FrontGesellschaftSeniorenrabatte sind beliebt und umstritten

Seniorenrabatte sind beliebt und umstritten

Günstiger ins Kino, zum Coiffeur, ins Tram: „Das haben wir verdient“, loben die einen. „Vergünstigungen für Rentnerinnen und Rentner sind Giesskannenquatsch,“ kritisieren die anderen.

Seniorweb liefert eine unvollständige Übersicht über die Vergünstigungen und fasst die Pro- und Kontra-Argumente zusammen.

Kurios. Bis vor einigen Jahren bot das Kölner Bordell Pascha den Senioren bis 17 Uhr 50 Prozent Das Etablissement ist zurzeit coronabedingt geschlossen. Und: Die Ermässigung gilt nicht mehr.  Gärtnermeister Biesenbach in Dortmund berücksichtigte bis vor kurzem einen Altersbonus: 1 Prozent für jeder Jahr über 65. Herr Biesenbach hätte also bei den 165-Jährigen die Hecke gratis schneiden müssen. Das Geschäftsmodell scheint sich nicht bewährt zu haben. Jetzt gibt es in Dortmund nur noch einen nicht quantifizierten Altersrabatt. Ein Schweizer Versandhaus verkaufte früher Inkontinenz-Schutzhosen mit Seniorenrabatt. Auch dieses Angebot gilt nicht mehr. Kein Rabatt im Puff, weniger Vergünstigung im Garten, keine Erleichterung mehr für Inkontinente: Die Seniorenrabatte bröckeln. Aber es gibt sie noch. Nämlich:

Bekannt. Eine der beliebtesten Vergünstigungen betreffen die Schweizer Generalabonnemente. In der ersten und zweiten Klasse sparen Senioren je etwa 25 Prozent. Ein Teil der städtischen Verkehrsbetriebe und regionalen Verbunde ermässigen die Tarife ihrer Dauer-Abos, in Biel und Bern etwa. Keine Reduktionen gibt es zum Beispiel in Zürich, Luzern, Schaffhausen und Basel. In den Filialen der Migros-Genossenschaft Aare profitieren Seniorinnen und Senioren jeden zweiten Dienstag im Monat von 10 Prozent Rabatt. Wegen Corona ist diese Regel bis Ende Juli suspendiert.

Fast überall können Rentnerinnen und Rentner billiger ins Kino. Längst nicht so verbreitet sind Seniorenrabatte bei den Coiffeuren und beim Öffentlichen Verkehr. Bilder Peter Steige

Kulturell. Jetzt ist der Weg ins Museum wieder frei. Manche gewähren Rabatte, zum Beispiel in Bern das Kunstmuseum mit dem Klee-Zentrum (minus Fr. 3.00 bis Fr. 4.00). In Zürich reduzieren das Kunsthaus (- Fr. 7.00, nur Mittwoch), das Rietberg-Museum (- Fr. 4.00) und das Landesmuseum (- Fr. 2.00). In Martigny vergünstigt die Fondation Gianadda (- Fr. 2.00).  Grosse Häuser ohne Ermässigung sind unter anderem  in Basel das Tinguely-Museum sowie die Fondation Beyeler und in Luzern das Verkehrshaus. Wenn die Kinos wieder zugänglich sind bieten die meisten  Vergünstigungen. Die Kinokette Kita verbilligt zwischen Fr. 0.50 und Fr. 3.00.  Quinnie ermässigt um Fr. 3.00. Der Zürcher Arthouse-Verbund reduziert um Fr. 2.00.

Unübersichtlich. Wegen Corona müssen wir uns bei den Bergbahnen auf die Vorfreude beschränken. Einige bieten Boni. In Disentis zum Beispiel kostet die Tageskarte Fr. 12.00 weniger, in Andermatt minus Fr. 8.00. Keinen Rabatt gibt es für den Titlis, in Zermatt, Davos und bei den Jungfraubahnen. Nicht auszuschliessen ist, dass Corona die Tarife durcheinanderbringt. Ebenso uneinheitlich verbilligen die Coiffeure. Die grossen Ketten wie Orinad oder Gidor gewähren keine Rabatte. Die kleineren Salons sind grosszügiger. Gelegentlich koppeln sie die Reduktion an umsatzschwache Tage.

Was spricht für Rabatte? Viele Seniorinnen und Senioren müssen den Franken zweimal umdrehen. In der Schweiz bezieht jeder Zehnte Ergänzungsleistungen. Rund 17 Prozent gelten als arm. Gesamtschweizerisch liegt dieser Wert bei bloss 7 Prozent. Jeder fünfte Rentnerhaushalt hat weniger als 10’000 Franken Vermögen. Die Schweiz ist ein teures Land. Die Rabatte ermöglichen, dass auch Ältere am sozialen Leben teilhaben können.

Was spricht gegen Rabatte? Die Klagen  über unsere Altersvorsorge betreffen vor allem die Zukunft. Der Anteil der gutgestellten Seniorinnen und Senioren ist in den letzten Jahren gestiegen. Finanziell geht es in unserem Land der Gruppe der 55- bis 75-Jährigen am besten. Beinahe jeder vierte Rentnerhaushalt hat ein Vermögen von mehr als einer Million Franken. Die überlieferte Formel alt gleich arm stimmt nicht mehr. Rabatte für Ältere sind unnötig.

Was meinen die Institutionen? „Rabatte können sinnvoll sein“, sagt Pro-Senectute-Mediensprecher Peter Burri. Senioren seien zunehmend umworben und eine wachsende Konsumentengruppe. Deshalb könne es für ein Unternehmen wirtschaftlich spannend sein, Senioren über Vergünstigungen an sich zu binden. Und: „Rabatte entlasten  wenig privilegierte Senioren.“ André Bähler vom Schweizer Konsumentenschutz glaubt, dass die Altersarmut heute weniger verbreitet sei als früher. Die Privatwirtschaft müsse selber entscheiden, welche Rabatte sie wem gewähre. „Öffentliche Institutionen, Museen etwa, sollten generelle Rabatte für Senioren überdenken und stattdessen Ermässigungen für einkommensschwache Personen aller Alterskategorien prüfen.“

Das meint der Autor. Rabatte für Seniorinnen und Senioren werden seltener. Das ist gut so. Solch allgemeine Vergünstigungen sind Giesskannen-Quatsch. Den Rentnerinnen und Rentnern geht es im Schnitt finanziell besser als jeder anderen Altersgruppe. Wenn schon sollten für Reduktionen nicht das Alter, sondern die Bedürftigkeit entscheiden, dokumentiert durch die Steuererklärung etwa. Aber so was ist kompliziert. Senioren haben den Vorteil, dass sie gut erfassbar sind. Die ID schafft Klarheit. Aber Identifizierbarkeit genügt nicht. Sonst könne man ebensogut alle mit blauen Augen privilegieren.

10 Kommentare

  1. Ein Blick ins Ausland weltweit zeigt, dass man sich dort nicht so schwer tut wie in der Schweiz, den Senioren aufs Geburtsdatum hin Rabatte zu geben, insbesondere auch im öffentlichen Verkehr und in Museen.

    • Gemäss meiner Erfahrung gibt es im Ausland ungefragt Rabatte. In Österreich in einem Museum bekomme ich automatisch den Seniorenrabatt.

  2. Ich bin mit Ihnen einverstanden, Herr Steiger: Bedürftigkeit sollte für Rabatte entscheidend sein und nicht das Alter. Ich werde im November 76, beziehe zwar noch keine Ergänzungsleistungen, was aber bei Eintritt in ein Heim sofort der Fall sein würde. Wenn ich den Satz höre: «Wir haben es verdient» – um die Welt zu reisen, auf Kreuzfahrtschiffen jedes Meer zu erkunden, als Einzelperson, oder auch als Paar noch eine 5- oder 6-Zimmer- Wohnung zu bewohnen – erfasst mich Wut, und mir wird zum Kotzen. Wer hat was und warum verdient? Darüber sollte man sich Gedanken machen. Klar haben wir unser Geld «hart» erarbeitet, aber wir haben vor allem von den Jahren des Aufschwungs – seit den 50-er, 60-er Jahren profitiert – und seither nie existenzbedrohliche Ereignisse erlebt, wie z.B. gerade jetzt. Also, bleiben wir doch bescheiden und genügsam!

  3. Herr Steiger spricht ein wichtiges Thema an: Ich bin auch der Meinung, dass die Bedürftigkeit und nicht der Automatismus «Pensionierung» für Rabatte ausschlaggebend sein sollte.
    Aufgrund der Steuererklärung könnten die Gemeinden entsprechenden Personen (auch Jüngeren) auf Anfrage einen Ausweis abgeben. Weshalb gutbetuchte Senioren z.B. für ein GA, einen Museumsbesuch weniger bezahlen «dürfen» als ein Familienvater im Arbeitsprozess, ist nicht nachvollziehbar.
    Die Diskussion um dieses Privileg würde wohl zu einem Aufschrei unter den Senioren führen. Wir sollten es trotzdem wagen

  4. Ich kann mit den Rabatten für die Senioren gut leben, da diese die Bahn usw. vielfach ausserhalb der Stooszeiten nutzen und somit für eine erwünschte höhere Grundauslastung in ruhigeren Zeiten besorgt sind. Um das Giesskanneprinzip kostengünstig zu vermeiden, sollen doch einfach die gut betuchten auf die entsprechenden Rabatte freiwillig verzichten. Dazu braucht es zudem keine Bürokratie.
    Ausweise auf Grund von den Steuerzahlen kommen bei den Betroffenen nicht gut an und sie werden auf diese Ausweise mehrheitlich verzichten. Denn Sie wollen sich an den Kassen nicht als Bedürftige ausweisen (wird von den Betroffenen als sehr diskriminierend empfunden) müssen.

  5. Grundsätzlich einverstanden mit Herr Steiger. Es stimmt, dass ein Grossteil der Rentner sehr gut über die Runden kommt und sie in der Schweiz gute Doppelrenten (AHV und Penskasse) geniessen, Aber fast weltweit, und u.a. in Amerika, erhalten alle über 65 jährige glattwegs zwischen 10 – 20% Rabatt. In der Schweiz, wo auf hohem Niveau verdient und pensioniert wird, ist es vielleicht nicht generell angebracht Rabatte zu gewähren (ausser in Hotels). Dafür Verbesserung im Jugendbereich.

    Die übertriebene Preis- und Margenstruktur in der Schweiz (Rabatte sind ja eingerechnet) kann diese Vergünstigungen leicht übernehmen. Auch noch in anderen Sektoren. Also aufrechterhalten und/oder die freie Marktwirtschaft wirken lassen. Jetzt sowieso. Derjenige der den Rabatt nicht unbedingt wünscht, kann ja dafür ein gemeinnütziges Werk unterstützen. Z.B. CHF1000 im Jahr und steuerlich abzugsfähig. So wie ich das mache.

  6. 1) Rund 17 Prozent beziehem Ergänzungsleistungen; jede 10te Senior gilt als arm; finanziell geht es in unserem Land der Gruppe der 55- bis 75-Jährigen am besten. Diese gegenläufige Aussagen sind zwar nicht widersprüchlich, sondern unklar und als Entscheidungsgrundlage verwirrend.
    2) Seniorenrabatt ja, aber mit Einschränkungen für die Nutzung. Mein Fitness-Zentrum gibt Seniorenrabatt, aber nur für die schwach belasteten Zeiten. So könnte man auch das Senioren-GA der SBB nur ab 9 Uhr gültig erklären.

  7. Es gibt in der Schweiz sehr sehr viele Senioren, die haben weder Handy, Computer noch Geld, und möchten günstig reisen weil es anders nicht geht. Kommt dies in diesem Meinungs-Karussel an ? Denn diese melden sich NICHT auf diesem Portal, hier tun aber alle so, als gäbe es diese armen eigenen Leute nicht – wie selbstsüchtig Ihr doch denkt und gedankenlos
    daherplappert, erschreckend , aber immer dieses Weltverbessungssyndrom aber für Eigene im Land vergönnend Ignorant sein . Einfach peinlich…..

  8. Alles muss umgekrempelt werden. Zum Glück möchten alle das Rad neu erfinden, ist doch «cool».
    Vor allem soooo viele Manager, die am Schreibtisch ständig etwas austüfteln ,super, genial, von Praxis keine Spur.
    Wenn ich ausserkantonal Kinder hüte, gehe ich um 6.45 h auf den Zug. Soll ich jedes Mal am Vortag anreisen.
    Die Pensionierten machen so viele unbezahlte Freiwilligenarbeit, möchtet ihr uns gerne diese bezahlen?

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