Gespräch

Dem Buch «Die Kunst des Miteinander-Redens – Über den Dialog in Gesellschaft und Politik» von Bernhard Pörksen und Friedemann Schulz von Thun konnte ich mit einer einmaligen Lektüre nicht beikommen. Zu viele Denkimpulse, zu viele Informationen, zu viele Antworten auf Fragen, die ich «schon lange einmal stellen wollte», kamen mir da entgegen.

Das Sachbuch «Die Kunst des Miteinander-Redens – Über den Dialog in Gesellschaft und Politik» verfassten zwei Autoren mit unterschiedlichem Hintergrund und einem Altersunterschied von 25 Jahren Friedemann Schulz von Thun (1944) war bis 2009 Professor für Psychologie an der Universität Hamburg und hat ein Standardwerk über «Miteinander Reden» geschrieben. Bernhard Pörksen (1969) ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Er wurde unter anderem mit seinen Arbeiten zur Skandalforschung bekannt.

Die Form des Dargebotenen

Originell ist die Gliederung des Buches. Bernhard Pörksen umreisst in einem Vorwort auf ungefähr vierzig Seiten die heutige Situation der Kommunikation. Charakterisiert uns als die «Gesellschaft der Gleichzeitigkeiten», in der die «Sehnsucht nach Stille» eine immer grössere Rolle spielt. Gleichzeitig werden wir auf allen verfügbaren Kommunikationskanälen mit Neuigkeiten überflutet. «Denn permanent werden auf der Weltbühne des Netzes Polaritäten sichtbar und Kaskaden von Unterschieden in neuer Unmittelbarkeit transparent – zwischen Reichen und Armen, Religionen und Nationen, Stadt und Land, zwischen Peripherie und Zentrum, zwischen Anywheres und Somewheres, also zwischen kosmopolitischen Gobalisierungsgewinnern und milieuverhafteten Globalisierungsverlierern».

Lesend dachte ich immer wieder: «Genau so ist es». Pörksen benennt auch den Gegentrend: «Solche Sehnsuchtsmagazine berichten über den Wechsel der Jahreszeiten, über dampfendes selbst gebackenes Brot, glückliche Kinderaugen beim Laternenumzug, die intensiven Farben der Herbstblätter, das Erleben von Ruhe und Allmählichkeit in der Natur». Ruhe und Allmählichkeit hatte ich kürzlich erlebt auf einer Schifffahrt auf dem Vierwaldstättersee, bei grauverhangenem Himmel, bleifarbenem Wasser und Uferlandschaften, die sich nur durch die Konturen, aber nicht durch die Farben abhoben. Ein Gesundbrunnen für die Seele waren diese Stunden.

Im Nachwort erläutert Friedemann Schulz von Thun nochmals die erarbeiteten Grundprinzipien und erklärt Sinn und Zweck des Buches: «Wenn es gelingt, nach guten Debatten eine integrale Lösung zu finden, die intelligenter und weiser ist, als was jeder Einzelne im Kopf hatte, dann hätte Demokratie sich auf schönste Weise verwirklicht. Gewiss, dieses Ideal ist eine Utopie – aber Utopien stellen den Kompass, damit die Richtung stimmt». Das Buch klingt aus mit der Feststellung: «Gewiss hätte keiner dieses Buch allein schreiben können. Und wenn es stimmt, dass die Wahrheit zu zweit beginnt, dann sind wir ihr vielleicht ein paar Meter näher gekommen?»

Das Herzstück des Buches

Der Hauptteil des Buches besteht aus vier Gesprächen, welche die beiden Wissenschaftler über einen längeren Zeitraum hinweg geführt und dann zum Buch verarbeitet haben. Die Themen sind: «Dynamik der Polarisierung», «Möglichkeiten und Grenzen des Dialogs», «Transparenz und Skandal», «Desinformation und Manipulation». Hier wird die Geduld und Beharrlichkeit der Leserin, des Lesers, auf die Probe gestellt. Die beiden Herren schöpfen aus der Fülle ihrer in bereits erschienen Werken dargelegten Erkenntnisse. Sie zitieren immer wieder andere Autorinnen und Autoren.

Das Schwergewicht liegt auf der Kommunikation im öffentlichen Raum. Die Beispiele stammen aus dem politischen Leben Deutschlands und erinnern an Vorgänge, die wir natürlich auch mitbekommen, seinerzeit mindestens oberflächlich zur Kenntnis genommen haben. Wer erinnert sich nicht, wenigstens vage, an Schlagzeilen über den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, den ehemaligen Bundesminister Karl-Theodor zu Guttenberg oder die Theologin Margot Kässmann?

Geduld und Beharrlichkeit wird uns abverlangt, weil die beiden Herren sich bei ihren Gesprächen, die wir mitverfolgen können, Zeit lassen. Sie geben einander den nötigen Raum, ihre Gedanken zu entwickeln. Sie gehen höflich, freundschaftlich miteinander um. Natürlich widersprechen sie sich, fragen immer wieder nach, markieren eigene Standpunkte. Sie ringen nach Antworten und Lösungen, die «intelligenter und weiser sind, als was jeder Einzelne im Kopf hatte».

Wie gehen Menschen im Gespäch miteinander um? (pixabay)

Dabei weichen sie auch ganz schwierigen Themen nicht aus. Wie verhält es sich zum Beispiel mit Gesprächen mit Menschen, die einzeln oder in Gruppen, Meinungen vertreten, die von den eigenen Meinungen und Werthaltungen total abweichen? Aber Achtung! Die Argumente werden eingehend formuliert, ausgetauscht, gründlich abgewogen. Rasche Antworten oder Schlussfolgerungen sind auf keiner Seite des Buches zu haben!

Würdigung

Mir hat das Buch ausserordentlich viel mitgegeben. Es hat mir Erfahrungen, die ich während meines beruflichen und politischen Lebens in Gesprächssituationen gemacht habe, gleichsam im Rückblick erhellt und geklärt. Es hat mir bestätigt, dass erste Reaktionen im Gespräch auf ein Gegenüber den Verlauf des Gesprächs, aber auch den Verlauf einer Beziehung massgeblich beeinflussen können. Immer wieder kommt mir der Jugendliche in den Sinn, den ich als Jugendanwältin zu einer Befragung wegen eines kleineren Deliktes vorgeladen hatte und der mich anstelle der Begrüssung mit einer Schimpftirade überflutete.

Ich weiss nicht mehr, welcher Schutzengel mich dazu bewog, ihm zu antworten, dass ich ihm dankbar sei, dass er seinen freien Nachmittag für das Gespräch mit mir opfere. Wir sprachen mehr als eine Stunde miteinander. Auf meine beiläufig gestellte Frage: «Und, wie geht es zuhause?» öffneten sich die Schleusen. Am Schluss sagte ich zu ihm: «Du musst viel tragen auf denen schmalen Schultern». «Ja», meinte er, «und immer sagen sie, ich sei aggressiv. Dabei bin ich gar nicht aggressiv!»

Die kostbarste Erkenntnis, die ich von der Lektüre des Buches mitnehme, ist in der Formulierung enthalten: «Die Wahrheit beginnt zu zweit». Die Herkunft des Zitats ist im Buch angegeben. Sie trifft mich mitten ins Herz. Gehöre ich doch durch meinen Erfahrungshintergrund zu jenen Menschen, die immer wieder dem Irrtum verfallen, sie «wüssten Bescheid», sozusagen über alles und jedes. So ist es aber nicht. Immer wieder stellt sich heraus, dass «meine Wahrheit» ergänzungsbedürftig ist. Und sich auch ergänzen lässt!

Wenn ich nur die Ruhe und Geduld aufbringe, dem anderen, den anderen aufmerksam zuzuhören. «Wie meinst Du das genau?» lässt etwa das persönliche Gespräch weiterfliessen. «Was wollen sie uns für eine Botschaft vermitteln?» ist in grösseren Zusammenhängen eine kluge Frage. Allerdings sollten Politikerinnen und Politiker diese tunlichst am Anfang von «unheilvollen Prozessen» stellen. Und nicht erst am Ende, wenn das Geschirr zerschlagen ist. Und auch das Aufwischen der Scherben nichts mehr bringt!

Bernhard Pörksen/Friedemann Schulz von Thun: «Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik». 2020 Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München. ISBN 978-3-446-265990-5

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