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Die Wurzeln unseres Wissens

Das Buch des Engländers Brian Clegg «Bücher, die die Welt veränderten» verfolgt die Entwicklung der Naturwissenschaften von ihren Anfängen an. Der Autor stellt die wegweisenden Erkenntnisse von Archimedes bis Stephen Hawking vor.

Wer dieses ausserordentlich schön gestaltete Buch zur Hand nimmt, begibt sich auf eine Reise durch die Jahrtausende. Wir erhalten einen gut gegliederten Überblick und lernen die wichtigsten Bücher aus Biologie, Medizin, Physik, Chemie, Astrophysik kennen, kurz aus allen wichtigen Wissenschaftssparten, ohne dass wir dafür ein Studium absolvieren müssten.

Brian Clegg präsentiert nicht nur die Entwicklung wissenschaftlicher Konzepte, sondern er erklärt auch die Bedeutung der Sprache und des Buches an sich, ohne die kein Wissenschaftler von den Forschungen der anderen erfahren würde. Die Kommunikation – nicht nur der Wissenschaften, sondern auch der Herrschenden und der Amtsträger – begann mit Einritzungen und Schriftrollen, bis bekanntlich mit Gutenbergs Erfindung der beweglichen Lettern im 15. Jahrhundert gebundene Bücher in ihrer heutigen Form gedruckt wurden. Im Laufe der Lektüre erkennen wir, wie das geschriebene Wort unser Wissen über das Universum und über uns selbst erweitert hat.

Aristoteles-Porträt in moderner Büste, römische Kopie nach einer Skulptur, die dem griechischen Bildhauer Lysippos zugeschrieben wird. Rom, Palazzo Altemps

Über die Weisen der Antike schreibt der Autor: «Alles, was wir wissen, ist nichts als Hörensagen», denn von den griechischen Gelehrten sind keine originalen Schriften erhalten. Thales und Pythagoras begegneten vielen von uns im Mathematikunterricht, wobei Thales als erster Philosoph gilt, der die Kräfte der Natur losgelöst vom Wirken der Götter betrachtet hatte.

Pythagoras› grösste Leistung scheint der Satz der Trigonometrie zu sein: a2 + b2 = c2, den wir alle gelernt haben, der vielleicht gar nicht von diesem griechischen Philosophen und Mathematiker persönlich stammt. Seine Lehren wurden über Jahrtausende verehrt, obwohl es keine direkten überlieferten Dokumente gab.

Auch Wissenschaft altert

Anders geht es Aristoteles, der immer noch als Universalgelehrter von weitreichendem Einfluss gilt, obwohl sich in jüngster Zeit viele Wissenschaftsautoren über ihn lustig machen, da sich seine Erkenntnisse aufgrund späterer Forschungen als falsch herausgestellt haben. Immerhin wurden seine Konzepte über die Himmelsbewegungen der Sonne und der Planeten bis ins 15. Jahrhundert für unumstösslich gehalten, bis Kopernikus, Kepler, Galilei u.a. die alten Vorstellungen aufgrund ihrer Berechnungen auf den Kopf stellten. Diese liefen den Ansichten der katholischen Kirche zuwider, obwohl auch einzelne katholische Wissenschaftler längst erkannt hatten, dass die Erde um die Sonne kreist, dies aber geheim hielten.

Détail einer Illustration aus dem Canon medicinae von Avicenna (aus der Bibliothek in Besançon)

Es ist heute eine Binsenweisheit, dass viele Erkenntnisse aus dem Altertum und dem Mittelalter inzwischen überholt, ja uns Heutigen gar lächerlich erscheinen. Zu ihrer Zeit aber haben sie den Stand des Wissens vorangebracht. Über Jahrhunderte wurden die Wissenschaften in Europa wenig gepflegt, arabische, persische, indische, ja sogar chinesische Gelehrte übersetzten alte griechische Dokumente und arbeiteten weiter daran. Clegg führt den Arzt Hunain Ibn Ishak aus dem heutigen Irak an, der das erste systematische Lehrbuch der Augenheilkunde verfasste. Nicht zu vergessen Avicenna, Ibn Sina, dessen Kanon der Medizin für die Heilkunde des Mittelalters von immenser Bedeutung war.

Wissenschaft war schon immer international

Insgesamt 150 Werke aus allen Sparten der Naturwissenschaften berücksichtigt Clegg in diesem Buch, Erkenntnisse von Berühmtheiten wie Charles Darwin, René Descartes oder Leonardo da Vinci, der weniger als Entdecker unbekannter Naturgesetze gilt, sondern nebst seiner künstlerischen Tätigkeit als genialer Konstrukteur und Forscher an Mensch und Natur wirkte.

Gabrielle Émilie Le Tonnelier de Breteuil, Marquise du Châtelet (1706-1749), Mathematikerin und Physikerin. Portrait von Maurice-Quentin de La Tour

Im Kapitel über zeitgenössische Gelehrte lesen wir nicht nur von Albert Einstein und seinem Kreis, sondern auch von Peter Atkins, David Attenborough und Yuval Noah Harari. Der Autor spricht die Tatsache an, dass er fast keine Frauen gefunden hat, die sich durch ihre wissenschaftlichen Werke einen Namen gemacht haben, es sind neben der Nobelpreisträgerin Marie Curie eine Forscherin aus dem 18. Jahrhundert Emilie du Châtelet, Antoinette Brown Blackwell, eine englische Naturforscherin im 19. Jahrhundert, und einige wenige zeitgenössische Wissenschaftlerinnen. Über die Ursachen dieser Tatsache liesse sich ein weiteres Buch schreiben.

Das Vergnügen, ein Buch zu lesen

Nun fragen Sie vielleicht, warum Sie ein solches Buch zur Hand nehmen sollten, wenn wir doch alle Informationen, die uns interessieren, im Internet finden können. Das mag für eine Recherche nach bestimmten Fakten oder Ereignissen stimmen. Dieses Buch beeindruckt durch die Fülle der zusammengetragenen Forschungen und dem ausgewogenen Verhältnis von Text und Bild.

Die Zusammenschau sticht hervor, nicht die Einzelheiten. Kapitel für Kapitel können wir die Weltsicht der Menschen und die Entwicklung der Wissenschaften konkret in Wort und Bild nachverfolgen. – In einem Buch hin- und zurückzublättern ist doch viel entspannender, als über den Bildschirm zu wischen. Der Autor macht zudem komplexe Sachverhalte leicht verständlich.

Zum Autor: Brian Clegg, Mitglied der Royal Society of Arts, studierte in Cambridge Naturwissenschaften und an der Lancaster University Operational Research. Er arbeitet seit 15 Jahren als Wissenschaftsautor und veröffentlichte mehr als 30 Bücher, darunter A Brief History of Infinity (Eine kleine Geschichte der Unendlichkeit) und The Quantum Age.

Clegg, Brian / Schmidt-Wussow, Susanne (Übersetzung): Bücher, die die Welt veränderten.
Die bedeutendsten Werke der Naturwissenschaften von Archimedes bis Stephen Hawking. Haupt Verlag 2020.
272 Seiten, über 330 Abbildungen. ISBN: 978-3-258-08199-1

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