Jedes Alter zählt

Im Rahmen der UNO Dekade des gesunden Alterns (2021-2030) wird am Healthy Longevity Center (HLC) der Universität Zürich das Projekt «Jedes Alter zählt» lanciert mit dem Ziel, gemeinsam gegen Altersdiskriminierung vorzugehen. Seniorweb fragt nach.

Diskriminierung hat negative Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit, auf das Wohlbefinden und das Selbstwertgefühl. Deswegen ist Altersdiskriminierung dem Ziel eines gesunden und möglichst selbstbestimmten Alterns entgegengesetzt. Das partizipative Projekt «Jedes Alter zählt» will Altersdiskriminierung analysieren, verstehen und reduzieren.  Auf der seit Juni 2025 zugänglichen Website «Jedes Alter zählt» werden Vision und Mission des Projekts so vorgestellt:

«Unsere Vision: Wir setzen uns ein für eine Gesellschaft, in der jeder Mensch, unabhängig vom Alter respektvoll behandelt und wertgeschätzt wird. In jedem Alter sollen die Menschen die Möglichkeit haben, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und sich einzubringen. Unser Ziel ist es, negative Vorstellungen zu hinterfragen und Altersdiskriminierung sichtbar zu machen. Wir möchten die Bedeutung des höheren Lebensalters für unsere Gemeinschaft unterstreichen.

Unsere Mission: Wir wehren uns gegen Altersdiskriminierung in der Schweiz:

  1. Wir machen auf das Thema aufmerksam, um das Bewusstsein in der Gesellschaft zu schärfen.
  2. Wir bauen eine Plattform und eine Gemeinschaft auf, in der Menschen ihre Meinung äussern und ihre Erfahrungen teilen.
  3. Wir betreiben innovative Forschung, um Altersdiskriminierung besser zu verstehen.
  4. Wir geben Empfehlungen an die Politik ab, um Altersdiskriminierung zu verhindern.»

In der Schweiz erleben 28% Altersdiskriminierung und 32% fühlen sich nicht respektiert.

Seniorweb hat über die Vision und Mission des Projekts «Jedes Alter zählt» mit der Initiantin Erica Benz ein Gespräch geführt.

Seniorweb: Erica Benz, warum haben Sie das Projekt «Jedes Alter zählt» initiert?

Erica Benz: Ich habe mit grossem Interesse die Gründung des Healthy Longevity Centers verfolgt. Gut fand ich, dass man dabei verschiedene Forschungsbereiche zusammenfasst und mehr auf interdisziplinäre Forschung setzt. Aber ich meine, dass  neben den medizinischen und psychologischen Aspekten auch der gesellschaftliche einen grossen Einfluss hat. Denn wie wir in der Gesellschaft miteinander und insbesondere mit älteren Menschen umgehen, ist mitentscheidend für die Lebensqualität im Alter. Um diesem Faktor nachzugehen, habe ich mit den Partnern am HLC das Projekt in die Wege geleitet.

Erica Benz-Steffen, 81, hat früher als Lektorin in verschiedenen Verlagen gearbeitet. Später war sie Leiterin des Bereichs Literatur und Gesellschaft und stellvertretende Direktorin bei der Kulturstiftung Pro Helvetia. Seit ihrer Pensionierung engagiert sie sich bei Innovage und bei Citizen Science Zürich.

Hängt die Lebensqualität im Alter – ähnlich wie in anderen Lebensphasen – ab von der Gesundheit, den finanziellen Verhältnissen, den sozialen Vernetzungen, den Kompetenzen und einer sinnstiftenden Lebensführung?

Ich glaube, so einfach lässt sich das nicht sagen. Es gibt eine Sicht von aussen auf ältere Menschen. Ältere Menschen werden aufgrund ihres Alters aus gewissen Bereichen ausgeschlossen, es wird ihnen etwas verweigert, sie werden nicht mehr für voll genommen. Das der gesellschaftliche Aspekt, daneben gibt es konkrete praktische Probleme, etwa bei der Wohnungssuche, bei der Aufnahme von Krediten usw.

Gegen Ausschlusstendenzen von älteren Menschen aus verschiedenen Bereichen gibt es Gegenmassnahmen, etwa partizipative Verfahren in fortschrittlichen Gemeinden. Ist das nur schönes Gerede? Haben beispielsweise Seniorenräte auf den verschiedenen politischen Ebenen nur eine Alibifunktion und können gar nichts tatsächlich mitwirken?

Es gibt tatsächlich partizipative Bestrebungen, aber es gibt noch viele Hindernisse für Ältere. Oft wird Partizipation auch verwechselt mit Information, wenn etwa gesagt oder gedacht wird: «Wir haben euch die ganze Zeit informiert, jetzt müsst ihr nicht noch hinterher meckern.» Einbezug und Teilhabe ist etwas anderes als informiert werden.

Gesunde Ältere setzen sich ja sehr stark ein in ihren Familien, in der Unterstützung von Kindern und Enkeln und ihren hochbetagten Eltern, aber auch in Vereinen und in der Freiwilligenarbeit. So gesehen leisten sie einen grossartigen Beitrag für die Gesellschaft.

Fangen wir mit der Freiwilligenarbeit an. Freiwilligenarbeit ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, der aber viel zu wenig anerkannt und wertgeschätzt wird. Es gäbe ja kaum einen Verein, wenn sich Ältere nicht tatkräftig einsetzten. Ein Tag der Freiwilligen als Anerkennung scheint mir da ein bisschen wenig. Steuererleichterungen wären eine substanzielle Geste, wie es dies in anderen Staaten auch gibt.

Und was Ältere in ihren Familien oft sehr gerne und mit viel Liebe leisten, ist auch wirtschaftlich bedeutsam. Viele Eltern könnten nicht oder nur in einem geringeren Pensum arbeiten, wenn Grosseltern sich nicht um ihre Grosskinder kümmern würden.

Die Anti-Aging-Industrie verstärkt negative Altersbilder.

Wenn Ältere krank und hilfsbedürftig werden, beginnt oft ein anderes Kapitel…

Ja, wenn man wegen altersbedingter Beeinträchtigungen abhängig wird, fällt man der Gesellschaft schnell mal zur Last. Plötzlich ist man ausgeliefert und verliert seine Würde und seine Identität. Zwar wird man in Pflegeheimen oder Spitälern in Zeiten des Pflegenotstands zwar jeweils schnell und im besten Fall sehr höflich mit medizinischen Massnahmen eingedeckt, aber soziale und persönliche Bedürfnisse haben kaum Platz. Dafür fehlt die Zeit.

Was könnte man tun, um die Situation von pflegebedürftigen Menschen zu verbessern? Sie werden ja nicht mutwillig diskriminiert, für einen menschen- würdigen Umgang fehlen bloss Zeit und Personal.

Man könnte Freiwilligen – viele Ältere möchten sich gern noch engagieren und sind offen für neue Tätigkeitsfelder –  eine ergänzende Ausbildung anbieten, sodass sie im nicht-medizinischen Bereich der Betreuung und der Begleitung eingesetzt werden können. Erfolgreich werden Freiwillige bereits eingesetzt für den Fahrdienst und für das Bringen von Essen. Aber ihr Engagement könnten noch in anderen Handlungsfeldern genutzt werden, um auf soziale und persönliche Bedürfnisse von Pflegebedürftigen einzugehen. Sie haben Zeit und könnten einen Beitrag leisten zum Erhalt der Lebensqualität von stark beeinträchtigten Personen.

Wer könnte eine solche Ausbildung für Freiwillige anbieten?

Nun, da gäbe es schon Anbieter, die bereits auf dem Feld tätig sind. Samaritervereine und das Rote Kreuz machen ja Ausbildungen im niederschwelligen medizinischen Bereich. Auf ähnliche Weise könnten Vereine bis hin zu Fachhochschulen Ausbildungen für Freiwillige in der Betreuung und Begleitung älterer Menschen anbieten. Da gäbe es viel Potential. Dies nicht zu nutzen, ist auch eine Form von Diskriminierung.

Aber auch Pflegeinstitutionen und Pflegende müssten den Umgang mit Freiwilligen für einen umfassenderen Einsatz von Freiwilligen erlernen, sodass professionelle Pflegende und Freiwillige gut miteinander kooperieren – mit dem Ziel einer möglichst ganzheitlichen Lebensqualität für Betreute und Betreuende.

Wie wärs mit einem Pilotprojekt?

Am besten wäre das Lancieren eines Pilotprojekts mit einer interessierten Pflegeinstitution und Freiwilligen unter Einbezug von Stiftungen und einer wissenschaftlichen Begleitung des Projekts. Sofern sich der Probelauf und das Modell bewähren, könnten die Erfahrungen aus dem Pilotprojekt in die Praxis einfliessen.

Möglicherweise wäre ein neues Modell auch ein Anreiz für Pflegende, die aus dem Beruf aussteigen, weil sie mit den momentan herrschenden Bedingungen nicht einverstanden sind.

Ich bin überzeugt, viele wünschen sich ein Pflegekonzept, bei dem alles getan wird um möglichst würdevolle Pflege und Begleitung zu gewährleisten und hinter dem alle stehen können.

«Jedes Alter zählt» ist ein Projekt des Healthy Longevity Center der Universität Zürich.

Wo kann man sich melden, wenn man Interesse hat bei dem Projekt «Jedes Alter zählt» mitzuwirken?

Auf der Plattform «Jedes Alter zählt» können persönliche Erfahrungen und Beobachtungen von Altersdiskriminierung und/oder Altersinklusion geteilt werden. Damit wird die Sensibilität für Altersdiskriminierung geschärft, und es werden positive Beispiele gegen Altersdiskriminierung und gute Formen echter Partizipation sichtbar.

Zudem kann man sich über die Plattform mit anderen austauschen und Gleichgesinnte für eigene Initiativen suchen. Wir hoffen natürlich, dass unser Engagement ansteckend ist und sich möglichst viele «User» für einen respektvollen Umgang mit älteren Menschen einsetzen. Wir freuen uns, wenn die Plattform «Jedes Alter zählt» zur Vernetzung genutzt wird.

Erica Benz, besten Dank für das Gespräch!

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 Website «Jedes Alter zählt»

 Website Healthy Longevity Center der Uni Zürich

Zum Titelbild: Blick auf die Website «Jedes Alter zählt». Alle Fotos sind Screenshots von bs aus dem Film über Altersdiskriminierung auf der Website «Jedes Alter zählt»

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5 Kommentare

  1. Schade, dass hier einmal mehr nur über Freiwilligen Arbeit, unbezahlte Arbeit also, geredet wird. Eine der einschneidensten Diskriminierug ist doch, dass die über 65-jährige von der bezahlten Arbeit ausgeschlossen werden, insbesondere vom Staat. Notabene wird mehr unbezahlte Arbeit geleistet, vor allem von Frauen, als das Bruttoinlandsprodukt. Gerade deshalb sind wiederum Frauen von Altersarmut betroffen, eine eklatanten gesellschaftliche Diskriminierung.

    • Aus meiner Sicht wäre es vor allem wichtig, dass viel mehr Menschen, die nach der Pensionierung noch arbeiten möchten, die Möglichkeit dazu geboten würde.
      Das muss nicht unbedingt im angestammten Beruf sein. Dazu braucht es aber Arbeitgeber, die das Potential erkennen und die älteren Personen einstellen, und neue Formen der Aus- und Weiterbildung.
      Das flexible Rentenalter ist angesichts der Altersstruktur unserer Gesellschaft längst überfällig,
      Auch auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen: ich würde das Rentenalter erhöhen, wie es in Dänemark bereits mit Erfolg praktiziert wird.

  2. Wieso wird nicht über das Modell der entlöhnten Angehörigen Pflege gesprochen? Ein gutes Beispiel, das in der Praxis bereits funktioniert. Nur mit weiteren Pilotprojekten, die auf Freiwilligenarbeit basieren, wird die Akzeptanz älterer Personen nicht ändern. Ein Lohn ist wichtig für die persönliche und gesellschaftliche Anerkennung.

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