FrontGesellschaftKluge Köpfe entwickeln geschickte Hände

Kluge Köpfe entwickeln geschickte Hände

Menschen beginnen spät zu lernen, aber sie entwickeln mehr Fingerfertigkeit als Menschenaffen und andere Primaten.  Eine anthropologische Studie der Universität Zürich.

Affenarten mit grossen Gehirnen beherrschen schwierigere Handgriffe als solche mit kleinen Hirnen. Doch das Erlernen feinmotorischer Fähigkeiten wie der Werkzeuggebrauch kann dauern: am meisten Zeit beansprucht es bei Menschen. Arten mit grossem Hirn wie Menschen und Menschenaffen lernen zwar nicht langsamer als andere Primaten, beginnen aber erst später damit, wie Forschende der Universität Zürich zeigen.

Vertreter der Hominiden: Sumatra-Orang-Utans (Pongo abelii) und Mensch (Homo sapiens)

Menschen sind sehr geschickt mit den Händen, brauchen aber sehr lange, um verschiedene Fingerfertigkeiten zu erlernen. Erst im Alter von etwa fünf Monaten können Kinder erstmals gezielt greifen. Und bis sie schwierigere Handgriffe beherrschen –etwa mit Messer und Gabel zu essen oder die Schuhbändel zu binden –dauert es nochmals rund fünf bis sechs Jahre. In diesem Alter haben viele Affenarten bereits ihren ersten Nachwuchs. Weshalb brauchen Menschen im Vergleich zu ihren nächsten Verwandten so viel länger, um feinmotorische Fähigkeiten auszubilden?

Hirnentwicklung verläuft bei Affen in starren Mustern.

Um diese Frage zu klären, hat Sandra Heldstab zusammen mit einem Team vom Anthropologischen Institut der Universität Zürich während mehr als sieben Jahren 36 Affenarten beobachtet. Die Evolutionsbiologin studierte 128 Jungtiere in 13 europäischen Zoos von Geburt an bis zum Alter, in dem sie sämtliche Fingerfertigkeiten erwachsener Tiere erlernt hatten.

Affenhände jeden Alters (Bild: UZH)

Überraschend war, dass alle Affenarten ihre jeweiligen Fingerfertigkeiten in exakt derselben Reihenfolge erlernten. «Unsere Ergebnisse zeigen, dass die neuronale Entwicklung in extrem starren Mustern verläuft – auch bei unterschiedlichsten Affenarten», erklärt Heldstab.

Erst ein grosses Hirn ermöglicht geschickte Hände.

Grosse Unterschiede fanden die Forschenden jedoch bei den konkreten feinmotorischen Fähigkeiten, die die verschiedenen Affenarten als Erwachsene beherrschen. Affenarten mit grossen Gehirnen wie Makaken, Gorillas oder Schimpansen können mit ihren Händen viel schwierigere Aufgaben lösen als solche mit kleinen Gehirnen wie Lemuren oder Krallenaffen. «Wir Menschen können nicht bloss zufällig so geschickt mit Händen und Werkzeugen umgehen, unser grosses Hirn hat dies überhaupt erst ermöglicht. Ein kluges Köpfchen hat also auch ein geschicktes Händchen», sagt Heldstab.

Menschen entwickeln Fingerfertigkeiten später als Affen.

Geschickte Hände haben jedoch ihren Preis: Bei Arten mit grossen Gehirnen wie dem Menschen dauert es sehr lange, bis sie selbst einfachste Hand-und Fingerbewegungen erlernt haben. «Wir brauchen nicht nur länger, weil wir schwierigere Handgriffe erlernen als etwa Lemuren oder Krallenaffen, sondern vor allem weil wir erst viel später mit dem Erlernen dieser Fähigkeiten beginnen», sagt Heldstab.

Der Mensch benutzt komplexere Werkzeuge als alle anderen Vertreter der Menschenaffen.

Die Forschenden vermuten, dass grosse Gehirne wie jenes des Menschen bei der Geburt noch weniger weit entwickelt sind. Genügend Zeit zum Lernen ist essenziell. Zudem ist Lernen kostspielig, da Fehler passieren können und Eltern viel Zeit und Energie investieren müssen, bis der Nachwuchs selbständig ist.

Dieses Gorillaweibchen benutzt einen Stock, um die Wassertiefe zu prüfen und sich abzustützen

«Unsere Studie zeigt einmal mehr, dass sich im Verlauf der Evolution nur bei Säugetierarten, die lange leben und genügend Zeit zum Lernen haben, ein grosses Hirn und komplexe Fingerfertigkeiten inklusive Werkzeuggebrauch entwickeln konnten. Dies macht deutlich, warum so wenige Arten unserem Weg folgen und warum wir Menschen zum technologisch vollkommensten Organismus auf diesem Planeten werden konnten», folgert Sandra Heldstab.

Bilder: Wikipedia
Beitragsbild: Gemälde eines Menschenaffen von Sir William Jardine, 1833

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