Deutschland. Kohl aber hatte ein ausgeprägtes Sensorium dafür, er nahm diesen Argwohn auf und richtet seine Politik auf diese Bedenken aus. Er als ein „Mann der späten Geburt“ hatte im zweiten Weltkrieg seinen Bruder verloren, er sah auf dem Heimweg als junger Bub einen ebenso jungen Menschen als „Verräter“ an einem Baum aufgeknüpft, weil dieser gegen Ende des Krieges nicht mehr an das verbrecherische Nazi-Deutschland geglaubt hatte und deshalb aus dem letzten Aufgebot der Armee desertierte.

Diese Erfahrungen und Erlebnisse haben ihn geprägt, das hat ihn zu einem Politiker gemacht, der wusste, welches Unheil Deutschland über die Welt gebracht hatte. Er hat mit Mitterand Hand in Hand toten Soldaten und Zivilisten gedacht, die in dem mörderischen Krieg zwischen Deutschland und Frankreich, später zwischen Deutschland und der Welt in Ost und West umkamen, gefallen waren. Er trieb die Erweiterung der EU voran, er setzte den Grundstein für den Euro. In Deutschland fiel er in Ungnade. Sein Umgang mit Spendengeldern kostete ihm die Ehrenpräsidentschaft seiner Partei, der CDU.

Selbst als Toter hat er noch einmal alle auf Europa eigeschworen. Bill Clinton setzte in Strassburg zu einem glamourösen Plädoyer für Europa an. Zuerst: “I love this guy“. Um dann ernsthaft zu werden: „Nur vereint kann Europa den Herausforderungen der neuen Zeit begegnen“. Es komme darauf an, was wir unseren Kindern für eine Zukunft überlassen. Emmanuel Macron sagte am Schluss seiner Rede: „Ich will mit Angela Merkel der europäischen Union wieder Sinn und Dichte verleihen“. Und er begnügte sich bei seinem Auftritt nicht nur mit Worten. Er reichte danach der deutschen Bundeskanzlerin die Hand und gab ihr zwei Wangenküsse. Macron steht schon jetzt in Bezug auf symbolische Gesten Helmut Kohl in keiner Weise nach. Bemerkenswert waren aber auch Sätze des russischen Ministerpräsidenten Medwedew: „Mit Kohl hatten wir die besten Beziehungen“, die jetzt leider nicht mehr so gut seien. Heute seien die Gegensätze zwischen der EU und Russland zu gross, „um in einem gemeinsamen Haus Europa zu leben. Aber ein gemeinsames, sicheres Europa ist unser Ziel.“

Ich fragte mich während der Übertragung aus Strassburg, was heisst das Alles für die Schweiz? Vermag dieses Europa, das durch den europäischen Staatsakt in Frankreich beinahe eine neue Begründung erfuhr, tatsächlich neue Zeichen zu setzen. Wird der Aufbruch gar die Schweiz erreichen? Helmut Kohl liebte die Schweiz. Er kam sehr gerne nach Zürich ins Fernsehen. Ohne viel Aufhebens wollte er nicht im VIP-Bereich Mittagessen, er wollte in der Mitte der Kantine unter den Mitarbeitenden speisen. Mit viel Witz und Esprit konnte er eine ganze Runde unterhalten. Unbekümmert strafte er uns Journalisten so der Lüge, die ihn gerne wegen seiner angeblich provinziellen Art belächelten. Politisch blieb er zurückhaltend: „Ich habe Euch Schweizern keine Ratschläge zu erteilen“. Er war aber überzeugt: „Die EU wird letztlich auch die Schweiz in ihren Bann ziehen.“

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