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Von Krösus zur Kryptowährung

Können wir unserem Geldsystem vertrauen? Wie lässt sich die Komplexität der heutigen Geld-Welt überhaupt noch begreifen? Eine neue Ausstellung im Bernischen Historischen Museum liefert Antworten und regt zur Diskussion an.

In den kommenden elf Monaten zeigt das Bernische Historische Museum (BHM) in Kooperation mit der Schweizerischen Nationalbank (SNB) die Ausstellung «Das entfesselte Geld – Die Geschichte einer Erfindung». Die interaktive Schau lädt zur Auseinandersetzung mit unserem Geldsystem ein, zeigt Meilensteine aus der Geschichte des Geldes und bildet einen Ausgangspunkt für das im «Kaiserhaus» geplante Besucherzentrum der SNB. Ohne Vertrauen in das Geldsystem kein Wohlstand, lautet eine These.

Die Ausstellung zeigt die Entwicklung vom Warengeld zum Metallgeld, von der Münze zum Papier, von der Banknote zum elektronischen Bitcoin. Die Geschichte des Geldes ist gleichzeitig eine Dematerialisierung, eine Beschleunigung sowie eine sich wiederholende Entfesselung. Geld habe eine «eruptive Kraft», die neue Dynamiken in Gang bringe, oft auf einen Schlag, sagt Kurator David Iselin. Es sei ein ökonomisches, aber genauso auch ein gesellschaftliches Transportmittel, binde und besetze die Menschen auch emotional: «Geld betört uns, erregt uns, macht uns aber auch Angst, wenn wir es nicht haben.» All diese Aspekte behandelt die Ausstellung.

Münzen, dann Papiergeld

Krösus, der letzte König von Lydien, lebte im 6. Jahrhundert vor Christus im Gebiet der heutigen Türkei und war ebenso reich wie grosszügig. Er galt lange als Erfinder der Münzen, obwohl die ersten Exemplare bereits 100 Jahre vorher in Umlauf waren. Die Münzen verwendeten die Menschen für Sold- und Steuerzahlungen. Dann wurden sie – auch dank Krösus – zu einem durchschlagenden Erfolg und verbreiteten sich innerhalb von zwei Generationen im ganzen Mittelmeerraum. In der Ausstellung symbolisiert eine Vielzahl von Sparschweinchen, Kässeli und Geldbörsen die Internationalität der unterschiedlichen Zahlungsmittel.

Eine Frage des Vertrauens: Wer ein Sparkässeli füllt, vertraut auf den künftigen Wert des angesparten Geldes.

Louis XIV., der Sonnenkönig, starb 1715 und hinterliess im französischen Königreich marode Staatsfinanzen. Der Spanische Erbfolgekrieg war zur schweren Belastung geworden für den Haushalt. Der schottische Banker John Law sollte diesen wieder ins Lot bringen. Ihm eilte jedoch ein zweifelhafter Ruf voraus: In London war er durch Glücksspiel reich geworden. Auch in Paris erspielte er sich ein beachtliches Vermögen. Über innovative, aber hochspekulative Finanzprodukte sowie die Herausgabe von Notengeld versuchte er, Frankreich von seinen Geldsorgen zu befreien. Die Banknote war geboren.

Die dritte Entfesselung war der sogenannte «Nixon-Schock»: Die Ankündigung des US-Präsidenten Richard Nixon, die Golddeckung des Dollars aufzuheben, brachte weltweit eine grosse Verunsicherung mit sich. Die bisher gebundenen Währungen wurden plötzlich frei gehandelt. Es folgten Börsencrashs, welche die Nationalbanken zu Interventionen zwangen.

Geld existiert im Überfluss und ist zugleich für viele meist ein knappes Gut.

In jüngster Zeit entstanden Kryptowährungen wie Bitcoin. Die neuen digitalen Zahlungsmittel funktionieren ohne die Einmischung einer Zentralbank. Zunächst haben sich Menschen, die früh auf die Innovation setzten, durch Spekulationen eine goldene Nase verdient. Längerfristig sieht die Finanzwissenschaft aber auch Chancen jenseits der Spekulation. «In Ländern ohne funktionierendes Bankensystem können Kryptowährungen das Wirtschaftswachstum begünstigen», sagt die Professorin für Privatrecht und Bankrecht, Susanne Emmenegger, in der Ausstellung in einem von mehreren Videointerviews.

Fragen und Antworten

Im letzten Raum geben sechs Expertinnen und Experten ihre Meinung zu wichtigen Geldfragen zum Besten und ordnen ein. Ist der Schweizer Franken sicher? Welche Rolle spielt die Nationalbank? Inwiefern hat die Corona-Pandemie unser Geldsystem herausgefordert? Woher kommen grosse Geldmengen in kürzester Zeit? Was bedeutet «entfesseltes Geld»? Welche Rolle spielt das Vertrauen der Bevölkerung in eine Währung und in die Währungspolitik eines Landes? Wie kann es zu einer Währungskrise kommen? Lässt sich die Komplexität des heutigen Geldsystems überhaupt noch begreifen?

Diese und weitere Aspekte können im Anschluss an den Ausstellungsbesuch an der Bar «Chez Dagobert» diskutiert werden. «Money Hosts» laden zu einem Drink ein und suchen das Gespräch. Sinngemäss heissen die angebotenen Sirup-Getränke «Down Jones», «Bloody Money», «Cuba Lire» «Manhattan Z`weni» oder «Cryptopolitan». Das neue Debattenformat bietet dem Publikum die Möglichkeit, das Gesehene und Gehörte zu verdauen und seine Meinung zum Geldsystem zu äussern.

«Chez Dagobert»: An der Bar kann man sich als Museumsbesucherin oder -besucher über die Geldströme informieren.

Vom 16. März bis am 27. April 2022 ist die Ausstellung mit dem Abendprogramm «Ein Abend im Museum – Money Talks» jeweils mittwochs bis um 21.30 Uhr geöffnet. Gastgeber ist dabei der Berner Rapper Tommy Vercetti. Simon Küffer – wie er mit bürgerlichem Namen heisst – forscht an der Hochschule der Künste Bern zum Thema Geld. An sieben Abenden diskutiert er mit wechselnden Gästen über Themen wie Kryptowährungen, Geldschwemme oder die Ästhetik des Geldes. Im November 2022 wird dem Thema Geld gleich ein ganzes Wochenende gewidmet: Das aha aus Luzern, ein Festival für Wissen, macht am 11. und 12. November 2022 Halt in Bern.

Ein wichtiger Schritt in Richtung Kaiserhaus

Die Ausstellung «Das entfesselte Geld» ist Teil einer langjährigen Zusammenarbeit zwischen dem BHM und der SNB, deren Ziel die Eröffnung eines gemeinsamen «Geld-Erlebnisses» im umgebauten «Kaiserhaus» in Bern ist. Die Ausstellung soll Ort zum Erleben, Lernen und Staunen werden.

«Die Schau im Bernischen Historischen Museum bietet uns die Chance, den Puls der Besuchenden zu fühlen und so den aktuell relevanten Fragen rund ums Geld im Hinblick auf das Kaiserhaus-Projekt auf die Spur zu kommen», so BHM-Direktor Thomas Pauli-Gabi anlässlich der Ausstellungseröffnung. Das «Kaiserhaus» soll 2024 eröffnet werden.

Titelbild: Unüberschaubar viele Einflüsse wirken ständig auf unser Geldsystem ein. Alle Fotos: Stefan Wermuth / BHM

Die Ausstellung dauert noch bis zum 8. Januar 2023.

Link:  Bernisches Historisches Museum

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