In Seedorf BE, westlich des Frienisbergs, oberhalb vom Grossen Moos mit Blick auf den weiten Jurabogen ist ein Naturschutzgebiet für den Biber entstanden, der Lobsigensee, wofür die Gemeinde den Elisabeth und Oscar Beugger-Preis erhalten hat.
Drei Tierarten spalten seit Jahren die Bevölkerung der Schweiz: Der Bär, der Wolf und der Biber. Von diesen Dreien wird der Biber am wenigstens angefeindet. Als nachaktives Tier sieht man ihn wenig, seine Nagespuren tagsüber umso deutlicher. Auch am Ufer der Aare in der Stadt Bern sind sie zum Teil unübersehbar. Wer die Bäume und Sträucher schützen will, befestigt um den Stamm ein Drahtgitter. Vielen Landwirten genügt das nicht. Sie fordern eine Jagderlaubnis für das geschützte Tier.
Spuren des Bauherrn: Das angenagte Holz am Lobsigensee zeigt klar: Hier wohnt ein Biber. © Timon Bucher, Urbanum AG
Solches Ungemach kann den Bibern am Lobsigensee nicht geschehen. Denn die Verantwortlichen haben entdeckt, dass der Biber sich auf dem leicht abgesenkten Plateau zwischen dem grösseren Seedorf und dem Weiler Lobsigen ein Reich geschaffen hat, das dem Naturschutz und insbesondere der Vielfalt der Natur dient.
In den Verlautbarungen der Gemeinde lesen wir dazu: «Der Lobsigensee ist nicht einfach nur ein See, sondern unser Kleinod.» Vor 18’000 bis 16’000 Jahren war nämlich der mächtige Rhonegletscher zurückgeschmolzen und hinterliess als Folge im Schweizer Mittelland eine Moränenlandschaft. Durch mächtige Eisbrocken bildeten sich in dieser sanften, hügeligen Landschaft zahlreiche kleine Seen: muldenförmige Wannen, sogenannte Toteisseen. Viele dieser eiszeitlichen Seen verlandeten im Laufe der Jahrtausende, nur wenige blieben übrig, einer davon ist der Lobsigensee.
Im Jahre 2003 war der Lobsigensee von der Verlandung bedroht: © Markus Zeh, Wikimedia.org
Die Vorteile des Sees waren schon den Pfahlbauern bekannt, denn bereits 1909 wurden bei privaten Grabungen Funde in Zusammenhang mit Pfahlbauten entdeckt. Im Jahre 2011 wurden die Reste der Pfahlbauten am Lobsigensee zusammen mit 110 weiteren Fundstellen in sechs Alpenländern von der UNESCO in das Inventar des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.
Die beschauliche Ebene zwischen Lobsigen und Seedorf diente über lange Zeit dem Ackerbau. «Rund um den See wurden Drainagen verlegt, um mehr Fläche bewirtschaften zu können», lesen wir in den Seedorfer Informationen. «Die Fläche rund um den See trocknete entsprechend ab, bis sich ungefähr seit 2010 die Natur ihren Raum langsam Stück für Stück zurückholte. Der selbständig agierende «Bauherr», der die Umgestaltung des Gebiets rund um den Lobsigensee übernahm, war der Biber. Er staute den Seebach beim Abfluss und in der Folge wurde die Seefläche rasch grösser und die Bewirtschaftungsfläche von Jahr zu Jahr kleiner.»
Bedrohte Paradiese: Feuchtgebiete sind die am stärksten bedrohten Lebensräume in der Schweiz. © Timon Bucher, Urbanum AG
Den Verantwortlichen wurde bald klar, dass die Aktivitäten des Bibers nicht einfach gestoppt werden konnten und dass sich der See, der von der Verlandung bedroht war, dank dem Eingriff des Bibers erholen und auf Dauer sogar vergrössern würde. Zudem begannen auch Kiebitze, heutzutage selten geworden, im nahegelegenen Feld zu brüten, der Fischadler kommt inzwischen regelmässig zu Besuch, und viele Zugvögel machen Rast am Lobsigensee. So wurde dieses kleine Paradies ein Anziehungspunkt für viele Vogelspezialisten.
Aus ökologischer Sicht waren die Bauarbeiten des Bibers somit sehr erfolgreich und gewünscht. Um die Renaturierung nachhaltig zu sichern, musste zusammen mit den betroffenen Landwirten eine Lösung für das überschwemmte Land gefunden werden.
Am 20. Juni 2023 wurde die Schaffung des Kantonalen Naturschutzgebietes «Lobsigensee» endgültig beschlossen. Mit diesem Projekt wurde auch die Ansiedlung einer kleinen Anzahl Wasserbüffel in die Wege geleitet, um die Pufferzone zu pflegen. Diese fühlen sich in der Zwischenzeit sehr wohl. Sie sorgen für eine Bewirtschaftung im Einklang mit der Natur.
Sie fühlen sich sichtlich wohl im Lobsigensee: Die momentan sieben Wasserbüffel präsentierten sich während der Exkursion nach der Preisverleihung. © Richard Geer
Ein Naturschutzgebiet muss auf lange Sicht betreut werden, zum Nutzen der Natur und zur Information der Besucherinnen und Besucher. Für diese werden ein Steg und eine Plattform errichtet, denn momentan ist das Reich des Bibers mit seinen «Untermietern», den Wasserbüffeln, noch schwer überschaubar. Zur Finanzierung dieser Arbeiten dient nun der Elisabeth und Oscar Beugger-Preis, den die Gemeinde Seedorf vor kurzem entgegennehmen durfte. – Bei der Preisverleihung sind alle zufrieden: die Freunde der Natur, die Verantwortlichen und die Betroffenen in der Gemeinde Seedorf – nur der Biber bleibt lieber im Verborgenen.
Elisabeth und Oscar Beugger-Preis
Titelbild: Lobsigensee im Frühjahr. – Im Sommer bildet das Schilf einen dichten grünen Ring. Foto: © Timon Bucher, Urbanum AG
