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Der Tod wartet auf uns alle

«Gedanken an den Tod verschiebt man gerne auf später», so der Untertitel von «Ausleben», dem Porträtbuch von Mena Kost mit Fotografien von Annette Boutellier. Sechzehn Frauen und Männer zwischen 83 und 111 erzählen, wie sie mit dem Tod umgehen.

Der Tod hat verschiedene Gesichter, er «ist kein Wolf, der am Waldrand steht und vor dem man Angst hat», meint die 91-jährige Bergbäuerin aus dem bündnerischen Waltensburg. Sie lebt im Stöckli und kümmert sich um die Hennen, doch metzgen mag sie diese nicht mehr. Früher dachte sie, sie hätte noch 50 Jahre zu leben, dann 20, «aber jetzt ist nichts mehr da – ich bin 90. Erst wenn du jemanden verlierst, weisst du wirklich, wie das ist», und sie spricht von ihrem vor zwanzig Jahren verstorbenen Mann. Weil schon so viele gegangen sind, müssten die Alten weniger zurücklassen und «es hat sich da oben schon etwas bewohnt».

Sofie Pfister-Odermatt (*1929). Bergbäuerin aus Waltensburg/Vuorz/GR.

Der letzte Lebensabschnitt stellt die Menschen vor grosse Herausforderungen. Um mehr darüber zu erfahren, besuchten die Autorin Mena Kost sowie die Fotografin Annette Boutellier Menschen zwischen 83 und 111 Jahren. In Gesprächen blickten die Frauen und Männer auf ihr Leben zurück und erzählten, wie es sich anfühlt, nach vorne zu schauen. Altwerden heisst loslassen, auch unter den besten Umständen, weil die eigenen Möglichkeiten abnehmen, die Gebrechen zunehmen, die Kraft nachlässt und die Beziehungen weniger werden. Viele der Befragten entwickelten eine Gelassenheit, sogar ein freundschaftliches Verhältnis zum Tod in der Gewissheit, dass einem nicht mehr allzu viel Zeit bleibt.

Monica Gubser (1931-2019) war Schauspielerin und schaffte den Durchbruch mit 75 Jahren im Film «Herbstzeitlosen». In ihrem letzten Film «Die letzte Pointe» (2017) spielte sie eine Frau, die glaubt, an Demenz zu leiden und ihrem Leben deshalb ein Ende setzen will. Monika Gubser – sie starb kurze Zeit nach dem Interview – war sich der Endlichkeit bewusst, auch wenn sie noch Drehbücher studierte und im Kino Rollen von älteren, schrulligen Frauen spielte. Sie war mit ihrem Leben zufrieden und meinte, es wäre vieles zu ihr gekommen, «ich musste nur danach greifen». Sie war überzeugt, «wenn wir sterben, gehen wir in Dimensionen ein, von denen wir keine Ahnung haben. Der Körper bleibt hier, der wird beerdigt. Aber man nimmt etwas mit, das einen Sinn hat. Und damit kommt man irgendwann wieder auf die Welt.»

Der Mikrobiologe, Genetiker und Nobelpreisträger Werner Arber (*1929) wuchs auf einem Bauernhof im Aargauer Wynental auf. Durch seine Arbeit beschäftigte er sich mit den Prozessen der Evolution und wusste, dass sie in Gefahr wäre, wenn wir ewig leben würden, und er sagt: «Jedes Lebewesen muss die Chance haben, sich zu vermehren, um eine neue Mutation auszuprobieren. Man stirbt also auch für die Entwicklung der Menschheit». Angst vor dem Tod hat Werner Arber nicht. Der Gedanke, mit seiner Arbeit den Grundbaustein für die Molekulargenetik gelegt zu haben, hilft ihm dabei. Ebenso, dass es Kinder und Enkelkinder gibt, welche die Erbinformationen der Eltern in sich tragen und ihre Eigenschaften weitergeben. «Wenn jemand stirbt, muss man jene trösten, die noch leben (…) Bei mir ist Trauer nicht lange da; mit der Beerdigung ist der Tod für mich ein Stück weit abgeschlossen. Was mir bleibt, sind die guten Erinnerungen.»

Werner Arber (*1929) ist Mikrobiologe, Genetiker und Nobelpreisträger (1978).

Nach der Einführung des Frauenstimmrechts 1971 wurde Margrith Bigler-Eggenberger (*1933) zur ersten Bundesrichterin der Schweiz gewählt. Sie hatte Rechtswissenschaften studiert, wurde Anwältin, Dozentin und Richterin. Für sie ist Richterin einer der schönsten Berufe überhaupt. Als Frau musste sie in der Männerdomäne der Justiz oft zurückstehen, lernte aber auch sich durchzusetzen. Sie wuchs in Niederuzwil/SG nahe der Grenze auf und erlebte als Kind, wie politische Flüchtlinge bei ihnen anklopften, und sie hörte ihren Erzählungen aufmerksam zu. Dies prägte ihr Leben. 1959 heiratete sie. Ihr Mann war als Kind im Konzentrationslager und wurde von einer Schweizer Familie adoptiert. Margrith Bigler-Eggenberger findet heute, auch wenn sie keine eigenen Kinder hat, hatten sie ein schönes Leben. Vor zwölf Jahren starb ihr Mann, aber noch immer ist er für sie präsent und sie redet mit ihm. Für sie wäre es schön, wenn man nach dem Tod wieder mit seiner Familie vereint wäre.

Margrith Bigler-Eggenberger (*1933) war von 1974-1994 die erste Bundesrichterin der Schweiz und auch eine der ersten Dozentinnen der Universität St. Gallen.

Als Mena Kost und Annette Boutellier die Anfragen für Interviews an hochbetagte Menschen verschickten, waren fast alle einverstanden. Vierzehn Männer und Frauen sowie ein Ehepaar empfingen die zwei jüngeren Frauen freundlich bei sich zu Hause. Es war nicht selbstverständlich, dass sie sich den Besucherinnen gegenüber öffneten. Denn in der Regel redet man nicht gerne über den Tod und schweigt, weil man die Jüngeren nicht belasten will, zudem ist man möglicherweise über die eigenen Ängste beschämt. Auch die Jungen trauen sich nicht, mit älteren, ihnen nahestehenden Menschen über Tod und Sterben zu reden. Sie möchten sie nicht daran erinnern und befürchten, es könnte pietätlos sein, über den Abschied zu reden. So gehört das Lebensende in der Gesellschaft zu einem der meist tabuisierten Themen.

Die Autorin schrieb die persönlichen, auch philosophischen Gespräche nahe an der Sprache der Erzählenden nieder. Auch die Fotografin liess sich von der vorgefundenen Atmosphäre leiten und fotografierte die Menschen in ihrem natürlichen Umfeld während des Besuchs. Mitunter fotografierte sie alte Erinnerungsbilder und fügte sie hinzu. Durch diese Gespräche hätten die Hochbetagten und auch sie selber erfahren und gespürt, stellt Kost fest, wie gut es sei, über den Tod zu reden, weil man ihn damit, zumindest ein Stück weit, gemeinsam akzeptiert. Für die Autorinnen waren es inspirierende und berührende Begegnungen mit Menschen, die eine reiche Lebenserfahrung mitbringen und sich nun dem Lebensende annähern.

Beitragsbild: © Eva Caflisch
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otos: © Annette Boutellier

Mena Kost/Annette Boutellier, Ausleben. Gedanken an den Tod verschiebt man gerne auf später. 196 S. mit Abb., Christoph Merian Verlag, Basel 2020. ISBN 978-3-85616-914-5

 

1 Kommentar

  1. Ich würde den Titel gerne umkehren.
    Wir alle warten auf den Tod.
    Ich habe schon einige 90 und Ältere erlebt. Die geplagt sind vom Knochenschwund, offnen Beinen etc.
    So lange es ging waren diese Menschen sehr aktiv, sei es mit der Familie, mit Wandern. Es braucht nur eine kleine gesundheitliche Störung, die die Aktivitäten einschränken und gehts bergab. Sehr schnell baut der Körper ab und damit der Lebenswille. Der Tod wird zum lang erwarteten Freund. Der dank unserem Gesundheitswesen oft nicht reingelassen wird und warten muss.
    Franz Callegher
    Wanderleiter Pro Senectute

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